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Erfolg mit links PDF Drucken
Geschrieben von: Annette Piepenbrock   
Beim Schreiben verdrehen sie merkwürdig den Arm, mit einem normalen Dosenöffner haben sie Schwierigkeiten. Linkshänder wirken oft linkisch – und das Wort kommt nicht von ungefähr. Doch auch der mächtigste Mann der Welt schlägt sich mit diesen Problemen herum. Barack Obama unterschrieb seine Vereidigung zum 44. US-Präsidenten ebenfalls mit links.

„Wir sind die Könige der Ungeschickten, wir sind die Linkshänder. Ihr Rechtshänder habt keine Ahnung. Wenn ihr das Gleiche durchgemacht hättet wie wir, würdet ihr euch auch überlegen fühlen.“ So lautet übersetzt der Refrain des „Left-Handers Lament“ von Ian Radburn. Der britische Sänger schrieb das Lied im Jahre 2004 anlässlich der Feierlichkeiten zum Welt-Linkshänder-Tag am 13. August. Jedes Jahr lädt der global organisierte Linkshänderclub an diesem Tag seine Mitglieder ein, eine verkehrte Welt zu errichten, eine linkshändige Welt. Einen Tag lang soll alles auf die Linkshänder ausgerichtet werden, damit sie einmal den Vorteil gegenüber ihren rechtshändigen Mitmenschen haben.

Aber warum brauchen Linkshänder einen eigenen Tag? Wieso müssen sie sich in Clubs zusammenschließen und um ihre Rechte in einer rechtshändigen Welt kämpfen? Sicher sind sie mit nur circa fünf bis zehn Prozent der Weltbevölkerung eine Minderheit. Aber sind Linkshänder deshalb benachteiligt?
Liest man auf Internetseiten zum Thema

Schreiben mit links
 Schreiben mit links. Bild: Annette Piepenbrock

Linkshänder, so gewinnt man den Eindruck, genau das Gegenteil sei der Fall. Dort findet man eine nicht enden wollende Liste berühmter und erfolgreicher Linkshänder. So sind beispielsweise fünf der letzten sieben US-Präsidenten Linkshänder: Gerald Ford, Ronald Reagan, George Bush, Bill Clinton und Barack Obama. Dazu kommen Größen wie Leonardo da Vinci, Mahatma Gandhi, Albert Einstein, Julius Cäsar und Napoleon Bonaparte. Doch was macht die Linkshänder so erfolgreich? Sind sie durch ihre Andersartigkeit am Ende den Rechtshändern überlegen?

Antworten der Wissenschaft
Linkshänder schreiben und zeichnen mit der linken Hand. Doch das ist nur ein kleiner Teil dessen, was sie so besonders macht. In speziellen Händigkeitstests werden eine Reihe verschiedenen Fragen gestellt, um zu ermitteln, mit welcher Hand die Probanden welche Tätigkeit ausführen. Und das Ergebnis lautet: Es gibt keinesfalls nur „Rechtshänder“ und „Linkshänder“ – es gibt auch alles dazwischen.

Etwa 90 Prozent der Menschen sind absolute Rechtshänder. Sie schreiben nicht nur mit rechts, sondern bevorzugen diese Hand auch für die meisten anderen Tätigkeiten. Dies zeigt sich auch in ihrem Gehirn, genauer gesagt im motorischen Kortex, wo die Steuerung und Sensorik der Hände angesiedelt ist. Hier haben Rechtshänder ein größeres Areal auf der gegenüberliegenden linken Seite. „Der Unterschied liegt etwa im Bereich von einem Zentimeter, wenn man versucht, die Ausdehnung des Areals zu messen“, erklärt Dr. Katja Biermann-Ruben, Diplom-Psychologin am Institut für Klinische Neurowissenschaften und Medizinische Psychologie der Universität Düsseldorf. Bei absoluten Linkshändern dagegen ist das entsprechende Areal in der rechten Hemisphäre vergrößert. Doch diese Gruppe macht nur einen kleinen Teil der nicht-rechtshändigen Menschen aus. Die übrigen zeigen keine eindeutige Handpräferenz und deshalb ist auch die motorische Handsteuerung in beiden Gehirnhälften gleichermaßen angesiedelt.
Auch im Tierreich gibt es links- und rechtspfötige Individuen. Im Gegensatz zum Menschen ist das Zahlenverhältnis bei den meisten Tieren aber 50:50. Warum ist das bei uns Menschen anders?

Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Pfötigkeit bei den meisten Tierarten genetisch festgelegt und vererbbar ist. Auch beim Menschen gibt es Hinweise auf eine genetische Kontrolle der Händigkeit. So benutzen eineiige Zwillinge zum Beispiel meistens die gleiche Hand. „Auch geben Studien Hinweise, dass der Linkshänderanteil über die Zeit und über verschiedene Kulturen hinweg konstant ist“, so Dr. Bianca Stubbe-Dräger von der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Münster. Wie die genetische Kontrolle im Detail funktioniert, ist allerdings noch nicht vollständig bekannt.

Wie auch immer es aussehen mag, das Gen für Rechtshändigkeit muss sich irgendwann im Laufe der Evolution des Menschen entwickelt und durchgesetzt haben. Doch zu der Zeit gab es weder Füllfederhalter noch Schere oder Dosenöffner. Kurzum, all die Gegenstände, die den Linkshändern heutzutage Kopfzerbrechen bereiten, waren noch nicht erfunden. Worin lag dann der Vorteil der Rechtshändigkeit?

Ist die Sprache schuld?
Des Rätsels Lösung liegt in der limitierten Größe unseres Gehirns. „Neue Fähigkeiten können sich deshalb in Gehirnregionen entwickeln, die vorher eine andere Aufgabe hatten“, sagt Stubbe-Dräger. „So hat sich beim Menschen vielleicht die Sprache aus der Gestik entwickelt und baut daher auf Neuronen der Handsteuerung im motorischen Kortex auf.“ Spielte sich diese Entwicklung zufällig im Gehirn eines Rechtshänders ab, so wurde mit den Genen für die neue Fertigkeit Sprache auch gleichzeitig die Rechtshändigkeit von Generation zu Generation weitergegeben. Der Evolutionsvorteil entstünde damit nicht aus der Rechtshändigkeit selbst, sondern aus der genetisch mit ihr gekoppelten Fähigkeit zu sprechen.

Nach dieser Theorie wäre ein Zusammenhang zwischen Händigkeit und Sprache im Gehirn zu erwarten. Und tatsächlich lässt sich auch für die Sprache bei den meisten Menschen eine Konzentration auf eine Hemisphäre feststellen, fast immer die linke.

Anders als früher angenommen, trifft diese Feststellung aber sowohl auf Rechtshänder als auch auf Linkshänder zu. Zwar ist der Anteil der Rechtshänder, deren Sprachzentrum in der linken Gehirnhälfte liegt, mit 95 Prozent größer als das bei den Linkshändern der Fall ist; dennoch wird bei den meisten Links- und Rechtshändern die Sprache von der gleichen, nämlich der linken Hemisphäre gesteuert.
Genau wie für die Motorik gibt es für die Sprache nicht nur ein Zentrum im Gehirn, das entweder auf der linken oder der rechten Seite liegen kann. Beide Funktionen können mehr oder weniger stark lateralisiert, das heißt in einer Gehirnhälfte konzentriert, sein. Und ähnlich wie nur wenige der Nicht-Rechtshänder absolute Linkshänder sind, ist auch die Sprache bei den Menschen, bei denen sie nicht in der linken Hemisphäre liegt, meist beidseitig repräsentiert. In beiden Fällen beobachtet man also eine stärkere Lateralisierung der Funktionen bei Rechtshändern.

Die Stärken der Linkshänder
In den USA werden Linkshänder nicht nur zum Präsidenten gewählt. Eine Studie aus dem Jahr 2007 zeigte, dass männliche Linkshänder auch bessere Universitätsabschlüsse erzielen und mehr verdienen als Rechtshänder. Sind die Rechtshänder somit Opfer der Lateralisierung ihrer Gehirne geworden?

Welche Vor- oder Nachteile die Lateralisierung mit sich bringt,

Linke Hand einer Statue
 Linke Hand. Bild: Annette Piepenbrock

ist wissenschaftlich noch weitgehend unklar. So berichtet die Neurologin Stubbe-Dräger: „Im Hinblick auf Sprachkompetenz scheint es keine Unterschiede zwischen Links- und Rechtshändern zu geben. In einer Studie haben wir über 300 Personen auf Sprachkompetenzen, zum Beispiel Wortflüssigkeit, ihre Händigkeit und bei einem Teil der Probanden auch den IQ getestet. Dabei ließ sich kein Unterschied feststellen.“

Auf der anderen Seite hält Psychologin Biermann-Ruben es durchaus für denkbar, dass sich eine geringere Lateralisierung positiv auf die Gehirnleistungen auswirken kann: „Möglicherweise ist es günstig für den Menschen, wenn beide Hemisphären im guten Einvernehmen miteinander das Beste an Fertigkeiten und Kompetenzen für das Individuum herausholen. Man unterstellt ja auch Frauen ein besseres Sprachvermögen. Gleichzeitig ist es nachgewiesen, dass Sprachkompetenzen bei Frauen weniger stark lateralisiert sind.“ Dennoch macht Biermann-Ruben Einschränkungen: Andere Befunde hätten gezeigt, dass es keineswegs immer das Beste ist, wenn alle Funktionen in beiden Hemisphären gleich angesiedelt seien.

Nicht besser, nicht schlechter – nur seltener

Was bleibt nun für die Linkshänder? Eine Überlegenheit ihres Gehirns auf Grund von geringerer Lateralisierung ist aus Sicht der Wissenschaft zum heutigen Zeitpunkt nicht feststellbar. Gleichzeitig gibt es aber auch keinen wissenschaftlichen Beleg für eine Benachteiligung des linkshändigen Gehirns.

Das Problem der Linkshänder liegt einzig und allein darin, dass sie zahlenmäßig in der Minderheit sind. Rechtshändigkeit ist nicht besser, aber häufiger. Von der Konzertgeige bis zum Kartoffelschäler ist alles auf den Durchschnittsmenschen zugeschnitten, und der ist nun einmal Rechtshänder. Deshalb werden Linkshänder wohl auch weiterhin mit einigen technischen Alltagsproblemen zu kämpfen haben. Aber anders als ihre rechtshändigen Mitmenschen meistern sie die mit links.

 

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