Eine Frau mit Energie: Kirsten Küsel Drucken E-Mail
Geschrieben von: Nicole Posth   

Sie hat ihr Baby schon mitten im Kongress-Trubel gestillt, auf dem Boden der Eingangshalle sitzend. Die Geoökologin Kirsten Küsel lässt sich von solchen Schwierigkeiten nicht erschüttern.

Prof. Dr. Kirsten Küsel

Prof. Dr. Kirsten Küsel

Bild: privat

Auf die Frage, was eine Frau mit Familie mitbringen muss, wenn sie in der deutschen Wissenschaft erfolgreich sein möchte, antwortet sie mit einem Wort: „Energie.“ Seit 2004 ist Prof. Dr. Kirsten Küsel Leiterin der Arbeitsgruppe Limnologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und leitet derzeit eine Gruppe von 16 Personen. Diese beschäftigt sich mit dem mikrobiellen Eisenkreislauf an der Grenzfläche zwischen sauerstoffreichen und sauerstoffarmen Schichten in Sedimenten und wasserreichen Böden, wie man sie zum Beispiel in Mooren finden kann.

Kirsten Küsel hat sich für eine wissenschaftliche Karriere entschieden, weil ihr die Forschung Freude macht. Auf ihrer Homepage an der Universität Jena findet man ein Arbeitsgruppenfoto: Eine Gruppe strahlt in die Kamera, Kanu und Paddel in den Händen. Man merkt, dass es der Professorin und ihrem ganzen Team Spaß macht. Wenn man Küsels Lebenslauf betrachtet, findet man Informationen zu ihren Publikationen und Forschungsarbeiten im In- und Ausland, Zeichen einer erfolgreichen Karriere. Aber etwas fällt auf, das man nicht so oft sieht: „2000-2001: Pause, Geburt meines Sohnes.“

n der Wissenschaft hört man sehr oft, dass man es sich nicht leisten kann, mehr als sechs Monate Babypause zu machen. Allgemein wird gesagt, es sei am besten, die Geburt eines Kindes zu „überspielen“, in dem man trotzdem so viel wie möglich publiziert. Kirsten Küsel scheint diese „Norm“ umgangen zu haben. Nach der Promotion bot ihr Doktorvater ihr eine Assistentenstelle an. Dies war eine exzellente Möglichkeit, und sie nahm die Stelle in Bayern an. Allerdings hatte sie bereits Familienpläne. „Ich habe es meinem Chef von Anfang an gesagt, dass ich schwanger werden möchte. Er hat es nicht nur akzeptiert, sondern auch seine Unterstützung zugesagt.“

Die technische Assistentin brachte die Daten

Aber Schwangerschaft und Laborarbeit können nicht immer miteinander vereinbart werden. Nach dem Mutterschutzgesetz trägt der Arbeitgeber die rechtliche Verantwortung für die Mitarbeiterin, auch wenn sie darauf besteht, im Labor weiterzuarbeiten. Die Möglichkeit, Hilfe im Labor zu haben, ist deshalb entscheidend, vor allem wenn die Laborarbeit für die Schwangere oder die stillende Mutter verboten ist, etwa wenn mit Schadstoffen oder radioaktiven Substanzen geforscht wird. Auf diese Art konnte Küsel weiterarbeiten: „Ich hatte eine Technische Assistentin, die mich im Labor unterstützte, während ich die 11 Monate zu Hause blieb. Da sie auf dem Heimweg an meinem Haus vorbeifuhr, konnte sie abends Daten abliefern, die ich dann verarbeitet habe.“

Den Sprung zurück in den Arbeitsalltag hat Küsel zunächst mit einer 50-prozentigen Laborstelle bewältigt. Aber der Arbeitstag endete nicht im Labor. „Ich arbeitete von 8 bis 12 Uhr im Labor. Dann habe ich meinen Sohn von der Kita abgeholt. Mittags, während er geschlafen hat, habe ich von zu Hause aus weitergearbeitet. Danach habe ich wieder Zeit mit meinem Sohn verbracht und Energie getankt, wenn wir schöne Dinge unternommen haben. Wenn er im Bett war, habe ich weitergearbeitet. Die paar Stunden, die ich eigentlich für mich gehabt hätte, musste ich für die Arbeit nutzen. Aber immer, wenn ich in das Gesicht meines Sohnes gesehen hab, wusste ich, dass sich dieser Stress lohnt.“

Küsel erzählt, dass dieser neue Anfang nicht leicht war: „Am Anfang empfand ich das sehr enge Tagesprogramm und den Zeitmangel als sehr schwierig. Es gab keine Zeit, mal mit den Kollegen einen Kaffee zu trinken oder zu reden. Und ich hatte immer Schuldgefühle – entweder meiner Familie oder meiner Arbeit gegenüber.“

Im Osten ist es leichter

Mittlerweile wohnt die Familie in Jena, der Sohn ist 10 Jahre alt. Er ist in der Schule, wo er auch zu Mittag essen kann. Kirsten Küsels Mann arbeitet jetzt von zu Hause aus als selbstständiger Kaufmann mit einem Online-Handel und ist da, wenn der Sohn von der Schule kommt. Küsel meint, einen Unterschied zu spüren zwischen dem Osten und dem Süden Deutschlands. Es ist nicht außergewöhnlich, wenn Studierende oder Personen, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben, in Jena Kinder haben. „Es gibt im Osten gute Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die es diesen Frauen und Männern ermöglichen, ihre Ausbildung fortzusetzen.“ In ihrer Arbeitsgruppe haben schon viele kleine Kinder.

Küsel glaubt aber, dass sich die allgemeine Situation in Deutschland verbessert hat. Vor zehn Jahren sei in Bayern „vieles nicht umgesetzt“ worden, und als Nachwuchswissenschaftlerin wurde sie „gar nicht beraten.“ Kinderbetreuungsmöglichkeiten gab es nicht in ausreichender Zahl. „Die Uni hatte einen Kindergarten, aber mein Arbeitsplatz war zu weit weg, um ihn in Anspruch nehmen zu können.“ Auch moderne technische Entwicklungen seien hilfreich für Mütter in der Wissenschaft, findet Küsel. „So etwas wie Laptops, daran denkt man gar nicht mehr. Sie machen die Arbeit zu Hause oder unterwegs viel einfacher.“

Teilnahmen an internationalen Tagungen, unerlässlich für eine erfolgreiche Forschungskarriere, waren eine Herausforderung, die die ganze Familie in Anspruch nahm. „Um dies möglich zu machen, musste mein Mann mich auf eine Tagung nach Kanada begleiten, wir haben selbst dafür bezahlt, und er musste Urlaub nehmen. Es war sehr anstrengend, weil ich noch gestillt habe, und es gab dafür überhaupt keinen Raum oder eine ruhige Ecke. Schließlich saß ich mit dem Kind auf dem Boden in der Eingangshalle und stillte es dort.“

Ein Karrierenetzwerk aufbauen

Wenn man sie fragt, wer sie am meisten in ihrem Privat- und Arbeitsleben beeinflusst, sagt sie: „Die Hauptmotivation muss aus einem selbst kommen. Man muss eine Karriere wollen, viel Energie haben. Es kann schwierig sein, aber wenn man es wirklich will, dann kriegt man es hin. Aber man braucht einen Chef, der einem Rückhalt und Ermutigung in der schwierigen Promotions- der Habilitationsphase gibt. Auch sehr wichtig ist ein Partner, der bereit ist, persönlich Zeit für die Familie zu opfern. Viele lieben ihre Kinder, vergessen aber, dass sie regelmäßig zur Kita oder zum Sportunterricht gebracht werden müssen.

Kirsten Küsel empfiehlt jungen Frauen, die Forschung und Familie miteinander vereinbaren wollen, Unterstützung zu suchen. Ein Beispiel ist „Plan M – Mentoring in Science“, ein Mentoring-Programm mit regelmäßigen Treffen, das von der Universität Bremen aus organisiert wird. Zusätzlich sollte man schon früh ein Karrierenetzwerk aufbauen, auf das man zurückgreifen kann. Küsel verlässt sich darauf, dass es funktioniert. Sie sagt: „Ich habe keine Ahnung, wo ich in zehn Jahren beruflich oder privat sein werde.“ Zurzeit ist sie mit ihrer Situation sehr zufrieden. Eines ist ihr klar: „Wenn ich die Arbeitsstelle wechseln würde, müssen mein Mann und meine Familie mitgehen wollen.“

Siehe auch: Andrea Koschinsky und Frauen, Familie - und Forschung!

 

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