Vom Wissen um die Angst Drucken E-Mail
Geschrieben von: Carmen Fischer   

Prüfungsangst ist unter Studenten weit verbreitet. Warum setzt unser Körper eine Prüfung mit einer Gefahr für Leib und Leben gleich? Welche chemischen Reaktionen laufen in unserem Organismus ab? Und was können wir tun, um mit ruhigen Nerven in die Prüfung zu gehen?

Schweißausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten, Übelkeit und Herzklopfen bestimmen den Alltag von Annika, wenn sie am Ende des Semesters auf die Prüfungen lernt. In ihrem Kopf dreht sich ein Gedankenkarussell: „Wenn ich diese Prüfung nicht bestehe, kann ich meine Zwischenprüfung nicht machen. Dann muss ich ein Semester Pause einlegen. Dann brauche ich wegen des Bachelors ein ganzes Jahr länger für mein Studium. Dann wird mein Bafög gestrichen. Ich kann neben dem Studium nicht arbeiten. Dann muss ich einen Kredit aufnehmen und starte verschuldet ins Leben.“

Der gesamte Lebensplan und das Lebensglück scheinen damit an dieser Prüfung zu hängen. An ruhiges und effizientes Arbeiten ist für Annika nicht mehr zu denken, sie leidet unter Prüfungsangst. Ein Ausbruch aus dem Angstkarussell ist schwierig – und oft nur mit fremder professioneller Hilfe möglich.

Dabei ist Annika mit ihrer Angst nicht allein: Der Mensch ist Zeit seines Lebens vielfältigen Prüfungen ausgesetzt. Die „heiße“ Prüfungszeit erlebt man in der Regel zwischen dem 16. und dem 30. Lebensjahr. In dieser Zeit reihen sich Schulabschluss, Führerschein, Ausbildungsabschluss, Prüfungen an der Universität und Bewerbungsgespräche aneinander. Unter den angehenden Akademikern bleiben nur rund zwei Drittel vollständig von der Panik verschont: Wie aus einer Studie der Universität Konstanz hervorgeht, leiden rund 36 Prozent aller angehenden Akademiker unter Prüfungsängsten. Etwa 40 Prozent von ihnen erlebt diese Ängste als „große Belastung“. Der Grat zwischen Prüfungsangst und der normalen Nervosität vor Prüfungen ist dabei oft schmal. „Wenn die Leistungsfähigkeit stark durch die Angst beeinträchtigt ist und man in der Prüfung mehr mit sich selbst als mit den fachlichen Inhalten der Prüfung beschäftigt ist, dann leidet man unter Prüfungsangst und sollte sich dieser auch stellen“, unterstreicht Andreas Witte, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut vom Studentenwerk Braunschweig.

Was ist Angst?

Angst ist ein Gefühl, das die Menschen seit jeher beschäftigt.

Angst ist ein Gefühl, das die Menschen seit jeher beschäftigt.

Bild: Adam Carr, CC-BY-SA

Prüfungsangst wird als eine Unterart der Angst betrachtet und seit den 60er-Jahren genauer wissenschaftlich untersucht. Vertreter der Verhaltenspsychologie, des Behaviorismus und Psychotherapie sind Spezialisten für die Furcht vor dem Examen.

Mit dem allgemeinen Phänomen „Angst“ beschäftigt sich der Mensch hingegen seit jeher: In der Stoa und bei den Epikureern galt Angst als ein Gefühl, dem mit Gelassenheit zu begegnen sei, um sie bekämpfen zu können. Im Christentum kann Angst durch den Glauben an Gott überwunden werden. Sigmund Freud unterschied drei Formen der Angst: die Realangst (die von objektiven Gefahren wie Krankheiten oder Kriegen ausgelöst wird), die neurotische Angst (bei der das Ich Gefahr läuft, von den Trieben des Es überwältigt zu werden) und die moralische Angst (wenn das Über-Ich dem Ich mit Strafen droht). Laut Freud stehen dabei dem Ich verschiedene Abwehrmechanismen zur Verfügung.

Psychologisch betrachtet ist Angst ein menschliches Grundgefühl. Befindet man sich in einer bedrohlichen Situation, dann wird Angst als Besorgnis oder als Erregung empfunden. Auslöser können Situationen sein, die die Gesundheit, die Selbstachtung oder das Selbstbild gefährden. „Evolutionsgeschichtlich hat die Angst eine wichtige Funktion“, sagt die Psychologin Michaela Haslinger. „Sie diente als Schutzmechanismus, der die Sinne schärft und uns in Reaktionsbereitschaft versetzt. Unsere Vorfahren leiteten in tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten ein, wie zum Beispiel Flucht.“

Die Energiekosten einer Flucht sind gering: Es werden nur wenige hundert Kilokalorien dazu benötigt. Die Kosten einer übersehenen Bedrohung können dagegen sehr hoch sein, im schlimmsten Fall droht der Tod. Darum ist die „Alarmanlage“ Angst sehr empfindlich eingestellt. Die Folge: Es kommt leicht zu einem Fehlalarm, was wir bis heute spüren können.

„Der Mensch hat sich zwar im Laufe der Jahrtausende weiterentwickelt, dennoch kann man davon ausgehen, dass wir eine genetische Prädisposition zum Erlernen von Angst gegenüber Reizen mitbringen, die in der evolutionären Vergangenheit Angst signalisiert haben“, erklärt Haslinger. „Einfacher gesagt bedeutet das, dass wir nicht automatisch vor bestimmten Dingen Angst haben. Wir neigen aber dazu, eine Angst vor bestimmten Situationen oder Objekten zu erwerben, wenn wir sie bei anderen beobachten“. Waren es in der evolutionären Frühgeschichte Schlangen und andere lebensbedrohliche Naturerscheinungen, die die Vorfahren in die Flucht schlugen, so lassen wir uns heute vielleicht von nervösen Kommilitonen vor Prüfungen verunsichern.

Was geschieht im Körper?

Angst- hier chemisch betrachtet mit ihren Bestandteilen Noradrenalin und Andrenalin

Angst - hier chemisch betrachtet mit ihren Bestandteilen Noradrenalin und Andrenalin.

Bild: Wikimedia Commons

Im Körper laufen dabei zwei Reaktionsketten ab: Einerseits reagiert der Hypothalamus auf stress- und angstauslösende Situationen mit der Ausschüttung von CRH (Corticotropin- Releasinghormon). Dieses Hormon stimuliert die Hypophyse zur Ausschüttung von ACTH (Adrenocorticotropes Hormon). ACTH wiederum regt die Nebennierenrinde zur Ausschüttung von Glukokortikoiden an. Die bekanntesten Glukokortikoide sind Kortisol und Kortison. Diese wirken regulierend auf den Fett-, Kohlenhydrat- und Eiweißstoffwechsel. In der zweiten Reaktionskette wird das Nebennierenmark aktiviert, welches dann innerhalb von Sekunden eine Mischung von 80 Prozent Adrenalin und 20 Prozent Noradrenalin ausschüttet.

Diese Hormone fördern kurzfristig die Energiebereitstellung. So werden unter anderem die Herztätigkeit beschleunigt, der Blutdruck erhöht, Glukose freigesetzt und die Muskulatur stärker durchblutet. Normalerweise werden Adrenalin und Noradrenalin fortlaufend in kleinen Mengen in das Blut abgegeben. In Stress- und Angstsituationen allerdings kommt es zu einer hoch dosierten Ausschüttung. Die wichtigste Aufgabe der freigesetzten Hormone Adrenalin und Noradrenalin besteht darin, gespeicherte chemische Energie wie Fett oder Glykogen zu mobilisieren und die Glukoseaufnahme in die Körperzellen zu unterstützen, um der vermehrten Muskeltätigkeit ausreichend Energie zur Verfügung zu stellen.

Denkvorgänge werden hingegen unterdrückt oder blockiert. So kann es in Prüfungssituationen zu einem „Wissensloch“ kommen, bei dem auch sicheres Wissen plötzlich wie weggeblasen ist. Wer jedoch unter Prüfungsangst leidet, erlebt diesen chemischen Vorgang nicht nur während des Examens, sondern bereits Wochen vorher, was das gezielte Vorbereiten unmöglich macht.

Woher kommt die Prüfungsangst?

Angst- ein Kopfkino

Angst - ein Kopfkino.

Bild: Copyright ©2006, Peter Schmutz

„Die meisten Menschen, die unter Prüfungsangst leiden, sind noch nie in ihrem Leben durch eine Prüfung gefallen“, betont Andreas Witte. Es sind also nicht die unmittelbar erworbenen Erfahrungen mit Prüfungen, die zur Angst führen oder von ihr befreien können.

Die Prüfungsangst bezieht sich auf ganz spezifische Aspekte einer Prüfung, vor allem die anstehende Bewertung der eigenen Person. Man muss eine Leistung präsentieren, schriftlich oder mündlich, bei deren Bewertung der Prüfling Gefahr läuft, schlecht abzuschneiden. Dies führt zu konkreten negativen Konsequenzen. Wie in Annikas Gedankenkarussell, das von einer nicht bestandenen Prüfung ausgeht und bei einem Leben in Schulden endet. Aber auch wenn das Ergebnis der Prüfung zum Bestehen vollkommen ausreicht: Bei manchen Studierenden löst bereits eine mittelmäßige Note Versagensgefühle aus.

„Gerade sehr ehrgeizige Studenten, die von sich selbst sehr viel in der Prüfung erwarten, leiden unter Prüfungsängsten“, stellt Dr. Helga Knigge-Illner fest, psychologische Beraterin an der Freien Universität Berlin. Andreas Witte bestätigt das. „Gedanken machen Gefühle“, sagt er. „Und gerade prüfungsängstliche Menschen begleiten sich in Gedanken kritisch-destruktiv, anstatt sich zu unterstützen.“ Damit fabrizieren wir die Prüfungsangst in gewissem Maße selbst in unserem Kopf.

Untersuchungen haben kürzlich gezeigt, dass auch der elterliche Erziehungsstil Einfluss auf das Ausmaß von Leistungsangst hat: Strenge, Strafen und Verbote wirken angststeigernd bei den Kindern. Bedrohlich ist es für Kinder, wenn Eltern ihre Zuwendung und Liebe von der erbrachten Leistung abhängig machen. Kinder lernen und verinnerlichen: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste“ und übertragen die Erfahrung später auf die Prüfungssituation.

Auch Helga Knigge-Illner ist der Meinung, dass Prüfungen geradezu prädestiniert sind, um sich als ganze Person einer Bewertung ausgeliefert zu fühlen. So steht in jeder Prüfung nicht nur ein Ausschnitt aus dem Wissen des Prüflings auf dem Prüfstand, sondern unter Umständen viel mehr. Bei Abschlussprüfungen an der Universität wird darüber entschieden, ob der Prüfling in die „scientific community“ bzw. die Gemeinschaft der Werktätigen aufgenommen wird oder ob er wieder zurück an die Uni muss.

Trotz allem hat Prüfungsangst auch positive Funktionen, wie Knigge-Illner betont: „Angst bedeutet Mobilisierung. Sie stellt Energien bereit, versetzt einen in Kampfbereitschaft, mit der man den Gegner in Angriff nehmen kann. Also in unserem Fall die Prüfung.“ Das ausgeschüttete Adrenalin beflügelt den Prüfling regelrecht.

Wie kann man die Angst zähmen?

Schon alleine mit dem Wissen, dass Gedanken und Bewertungen Gefühle machen, ist man in Sachen Prüfungsangst schon einen großen Schritt weiter. „Man sollte die Prüfung rational analysieren: Wo stehe ich? Was kann ich? Wo will ich hin?“, betont Knigge-Illner. Gutes Zeitmanagement ist dabei das A und O. Denn wenn man schwarz auf weiß vor sich liegen hat, wie viel man bereits gelernt hat, dann fühlt man sich bestätigt und wird ruhiger.

So wie die Angst im Kopf entsteht, so muss sie auch dort bekämpft werden. „Natürlich gibt es auch medikamentöse Behandlungen, aber diese führen nur kurzfristig zu einer Reduktion des Spannungs- und Angstzustandes. Durch eine rein medikamentöse Therapie ist es nicht möglich, einen nicht-somatischen Auslöser zu bearbeiten“, sagt Michaela Haslinger. Vor der Prüfung und insbesondere in der Vorbereitungszeit helfen deshalb auch Entspannungsübungen wie Yoga oder Autogenes Training oder die gute alte Bauchatmung, den Körper und damit auch die Nerven zu entspannen.

Prüfungsanforderungen, insbesondere mündliche Prüfungen, werden häufig überschätzt, die eigenen Einflussmöglichkeiten werden dagegen unterschätzt. Wenn alte Konflikte und Gefühle, die aus den Erfahrungen mit den elterlichen Autoritäten stammen, auf Prüfer und Prüfungssituation übertragen werden, führt dies meist zu einer irrationalen Überzeichnung und Dramatisierung des vorweggenommenen Geschehens. Deshalb empfiehlt Knigge-Illner, „sich in der Prüfung und schon bei der Vorbereitung alleine von der Ratio leiten zu lassen.“

Was ist zu tun, wenn man nicht selbst unter Prüfungsangst leidet, aber ein Kommilitone davon betroffen ist? Andreas Witte rät, dessen Prüfungsangst nicht zu ignorieren oder als „Nervosität“ abzutun, sondern aktiv auf die Probleme einzugehen. Man kann zur Vorbereitung auf die Prüfungssituation zum Beispiel Rollenspiele mit ihm machen, in denen man direkt auf Defizite hinweist oder den Freund lobt, wenn er etwas sehr gut beherrscht. Besser noch, so Witte, ist professionelle Hilfe: Bei einem Gespräch in der psychologischen Beratungsstelle besteht im Normalfall keine persönliche Beziehung zwischen den beiden Gesprächspartnern, auf die Rücksicht genommen werden muss.

Prüfungsängstliche Personen wie Annika können sich auch die Worte des italienischen Schriftstellers Alberto Moravia zu Herzen nehmen: „Der Unwissende hat Mut, der Wissende hat Angst.“ Mit diesem Wissen um die Angst und das eigene Wissen kann man getrost in die Prüfung gehen.

 

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