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Bilingual - ideal! PDF Drucken
Geschrieben von: Attila Teglas   
Können Kinder zwei Sprachen gleich gut erwerben? Oder sind sie überfordert mit einem solchen mentalen Marathon – und sprechen schließlich beide Sprachen schlecht? Dass für diese Befürchtung kein Anlass besteht, wissen die wenigsten.Ein lautes Schreien durchhallt den Supermarkt: „Cómo estás, Mamá? Was has comprado heute?“, brabbelt der Sprössling einer südländisch aussehenden Frau, die neben Ihnen in der Schlange steht. Sie schlagen verstört die Augen auf und können nicht fassen, wie nachlässig Eltern mit der Sprachentwicklung ihrer Kinder umgehen. „Das ist mal wieder typisch“, denken Sie sich; „die Jugend von heute kann nicht mal mehr richtig Deutsch. Und was sollen diese anderen seltsam klingenden Wörter gewesen sein? Ich verstand nur Spanisch.“ Im nächsten Moment überkommt Sie der Ärger wegen dieser Erziehung. „Wahrscheinlich kann das Kind nicht mal diese Sprache richtig! Was soll denn aus ihm später werden? Wird es künftig nur noch eine unverständliche Mischmaschsprache plappern?“, brodelt es in Ihrem Gemüt. Kurz darauf hören Sie in einem breiten Schwäbisch: „Schnitzel und Pommes, Klaus! Damit Du groß und stark wirsch! Mei Buah!“ „Wie toll! Du bist die Beste, Mami!“, sprudelt der Junge ohne Akzent hervor. Daraufhin erscheint ein blonder Mann mit blauen Augen. „Klaus, vámonos a casa, tienes que hacer los deberes.“ „Vale, papá”, erwidert der Sprössling in einwandfreiem Spanisch. Veraltete Studien Wenn kleine Kinder zwei Sprachen sprechen, sind nicht nur Außenstehende irritiert. Auch gemischtsprachige Ehepaare sind verunsichert: Sollen sie ihrem Nachwuchs wirklich eine zweite Muttersprache zumuten? Sie befürchten, ein zweisprachiges (bilinguales) Aufwachsen könne zu einer verlangsamten Entwicklung beider Sprachen führen. Der schlimmste Fall wäre die mangelhafte Beherrschung beider Sprachen. Vor allem Eltern, die selbst nur mit einer Sprache (monolingual) aufgewachsen sind, haben diese Ängste. „Ich will doch nicht die Zukunft meines Kindes ruinieren“, denken sich viele. Die Befürchtungen haben schon Tradition, sie waren bereits vor der Mitte des 20. Jahrhunderts verbreitet. Und zunächst schien auch die Wissenschaft sie zu bestätigen: So wurden beispielsweise in Kanada in den Sechziger- und Siebzigerjahren monolinguale und bilinguale Kinder in Querschnittsuntersuchungen miteinander verglichen. Die Forscher kamen zu dem oben beschriebenen Ergebnis: Sie fanden bei den Doppelsprachlern eine verlangsamte Sprachentwicklung, ein verringertes Vokabular und einen falschen Gebrauch von Sprichwörtern. Damals verwendeten die Linguisten jedoch mangelhafte Methoden. Sie verwechselten etwa sprachliche Variablen (wie kompetent beispielsweise gewisse Probanden hinsichtlich ihrer Muttersprachen waren) mit sozioökonomischen Werten wie Bildungsgrad oder Beruf. Außerdem trennten die Forscher verbale und nicht-verbale Leistungen in der Zweitsprache nicht scharf genug. Nachdem die Wissenschaftler ihre Fehler erkannt hatten, mussten sie ihre Ergebnisse revidieren. Heutzutage betrachten Linguisten die Mehrsprachigkeit vieler Menschen mit anderen Augen. „Die Skepsis gegenüber einem bilingualem Erstspracherwerb ist gänzlich unbegründet“, fasst Doreen Bryant, Dozentin am Deutschen Seminar für Linguistik in Tübingen und Spezialistin für Sprachentwicklung und -störung, den heutigen Wissensstand zusammen. Mehrsprachigkeit sei keineswegs ein entwicklungshemmender Zustand. Im Gegenteil: „Die Sprachfähigkeit gehört zu den fundamentalen Merkmalen des Menschseins. Sie schließt Mehrsprachigkeit, also die Fähigkeit, mehrere verschiedene Sprachen nebeneinander und nacheinander zu erwerben und zu gebrauchen, ein.“ Darüber hinaus betont die Linguistin, dass „jedes Kind spielend ohne große Mühen weitere Sprachen erlernen kann. Eine Überforderung des Gehirns ist nicht zu befürchten.“ Diese Fähigkeit ist auch keineswegs auf hochbegabte Menschen beschränkt: In Versuchen mit geistig behinderten Probanden stellte Andrea Niederberger, Linguistin an der Universität Frankfurt, im Jahr 2000 fest, dass sie ohne besondere Anstrengung Kenntnisse in zwei Sprachen erwerben können, wenn ihre Lebensumstände dies zulassen. Bryant hebt daher hervor, dass das Gehirn „genügend Platz für viele Sprachen“ hat. Auch die Annahme, dass Zweisprachigkeit einen negativen Einfluss auf die allgemeine Intelligenzentwicklung habe, gilt heute als veraltet und widerlegt. Diese Theorien beruhten auf Fehlschlüssen: Die Studien hatten vorwiegend Zweisprachler aus niedrigen sozialen Schichten und mangelhafter Bildung untersucht und deren schlechtes Abschneiden in Intelligenztests auf die Zweisprachigkeit geschoben. Vorteile bilingualer Menschen Inzwischen ist klar, dass bilingual aufwachsende Menschen nicht nur keine Nachteile zu befürchten haben, sondern sich außerdem über viele Vorteile freuen dürfen. 1. Zum einen fördert eine frühkindliche Zweisprachigkeit die Fähigkeit, weitere Sprachen zu erlernen. Doreen Bryant erläutert, dass „sich dies inzwischen auch neurologisch nachvollziehen lässt.“ So zeigte sich in neurolinguistischen Untersuchungen zum einen, dass frühe Zweitsprachenlerner für beide Sprachen das gleiche Netzwerk benutzen und zum anderen, dass dieses Netzwerk auch für spätere Fremdsprachen zur Verfügung steht. Bei späten Zweitsprachenlernern (Lernbeginn nach dem 9. Lebensjahr) muss dagegen für jede Sprache ein eigenes Netzwerk aufgebaut werden. Bilingual aufwachsende Menschen lernen darüber hinaus von Kindesbeinen an, mit zwei Sprachsystemen ihre Welt zu beschreiben und zu bestreiten. Dabei eignen sie sich Strategien an, die den Erwerb weiterer Sprachen ungemein erleichtern. Beispielsweise lernen sie, dass für gewisse Objekte oder abstrakte Konzepte verschiedene Wörter existieren. 2. Bilinguale verfügen über ein größeres Vokabular. Aufgrund ihrer zwei- oder mehrsprachigen Entwicklung besitzen bilinguale Personen zwei oder mehr Wörter für ein und dasselbe Konzept beziehungsweise Objekt oder ein und dieselbe Idee. Diese Menschen können sich daher mit einem größeren Repertoire an Wörtern die Welt erschließen und sie facettenreicher beschreiben. 3. Zwei- oder mehrsprachige Menschen verfügen über eine höhere phonetische und phonologische Sensibilität. „Da diese Personen von Kindesbeinen an Zugang zu zwei Sprachsystemen besaßen“, sagt Bryant, „können sie auch mindestens zwei unterschiedliche Sprachmelodien und Akzentmuster wahrnehmen.“ Dieser Zustand fördere die Wahrnehmung und Unterscheidung der lautlichen Nuancen einer Sprache. Dies bestätigten Ria De Bleser von der Universität Potsdam und Michel Paradis von der McGill University in Montreal. In einer Studie mit bilingualen Kindern untersuchten die Forscher, wie das Gehirn der Probanden mehrere Sprachen auseinander hält. Sie identifizierten eine Überwachungsstelle in den linken Basalganglien und im linken präfrontalen Cortex, die das Wechseln zwischen den Sprachen reguliert. Dieser zusätzliche Schaltprozess führt keineswegs zu kognitiven Schwierigkeiten. Im Gegenteil: Mithilfe des mentalen Schalters können Mehrsprachige ihre Aufmerksamkeit besser auf mehrere Aufgaben verteilen und dadurch Störreize „ausblenden“. Bereits 1984 hatten Richard Tees und Janet Werker herausgefunden, dass der frühe Kontakt mit einer Fremdsprache zu einer Sensibilisierung gegenüber den Lauten dieser Sprachen führt. Die Forscher beobachteten, dass englischsprachige US-Amerikaner, die als Kinder mit Hindi in Kontakt gekommen waren, nach Jahrzehnten der „Abstinenz“ noch immer signifikante Lautkontraste wahrnehmen konnten. Bilinguale haben also ein „besseres Gehör“ für Sprachen, können phonetische und phonologische Unterschiede schneller identifizieren und sind tendenziell begabter dafür, einen „nicht ausländisch klingenden Akzent“ in einer Fremdsprache zu erwerben. 4. Ein weiterer linguistischer Vorteil besteht in der feineren Sprechmotorik. „Da jede Sprache über ein spezifisches Lautsystem verfügt, müssen bilinguale Kinder natürlich ihre Artikulationswerkzeuge auf viel mehr Laute justieren als ihre monolingualen Peers“, erläutert Doreen Bryant. Aufgrund dieser Tatsache sind zweisprachige Personen in der Lage, mehr Lautkontraste zu artikulieren als Monolinguale. Diese Fertigkeit kann sich wiederum positiv auf den Erwerb einer „natürlichen Aussprache“ in weiteren Fremdsprachen auswirken. 5. Gleichzeitig entwickeln bilinguale Menschen eine höhere Sensibilität und größere Offenheit gegenüber fremden Kulturen. Auch dies ist ein Ergebnis der kanadischen Untersuchung von Ria De Bleser und Michel Paradis: Die Mehrsprachigkeit ihrer Probanden hatte ihre sozialen Fertigkeiten um ein Vielfaches verbessert. Die Forscher heben hervor, dass mehrsprachig aufgewachsene Kinder vergleichsweise früher die Fertigkeit entwickeln, sich in andere Menschen hinzuversetzen. Dass Mehrsprachler mühelos zwischen unterschiedlichen Kulturen wechseln können, kann man auch in der Praxis beobachten: So ist es beispielsweise für einen Deutsch-Spanier selbstverständlich, hinsichtlich der Pünktlichkeit zwischen den zwei Ländern zu wechseln. Für ihn ist es in Fleisch und Blut übergegangen, dass eine Zeitangabe bei einem Treffen in Deutschland eingehalten werden muss. Die Toleranzschwelle bezüglich Pünktlichkeit ist in Spanien dagegen weitaus größer: Mindestens fünfzehn Minuten können hinzugezählt werden. Da Bilinguale bereits als Kinder verinnerlichen, dass es nicht nur eine einzige Gesellschaftsform gibt, sind sie offener gegenüber ihnen unbekannten Normen. Daher liegt die Annahme nahe, dass bilinguale Migranten weniger Probleme damit haben, ihren Lebensunterhalt in einem anderen Land zu bestreiten. Sie zeigen Einstellungen, die die Kommunikation zwischen den Völkern erleichtern und Vorurteile mindern. Daher können Bilinguale in der interkulturellen Kommunikation als Brückenbauer fungieren. Wie man Zweisprachigkeit fördern kann „Zweisprachiger Haushalt heißt jedoch nicht, dass auch die Kinder beide Sprachen gleich gut beherrschen werden“, hebt Doreen Bryant hervor. In manchen Fällen wachsen Kinder in einem bilingualen Haushalt auf und erwerben nur eine Sprache. Die Gründe können mannigfaltig sein: Entweder konzentrieren sich die Eltern auf eine Sprache und lassen die Entwicklung der zweiten Muttersprache bei ihren Kindern verkümmern. Oder sie möchten ihre Kinder davor bewahren, eine „minderwertige Sprache“ zu erwerben. Da sie selbst als Migranten eine negative Resonanz auf die eigene Muttersprache erfahren haben, sollen ihre Sprösslinge die „prestigeträchtigere Sprache“ der „neuen Heimat“ erwerben. Die Eltern versprechen sich davon Vorteile für die Zukunft ihrer Kinder. In den wenigsten Fällen lehnen die Heranwachsenden selbst eine zweite Muttersprache ab. Das kann passieren, wenn sie keine ausreichend starke emotionale Bindung zu einer der Sprachen entwickeln können. Sie neigen dann dazu, nur die „nicht negativ belastete Sprache“ zu gebrauchen. Wünschen die Eltern jedoch, dass ihre Kinder zwei Sprachen gut lernen, sollten sie eine einfache Regel anwenden, rät Bryant: „Ein Elternteil – eine Sprache.“ Dies bedeutet, dass beispielsweise in einem deutsch-spanischen Haushalt ein Elternteil nur Spanisch und der andere nur Deutsch mit dem Kind sprechen soll. „Somit wird zu einem gewissen Grad gewährleistet, dass der Sprössling genügend Input für den Erwerb der jeweiligen Sprache erhält und ebenso zu beiden Sprachen eine emotionale Bindung entwickeln kann.“ Des Weiteren sollen die Eltern ihrerseits Sprachvermischungen vermeiden. „Damit der Nachwuchs beide Sprachen gleichermaßen gut beherrscht, sollte ein zu starkes Übergewicht einer Sprache vermieden werden“, meint Bryant. Falls das Elternhaus beide Sprachen nicht gleichmäßig fördern kann, verweist Doreen Bryant auf eine andere Möglichkeit: bilinguale Kindergärten, in denen die ErzieherInnen jeweils nur in einer bestimmten Sprache mit dem Kind kommunizieren. Damit sei ebenfalls gewährleistet, „dass das Kind genügend Input und Gelegenheiten für den aktiven Sprachgebrauch erfährt.“ Kinder, die solche Chancen bekommen, sind also zu beneiden. Denn wer wünschte sich das alles nicht: ein verbessertes Sprachgefühl, ein differenziertes und umfangreiches Repertoire an Spracherwerbstechniken, eine erhöhte Sensibilität gegenüber fremden Kulturen und weniger Schwierigkeiten bei der Anpassung im Ausland? Vale?
 

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