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Klimaschutz im Kleiderschrank PDF Drucken
Geschrieben von: Sinikka Lennartz   

In den Supermärkten hat er schon lange Einzug gehalten, jetzt folgen auch die Bekleidungsgeschäfte: Die Rede ist vom Bio-Boom. Ökologisch angebaute Baumwolle, umwelt- und klimafreundlich produziert, geldbeutelfreundliche Preise – also shoppend die Welt retten?

Das Frühstücksei, die Milch, Wurst, Käse und Fleisch – auf dem Esstisch sind Lebensmittel mit dem Bio-Siegel schon lange „en vogue“. Aber tragen Sie vielleicht ein Bio-Hemd oder einen biologisch wertvollen Faltenrock? Nicht? Gut, in den großen Kaufhäusern werden Sie die Bioklamotten noch nicht als Massenware von der Stange vorfinden. Aber es gibt sie schon. „Der Bio-Boom erreicht auch die Modeindustrie“, sagt Annika Tinz vom Versandhaus Hess-Natur, das schon seit Jahren ökologische Mode produziert. „Im Marktüberblick wird deutlich, dass immer mehr Modeanbieter umweltgerechte Kleidung einführen. Verbraucher sind dabei auch zunehmend bereit, mehr zu zahlen.“

  
 

Es wird grün im Kleiderschrank - biologisch angebaute Baumwolle auf dem Vormarsch.
Foto: S. Lennartz

 
Zehn Jahre hinkt die Textil- der Nahrungsmittelindustrie hinterher – zumindest, was den Bioboom betrifft. Nachdem wir also ein Jahrzehnt lang auf Biofleisch und Eier aus Freilandhaltung geachtet haben, wächst langsam das Bewusstsein dafür, dass auch unsere Kleidung einen „ökologischen Fußabdruck“ hat. Und zwar im Allgemeinen keinen besonders guten. Mittlerweile bieten aber auch größere Modeketten Kollektionen aus umweltfreundlicher Produktion an. Dabei geht es um Klimaschutz und gerechte Arbeitsbedingungen. Die so genannte „ethical fashion“ ist in, zahlreiche Prominente machen es vor. Besonders die Faser, die als umweltfreundlich und sehr natürlich gilt, feiert ein Comeback in Form von Biobaumwolle. Höchste Zeit, sich einmal genau anzuschauen, woher unser Kleiderschrank-Inhalt eigentlich kommt.

Die Baumwolle ist ein Malvengewächs, deren Samenhaare aus den Samenkapseln zu den beliebtesten Rohstoffen für Kleidung zählen. Als Pflanze ist sie allerdings sehr anspruchsvoll. Sie braucht reichlich Sonne, konstante Temperaturen um die zwanzig Grad und Wasser. Sehr viel Wasser. „Zum Anbau von einem Kilo Baumwolle werden 8000 Liter Wasser verbraucht“, erklärt Wolfgang Mönninghoff in seinem Buch „King Cotton“, in dem er den Baumwollanbau kritisch unter die Lupe nimmt. Solche Bedingungen finden sich nicht überall, deshalb zieht sich das Anbaugebiet wie ein Gürtel um die Erde. Der so genannte Baumwollgürtel umfasst ein breites Band zwischen 40 Grad nördlicher und 20 Grad südlicher Breite, also Länder wie Peru, Indien, China, aber auch die USA.

Konventionell heißt: viel Gift
Konventionell angebaute Baumwolle belastet die Gesundheit der Arbeiter über die gesamte Produktionskette – vom Baumwollbauer bis zur Näherin. Sie belastet auch in hohem Maße die Umwelt: Der monokulturelle Baumwolleanbau hat die Bildung von Steppenlandschaften zur Folge. Durch den hohen Bedarf an Wasser verlanden große Wasserflächen. Das berühmteste, aber auch traurigste Beispiel hierfür ist wohl die Versteppung rund um den Aralsee, der halb zu Kasachstan und halb zu Usbekistan gehört.
Aber auch der Einsatz von Chemikalien führt dazu, dass der Boden ausgelaugt wird und versteppt. Die Folge: Es werden noch mehr Pestizide und Herbizide eingesetzt – ein Teufelskreis. Andere Chemikalien werden beispielsweise bei der Ernte eingesetzt. Um die Baumwolle mit Maschinen ernten zu können, werden chemische Entlaubungsmittel verwendet. Dadurch sterben die Blätter der Pflanze ab, die geöffneten Samenkapseln lassen sich besser abernten.

Auf dem Weg von der Faser zur Kleidung, der so genannten Textilkette, setzen sich enormer Ressourcenverbrauch und Chemikalien-Einsatz fort. Damit die Baumwolle den langen Transport von der Plantage zur weiteren Verarbeitung gut übersteht, werden wiederum Chemikalien eingesetzt, die gegen Schimmelpilze wirken. Weiter geht es mit der so genannten Veredelung. Flammschutz, optische Aufheller für ein strahlendes Weiß, Deodorierung für den guten Geruch – mit Chemie ist vieles möglich. Auch zum Färben werden umstrittene Substanzen wie Azofarbstoffe verwendet. „Die Textilindustrie ist einer der größten Umweltverschmutzer der Welt“, fasst es Wolfgang Mönninghoff zusammen.

Elke Hortmeyer von der Bremer Baumwollbörse entkräftet dieses Szenario jedoch. „ Die Produktion von konventioneller Baumwolle hat in den letzten Jahren sehr große Fortschritte hinsichtlich der Nachhaltigkeit gemacht“, sagt sie. So gibt es Projekte wie die „Better Cotton Initiative“, die sich für ökologische und soziale Nachhaltigkeit in der Baumwollindustrie einsetzt. Diese Initiativen sind allerdings noch entfernt von der Biobaumwolle im eigentlichen Sinn, stellen aber eine Verbesserung des konventionellen Anbaus dar.

Keine Kompromisse
„In unserer Textilkette gehen wir keine Kompromisse ein“, sagt Anika Tinz vom Textil-Versandhaus Hess-Natur. Hess-Natur bietet schon seit 1976 ökologisch verträglich produzierte Kleidung an. „Die Biotextilien sind gekennzeichnet durch den kompletten Verzicht auf gesundheits- und umweltschädlichen Chemikalien entlang der Produktionskette“, erklärt Tinz. Es wird mit Mist gedüngt, und wechselnde Fruchtfolgen wirken der Auslaugung des Bodens entgegen.

Für kontrolliert biologischen Anbau gelten strenge Regeln: Zehn Jahre müssen seit der letzten chemischen Düngung vergangen sein, dann erst darf die Baumwolle mit dem Zusatz „k.b.A.“ versehen werden – „k.b.A.“ steht für kontrolliert biologischen Anbau. Kontrolliert wird dies entweder durch externe Zertifikate wie IVN oder durch interne Standards, die mit der jeweiligen Marke einhergehen. IVN, das Zertifikat des Internationalen Verbandes der Naturtextilwirtschaft, bestätigt durch regelmäßige Kontrollen die Einhaltung strenger ökologischer und sozialer Richtlinien.

Die Baumwolle für Hess-Natur-Produkte stammt ausschließlich aus eigenen Anbauprojekten in Burkina Faso, Peru, der Türkei oder den USA. Um unnötigen Transport zu vermeiden und damit auf chemische Zusatzstoffe zu verzichten, werden 80 Prozent der Kleidung in der EU hergestellt. „Für die Verarbeitung von Seide und Hanf fehlt in der EU das entsprechende Know-how, da muss man in China produzieren“, erklärt Tinz die fehlenden 20 Prozent.

Und auch die weitere Verarbeitung der Baumwolle erfolgt mit Verzicht auf gesundheitsschädliche Chemikalien. Auf Chlorbleiche, optische Aufheller und Mottenschutz wird ganz verzichtet, die Veredelung erfolgt mechanisch. So helfen Dampf und Druckbelastung der Fasern gegen das Einlaufen. Aber auch abseits der Textilien muss auf Umwelt- und Gesundheitsschutz geachtet werden: Eine zweistufige Kläranlage wirkt Abwasserbelastungen durch Färbungen entgegen. „Unsere Werte für Schwermetalle im Abwasser liegen unterhalb der Grenzwerte für Trinkwasser“, sagt Tinz.

Doch das alles hat seinen Preis: 20 Prozent Bioaufschlag und 20 Prozent Fair-Trade-Aufschlag werden an die Baumwollbauern gezahlt. Das wirkt sich bis auf den Endpreis im Geschäft aus. Zielgruppe sind kaum junge Menschen mit schwachen Geldbeuteln.

Ökomode zu erschwinglichen Preisen?
Wie gut, dass mittlerweile die Biobaumwoll-Angebote auch bei größeren Modeketten Einzug halten. H&M hatte zwar bereits in den Neunziger-Jahren Babykleidung aus Biobaumwolle angeboten, doch schon bald wieder vom Markt genommen. Die Nachfrage war einfach noch nicht groß genug. Das hat sich geändert. Der Anteil an Biobaumwolle auf dem Weltmarkt liegt zwar bei bescheidenen 0,3 Prozent, aber ein Anstieg wird prognostiziert.

Seit gut einem Jahr ist daher die Kollektion „Organic cotton“ von H&M auf dem Markt. Eine Ausweitung für die kommende Saison ist geplant. Junge, trendige Mode zu kleinen Preisen – und neben dem Preisschild baumelt das grüne Versprechen „Organic cotton“. Bioklamotten, die kaum teurer sind als die konventionellen – wie ist das möglich? „Die Geschäftsidee von H&M ist es, Mode und Qualität zum besten Preis anzubieten“, verspricht ein Pressetext der Firma. Dies werde durch effektive Logistik, günstige Transportmittel wie die Fracht per Schiff und den direkten Einkauf bei den Herstellern erreicht.

Doch man darf sich nicht täuschen lassen. „Organic cotton“ hält, was es verspricht – Baumwolle aus biologischem Anbau. Aber mehr eben auch nicht. Ein Unternehmen, das bisher vor allem auf den niedrigen Verkaufspreis geachtet hat, wird nicht von heute auf morgen „grün“. Entlang der Textilkette wird zwar auch darauf geachtet, den Chemikalieneinsatz und den CO2-Ausstoß zu reduzieren, aber für eine ethisch und umweltverträglich korrekte Kleidung ist das zu wenig. Veredelung und Färben sind stark umweltbelastend. Und auch die Arbeitsbedingungen bei der Produktion sind nicht immer menschenfreundlich. H&M hat keine eigenen biologisch kontrollierten Anbauprojekte, sondern kauft bei den Herstellern ein. Erst 2007 wurden Vorwürfe wegen Kinderarbeit beim Baumwollepflücken in Usbekistan laut, die seitens H&M nicht dementiert werden konnten.

Nachhaltig shoppen – geht das?

Was nun? Nicht jeder kann es sich leisten, sich seinen Kleiderschrank mit feinster „ethical fashion“ füllen. Aber ob Kleidung nachhaltig ist, hängt nicht nur von der Produktion ab. Klamotten aus Biobaumwolle zu kaufen, ist sicherlich ein guter und wichtiger Anfang. Laut einer Studie des Öko-Instituts Freiburg spart man mit einem in Polen hergestellten T-Shirt aus peruanischer Biobaumwolle gut und gerne drei Kilogramm CO2, im Gegensatz zu einem konventionellen, in China verarbeiteten.

Aber die weitere Verantwortung liegt auch beim Träger oder der Trägerin. Nachhaltige Kleidung ist vor allem zeitlos und lange tragbar. Wenn man sich nicht jede Saison komplett neu einkleidet, schont man Umwelt und Geldbeutel zugleich. Also, vor dem Einkauf überlegen – brauche ich das wirklich? Um einen nachhaltigen Lebensstil zu entwickeln, muss das Konsumbewusstsein über die Lebensmittel hinausgehen. Und bis es so weit ist, sollten nicht noch einmal zehn Jahre vergehen.

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Wie eine unscheinbare Faser die Welt veränderte

In seinem Buch „King Cotton – Kulturgeschichte der Baumwolle“ stellt Wolfgang Mönninghoff schonungslos die Geschichte der beliebten „Naturfaser“ dar. Der Autor zieht dabei einen Bogen von Krieg und Sklaverei in der Vergangenheit bis hin zu Industrialisierung und Globalisierung heute.

Wolfgang Mönninghoff: King Cotton. Kulturgeschichte der Baumwolle“, Verlag: Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006, € 24,90

 

 

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