Wer ist online?

Wir haben 1 Gast online
Wenn Zahlen Farben haben
PDF Drucken
Geschrieben von: Sinikka Lennartz   

Der Montag ist blau, die Sieben rot und Mozarts „Kleine Nachtmusik“ voller violetter Kreise – es gibt Menschen, für die ist das ganz normal. Sie sehen Zahlen oder Klänge in bestimmten Farben. Dieses Phänomen wird Synästhesie genannt und momentan eifrig erforscht.

Seit sie denken kann, sieht Mareike rot – zumindest, wenn sie an die Zahl fünf denkt. Aber nicht nur Zahlen sind für sie mit Farben verknüpft, auch Buchstaben oder bestimmte Wörter und Namen. „Mareike“ ist zum Beispiel gelb. Dass es sich dabei um das Phänomen Synästhesie handelt, fand sie erst im Biologieunterricht in der Oberstufe heraus. „Ich empfinde die Synästhesie weder als Bereicherung noch als Belästigung, sie ist halt einfach da. Ich wüsste auch gar nicht, wie es ohne sie wäre.“, sagt sie.

Im Alltagsleben bringt das Vor- und Nachteile. Das Lernen fällt leichter, weil man sich besser an Vokabeln erinnert, wenn man sich auch die dazugehörigen Farben merken kann. Allerdings hat Mareike bei Wörtern, die in der „falschen“ Farbe geschrieben sind, immer ein seltsames Gefühl: „Irgendetwas stimmt nicht“.

Untrennbar verknüpft
Synästhesie ist, kurz gesagt, die Wahrnehmung mit verknüpften Sinnen. Dabei gibt es verschiedene Formen, die jedoch eines gemeinsam haben: Bestimmte Sinnesreize werden permanent gekoppelt, sie sind also untrennbar miteinander verknüpft. Dieser zusätzliche Sinnesreiz erscheint einem Menschen ohne Synästhesie völlig absurd. Ein Wochentag hat doch keine Farbe! Für einen Synästhetiker jedoch ist das „völlig normal“, meist seit er oder sie denken kann.

 

Rote Klänge: Eine Synästhetikerin malt ihre Empfindungen bei einem Konzert mit Long Strings. Dabei spielte die Klangkünslterin Simone Heuveldop auf langen, gespannten Klaviersaiten.
Foto: C. Söffing

 

Dabei wird bei ein und demselben Synästhetiker immer gleich gekoppelt. Das bedeutet, der Zahl Drei wird zum Beispiel immer Grün zugeordnet. Allerdings findet man wohl kaum zwei Synästhetiker, die allen Zahlen die gleichen Farben zuordnen: Die Kopplung ist individuell.

Synästhesie kann mehrere Formen annehmen. Am weitesten verbreitet ist die genuine Form. Genuin bedeutet in diesem Fall, dass Sinnesreize seit der Geburt fest gekoppelt sind. Der Betroffene hat keinen Einfluss darauf, welche Wahrnehmungen wie verknüpft werden. Zu dieser Form gehören die chromatisch-graphemische Form, also das Farbensehen, sowie auch das Farbenhören. Dabei erscheint Musik vor dem inneren Auge in Farben und Formen. Grundsätzlich können aber alle denkbaren Kombinationen von Sinnesreizen gekoppelt werden.

Neben diesen Formen existiert auch die metaphorische Synästhesie. Dabei wird von einem Sinnesreiz, also zu einem Musikstück, das man hört, gleichzeitig eine starke Emotion ausgelöst. So berichtete eine Probandin in einer psychologischen Untersuchung, dass sie beim Anhören einer Beethoven-Symphonie innerlich durch einen getäfelten braunen Raum gelaufen oder geflogen sei, bis ihr schwindelig wurde. „Ich bin deshalb kein großer Konzertbesucher, weil das manchmal sehr anstrengend ist“, sagt sie.
Erwerben oder Erlernen kann man die Fähigkeit der Synästhesie nicht. Allerdings werden ähnliche Wahrnehmungen von Menschen unter Drogeneinfluss beschrieben.

Woher kommt das Phänomen?
Obwohl das Phänomen der Synästhesie der Medizin seit 300 Jahren bekannt ist, weiß man relativ wenig über die Ursachen. Grund dafür ist, dass die subjektiven Wahrnehmungen der Synästhetiker nicht als solide Forschungsgrundlage für eine durch und durch objektive Wissenschaft galten. Das hat sich geändert, und zwar vor gut 15 Jahren. Ein kleiner, unscheinbarer Fernsehbeitrag im Kulturprogramm des NDR über das Thema Synästhesie war der Auslöser. Der dort interviewte US-amerikanische Wissenschaftler Richard Cytowic verwies interessierte Zuschauer an die Medizinische Hochschule Hannover. Und die meldeten sich in großer Zahl. Sie landeten bei Hinderk Emrich, einem Neurowissenschaftler, der sich damals schon ein wenig mit Synästhesie beschäftigt hatte. Er nahm sich der Sache aber an, und nun meldeten sich immer mehr Menschen mit Synästhesie. Die meisten berichteten, dass ihnen gar nicht bewusst war, dass es sich dabei um ein besonderes Phänomen handelt. Für sie war diese Art von Wahrnehmung ganz natürlich.
Heute ist der Hannoveraner Professor Deutschlands führender Synästhesieforscher. Seine Arbeit besteht aus zwei wichtigen Teilen: Gespräche mit Menschen und medizinische Forschung. „Menschen brauchen die Chance, sich mitzuteilen. Sie werden in ihrer Subjektivität abgeholt und gestärkt. Man muss deutlich machen, dass es sich nicht um eine Krankheit handelt“, erklärt er.

Diese Idee war wohl auch der Anlass für die Gründung des „Synästhesiecafés“. Hier treffen sich Synästhetiker an der Medizinischen Hochschule Hannover und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus. Denn eines haben viele erlebt: Das Gefühl der Einsamkeit. Es schmerzt, anders zu sein als die anderen, oder gar für verrückt erklärt zu werden.

Ein Relikt aus Kindertagen?
Doch mehr und mehr rückt das Thema Synästhesie in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Synästhetiker werden nicht mehr als verrückt abgestempelt. Mittlerweile forschen mehrere Wissenschaftlergruppen an diesem Thema. Vor allem die Entstehung der Verknüpfung von Sinnesreizen im Gehirn ist eine zentrale Frage. Hierbei haben sich im Wesentlichen drei Theorien herausgebildet:
Zuerst wurde angenommen, dass alle Säuglinge Synästhetiker sind, dass also jeder Mensch im Kindesalter eine gekoppelte Wahrnehmung besitzt. Normalerweise trennt sich diese Verknüpfung im Laufe der ersten Jahre wieder auf. Diese Trennung fehlt bei Synästhetikern. „Man behält also etwas bei, das man als Kind schon hatte“, sagt Emrich.

Die zweite Vermutung beschreibt das Phänomen auf hormoneller Basis. Hormone, die als eine Art „Verdrahtungshormone“ eine normale Kopplung verschiedener Hirnareale erzeugen, werden vermehrt produziert. Durch einen Überschuss dieser Verdrahtungshormone kommt es zur Vernetzung von Sinnesreizen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. So schmeckt eben ein Wein blau, oder der Nachbar hat eine stachelige, rote Stimme.

Emrich jedoch hält an einer dritten Theorie fest. Diese besagt, dass es bei Synästhetikern zu einer Brücke zwischen zwei Gehirnarealen kommt: dem kognitiven und dem limbischen System. Das limbische System ist ein Komplex, der Gefühle und Affekte reguliert, das kognitive setzt Wahrnehmungen mit vorher Bekanntem in Verbindung. Durch eine abnorme Verschaltung dieser Systeme könnten die Sinnesreize gekoppelt werden.

„Jeder lebt in seiner eigenen Welt“
Aber Professor Emrich ist nicht nur Neurologe und Psychologe, er ist auch Philosoph. Daher interessiert ihn nicht nur der medizinische Teil der Synästhesie. Auf die Frage, was ihn denn so an Synästhesie fasziniert, antwortet er ohne Umschweife: „Es wird deutlich, dass man in unterschiedlichen Welten lebt. Jeder lebt in seiner eigenen Welt, die er für die einzig normale hält. Bei Synästhesie wird das ganz besonders deutlich. Sie ist also für die lebensweltliche Selbsterfahrung ein erkenntnisreicher Weg.“

Lebensweltliche Selbsterfahrung, jeder in seiner eigenen Welt – ein ganz schön harter Brocken für alle, die bisher glaubten, ihre Wahrnehmung wäre das „Abfilmen“ der „Wirklichkeit“. Wir setzen nun einmal meistens voraus, dass die Wirklichkeit genauso beschaffen ist, wie wir sie wahrnehmen. Viele Neurowissenschaftler gehen wie Emrich davon aus, dass wir nur das wahrnehmen, was in unser inneres Weltbild passt.

Die Wissenschaftler sprechen vom Prinzip der „Konstruktivität der Wahrnehmung“: Danach beruht Wahrnehmung immer auf dem Abgleichen eines Sinneseindrucks mit dem inneren Weltbild, das das Gehirn konstruiert und laufend aktualisiert. Alles, was in das innere Weltbild passt, wird als „wirklich“ angenommen, der Rest zensiert. Dabei wird das mitlaufende, innere Weltbild ständig überarbeitet, kontrolliert und durch interpretierte Sinnesreize verändert. Trotzdem ist das Weltbild individuell.

Synästhesie ist nur ein Beispiel für dieses individuelle, innere Weltbild. Allerdings eines, an dem es sehr deutlich wird. Viele Synästhetiker berichten von Empfindungen der Einsamkeit, weil sie nicht mit anderen Menschen über ihre Wahrnehmungen sprechen können. Jeder lebt eben in seiner eigenen Welt, die er für ganz normal hält. „Ist dein Blau auch mein Blau?“ fragt Hinderk Emrich in seinem Buch mit dem gleichnamigen Titel. In dieser Frage zeigt sich, wie wir über diese Weltbilder kommunizieren: Wir haben uns geeinigt, eine bestimmte Farbe blau zu nennen. Wie diese Farbe von jedem individuell wahrgenommen wird, bleibt weitestgehend ein Geheimnis.

 



©2008-2010 Studentenfutter

Admin: Attila Teglas || Universität Tübingen || Joomla! Template Design by funky-visions.de