Wer ist online?

Wir haben 2 Gäste online
Der K(r)ampf mit dem Turbostudium PDF Drucken
Geschrieben von: Aura Riedel   

Mehr als 75 Prozent aller Studiengänge führen schon zu den Abschlüssen Bachelor und Master. Damit ist jeder dritte Studierende an deutschen Hochschulen bereits in einem dieser neuen Studiengänge eingeschrieben. Wird man also künftig schon 21 Jährige in Spitzenpositionen bestaunen können? Dass das Turbostudium nicht ganz so funktioniert wie geplant, zeigt sich erst bei näherem Hinsehen.

 

Neue Aula der Eberhard-Karls Universität Tübingen. Bild: Aura Riedel

Die jüngste Studienreform, bekannt geworden unter dem Namen „Bologna-Prozess“, hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Sie soll zu kürzeren Studienzeiten führen, zu deutlich höheren Erfolgsquoten sowie zu einer nachhaltigen Verbesserung der Berufsqualifizierung und der Arbeitsmarktfähigkeit der Absolventen. Die neue Studienstruktur gewährleiste internationale Anschlussfähigkeit und damit Mobilität der Studierenden und internationale Attraktivität der deutschen Hochschulen – so heißt es zumindest in dem Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2003.

Vor allem für Studenten, die möglichst schnell ins Berufsleben einsteigen möchten, ist die Studienreform sicher vorteilhaft: das Studium als Sprungbrett zur Karriere. Eine akademische Ausbildung, die mehr als fünf Jahre in Anspruch nimmt, ist in unserer schnellen und dennoch leistungsorientierten Zeit unvorstellbar geworden. So wird der Weg zum Abitur kurzerhand um ein Jahr gekürzt und das Studium auf 5 Jahre beschränkt.

Überfrachtung und Prüfungsstress

Inzwischen wird klar: Ganz so einfach, wie sich das die Reformer gedacht hatten, ist die Umsetzung der Reform dann doch nicht zu verwirklichen. Man ließ den Hochschulen beispielsweise die Freiheit, die Vorgaben selbstständig nach formalen Gestaltungsprinzipien umzusetzen. Die beiden wichtigsten Neuerungen sind die Stufung in ein Kurz- und ein Aufbaustudium sowie die Einteilung des Studiums in Module, also geschlossenen Lerneinheiten. Um Verwaltungsaufwand zu vermeiden, begannen die Hochschulen, die Inhalte der herkömmlichen Diplom- und Magisterstudiengänge in den engen Stundenplan des Bachelors zu pressen.

Damit aber eine durchschnittliche Leistung eines Studierenden über das ganze Studium hinweg ermittelt werden kann, muss das ganze Studium hindurch geprüft werden. Die meisten Universitäten setzen dabei auf Klausuren, die am Ende des Semesters für jede einzelne Lehrveranstaltung bestanden werden müssen. Für viele Studenten können das schon mal vier bis fünf Klausuren pro Woche bedeuten.

„Statt verbesserter Studierbarkeit Überfrachtung, statt Prüfungsgleichverteilung Prüfungsstress!“ So beschreibt der promovierte Sozialwissenschaftler Martin Winter vom Institut für Hochschulforschung (HoF) in Wittenberg das Ergebnis der Studienreform. Den neuesten Zahlen des Hochschul-Informations-Systems (HIS) zufolge sind die Ingenieurwissenschaften besonders von der enormen Verdichtung des Lernstoffs betroffen. In diesen Fächern ist die Abbrecherquote sogar gestiegen, während es bei den Sozialwissenschaften tatsächlich einen Rückgang zu verzeichnen gibt.

Mobilität und Flexibilität leiden
Auch ist es durch die verkürzte Regelstudienzeit viel schwieriger geworden, ein Auslandsstudium aufzunehmen, was ja ein erklärtes Ziel der Reformer war. Innerhalb eines sechssemestrigen Bachelor-Studiums ist ein Auslandsaufenthalt schwer einzuplanen. Erst im Masterstudium entscheiden sich einige Studenten mehr dazu.

Mit der Einführung von Leistungspunkten nach dem European Credit Transfer System (ECTS) und mit der Gliederung in Module sollte die Flexibilität und Transparenz des Studiums deutlich zunehmen. ECTS ist ein quantitatives Maß für die Gesamtbelastung des Studierenden, das durch ein erfolgreiches Abschließen der Module erzielt wird. Das Problem steckt aber gerade in der Anerkennungsfähigkeit dieser „Credit Points“. Je nach Auslegung der Module der einzelnen Hochschulen in der Bundesrepublik sind die Modulleistungen sehr unterschiedlich. Es gibt kein einheitliches Raster für die Modulgrößen und somit auch keines für die Punktevergabe. So kommt es sogar zwischen den Bundesländern zu zunehmendem Mobilitätsverlust durch das Punktewirrwarr der Universitäten.

Aber auch die internationale Mobilität leidet. In Europa können Bachelor-Studiengänge zwischen sechs und acht Semestern dauern. Die meisten europäischen Länder haben sich für ein vierjähriges Bachelor-Studium entschieden. Anders Deutschland: „Durch die Zielvereinbarungen mit den Ländern waren deutsche Hochschulen dazu verpflichtet, mehr Absolventen in der Regelstudienzeit zum Abschluss zu bringen. Das läuft in der Praxis auf die sechs Semester hinaus“, erklärt Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin. Die Folge: Deutsche Bachelor-Absolventen können noch nicht einmal ins Ausland gehen, um dort ihr Masterstudium anzuschließen. „Der Bachelor wird dort schlicht nicht anerkannt oder muss durch Zusatzprüfungen gesichert werden“, schreibt Heike Schmoll, verantwortliche Redakteurin für Bildungspolitik der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

"Bachelor Welcome"?
Viele Uni-Professoren erkennen die Probleme und fordern eine Reform der Bologna-Reform, so auch der Deutsche Hochschulverband (DHV). In einer Stellungnahme vom 4. September 2008 bezeichnen sie die Reform als „weitgehend misslungen“. Der Arbeitskreis Hochschule/Wirtschaft der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) steuert mit dem Programm „Bachelor Welcome!“ entschieden dagegen und fordert, den Bologna-Prozess weiterzuentwickeln statt ihn zu blockieren. In ihrer Erklärung bekannte sich die Mehrheit der führenden deutschen Unternehmen zu Bachelor und Master. „Wir verpflichten uns, den Bachelor-Absolventen attraktive Berufseinstiege und Karrierewege zu eröffnen, aktiv an der Entwicklung von Angeboten an wissenschaftlicher Weiterbildung mitzuwirken und sie zu fördern.“ Allerdings beschränken sich die Zusagen auf die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Praxisorientierte Fächer, deren Absolventen in Deutschland schon lange knapp sind.

Andere Fächer wie Sprach- und Kulturwissenschaften haben das Nachsehen. Viele Arbeitgeber beklagen, dass die Zeit für Praktika fehlt. Mit bis zu 1800 Stunden pro Jahr bleibt kaum noch Zeit, neben dem Studium erste berufliche Erfahrungen zu sammeln. „Wir sollen mit unserem Abschluss genauso viele Vokabeln können wie Magisterstudenten, die wichtigsten Theorien kennen, die Sprache beherrschen und mindestens ein Praktikum gemacht haben. Tatsächlich mache ich meine Praktika in den Semesterferien“, berichtet eine Studentin der Japanologie.

Auch an der Universität Tübingen wurden die Probleme inzwischen (an)erkannt. Man ist bereit, umzudenken und umzustrukturieren. „Insgesamt ist es wichtig, die bereits gemachten Erfahrungen bei der Umsetzung der Hochschulreform zu bündeln und in den weiteren Prozess einfließen zu lassen, so dass die bereits eingeführten und weiterhin geplanten Studiengänge davon profitieren können“, sagt Andreas Rothfuss, Kanzler der Uni Tübingen. Er gibt zu, dass es auch hier zu Schwierigkeiten kam, vor allem bei der Umstellung auf die Kompetenzorientierung. „Hier besteht Verbesserungsbedarf“.


Die „Generation Bachelor“ zweifelt

Laut jüngsten Umfragen befürworten gerade einmal 36 Prozent der befragten Studenten einen Hochschulabschluss nach nur sechs Semestern. Entsprechend glaubt nur eine Minderheit von zwölf Prozent, dass man als Bachelor-Absolvent gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe.

 
Laura König bereitet sich auf die Klausuren vor.
Bild: Aura Riedel

 Laura König ist Soziologie-Studentin im dritten Semester an der Universität Tübingen und arbeitet nebenher in einem Café.Sie berichtet: „Magisterabsolventen haben viel länger studiert, sie haben ein umfangreicheres Wissen, und die meisten Arbeitgeber wollen, glaub ich, keine Absolventen eines Kurzzeitstudiums von nur drei Jahren“. Auf die Frage, wie sich denn ihr Studium mit der Arbeit verbinden lässt, antwortet sie: „Es ist schon schwierig. Man muss sich eben alles richtig einteilen. Ich habe letztes Semester gemerkt, dass das nicht funktioniert, zu arbeiten und gleichzeitig auf die Klausuren zu lernen“. Eine intelligente Umsetzung wäre maximal eine Prüfung pro Modul, und nicht zu jeder Lehrveranstaltung eine Klausur, meint sie. „Wenn alles zusammen abgefragt würde und es nicht so ins Detail ginge, wäre das schon eine gute Lösung, gerade auch um Zusammenhänge besser zu verstehen“.

Eine weitere Lösung wäre eine gleichmäßige Verteilung der Klausuren auf das gesamte Semester, dann könne der Lern- und Arbeitsbereich beschränkt und es könnten Schwerpunkte gesetzt werden, schlägt Laura weiter vor. Eine ehemalige Biologie-Studentin der Universität Köln, die den Bachelor abbrach, erklärt: „Die Leute aus den höheren Semestern, die noch auf Diplom studierten, nannten uns Schmalspurbiologen. Wir mussten einen Überblick über alle Themen möglichst schnell und möglichst tief bekommen. Es war schon sehr anspruchsvoll. Außerdem waren die Regeln sehr streng. Wir durften bei Übungen nur ein- oder zweimal mit Attest fehlen, danach wurde es kompliziert. Von wegen Nachholen!“

Eine Anwesenheitspflicht gehört zum Standard der neuen Studiengänge, obwohl weder in einem der Kommuniques des Bologna-Prozesses noch in den Rahmenbedingungen der Kultusministerkonferenz die Rede von studentischer Anwesenheitspflicht ist. Johannes Wilhelm, der ebenfalls in Tübingen Soziologie studiert, steht dem Bachelor auch kritisch gegenüber. Er glaubt, dass durch die Verschulung eine verstärkte Konzentration auf vorgegebene Themen stattfinde und somit individuelle Interessen und Wahlmöglichkeiten auf der Strecke bleiben. Zudem stehe man durch die Anwesenheitspflicht vermehrt unter Druck. Er ist der Meinung, dass durch die Änderung der Semesteranzahl eine die Bandbreite an Wissen, das man erwerben könne, geringer geworden sei.

Auch Stefanie Gropper hat das erkannt. Die Professorin für Skandinavistik ist als Prorektorin für Studium und Lehre und damit für die Studiengang-Umstellung der Universitätsleitung Tübingen zuständig. „Wir streben an, von dem strikten Modell – sechs Semester Bachelor und vier Semester Master – wegzukommen. Wir wollen den Fächern zu bedenken geben, dass es vielleicht sinnvoller sein kann, ein achtsemestriges Bachelor-Studium anzubieten. Dann ist das Auslandssemester auch leichter einzubauen“.

Acht Semester bis zum Bachelor würden nicht nur die Mobilität, sondern auch die Flexibilität und Qualität des Studiums verbessern. Zurzeit darf an den meisten Unis nur ein Fach mit Zusatzfach auf Bachelor studiert werden, die knappe Zeit erfordert die Beschränkung. Bei acht Semestern könnten die Hochschulen auf einen sinnvolleren Zwei-Fach-Bachelor umstellen. So bliebe eine große Breite erhalten, und die Bachelor-Absolventen könnten mit den Magisterabsolventen auf dem Arbeitsmarkt gleichziehen, würden vielleicht sogar bevorzugt. Nach den Umstellungsschwierigkeiten sollen jetzt also die Bachelor-Studiengänge weiter verbessert werden.

Fazit: Eine Reform ist wichtig, deren angemessene Umsetzung noch wichtiger!

 

©2008-2010 Studentenfutter

Admin: Attila Teglas || Universität Tübingen || Joomla! Template Design by funky-visions.de