Wo sind die Universalgenies von heute? Drucken E-Mail
Geschrieben von: Maren Emmerich   

Leonardo da Vinci, Gottfried Wilhelm Leibniz oder auch Sigmund Freud – das sind Namen, die in den Sinn kommen, wenn man an Universalgenies denkt. Ist diese Spezies von Superhirnen ausgestorben?

Er erschuf nicht nur Meisterwerke wie die Mona Lisa oder das letzte Abendmahl, sondern entdeckte auch die Verkalkung der Gefäße bei alten Menschen (Arteriosklerose). Er konstruierte den ersten Wasserzähler, fertigte Skizzen für Segelflieger an und erkannte, dass die runde Form von Wassertropfen durch deren Oberflächenspannung zustande kommt: Leonardo da Vinci (1452-1519) gilt als Inbegriff des Universalgenies schlechthin.

Universalgenies – brauchen wir Menschen mit so vielseitigen Begabungen wie Leonardo nicht dringend an den Schalthebeln der Macht, um die komplexen Probleme unserer globalisierten Welt zu lösen? Aber gibt es heutzutage überhaupt noch Universalgenies? Und wenn ja, wo sind sie zu finden?

Lexika definieren „Genies“ als Personen mit überdurchschnittlicher Kreativität, die ihre Ideen mit Nachdruck verfolgen und deren Leistungen eine nachhaltige Wirkung in der Gesellschaft entfalten. Dabei kann es sich um die Wissenschaft handeln, wie es bei Albert Einstein der Fall war, aber es darf auch die Kunst sein wie bei Vincent van Gogh, oder der Sport, für den Boris Becker als Beispiel dienen soll.

Universalgenies brillieren nicht nur in einem einzelnen Bereich, sondern sind in mehreren, voneinander unabhängigen Gebieten außergewöhnlich erfolgreich. Eines der frühesten Universalgenies dürfte der Philosoph Aristoteles (384-322 v.Chr.) gewesen sein, der gleichzeitig als erster Naturwissenschaftler gilt und dessen Theorien von der Metaphysik über Ethik und Politik bis hin zur Dichtung viele Wissensbereiche maßgeblich beeinflussten.

In diese Kategorie fällt ebenso Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der neben seinem dichterischen Schaffen auch naturwissenschaftlich-anatomisch arbeitete und ein Konzept zur Farbenlehre entwarf. Obwohl er einige Jahrzehnte vor Goethe lebte, wird der Philosoph, Mathematiker, Diplomat, Paläontologe und Doktor des Kirchen- und weltlichen Rechts Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) vielfach als letztes Universalgenie überhaupt bezeichnet. Wie rechtfertigt sich diese Behauptung? Gibt es in unserer modernen Welt keinen Platz mehr für die Multitalente, die man auch „Polyhistor“ (von griechisch „Vielwisser“) nennt?

Intelligenz genügt nicht

Falls es moderne Universalgenies denn doch gibt, könnte man erwarten, sie beim Hochbegabtenverein Mensa zu finden. Eintrittskriterium für diesen Verein ist, dass man beim Intelligenztest mindestens 130 Punkte erreicht, was nur zwei Prozent der Bevölkerung gelingt. Eine hohe Intelligenz ist jedoch keineswegs ein Garant für Erfolg oder gar „eine nachhaltige Wirkung in der Gesellschaft“. Denn dies würde verlangen, dass man seine Talente auch ausnutzt. „Auch Mensa-Mitglieder stellen sich die Frage, ob sie sich überhaupt dem hohen Leistungsdruck aussetzen und ihr gesamtes Potenzial entfalten wollen“, sagt Christine Warlies, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins. Die Tatsache, dass die intelligentesten Menschen nicht unbedingt die erfolgreichsten sind, erklärt sie folgendermaßen: „Wir leben heute in einer Informationsgesellschaft, in der zusätzliche Talente gefragt sind. Für beruflichen Erfolg ist zum Beispiel das erfolgreiche Knüpfen von Netzwerken oft genauso wichtig wie Brillanz auf einem Fachgebiet. Weiter sind hier Erfolgsstreben und Konkurrenzdenken gefragt. Hochbegabung ist somit nur einer von vielen Faktoren, die Erfolg in einem oder mehreren Gebieten begünstigen.“

Dass dies schon von klein auf gilt, zeigte der Marburger Psychologe Detlef Rost: Er verglich bei Schülern aus neunten Klassen verschiedener Gymnasien die Gruppe der 2 Prozent intelligentesten Schüler mit der Gruppe derjenigen, die in der Schule die besten Noten erzielten. Das Ergebnis enthüllte, dass die beiden Gruppen keineswegs identisch waren. Die Schüler mit den besten Noten lagen mit einem Durchschnitts-IQ von 117 zwar über dem Gesamtdurchschnitt, aber deutlich unter dem Wert von 130 und damit dem Kriterium für Hochbegabung. Umgekehrt erbrachten viele Hochbegabte nur durchschnittliche – und 15 Prozent von ihnen sogar eher schlechte Schulleistungen.

Hochbegabte Kinder bei der Entfaltung ihrer Talente zu unterstützen, ist das Ziel von Hochbegabtengymnasien, die im Zuge des gesellschaftspolitischen Mentalitätswandels zum Thema Elitenförderung in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland vermehrt gegründet wurden. Auch auf diesen Gymnasien entpuppen sich nur wenige Schüler als Überflieger in allen Fächern, und wie in anderen Schulen gibt es unter den Hochbegabten sowohl Jugendliche mit mehr als auch solche mit weniger Ehrgeiz. „Gemeinsam ist den Abiturienten unseres Hochbegabtengymnasiums, dass sie alle studieren wollen, viele an renommierten Hochschulen im Ausland“, erzählt Christina Schleuer, Leiterin des Kompetenzzentrums für Hochbegabtenförderung in Schwäbisch Gmünd. Angst vor dem Leistungsdruck, dem sie dort ausgesetzt sind, zeigen sie kaum. „Die Schüler bringen schon von sich heraus sehr viel Einsatz und wählen zahlreiche Zusatzangebote“. Als Genies sieht die Pädagogin dennoch höchstens einzelne ihrer Schüler. „Die Entwicklung von Universalgelehrten wird wegen des zunehmenden Weltwissens immer schwieriger“, meint sie und fügt im Einklang mit Christine Warlies hinzu: „Heute sind eher Medien- und Informationsverarbeitungskompetenz gesucht.“

„Wer weiß, vielleicht sprechen wir in 100 Jahren beispielsweise von Bill Gates als Genie“, spekuliert die stellvertretende Mensa-Vorsitzende. „Leistungen brauchen ja auch Zeit, um ihre Wirkung in der Gesellschaft zu entfalten, was eine Voraussetzung dafür ist, dass wir sie als genial bezeichnen können.“

Kreativität braucht Vielfalt

Unabhängig von dieser Definitionsfrage gibt es auch in unserer heutigen Gesellschaft Menschen mit vielen Begabungen, die auf unterschiedlichen Gebieten sehr erfolgreich sind. Ein Beispiel hierfür ist Tanja Gabriele Baudson, die mit Romanistik und Psychologie nicht nur zwei Studiengänge in insgesamt drei Ländern absolviert hat, sondern auch zertifizierte Tauchlehrerin und Übersetzerin ist. Mittlerweile promoviert sie zum Thema Hochbegabung und sieht durchaus einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Erfolg: „Intelligenz für sich genommen hängt von allen psychologischen Merkmalen am stärksten mit schulischen und universitären Abschlussnoten, beruflichem Erfolg und dem Einkommen zusammen.“

Allerdings fügt sie hinzu, dass gerade im Studium Zielstrebigkeit und Schnelligkeit hinzukommen müssen, um nach heutigen Maßstäben in der westlichen Gesellschaft erfolgreich zu sein. Ein Turbostudium verträgt sich aber nicht sonderlich gut mit dem konservativen Ideal einer umfassenden Allgemeinbildung, was Tanja Gabriele Baudson persönlich sehr schade findet, „da vielfältiges Wissen ja gerade für kreatives Problemlösen eine ganz zentrale Voraussetzung ist – und komplexe Probleme, die sich eben nicht allein mit einseitigem Fachwissen und Methodenkompetenzen lösen lassen, gibt es in unserer Gesellschaft ja wahrhaftig genug.“

Der amerikanische Psychologe Robert Sternberg hingegen sieht die Fähigkeit des kreativen Denkens per se als einen von drei Faktoren für den Erfolg im Leben. Diesen Zusammenhang umschreibt er in seinem gleichnamigen Buch mit dem Begriff „Erfolgsintelligenz“. Ihm zufolge ist Erfolgsintelligenz am wirkungsvollsten, wenn analytische, kreative und praktische Intelligenz in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Er beklagt, dass viele Tests, die erfolgreichen Bewerbern Tür und Tor zu hochkarätigen Unis und Jobs öffnen, alleine analytische Fähigkeiten abfragen. Dadurch versperre man vor allem in den USA Menschen mit herausragender Kreativität oder brillantem praktischen Sachverstand, aber durchschnittlichem IQ viele Karrieremöglichkeiten. Auch zahlreichen Forschungseinrichtungen und Firmen versäumten es, die wertvollen Potentiale dieser Menschen zu nutzen. Sternberg warnt demnach davor, der mit den üblichen IQ-Tests gemessenen analytischen Intelligenz übermäßig viel Bedeutung beizumessen, denn: „Leute mit den höchsten IQ-Werten sind nicht die großen Stars“.

Übung macht den Meister

Wenn der IQ also nicht die entscheidende Rolle spielt – was ist es dann, das die Genies von früher und heute ausmacht? „Genialität ist lernbar“, behauptet Focus-Redakteur Werner Siefer in seinem 2009 erschienen Buch „Das Genie in mir“. Er illustriert anhand zahlreicher Beispiele, dass ohne mindestens 10.000 Übungsstunden noch kein Meister seines Fachs zu Glanz gekommen ist.

Auf diese Weise relativiert er selbst so außergewöhnliche Leistungen wie die eines Wolfgang Amadeus Mozart, der, beginnend im Alter von drei Jahren, jeden Tag drei Stunden lang am Klavier übte und so bei seiner ersten Europareise im Alter von sechs Jahren bereits 3500 Übungsstunden hinter sich hatte. Nach einem solchen Pensum erreichen auch heutige Instrumentalisten das Niveau eines guten Amateurs. Im ausgehenden 18. Jahrhundert war es jedoch eine absolute Ausnahme, dass ein Kind so viel Training hinter sich hatte, und umso mehr muss der Junge die Menschen damals beeindruckt haben. Sein erstes Musikstück, das auch heute noch als Meisterwerk gilt, das Klavierkonzert Nr. 9, komponierte Mozart erst nach erheblich längerer Lernzeit im Alter von 21 Jahren.

Steckt also in jedem von uns das Potenzial zur Genialität, wenn wir nur intensiv genug üben? Siefers Antwort darauf ist ein eingeschränktes Ja: „Neugier, tiefes Interesse und vor allem eiserne Ausdauer sind entscheidende Voraussetzungen für große Leistungen.“ Hiermit beruft er sich auf einen der größten Erfinder der Geschichte, Thomas Alva Edison (1847-1931) der gesagt haben soll: „Genialität besteht zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99% aus Transpiration“. Dennoch wäre es zweifellos übertrieben, alle fleißig Übenden als Genies oder gar Universalgenies zu bezeichnen, falls sich deren Arbeitseifer auf mehrere Gebiete erstreckt.

Francis Galton (1822-1911), ein Cousin Charles Darwins, interessierte sich für die Frage, ob „Nature or Nurture“, also Talent oder geeignetes Umfeld, der entscheidendere Faktor zur Entfaltung eines Genies ist. Der Statistiker Galton schätzte die Häufigkeit von Genies wie folgt ein: „Im Durchschnitt ist eine Person unter 4000 herausragend und ein Mensch unter einer Million ein erlauchter Denker.“

Was sagt die Statistik?

Stimmt diese Rechnung, so müssten momentan etwa 6800 erlauchte Denker unseren Planeten bevölkern. Vielleicht verdienen einige von Ihnen das Prädikat „Universalgenie“? Weitet man seine Suche auf das gesamte 20. Jahrhundert aus, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass geniale Leistungen per definitionem ihre Wirkung in der Gesellschaft entfaltet haben müssen, stellt man fest, dass die meisten Genies wie Einstein, Picasso oder Gandhi zwar in ihrem spezifischen Metier brillierten, auf anderen Gebieten aber eher mittelmäßiges Talent aufwiesen.

Eine Ausnahme bildet hier Sigmund Freud (1856-1939), der schon als Jugendlicher sehr wissbegierig war und seit frühesten Zeiten überzeugt schien, „dass er Außerordentliches vollbringen werde. Ungewiss war lediglich, auf welchem Gebiet er sich hervortun würde – dass er dazu imstande war, stand außer Frage.“ So beschreibt Genieforscher Howard Gardner den Begründer der Psychoanalyse, der zunächst Medizin studierte und sich durch die Entdeckung einer neuen Färbemethode neurologischer Schnitte mit Goldchlorid als Neurologe einen Namen machte. Eine umfassende Bildung besaß Freud auch in den Bereichen Literatur, Kunst und Philosophie. Hätte er in einer früheren Zeit gelebt, in der man schon mit weniger Einsatz und Fachwissen auf einem Gebiet im Vergleich zur Gesamtbevölkerung zum Experten werden konnte, so könnte man sich gut vorstellen, dass Freud auch auf anderen Domänen Herausragendes vollbracht hätte.

Ein weiterer Anwärter auf die Bezeichnung „modernes Universalgenie“ ist der amerikanische Linguistikprofessor Noam Chomsky (*1928), der nicht nur sieben Sprachen fließend beherrscht und durch seine Analyse der Logik, die der von ihm beschriebenen universellen Grammatik zugrunde liegt, die Sprachwissenschaft mit der Mathematik verknüpfte. Mit seiner wissenschaftlichen Arbeit verschaffte er sich auch im Fach Psychologie Gehör. Gleichzeitig gewann er, beginnend mit seinen öffentlichen Äußerungen gegen den Vietnamkrieg, auf der Ebene der Politik so viel Einfluss, dass er mittlerweile zu den wichtigsten Kritikern der US-Außenpolitik der Nachkriegsgeschichte zählt.

Leonardo als Vorbild?

Leonardo da Vinci (Selbstporträt)

Leonardo da Vinci - hier ein Selbstbildnis aus dem Jahre 1512 - gilt als Inbegriff des Universalgenies schlechthin.

Bild: gemeinfrei, Wikimedia Commons

Und Leonardo? Was wäre wohl aus ihm geworden, wäre er 500 Jahre später geboren? „Definitiv eine Orientierungsgröße, die die Menschheit und ihre Geschichte in Frage stellt. Man könnte ihn sich aber auch als Top-Wissenschaftler auf einem spezifischen Fachgebiet vorstellen“, meint Horst Langer. Der Professor für Mathematik und Technik an der Fachhochschule Bielefeld hat mit seinen Studenten im Fach Produktentwicklung eine Ausstellung organisiert, bei der die ingenieurwissenschaftlichen Leistungen des Universalgenies im Mittelpunkt stehen. Hierfür haben die Jungingenieure sogar einige der Konstruktionen, für die Leonardo detaillierte Skizzen angefertigt hatte, nachgebaut. Die Resultate lassen an der Professionalität des Altmeisters keinen Zweifel, denn die Geräte funktionieren alle, vom Schneckengetriebe bis zur Feilenhaumaschine.

„Das eigentlich Besondere an Leonardo waren seine für die damalige Zeit ungewöhnliche Denkweise sowie seine Angewohnheit, alles penibel genau zu dokumentieren“, so Langer. „Zu seiner Zeit gab es kein Fachgebiet, auf dem er nicht überragte.“ Sei dies damals durch eine so herausragende Person wie da Vinci gerade noch erreichbar gewesen, so mache die ungeheure Breite der einzelnen Disziplinen mittlerweile Vergleichbares unmöglich. Deswegen ist Langer sich sicher, dass es Universalgenies im Sinne Leonardos heute keine mehr gibt. „Aber da Vinci war in Anbetracht der Fachgebiete, die er beherrschte, sowieso einzigartig in der gesamten Menschheitsgeschichte“. Vielleicht dürfen wir die Messlatte also ein wenig tiefer hängen.

Auch wenn es in unserer heutigen Zeit schwieriger geworden ist, Menschen zu finden, welche die schillernde Bezeichnung „Universalgenie“ verdienen – von der Erde verschwunden sind erfolgreiche Multitalente glücklicherweise noch nicht. Oder, um es mit den Worten von Christine Warlies auszudrücken: „Es gibt auch heutzutage viele Leute mit Visionen, was als Voraussetzung für geniale Errungenschaften dienen kann.“ Bleibt zu hoffen, dass die Visionäre von heute auch ein geeignetes Umfeld finden, welches sie dabei unterstützt, ihre Genialität in ihrer gesamten Vielfalt auszuleben. Vielleicht können sie dann wirklich einen Beitrag zur Lösung der dringendsten Probleme unseres Planeten leisten.

 

©2008-2010 Studentenfutter

Admin: Attila Teglas || Universität Tübingen || Joomla! Template Design by funky-visions.de