Wiederentdeckt: „Atoms in the Family“ – „Mein Mann und das Atom“ Drucken E-Mail
Geschrieben von: Laura Hennemann   

English version

Laura Fermi schreibt über Atomforschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und hat uns heute noch so einiges zu sagen.

Zeichnung eines Ofens auf der ersten Seite von „Atoms in the Family“

Ein Ofen, auf dem Chemikalien köcheln: Fröhliche Begrüßungszeichnung in der Erstausgabe von „Atoms in the Family“.

Bild mit freundlicher Genehmigung der University of Chicago Press.

Wenn man Glück hat, findet man in einem Antiquariat oder im Internet als Gebraucht-Kauf ein graues Buch mit goldenen Lettern aus dem Jahr 1954. „Atoms in the Family“ liest man auf dieser amerikanischen Erstausgabe. Schlägt man das Buch auf, trifft man als Erstes auf eine Zeichnung im typischen Stil der 1950er-Jahre: ein Ofen, auf dem Chemikalien köcheln; ein Besen lehnt daran und Elektronen umschwirren Atomkerne. „Atoms in the Family – My Life with Enrico Fermi – by Laura Fermi“ steht daneben. Auf den nächsten Seiten liest man die Lebensgeschichte von Enrico Fermi, dem Physiker, Atomforscher, Nobelpreisträger und Mitentwickler der Atombombe. Geschrieben von seiner Frau, weshalb es dann doch zum Teil auch wieder ein Familienepos ist.

Die Geschichte beginnt 1924 in Rom mit der ersten Begegnung von Laura Capon, Studentin der allgemeinen Naturwissenschaften, und Enrico Fermi. Der Physiker kommt zumindest von der äußeren Erscheinung nicht allzu gut dabei weg: „ein junger, nicht sehr großer Mann, der mir durch vorgeneigte Schultern und einen vorgestreckten Hals auffiel. (…) Er gab mir die Hand mit einem freundlichen Grinsen; man konnte es nur ein Grinsen nennen, denn seine Lippen waren ausgesprochen dünn und unfleischig, und zwischen seinen oberen Zähnen hatte sich ein Milchzahn erhalten, der durch seine Kleinheit erst recht auffiel. Aber seine Augen waren heiter und belustigt; sie standen dicht beieinander und ließen nur für eine schmale Nase Raum.“

Nichtsdestotrotz wird dieser Mann dem Leser bald sympathisch – wie könnte es auch anders sein, schließlich verliebt sich die Autorin in ihn. Auch sie selbst erhält im Laufe des Buches Substanz, ist mehr als eine Statistin, mehr als nur liebende und sorgende Ehefrau. Unter anderem ist sie eine wunderbare Autorin, die die englische Sprache aufs Erfreulichste ausschöpft; die deutsche Übersetzung „Mein Mann und das Atom“ bleibt in dieser Hinsicht leider hinter dem Original zurück. Laura Fermi begegnet uns als eine liebenswerte, gleichzeitig energische Frau mit eigenem Witz und Charme. Im Schlusswort schreibt sie, wie ein Freund ihr die Idee nahebrachte, die Biographie ihres Mannes zu schreiben, und wie ihre erste Antwort war: „Unmöglich! Ich koche für ihn und bügle seine Hemden. So wichtig kann ich ihn nicht nehmen.“

Der Papst und die Wettrennen

Mit einem wunderbaren Sinn für Details breitet Laura Fermi das Leben ihres Mannes vor uns aus. Zunächst lesen wir viel über seine Forschung in Rom. Über den Spaß und den Eifer, mit dem der noch junge Wissenschaftler Fermi und seine Kollegen bei der Sache sind, wie unter anderem diese Episode illustriert: Im Jahr 1934 betritt ein spanischer Professor im schwarzen Anzug das Physikgebäude der Universität Rom. Er bittet darum, Fermi sprechen zu dürfen, und wird in den ersten Stock geschickt mit den Worten: „Der Papst ist oben.“ Die Verwunderung des Spaniers verstärkt sich, als dort zwei Männer in schmutzigen Arbeitskitteln an ihm vorbeirennen. Er wandert umher, bis die Männer ein zweites Mal denselben Gang entlang rasen. Der eine ist Fermi, der dem Besucher nur zuruft: „Kommen Sie mit!“ Die Besprechung der beiden findet daraufhin vor einem Geigerzähler statt, während Fermi Messwerte auf Papier kritzelt.

Fermi in vollem Einsatz. Tatsächlich geht es in dieser Anekdote um jene Experimente, die Fermi vier Jahre später den Nobelpreis einbringen sollten: die Erzeugung radioaktiver Produkte durch die Bestrahlung primärer Elemente mit Neutronen. Da der Geigerzähler, der die Radioaktivität der Sekundärelemente feststellte, weit genug von der Neutronenquelle entfernt sein musste, befand er sich am anderen Ende des Instituts. Andererseits hatten die erzeugten Elemente manchmal nur eine Lebensdauer von wenigen Minuten, daher mussten die Substanzen mit größter Eile zum Zähler gebracht werden. Fermi und sein Kollege Edoardo Amaldi „brüsteten sich, die schnellsten Läufer zu sein, und so war es gewöhnlich ihre Aufgabe, kurzlebige Substanzen vom einen Ende des Korridors zum anderen zu befördern. Sie machten jedes Mal ein Wettrennen daraus, und Enrico behauptete, schneller zu sein als Amaldi; allerdings gestand er es ja nie gerne ein, falls er verlor.“

Ein Nobelpreis und die Flucht

Leider folgen bald schon schwerere Zeiten: Mussolini ist dabei, seine Diktatur zu etablieren, und Laura Fermi ist Jüdin. Da erreicht im November 1938 die Familie ein Anruf aus Stockholm: Fermi soll den Nobelpreis erhalten. Das Jahr markiert den Übergang zwischen den beiden Teilen der Fermi-Biographie: „Teil I: Italien“ und „Teil II: Amerika“. Denn diesen Nobelpreis nehmen die Fermis zum Anlass, Italien heimlich und für immer zu verlassen. Mit Herzklopfen verfolgt der Leser die Reise des Ehepaars Fermi und seiner beiden Kinder Nella und Giulio von Rom nach Stockholm über mehrere Grenzen hinweg; zittert mit, wenn Zollbeamte die Pässe viel zu lange betrachten, bevor sie die Papiere dann doch wieder aushändigen.

Die Fermis auf der Überfahrt nach Amerika

Der Nobelpreis als Fluchthilfe: Die Familie Fermi auf dem Schiff nach Amerika.

Bild mit freundlicher Genehmigung der Fakultät für Physik, La Sapienza Universität von Rom.

In Amerika, genauer an der Universität von Chicago, startet Fermi mit einer Gruppe Kernphysiker bald ein hochgeheimes Projekt: den Bau einer Anlage, in der eine sich selbst erhaltende Kernspaltung ablaufen soll – den Bau eines ersten Atomreaktors also. Fermi hat aus Rom Erfahrungen über das Abbremsen von Neutronen mitgebracht: Graphit wird den Wissenschaftlern als Kernspaltungsmoderator dienen. Mehrere Monate und unzählige Graphitblöcke später ist das Labor, das lediglich ein umfunktionierter Squash-Raum ist, komplett schwarz. „Graphitstaub bedeckte den Boden mit einer glänzend schwarzen Schicht und machte ihn schlüpfrig wie eine Tanzfläche. Schwarze Gestalten schlitterten darüber hin, Leute in Overalls und mit Schutzbrillen, die ständig unter einer Schicht schwarzen Staubes steckten.“ Doch die Mühen lohnen sich, denn im Jahr 1942 wird unter Fermis Anleitung der erste Atomreaktor, der Chicago Pile 1, erfolgreich gestartet. Er läuft nur etwa eine halbe Stunde und produziert nur wenig Wärme. Jedoch: Das Prinzip ist bewiesen – und das Interesse des Militärs geweckt.

Die Bombe und die Papierschnipsel

Die Familie Fermi zieht nach Los Alamos, eine Stadt, die in der Wüste New Mexicos eigens dafür gebaut wurde, die Atombombe zu entwickeln. Das sogenannte Manhattan-Projekt ist in vollem Gange, und Fermi ist führend dabei. Im Juli 1945 wird die erste Atombomben-Testexplosion in der Nähe von Los Alamos durchgeführt. Fermi selbst beschäftigt in diesem Moment ein ganz privates kleines Experiment: Mit seinen Kollegen in sicherer Entfernung stehend, lässt er kleine Papierstückchen zu Boden fallen. Als die Druckwelle der Explosion ihn erreicht, werden die Stückchen mitgetragen, bevor sie zu Boden sinken. „Enrico maß die Entfernung in Schritten und vermochte auf diese Weise die Stärke der Explosion zu berechnen. Seine Zahlen entsprachen jenen der Präzisionsinstrumente und der exakten Berechnungen.“ Mit schnellen, simplen Abschätzungen anstelle komplexer Messungen verblüffte Fermi gerne seine Kollegen – es ist eine der Begabungen, für die er noch heute bewundert wird.

Laura Fermis Buch schließt mit aktuellen Themen der 1950er-Jahre: dem Kalten Krieg und einer kritischen Auseinandersetzung mit den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki. Gerade weil es aus heutiger Warte so leicht ist, die Verantwortung der Atom-Forscher anzumahnen, sollte man sich einmal in ihre Lage hineinversetzen. Auch dafür bietet dieses Buch hervorragendes, spannendes Material.

Schlägt man schließlich nach dieser Lektüre „Atoms in the Family“ zu, hat man nicht nur eine kurzweilige und doch höchst informative Biographie von Enrico Fermi gelesen. Man wird ein historisches Fundstück ins Bücherregal zurückstellen. Die Erstausgabe ist in Fermis Todesjahr 1954 erschienen – in der University of Chicago Press, also dort, wo mit dem Chicago Pile 1 das Atomzeitalter seinen Anfang nahm.

Das Ende der Atomkraftnutzung ist noch ungewiss, die Technologie nach wie vor höchst umstritten. Gerade deshalb ist es ein Glücksfall, dass Laura Fermi uns mit auf Spurensuche nimmt, uns diese Anfänge nicht nur verstehen, sondern miterleben lässt. Es ist ein Glücksfall, dass sie es sich doch noch anders überlegt und sich entschlossen hat, ihren Gatten gerade eben ernst genug zu nehmen, um dieses Buch zu schreiben.

Das Leben der Fermis in Bildern

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Das Buch

„Atoms in the Family“ erschien 1954 in der University of Chicago Press. Schon 1956 wurde die deutsche Übersetzung „Mein Mann und das Atom“ im Eugen Diederichs Verlag gedruckt. In Antiquariaten findet man diese beiden Erstausgaben noch, neu dagegen ist nur die englische Version zu erhalten: als Taschenbuch von 1995 weiterhin bei der University of Chicago Press.

 

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