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Der Regenwald ist noch zu retten PDF Drucken
Geschrieben von: Nora Magg   

 


Regenwald in Costa Rica rund um den erloschenen Vulkan Cerro Chato, in dessen Hauptkrater sich ein See gebildet hat. Fotos: Christiane Schmidt 

Wer denkt beim saftigen Biss in den Hamburger an den Regenwald? Die Wenigsten. Eigentlich sollte es aber jeder Einzelne. Denn Massentierhaltung und Sojaplantagen für Futtermittel sind Hauptgründe für die Abholzung des Regenwalds.

Noch sind 400 Exemplare vorhanden - nur noch. Die Rede ist von orange-gelb gefärbten Großkatzen mit schwarzen Streifen auf einer indonesischen Insel: Panthera tigris sumatrae – Sumatratiger. Die beiden anderen indonesischen Tiger-Unterarten, Java- und Balitiger, sind bereits ausgestorben. Kein einziger haariger Vertreter dieser Raubtiere existiert mehr. Doch das Schicksal der Tiger ist nur ein Beispiel dafür, was Tausenden Arten wegen der Eingriffe des Menschen in den Regenwaldgebieten unserer Erde droht.

Neben den eindrucksvoll großen Urwäldern im südostasiatischen Raum, zu denen die indonesischen Inseln wie Sumatra gehören, beherbergt unsere Erde die Amazonaswälder in Südamerika, gefolgt von denen im Kongobecken mit rund 1,8 Millionen Quadratkilometern Wald. Aber wie lange noch?

Ein sensibler Kreislauf
Das Ökosystem Regenwald ist ein hochsensibler Kreislauf, in welchem Nährstoffe optimal verwertet werden können. Totes Material wird sehr schell zersetzt, die Nährstoffe daraus sofort in Biomasse eingebaut, weshalb den Böden eine nährstoffreiche Schicht fehlt. Große Bäume dominieren. Sie lassen nur etwa ein Prozent Sonnenlicht auf den Boden gelangen. Viel Wärme und hohe Feuchtigkeit ermöglichen einen großen Umsatz von Energie in Biomasse, optimale Bedingungen für eine reiche Biodiversität.

Durch hohe Verdunstungsraten aufgrund der starken Sonneneinstrahlung das ganze Jahr über bildet sich ein eigener Wasserkreislauf, der den Wald feucht hält. Dem Wasser, das nach dem Abregnen über die verschiedenen Stockwerke des Waldes nach geraumer Zeit auf den Boden gelangt, werden dort sofort alle Nährstoffe durch das Wurzelsystem der Bäume entzogen, sodass es nahezu wie destilliert in die Flussläufe gelangt. Jedoch nur ein Viertel der Niederschläge gelangt in die Flüsse, drei Viertel evaporieren zu Gunsten der Wolkenbildung.

Werden die Wälder abgeholzt, mutieren die anfangs klaren Flüsse rasch zu reißend braunen Wassermassen. Die indigenen Völker, die im Regenwald leben, verlieren den Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auch riesige Wassermengen, die eigentlich über den Wäldern verdunsten sollten, werden einfach ausgeschwemmt und gehen dem Kreislauf verloren. Der übermäßige Oberflächenabfluss bringt Überschwemmungen, Bodenerosion und Hangrutsche mit sich.

„Holzfirmen, die einzelne große Bäume fällen, schaffen die Zugänge zum Wald. Der sonst so schwer zugängliche, dichte Regenwald wird durch den Bau von Straßen und Wegen geöffnet. Eine Infrastruktur wird benötigt, um mit den riesigen Maschinen zu den gefällten Stämmen zu gelangen“ erzählt Klaus Schenck von „Rettet den Regenwald“. „Theoretisch hätte der Wald nach selektivem Einschlag, also dem Fällen einzelner großer Bäume, noch die Möglichkeit, sich über Jahrzehnte zu regenerieren.“

Das Problem besteht jedoch darin, dass das oberste Blätterdach nach dem Fällen der riesigen Bäume fehlt. Anstatt von Blattoberflächen zu verdunsten, fließen große Regenmengen einfach über die Bodenoberfläche ab. Der Wald wird langfristig trockener und kann somit in Brand gesteckt werden.

Es ist also eine Leichtigkeit, mit Feuer zu roden und Plantagen anzulegen oder Weideland zu schaffen. Da 90 Prozent der Nährstoffe jedoch in der Flora gespeichert sind und somit in Flammen aufgehen, werden sie in Form von nährstoffreicher Asche schnell weggespült. Gerodete Flächen müssen daher kräftig gedüngt werden und sind nach wenigen Jahren nutzlos, sodass noch mehr intakter Regenwald abgeholzt wird, um neue Anbauflächen zu schaffen.

Laut dem Bericht „State of the World's Forests 2007“ der FAO, der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, verschwinden jährlich etwa 130 000 Quadratkilometer Wald. Das Amazonasgebiet mit einer Fläche von 6,7 Millionen Quadratkilometern hat in den letzten Jahrzehnten schätzungsweise 17 Prozent seines Waldes verloren, weitere 17 Prozent sind deutlich geschädigt. Weit über die Hälfte der Fläche wird illegal eingeschlagen, in manchen Gebieten in Südostasien und Afrika liegt der Anteil illegalen Einschlags bei bis zu 90 Prozent.

Wer vom Kahlschlag profitiert
Die Investoren stammen größtenteils aus westlichen Ländern. Dieselben Länder importieren massenhaft Holz, häufig bereits gänzlich verarbeitet. Deutschland steht in punkto Holzimport weltweit auf dem dritten Platz, wie die WWF-Analyse der EU-Außenhandelsdaten bestätigt. 7 bis 9 Prozent der importierten Hölzer werden illegal geschlagen, bei den von der EU importierten beträgt der Anteil bis zu 19 Prozent! Und kein Gesetz verhindert es.

Diese Hölzer gelangen, bereits in Form von fertigen Gartenmöbeln, auf deutsche Messen und von dort auf unsere Terrassen und in unsere Gärten. „Dabei brauchen wir gar keine Tropenhölzer, es gibt viele einheimische Alternativen“, ist sich der Biologe Dr. Tom Deutschle sicher, der eine Initiative zur Rettung der Regenwälder („Faszination Regenwald“) gegründet hat. Aber die Alternativen sind meist teurer.

Auch unser immenser Verbrauch an Papier- und Zellstoff hinterlässt großräumige Narben in den empfindlichen Ökosystemen, hauptsächlich in Indonesien. Spitzenreiter der Zerstörung sind jedoch, vor allem in Brasilien, Sojaplantagen und Viehhaltung. Seit einiger Zeit werden auch Palmöl- und Zuckerrohrplantagen zum Problem. Man hat sie angelegt, um eine Alternative zu fossilen Energien zu schaffen. Der so genannte Biosprit lässt jedoch in seiner Ökobilanz sehr zu wünschen übrig. Dennoch wird er von der EU subventioniert. Auch die Explosion der Lebensmittelpreise, ausgelöst durch die Energie-Produktion aus Pflanzen, fördert nicht die Umweltverträglichkeit, sondern nur den Welthunger.

Dieser wird zusätzlich durch unseren Fleischkonsum geschürt. Um ein Kilo Fleisch zu erhalten, müssen sieben bis 16 Kilo Getreide oder Soja gefüttert werden. Der Anbau dieser Nutzpflanzen geschieht auf ehemaligen Regenwaldflächen. Der Fleischkonsum in den Industrienationen bedingt somit die Zerstörung der Wälder.

Tiere und Pflanzen sterben vor ihrer Entdeckung aus
„Eine der direkten Folgen des Raubbaus ist das Aussterben der Arten“, meint Dr. Susann Reiner vom Freiburger Regenwaldinstitut. Schätzungsweise 70 Prozent der gesamten Artenvielfalt, die es auf dem Festland gibt, sind in Regenwäldern zu finden. Und die meisten Arten sind noch nicht einmal beschrieben. Durch Menschenhand sterben bei der Abholzung der Wälder stündlich etwa drei Arten aus, so ForestFinance, ein Unternehmen zur ökologischen Geldanlage. Das natürliche Artensterben wird demnach um den Faktor 100, wenn nicht sogar 1000, beschleunigt.

So sind nicht nur Berggorillas in Zentralafrika, Orang Utans auf Borneo oder Hyazint-Aras im Amazonasgebiet von Abholzung des Regenwaldes bedroht, es vergehen auch Pflanzen und Tiere, bevor wir sie überhaupt entdeckt haben. Indigene Völker, die teilweise noch keinen Kontakt zur Außenwelt hatten, blicken mitsamt ihren einzigartigen Kulturen ebenfalls einer schwarzen Zukunft entgegen. Oft werden sie aufgrund von Bodenschätzen und Rohstoffen vertrieben, jedoch selten dafür entschädigt, dass man ihnen Land und Lebensgrundlage zunichte gemacht hat. Dabei sind sie die einzigen, die es verstehen, den Regenwald nachhaltig zu nutzen.

Auch der Einfluss der Zerstörung auf Insekten und Kleinstlebewesen ist nicht zu unterschätzen. Oft sind die Folgen noch nicht abzuschätzen, aber manche Störungen werden schon jetzt zur Plage für den Menschen. „Die zunehmende Ausbreitung der Malaria wird der Abholzung zugeschrieben“, sagt Susann Reiner. Krankheitsübertragende Insekten vermehren sich in gestörten Bereichen offensichtlich besser als in intakten, wie man an den Malariaraten in gerodeten Amazonasgebieten ablesen kann.

Auch das Wetter ändert sich
Auswirkungen auf das Wetter entstehen ebenfalls durch die Vernichtung des Regenwalds: Wo kein Wald mehr ist, bleibt oft auch der Regen aus. So ist der restliche Regenwald nicht nur von Holzeinschlag, sondern auch von Dürre bedroht. Doch nicht nur die lokalen Trockenzeiten verlängern sich. In den immensen Wasserkreisläufen der zwei größten Regenwaldgebiete entstehen riesige Wolkendecken. Werden durch oberflächliches Abfließen des Regenwassers die Kreisläufe gestört, fehlen die Wolkendecken. Dadurch kann die Sonneinstrahlung ungehindert auf den Erboden gelangen. Die Folge: Ein Beitrag zur globalen Erwärmung. Die Regenwaldvernichtung wirkt sich demnach nicht nur auf das lokale Klima aus, sondern auf das des gesamten Planeten. Abholzung, Dürre und Erderwärmung bilden einen Teufelskreis.

Ein weiterer Beitrag entsteht durch den Einsatz von Düngemitteln. Diese sind notwendig, um auf den nährstoffarmen Böden den Anbau von Pflanzen zu ermöglichen. Der Dünger wird durch Bakterien zersetzt, die Lachgas bilden. Lachgas, Distickstoffmonoxid, wirkt sich um den Faktor 300 schlimmer als Kohlendioxid auf den Treibhauseffekt aus. Nicht zu vergessen ist der Methanausstoß der Massentierhaltung. Methan trägt 25mal so stark wie Kohlendioxid gleicher Menge zum Klimawandel bei.

Außerdem sind 20 Prozent der weltweiten Kohlendioxidbelastung allein auf die Abholzung der Wälder zurückzuführen. Die ungestörten Wälder speichern riesige Kohlendioxid-Mengen, allein im Amazonasgebiet laut einer WWF-Studie rund 90 bis 140 Milliarden Tonnen. Wird der Wald zerstört, wird das zuvor in Biomasse gebundene Kohlendioxid frei.

Verschwindet der Regenwald ganz?
Experten befürchten: Wenn weiter so abgeholzt wird wie bisher, könnte in einigen Jahrzehnten der Regenwald gänzlich verschwunden sein. Denn selbst wenn kleine Flächen geschützt werden, können diese nicht als System funktionieren. Nur bei großen zusammenhängenden Gebieten ist das Überleben des Waldes mitsamt seinem Artenreichtum möglich. In den letzten Jahrzehnten hat sich der gesamte Regenwald von etwa 16 auf 10 Millionen Quadratkilometer verringert. In Indonesien wurden sogar drei Viertel der vor Jahren vorhandenen Fläche zerstört.

„Die einst grüne indonesische Insel Java ist bis auf einzelne Berghänge schon heute komplett entwaldet. Es leben mittlerweile 1000 Menschen auf jedem Quadratkilometer der Insel“, weiß Tom Deutschle. Sumatra und Borneo droht dasselbe Schicksal: Holzproduzenten, Zellstofffirmen und Ölpalmplantagen hinterlassen dort tagtäglich neue Spuren. „Ganze Landstriche sind von Graswüsten überzogen und von verkohlten Baumstämmen bedeckt“, klagt Deutschle. Und Sumatratiger sowie Menschenaffen lassen ihr Leben.


Einige Holzfirmen propagieren, nur einzelne Bäume zu schlagen und so nachhaltig zu wirtschaften. Ohne weitere Einflüsse könnte sich der Wald so auch über lange Zeit erholen. Jedoch bleibt das Problem bestehen, dass die Holzindustrie die Wege zum sonst unzugänglichen Wald öffnet. So wird oft illegal weiter eingeschlagen und gerodet. Es gibt zwar Gesetzte und es drohen Geldstrafen, jedoch ist es schlichtweg unmöglich, den Einschlag zu überwachen. Korruption, die „durch den Einfluss großer Firmen aus Europa forciert wird“, so Klaus Schenck, macht das Ganze nicht leichter. „Außerdem fehlt der politische Wille, den Wald zu schützen.“

Die Etiketten, die uns Verbrauchern helfen sollen, nur Holz aus nachhaltiger Nutzung zu erwerben, sind größtenteils frei erfunden. Das FSC-Siegel (Forest Stewardship Council), das unter anderem vom WWF unterstützt wird, soll Raubbau wirklich verhindern. Jedoch ist auch dieses Siegel nicht ganz unumstritten. „Die Industrie reißt die Macht an sich, und Standards werden aufgeweicht“, so die Befürchtung Klaus Schencks.

Eine Frage des Bewusstseins
Regenwaldschutz-Organisationen gibt es viele, doch die Vertreter der Industrie und ihre Investoren sind mächtiger. Will man die Regenwälder auf unserem Planeten retten, muss eine Möglichkeit geschaffen werden, den Einschlag zu überwachen und illegale Rodung zu verhindern. Nach Ansicht der Experten vom Freiburger Regenwaldinstitut hilft nur Präsenz: Der Wald muss vor Ort überwacht werden. In manchen Projekten werden Einheimische bezahlt, ihn zu schützen. Aber im Kampf gegen die Abholzung ist auch ein Einfluss auf die Politik notwendig, so Schenck. Einfluss durch Bildung eines öffentlichen Standpunktes, die Meinung eines Jeden.

Im Grunde genommen muss aber jeder an sich selbst arbeiten: Brauchen wir wirklich Gartenmöbel aus Tropenholz? Können wir nicht auch auf Recycling-Papier schreiben? Und muss es jeden Tag Fleisch sein? Letztendlich ist es unsere Entfremdung von der Natur, von unseren Ursprüngen und daraus resultierend das fehlende Bewusstsein, das den Regenwald zerstört. Nur ein schnelles Umdenken kann den Regenwald noch retten.

 

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