Sie wagt den Balanceakt: Andrea Koschinsky Drucken E-Mail
Geschrieben von: Nicole Posth   

Der richtige Zeitpunkt ist immer. Die Geowissenschaftlerin Andrea Koschinsky über einen goldenen Mittelweg zu Kind und Karriere.

Prof. Dr. Andrea Koschinsky beim spielen im ihrem Garten mit ihren Kindern, 12, 9 und 2 Jahre alt.

Prof. Dr. Andrea Koschinsky beim Spielen im Garten mit ihren Kindern (12, 9 und 2 Jahre alt).

Bilder: privat

Andrea Koschinsky ist in vielen Dingen ein Beleg dafür, dass man eine Karriere in der Wissenschaft und ein Familienleben miteinander vereinbaren kann. Als Professorin für Geowissenschaften im interdisziplinären Programm „Earth and Space Sciences“ an der Jacobs-Universität in Bremen und Mutter von drei Kindern zeigt sie, wie Disziplin und Zusammenarbeit innerhalb der Familie und mit den Kollegen dies möglich macht.

Koschinsky ist Geochemikerin, aber als Professorin unterrichtet sie nicht nur ihr Spezialfach, sondern auch allgemeine Geowissenschaften, chemische Ozeanographie und Umweltgeowissenschaften. Sie betreut Bachelor- und PhD-Studenten in ihren Forschungsprojekten und plant die Kurse von Bachelor-Studenten. Administrative Aufgaben wie Studienprogrammkoordination, -umstrukturierung und -neuentwicklung kommen hinzu. Als Forschungsgruppenleiterin muss Andrea Koschinsky Drittmittelanträge erstellen, Projekte betreuen und Forschungsergebnisse publizieren.

Sie erklärt, wie sie die Aufgaben bei der Arbeit und zu Hause bewältigt: „Es wäre eine Illusion anzunehmen, dass es einfach wäre, eine Karriere in der Wissenschaft und ein Familienleben miteinander zu vereinbaren. Ohne Unterstützung vom Partner kann ich es mir nicht vorstellen. Und man muss einfach akzeptieren, dass man bei einem solchen Balanceakt weder mit einem kinderlosen Vollblutwissenschaftler noch mit einer nicht berufstätigen Mutter hundertprozentig konkurrieren kann.“ Vielleicht liegt der Schlüssel zum Glück für arbeitende Mütter gerade darin, dieses zu akzeptieren.

Andrea Koschinsky hat drei Kinder unter 12 Jahren. Die richtige Frage ist deshalb nicht unbedingt, wie eine Frau es schafft, Karriere und Kinder zu haben, sondern wie beide Eltern dies möglich machen, wenn auch der Mann berufliche Interessen hat. Leichter ist es sicher, wenn einer von beiden ein flexibles Arbeitsverhältnis hat. Koschinskys Mann Ulrich Fritsche ist ebenfalls Geologe. Zurzeit arbeitet er zu 50 Prozent in einem Ingenieurbüro in Nordrhein-Westfalen. Dieses Arbeitsverhältnis hat sich in den letzten Jahren immer wieder geändert, abhängig von den Anforderungen der Familie. Er ist Experte für geographische Informationssysteme (GIS) und kann einen Großteil seiner Arbeit von zu Hause aus erledigen. Allerdings muss er jede zweite Woche für zwei Tage geschäftlich unterwegs sein. Jedes Sommersemester unterrichtet er GIS-Kurse an der Hochschule Bremen.

Ein gut durchdachter Tagesplan

Eine Beschreibung eines typischen Tages zeigt, was Andrea Koschinsky für am wichtigsten hält, wenn man Familie und Karriere miteinander vereinbaren will: eine sehr gute Organisation des Tagesablaufes, klare Absprache mit Kollegen und Familienmitgliedern, und einen Notfallplan, falls es doch anders kommt als vorgesehen. „Morgens im Büro oder auch zu Hause, lese ich meine E-Mails und beantworte so viele wie möglich davon. Dann gehe ich kurz meine Vorlesungsunterlagen durch und laufe anschließend den kurzen Weg zum Vorlesungsgebäude. Von 9:45-11:00 Uhr halte ich dann meine Vorlesung „Environmental Geosciences“. Oder ist halte eine der anderen 75-minütigen Vorlesungen im Zeitraum zwischen 8:15 und 15:30 Uhr. Auf dem Rückweg zum Büro unterhalte ich mich dann meist mit Studenten über Dinge, die wir im Kurs besprochen haben, über ihre Laborarbeiten, Praktikumsmöglichkeiten und anderes. Danach beantworte ich wieder E-Mails und habe das wöchentliche Koordinationsgespräch mit den Kollegen unseres Programms. Kaffeetrinken und Essen finden währenddessen statt. Auf dem Rückweg werfe ich einen kurzen Blick ins Labor und tausche mich mit den Laborantinnen aus. Danach wollen Manuskripte einer Doktorandin dringend gelesen und ein Forschungsantrag weitergeschrieben werden. Um 15 Uhr ist ein Treffen beim Dekan, um am Curriculum des neuen Bachelor-Programms weiterzuarbeiten. Gegen 17:30 Uhr mache ich mich mit den noch nicht erledigten Dingen in der Tasche auf den Heimweg. Diesen lege ich auf dem Fahrrad zurück, das hilft, den Kopf frei zu bekommen.“ Und noch etwas erleichtert der Wissenschaftlerin den Alltag: eine Tagesmutter, die mittlerweile ein Teil der Familie geworden ist, kümmert sich nachmittags zusätzlich um die Kinder.

Eine Familie hat Koschinsky mit ihrem Mann während der Postdoktoranden-Zeit gegründet. Einerseits war diese Zeit relativ stressfrei, andererseits war die völlige Abhängigkeit von Drittmittelprojekten ein Druckmittel, möglichst die ganze Zeit am Ball zu bleiben, weiterhin zu publizieren und wissenschaftlich aktiv zu bleiben. Koschinsky arbeitete einem Projekt mit Radiotracern, als sie schwanger wurde. Eine Fortsetzung der Laborarbeit nach Bekanntwerden der Schwangerschaft war für sie ausgeschlossen. Nicht nur sie, auch die zweite Mitarbeiterin des Projektes, ihre Laborantin, wurde kurz darauf schwanger. Ein männlicher Kollege sprang für die Laborarbeiten ein, das Projekt wurde neu organisiert.

Unterstützung von Kollegen

Über die Familienplanung hat Koschinsky kaum mit ihrem Arbeitgeber oder Kollegen ihres Instituts gesprochen, sie suchte keine Beratung. „Ich habe die Entscheidungen selbst beziehungsweise in Abstimmung mit meinem Mann getroffen. Glücklicherweise ist die Jacobs-Universität sehr fortschrittlich und wurde von der Hertie-Stiftung mit einem Zertifikat für Familienfreundlichkeit ausgezeichnet.“ Ihre engsten Kollegen spielten weiterhin eine unterstützende Rolle. „Während meiner Schwangerschaften neigte ich dazu, mich zu überschätzen und nicht auf Warnsignale und Ermahnungen der Kollegen und der Familie zu hören. Das war ein langsamer Lernprozess ... Selbst kurz vor der Geburt des dritten Kindes wollte ich noch schnell meine Vorlesung halten – hätte mein Kollege mich nicht ernsthaft ermahnt, wäre es vermutlich im Hörsaal zur Welt gekommen.“

Koschinsky nahm nach keiner der drei Geburten Elternzeit in Anspruch. Nach der Geburt des zweiten Kindes war sie sechs Monate ohne feste Anstellung und arbeitete in dieser Zeit an ihrer Habilitation. Aber sie ermutigt junge Forscherinnen mit Familienwunsch, angebotene Hilfe und spezielle Frauenprogramme anzunehmen. „Ich habe das nie gern getan, aber es war sicher ein Fehler, denn schließlich ist auf beiden Seiten voller Einsatz gefordert. Ergreifen Sie die Chancen, die sich in der Wissenschaft bieten, ohne dabei den Wunsch nach Familie zu weit hinten anzustellen. Es gibt für jede Situation eine Lösung, egal, ob sie geplant war oder unvorhergesehen eintritt.“

Und wann ist der beste Zeitpunkt dafür, eine Familie zu gründen? Ihre Antwort ist erfrischend und gleichzeitig ein Ausweg aus dem Dilemma: „Warten Sie nicht auf den richtigen Zeitpunkt – der kommt nämlich nie. Oder er ist immer da, je nachdem, wie man es sieht.“

Siehe auch: Kirsten Küsel und Frauen, Familie - und Forschung!

 

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