Vom Fisch, der aus der Flasche kam Drucken E-Mail
Geschrieben von: Laura Hennemann   

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Der Nordpazifik hat sich in den letzten Jahrzehnten von einem friedlichen blauen Ozean in eine riesige Plastikmüllhalde verwandelt. Sechzig mal mehr Plastikpartikel als Plankton findet man dort zum Teil. Wo kommt das alles nur her? Und was kann man dagegen tun?

„Willst du mal das Schönste sehen, was ich je gefilmt habe?“, fragte im Jahr 2000 der Nachbarsjunge seine erste Liebe. Es war im Film „American Beauty“, und was er daraufhin an die Wand projizierte, war eine Plastiktüte, die im Wind tanzte. Knapp zwei Minuten lang. Die Szene ist in die Filmgeschichte eingegangen, und auch Bonnie Monteleone erinnert sich an sie, es war eine Weile lang ihre Lieblingsszene. Heute allerdings sieht die junge Amerikanerin diesen Teil des Films mit anderen Augen, denn sie kämpft gegen die Plastikverschmutzung der Ozeane – und die beginnt an Land.

Monteleone und Moore haben ein Geisternetz aus dem Meer gefischt.

Ein Geisternetz weniger im Nordpazifik: Monteleone und Captain Moore haben Beute gemacht.

Bild: Bonnie Monteleone

100 Millionen Tonnen Plastikmüll, so schätzt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep), treiben mittlerweile in den Meeren. Nur der kleinste Teil wird von Schiffen über Bord geworfen. 80 Prozent des Plastiks stammen ursprünglich vom Festland, wurden vom Wind und über Flüsse ins Meer getragen. Im Nordpazifikwirbel versammelt es sich. Denn die Strömungen der Ozeane sind alle miteinander verbunden, und so finden sich die meisten Plastikteile über kurz oder lang in diesem riesigen Gebiet zwischen Japan und den USA wieder, wo sie zusammen mit dem Ozeanstrudel ihre Runden drehen.

Dort, weit weg von jedem Land, hat der zivilisierte Mensch also auch seine Spuren hinterlassen, und sie bleiben nicht ohne Auswirkung auf die Ureinwohner. „Ich habe Fische gesehen, eingeschlossen und gefangen in weggeworfenem Plastik“, erzählt Monteleone, „einen wunderschönen Fisch mit blauen Punkten haben wir aus einer schwarzen Motorölflasche herausgeschnitten.“ Er war als kleiner Fisch durch den Flaschenhals geschwommen und innen bald so groß geworden, dass er fast den gesamten Hohlraum ausfüllte. „Ein andermal sahen wir einen Fisch auf einer schwimmenden Plastikscheibe. Er war kaum mit Wasser bedeckt, die Sonne brannte auf ihn, aber er kam nicht herunter. Er lebte nicht mehr lange, nachdem wir ihn in einen Eimer Seewasser gesetzt hatten. Und ich fragte mich in diesem Moment, wie viele Meerestiere wohl sterben, nur weil wir unfähig sind, unser Plastik vernünftig zu entsorgen.“

Das Transportband der Ozeane.

Die Ozeanströmungen sind alle verbunden. Vereinfachte Skizze; rot der Nordpazifikwirbel.

Bild: NASA/Laura Hennemann

Bonnie Monteleone, Studentin der Geistes- und Sozialwissenschaften, hat im Herbst 2009 dreißig Tage auf dem Nordpazifik verbracht, um für ihre Masterarbeit die Plastikarten im sogenannten großen Pazifischen Müllstrudel zu untersuchen. Dafür hat sie als ehrenamtliche Hilfskraft auf dem Katamaran Alguita angeheuert, dem Forschungsschiff der Meeresschutzorganisation Algalita. Gründer dieser Organisation und Kapitän der Alguita ist Charles Moore, der Mann, der im Jahr 1997 den Nordpazifischen Müllteppich entdeckte und ihm zur Bekanntheit verhalf.

Es schwimmt nicht und es sinkt nicht

„Als ich das erste Mal vom großen Pazifischen Müllstrudel las“, erzählt Monteleone, „stellte ich mir einen spiegelglatten Ozean vor, auf dem das Plastik schwimmt wie Enten auf einem Teich. Leider entspricht das nicht der Realität, denn wäre es so, könnten wir Fotos machen und sie an alle Massenmedien der Welt schicken. Doch ähnlich wie bei einem Eisberg befindet sich das meiste knapp unter der Oberfläche.“

Zahnbürsten, Plastiktüten, Plastikflaschen mit und ohne Deckel, Putzmittelflaschen, Plastikeimer. Das ganze Sortiment eines Drogeriemarktes finden wachsame Augen hier wieder. Dazu jede Menge Geisternetze: aufgegebene Treibnetze der Fischindustrie, der Strömung überlassen, weiterhin Tiere einfangend. Dieses Ausmaß des marinen Plastikmülls können Fotos schlicht nicht wiedergeben, man muss es entweder selbst erlebt haben oder Monteleone weiter zuhören: „Alle Proben, die wir aus dem Wasser holten, beinhalteten Plastikteile. Am Anfang war ich enthusiastisch, denn das war ja mein Untersuchungsmaterial. Aber bei der zwanzigsten Probe, die wir in diesem so unglaublich abgelegenen Punkt der Erde nahmen, dachte ich bedrückt, dass es wohl keinen Flecken auf dieser Weltkugel mehr gibt, den wir Menschen nicht verschmutzt haben. 54 Proben haben wir insgesamt genommen. Jede einzelne mit Plastik.“

In Geisternetzen und Sixpack-Ringen verfangene Tiere sind aber nur das eine Problem des Kunststoffs. Das zweite ist der Verzehr des Materials: Albatrosse halten die Stücke für Fische, fressen sie. Bringen das Plastik auch ihren Jungen in den Nestern, füttern sie damit. Bartenwale, die einen riesigen Schluck Meereswasser mit allem Inhalt nehmen, um dann durch ihre feinen Barten hindurch das Wasser wieder hinauszudrücken, nehmen unweigerlich Plastik zu sich. Und dann sind da noch die Meeresschildkröten, die so gerne Quallen fressen; leider nur sehen im Wasser treibende Plastiktüten den Quallen so unheilvoll ähnlich…

Was zu groß ist, um durch den Verdauungstrakt zu passen, füllt den Magen dieser Tiere an, bis nichts anderes mehr hineingeht. „Erst letzten Sommer ist ein weiblicher Zwergpottwal erschöpft in South Carolina gestrandet und an gefressenem Plastik gestorben“, erzählt Monteleone. Es war eine noch stillende Mutter, ihr Junges wich nicht von ihrer Seite, ist mit ihr gestrandet. Im Magen des Weibchens fand sich einer dieser großen schwarzen Plastiksäcke, die normalerweise 76 mal 86 Zentimeter messen.

Schätzungen zufolge sterben jährlich eine Million Seevögel am Plastik. Dazu unzählige Fische und Schildkröten. Allein 100.000 Meeressäuger verenden jedes Jahr an den Folgen gefressenen Plastiks. „Ich wage zu behaupten, dass die tatsächlichen Zahlen noch größer sind“, vermutet Monteleone. Zum Vergleich: Die weltweite Wahlfangquote lag im vergangenen Jahr bei etwa 3.000 Tieren – allerdings sterben auch 300.000 Delfine jährlich als Fischbeifang.

Der Plastikinhalt einer Wasserprobe.

„54 Proben. Jede einzelne mit Plastik“ – Und so sieht deren Konfetti-Inhalt aus.

Bild: Bonnie Monteleone

Giftiges Konfetti

Lange hält das Plastik seiner Umwelt nicht stand. Aber es zersetzt sich auch nicht. Es geht unter der Kraft der UV-Strahlung und der Wellenbewegung zu Bruch und wird immer feiner zermürbt und zerrieben. Aber auch die Meeresbewohner zerkleinern das Plastik: Monteleone hat Bissspuren in Hartplastikstücken gefunden. Mit der Zeit entsteht somit ein buntes Plastikkonfetti – und ist doch noch lange nicht unschädlich.

Dr. Hideshige Takada, Geochemiker in Tokio, hat einen neuen Forschungszweig entwickelt: Er lässt sich an den Strand gespülte Plastikstückchen zuschicken, aus der ganzen Welt bekommt er Post. Da Plastik die Eigenschaft hat, sogenannte langlebige organische Schadstoffe (persistent organic pollutants, POPs) anzulagern, kann er so auf die chemische Verschmutzung der jeweiligen Meeresgebiete mit Stoffen wie DDT und PCB schließen. Takadas Methode funktioniert deshalb so gut, weil sich auf der Plastikoberfläche, verglichen mit dem umgebenden Meereswasser, eine millionenfach höhere Konzentration der POPs anreichert.

Damit wird diese Speise nicht gerade gesünder für die Fische: „Die POP-Chemikalien gehen mit dem Fettgewebe des Fischs noch lieber Verbindungen ein als an dem Plastik zu bleiben, mit dem sie in den Fisch hineinkamen“, erklärt Doug Woodring. „Wir sind dabei, das zu untersuchen.“ Woodring ist Leiter der Meeresschutzorganisation Kaisei, japanisch für Ozeanplanet. Letzten Endes aber ist klar, dass damit der Fisch auch nicht gerade gesünder wird für den Menschen, der am Ende dieser Nahrungskette steht.

Haltbar wie die Mumien

Neulich war Captain Charles Moore, der Entdecker des Müllstrudels, mal wieder im Fernsehen. Ausgerechnet beim Kanal Comedy Central war er eingeladen, in der Show „The Colbert Report“ saß er Stephen Colbert gegenüber. Der gab sich viel Mühe, etwas Lustiges an dem Thema zu finden. Ein großer Müllhaufen schwimmt im Meer? Das nennt man ein Kreuzfahrtschiff! Und das bunte Plastikkonfetti, das an die Strände gespült wird und inzwischen einen Teil des Sandes ausmacht – na, das ist doch hübsch! Moore ist ein nicht allzu großer Mann, sein Haar ist noch nicht grau, aber er strahlt den ruhigen Humor und die Gelassenheit eines weisen Mannes aus, der zu viel gesehen hat, um sich noch provozieren zu lassen. In seinem hellblauen Hemd mit den vier goldenen Kapitänsstreifen auf den Schulterklappen sitzt er gelassen da, lacht freundlich mit, wenn Colbert einen Witz macht, und erklärt dann ebenso freundlich, wo das Problem liegt: „Der Nordpazifik wird zu einer Plastik-Ödnis. Das ist eine Kloake da draußen. Und Plastik braucht extrem lange, um abgebaut zu werden.“

Plastik aus dem Ozean, von Muscheln übersät.

Auch wenn dieses Stück Plastik nun wirklich nicht mehr frisch aussieht: von biologischem Abbau keine Spur.

Bild: Bonnie Monteleone

Wie lange genau, lässt sich nicht sagen, der Rohstoff Plastik ist noch keine hundert Jahre alt. „Es gibt über fünfzig unterschiedliche Kunststoffarten, die den Markt bestimmen“, erklärt Klaus Wiemer, Professor für Abfallwirtschaft an der Uni Kassel. „Daher lassen sich keine pauschalen Angaben zur Haltbarkeit machen. Stärkehaltiger Bio-Kunststoff kann sich unter Idealbedingungen in wenigen Wochen abbauen, andere Kunststoffe halten hunderte von Jahren oder mehr. Mumien sind über tausende von Jahren konserviert, wieso sollte Kunststoff weniger lange fortbestehen?“

Die Stuttgarter Rechen

Auch wo der Plastikmüll genau her kommt, lässt sich nur abschätzen. Zumindest die deutschen Müllhalden dürfte in letzter Zeit wenig Schuld treffen. „Seit 2005 ist in Deutschland die Ablagerung unbehandelter Abfälle auf Deponien untersagt“, erklärt Wiemer. Auch der Verpackungsmüll ist von dieser Regelung betroffen. „Die Abfälle des gelben Sacks gehen grundsätzlich in Sortieranlagen zur Gewinnung von Wertstoffen“, so Wiemer weiter. Das übliche Ende des deutschen Hausmülls ist die Aussortierung von Wertstoffen, das Recycling und schließlich die Verbrennung des Rests. Nur die Schlacke, die davon übrig bleibt, wird deponiert. Also keine Chance für Plastiktüten, verweht zu werden.

Doch wie sieht es mit nicht ordnungsgemäß entsorgtem Müll aus? Was passiert denn mit einer Plastiktüte, die in Tübingen im Neckar landet? „Dass 80 Prozent des Plastikmülls vom Land kommen, glaube ich gerne“, sagt Walter Braun, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamts Stuttgart. Er hat in den letzten Jahren schon so einiges den Neckar hinab treiben sehen. „Der Müll kommt in den Fluss, indem die Leute ihn von der Brücke werfen oder an ufernahen Spazierwegen liegen lassen“, erklärt er.

Aber es gibt ein System gegen diesen Müll: „An den Staustufen haben wir Wasserkraftwerke. Per Zeitschaltuhr holt regelmäßig ein Rechen den Müll heraus, der sich vor den Turbinen staut, und wirft ihn direkt auf ein Förderband.“ Ein Problem allerdings bleibt: „Bei Hochwasser werden Landflächen überspült, wo Leute Müll wild entsorgt haben. Und gerade bei Hochwasser kriegen wir das Zeug nicht zu greifen, denn dann geht der Müll mit der Welle über die nächste Kraftwerksturbine hinweg.“ Braun hat aber auch noch eine gute Nachricht: „Das Plastikproblem hat massiv abgenommen, seit es den Gelben Sack gibt. Und dann noch einmal mehr, als das Pfand für PET-Flaschen eingeführt wurde.“

Captain Moore von der Alguita beklagt dagegen die niedrige Recycling-Rate in den USA: „In New York werden nur Plastikflaschen recycelt, deren Hals schmaler ist als ihr Körper. Keine Plastiktüten, nichts anderes von all dem Plastik-Müll.“ Und was nicht recycelt wird, landet potentiell irgendwo im Meer, so weiß Moore. Die Ozeane sind die Endstation.

Monteleone hat eine Klobrille im Ozean gefunden.

„Das ist eine Kloake da draußen.“ – Manchmal schickt das Meer so eindeutige Signale, dass Monteleone einfach lachen muss.

Bild: Bonnie Monteleone

Herausfischen und Aufheben

Die Überlegung liegt nahe, den ganzen Kunststoffmüll einfach mit Netzen einzufangen. Wenn Vögel das Plastik für Fische halten, warum sollte es sich nicht wie Fische fangen lassen? Moore sieht da allerdings ein Problem: „In der Zeit, die man bräuchte, um das abzufischen, wäre ein Vielfaches an neuem Müll dazugekommen.“ Auch Monteleone sieht das so und fragt: „Was tust du, wenn deine Badewanne überläuft? Wischst du das Wasser vom Badezimmerboden auf oder schließt du nicht lieber als erstes den Wasserhahn?“ Die engagierte Studentin glaubt fest daran, dass man die Menschen erziehen kann, verantwortungsvoll mit Plastikprodukten umzugehen, Müll dem Recycling zuzuführen oder zumindest keine Plastiktüten am Straßenrand liegen zu lassen. Sie gibt zu diesem Zweck Kurse, fährt mit Schülern auf einem Boot den Fluss entlang und zeigt ihnen, wie das Plastik seinen Weg ins Meer findet, wenn man nicht acht gibt.

Das Abfischen des Mülls wollen die Aktivisten vom Projekt Kaisei dagegen nicht von vornherein ausschließen. Mit ihrem gleichnamigen zweimastigen Segelschiff Kaisei segelte die Crew im August 2009 in einer Forschungsexpedition zum Nordpazifikwirbel, um unter anderem die Möglichkeiten des Abfischens auszukundschaften. „Wir werden nicht mit Booten große Netze durchs Meer ziehen”, erklärt Woodring. „Stattdessen sollen passive Netze verwendet werden, die im Meer verankert sind und gegen Wind und Strömung das Plastik einfangen. Das bedeutet sowohl weniger Energieverbrauch als auch weniger Auswirkungen auf die Meerestiere.“ Für die Leute von Projekt Kaisei ist es von oberster Priorität, dass kein zusätzlicher Schaden angerichtet wird. Sie achten daher auch auf den CO2-Ausstoß, den Boote hätten, wenn sie die Netze zögen.

Doch diese Idee des Projekts Kaisei ist noch in der Forschungsphase. Und so lange macht Bonnie Monteleone weiter mit ihren Kursen für Schüler und ihren Aufforderungen, herumliegende Tüten aufzuheben. Auf ihrem Blog „The Plastic Ocean“ hat sie einen selbst gedrehten Videoclip hochgeladen. Er ist knapp zwei Minuten lang: Am Straßenrand, zwischen Vorgärten und Gullys, tanzt eine Plastiktüte im Wind. Am Ende greift Monteleones Hand nach der Tüte, bevor das Plastik in den Straßengully gelangen kann. Es ist ihr kleiner täglicher Beitrag. Aber es ist bestimmt nicht das Schönste, was sie je gefilmt hat.

Mehr zum Thema

Mehr zum allgegenwärtigen Plastik erzählt der österreichische Dokumentarfilm „Plastic Planet“, der am 25. Februar 2010 in den deutschen Kinos startet. In Tübingen läuft er ab dem 18. März im Kino Arsenal. Auch Captain Charles Moore kommt in „Plastic Planet“ zu Wort.

Bonnie Monteleones Blog berichtet von ihren Erlebnissen auf dem Atlantik und dem Pazifik sowie von ihrem alltäglichen Kampf gegen die Plastikverschmutzung.

 

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