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Der Mythos Willensfreiheit
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Geschrieben von: Aura Riedel   

Schon vor Jahrhunderten stellten sich Menschen die Frage nach der Freiheit des Willens. Eine Frage, deren Beantwortung sich verschiedenste wissenschaftliche Disziplinen zur Aufgabe gemacht haben. Jedoch konnte bis heute keine Wissenschaft die Existenz eines freien Willens eindeutig beweisen oder widerlegen.

 

Literatur, die sich mit Willensfreiheit beschäftigt.

Bild: Aura Riedel

„Ist der Mensch frei?” benennt eine ethische Grundfrage, mit der alles Nachdenken über das moralische Handeln des Menschen seinen Anfang nimmt. Schon im 18.Jahrundert sahen sich Philosophen und Gelehrte wie Schopenhauer und Kant dazu bereit, sich mit der Freiheit des Willens auseinander zu setzen. Schon damals entwickelten sich die bis heute bestehenden Positionen, nach denen sich Handlungen entweder als „frei von allem” erweisen (Indeterminismus) oder als Folge aus vorangegangenen Ereignissen (Determinismus). 

Unterschiedliche Wissenschaften, angefangen von der Philosophie und Psychologie bis hin zur Physik, Genetik und Hirnforschung, fanden sich in diversen Annahmen wieder, die alle eine Antwort gefunden zu haben glauben. Während sich die einen darum bemühen, einen endgültigen Beweis für die Nichtexistenz eines freien Willens zu finden, sind die anderen davon überzeugt, dass wir in unserem Handeln frei sind.

Alles nur Chemie?
Ein gutes Beispiel für eine deterministische Haltung liefern die Ergebnisse im Bereich der Hirnforschung. Einer der bekanntesten Vertreter ist der Biologe Gerhard Roth. Er nimmt an, dass die „Wirklichkeit” ein Konstrukt unseres Gehirns darstellt. In Folge dessen ist auch unsere Beschreibung des Gehirns ein Konstrukt, das „reale Gehirn” ist für uns „unzugänglich”. An die Gläubigen unter den Indeterministen gewandt, fragt sich Roth: „Warum sollte der von Gott unmittelbar geschaffene autonome und selbstbewusste Geist ein Gehirn (...) nötig haben, um in der materiellen Welt zu leben?“

In seinen Thesen stimmt Roth mit den Ergebnissen des anerkannten Neurophysiologen und Hirnforschers Wolf Singer überein. Ebenfalls Vertreter des Determinismus, schließt Singer die Existenz einer Willensfreiheit aus und betrachtet die Welt als geschlossenes deterministisches Ganzes.

Als Beweis solcher Annahmen sehen viele Neurowissenschaftler das schon 1979 durchgeführte Libet-Experiment. Ziel des Versuchs war es, möglichst exakt festzustellen, wann ein Proband eine bewusste Handlungsentscheidung trifft, ab wann das Gehirn die Ausführung der Handlung vorbereitet und wann die betreffende Muskulatur aktiviert wird. Tatsächlich verzeichnete der amerikanische Physiologe Benjamin Libet, dass der Zeitpunkt, zu dem der subjektive Handlungswunsch empfunden wird, in jedem Fall deutlich nach dem Punkt liegt, an dem der motorische Kortex die Bewegung vorzubereiten beginnt. Libet sah es demnach als erwiesen an, dass eine Handlung unbewusst von Gehirnprozessen gesteuert wird, noch bevor der Handlungswunsch ins Bewusstsein dringt.

Ist also unser gesamtes Handeln von neuronalen und chemischen Prozessen vorherbestimmt? Eine Vorstellung, mit der sich nur wenige Menschen abfinden möchten. Vor allem wenn es vor Gericht um die Schuldfrage geht, kann es problematisch werden. Denn wie kann man für etwas schuldig gesprochen werden, was das Gehirn „befohlen” hat? Weiter ist es fraglich, ob man eine spontane Handbewegung überhaupt als Willensentschluss bezeichnen kann. Vergleichbar mit einem Diebstahl oder einem Mord, denen meist Überlegungen vorausgehen, ist sie jedenfalls nicht.

Vor allem in der Physik, mit Aufkommen der Quantenmechanik, konnten nicht-deterministische Elemente naturwissenschaftlich untersucht werden. Indeterministische Quanteneffekte könnten also einen Hinweis auf die Existenz eines freien Willens geben, meinen manche. Wäre unsere Willensbildung von Quanteneffekten abhängig, würde das bedeuten, dass wir unsere Willensentscheidungen ohne jegliche Kausalität treffen, also unabhängig von vorangegangenen Ereignissen. Kritiker wenden ein, dass dadurch jedoch jeder Entschluss rein zufällig wäre und keineswegs „frei”. Zum anderen gründen Handlungsmotivationen immer auf Ursachen , seien es die genetischen Veranlagungen oder unsere Umwelt, die unsere Entscheidungen beeinflussen – Determinanten stecken überall.

Der Faktor Sozialität
Die Frage ist also nicht, ob unsere Entscheidungen etwas zu wollen frei von allem ist, sondern von was sie eigentlich abhängen? Und würde das bedeuten, dass ein freier Wille überhaupt nicht existiert?

Einen Ansatz für die Beantwortung der Frage liefert der deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas: Das individuelle Gehirn erwirbt nach Habermas durch biologische und ökologische Einflüsse die notwendigen Zuweisungen für den „Anschluss“ an die Programme von Gesellschaft und Kultur. Der Wissensbestand eines Einzelnen ergibt sich also aus dem Erwerb des Wissens vorangegangener Generationen. Daraus entstehen dann Sinnzusammenhänge, die es dem Einzelnen ermöglichen, mit anderen zu interagieren. In diesem „Raum der Gründe“, wie Habermas ihn nennt, strukturiere sich das bewusste Urteilen und Handeln, das für das subjektive Freiheitsbewusstsein grundlegend ist. Kulturelle Programme lassen sich nach Habermas über gesellschaftliche Kommunikation reproduzieren, verteilt über die Kommunikationsrollen von Sprechern, Adressaten und Beobachtern. Diese austauschbaren Rollen dienen der Einbettung in den öffentlichen „Raum der Gründe“, worin die Individuen zu Geltungsansprüchen Stellung nehmen und überlegt, also frei, handeln können.

Der Philosoph Adolf Rami, der an der Universität Göttingen lehrt, sieht dagegen den ständigen Einfluss der Gesellschaft als „immanenten Zwang“ für den einzelnen an. Schon allein dadurch, dass der Mensch einen Körper hat, sei er der Umwelt und seinen Kausalprozessen ausgesetzt: „Die körperliche Manifestation des Menschen in der Welt, seine Fähigkeit zu handeln und sein freier Wille erzeugen ein Spannungsfeld zwischen dem einzelnen Menschen und den anderen Menschen, das die Basis für den immanenten Zwang der Existenz bildet.” Rami ist der Meinung, der Mensch sehe eine „Bedrohung der eigenen Freiheit durch die Freiheit des anderen. Die Reaktion auf diese Angst ist ein zwischenmenschlicher immanenter Zwang zur Selbstkontrolle und gegenseitigen Kontrolle, der in den Ordnungs- und Herrschaftszielen und -verhältnissen der Menschheit seinen Ausdruck findet.”

Das hieße aber: Gerade weil der Mensch frei denken und handeln kann, ist er dazu gezwungen, sich selbst und andere zu kontrollieren, also seine Freiheit einzuschränken. Ein Paradox, das Willensfreiheit unmöglich macht.

Eine institutionalisierte Freiheit
Die „Ordnung” einer Gesellschaft drückt sich hauptsächlich durch ihre Institutionen aus. Institutionen sind zum Beispiel die Ehe und Familie, die Schule und Universität, der Betrieb, das Krankenhaus, das Gericht, und nicht zuletzt der Staat und die Kirche. Durch Institutionen spielt sich das menschliche Handeln im Rahmen einer Vielzahl von sozialen Gebilden ab, die der unmittelbaren Verfügung des Einzelnen weitgehend entzogen sind und die eine gewisse normgeleitete Struktur haben. Diese Struktur lenkt das Handeln in bestimmte Bahnen, Verhaltensmuster und Rollen. Institutionen sind also nach Ottfried Höffe, Schweizer Professor für Ethik und Sozialphilosophie, „die durch Sitte oder Recht gebundenen Dauerformen einer sozialen Gruppe”.

Aus anthropologischer Sicht ist eine Institution ein Ersatz für das Fehlen von Instinkten. Instinkte „leiten” das Tier ebenfalls in ein bestimmtes Verhalten, welches sein Überleben in der Natur sichert. Da der Mensch sich aber weitgehend von Instinkten gelöst hat, findet er sich in einem weiten Spielraum seines Handelns wieder. Diese Freiheit müsse sich aber in einer Ordnung befinden, da sich der Mensch sonst selbst gefährde. „Im Rahmen des offenen Spektrums von Handlungsmöglichkeiten muss der Mensch im Zusammenwirken mit seinesgleichen bestimmte Handlungsmuster entwickeln und realisieren, Handlungsmuster, die insgesamt seine soziale Lebenswelt ausmachen und die ein Überleben und darüber hinaus ein Gutleben angesichts der vielfachen Gefährdungen wirklich werden lassen”, schreibt Ottfried Höffe in dem Band „Wie frei ist der Mensch?”

Institutionen sind also die Voraussetzung für das menschliche Zusammenleben. Im Rahmen von Institutionen, wie der Familie, wächst der Mensch heran und erwirbt die Fähigkeit, überhaupt eigenständig zu handeln. Sie leisten Orientierung, Arbeitsteilung und Rationalisierung. Nach Höffe setzen sie so „Zeit- und Energiereserven frei für andere, nicht so elementare Bedürfnisse. Durch Institutionen wird der Mensch frei für ‚Überfluss’: für Spiel, Musik, Kunst, Wissenschaft und Philosophie, für Liebe und Freundschaft. So sind Institutionen auch die Bedingung dafür, dass der Mensch überhaupt Eigeninteressen und eine Persönlichkeit entwickeln. Nur durch Institutionen wird der Mensch frei zur Realisierung von Freiheitsfähigkeiten.”

Frei ist, wer sich frei fühlt
Zusammengefasst könnte man sagen: Der Mensch wird in seinem Denken und Handeln von so genannten Determinanten beeinflusst. Determinanten können Erbanlagen, Triebe, Umwelt und soziales Umfeld sein. Dadurch, dass jeder Mensch die Fähigkeit besitzt, frei zu handeln – da er nicht mehr von Instinkten geleitet wird –, ist er gezwungen, das Zusammenleben mit anderen in Form von Institutionen zu regulieren.

Dadurch bekommt er aber überhaupt erst die Möglichkeit, sich nach seinen Vorstellungen zu entfalten.
Klaus E. Grossmann, Professor am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie der Universität Regensburg, beschreibt dieses Phänomen aus psychologischer Sicht. Für ihn ist „der Wille in der Individualentwicklung ein biologisches Programm, das seine jeweilige Ausgestaltung in der Entwicklung des Kindes nach den Regeln seiner Familie, Gemeinschaft und Kultur erfährt. Es gibt dabei keinen Widerspruch zwischen freiem Willen und kausalem Geschehen im Psychischen, weil eben Ursache und Zweck beim Lebendigen in der Phylogenese (stammesgeschichtliche Entwicklung) nicht trennbar sind".

Gisela Trommsdorff, Universitätsprofessorin für Entwicklungspsychologie und Kulturvergleich an der Universität Konstanz, drückt es so aus: "Bei Handlungen, die auf erlebter Handlungsfreiheit beruhen, entstehen andere psychische Prozesse als bei unwillentlich oder nur automatisch vollzogenen Handlungen. Die Frage, ob das Erlebnis der Handlungsfreiheit auf einer Illusion beruht oder nicht, ist dann irrelevant, wenn eine als frei erlebte Handlung die Überzeugung der Verantwortlichkeit und entsprechende Handlungen nach sich zieht".

Ein freier Wille existiert also unter der Voraussetzung, dass man ihn auch als frei empfindet. Wenn ich also das Bedürfnis habe, ein bestimmtes Buch zu lesen, gehe ich in die Bibliothek – welche eine Institution darstellt, um mir dieses Buch auszuleihen. Meinen Willen werde ich dann als frei empfinden, wenn die Möglichkeit besteht, meinen Handlungswunsch zu erfüllen wie in diesem Fall. Dies ist aber nur durch die Regelung möglich, ein Buch nach Ablauf eines entsprechenden Zeitraums wieder zurückzugeben. Erst diese Regelung eröffnet meinen Mitmenschen die Chance, wiederum ihre Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Willen als frei zu empfinden.

Trotz aller Thesen und Erklärungen bleibt doch offen, was mich speziell dazu befähigt, gerade das zu wollen, was ich gerade will, und nicht etwas anderes. Oder gerade dieses zu unterlassen und nicht jenes. Warum entwickeln sich Menschen so unterschiedlich – trotz ähnlicher Gene und sozialem Umfeld, wie beispielsweise Geschwister? Und wenn alles Wollen einer Ursache zuzuschreiben ist, wie kann man wirklich wissen, welche es ist?

Fragen, die keine der Disziplinen zu beantworten vermochte. So kann man davon ausgehen, dass die Willensfreiheit ein Mythos bleibt. Oder wie Schopenhauer schon sagte: „Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.”

 



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