Sag mal – weinst Du? Oder ist das der Regen? Drucken
Geschrieben von: Maximilian Liesner   

Tränen werden in Liedern besungen, in Gedichten ausgedrückt, und seit Langem sind sie auch ein Thema in der Wissenschaft. Erstaunliches ist dabei herausgekommen – aber vieles bleibt rätselhaft.

Das Ehepaar hat es sich bequem gemacht: Pünktlich zum großen Spielfilm um 20:15 Uhr sitzen die beiden in Wolldecken eingehüllt auf dem Sofa. Ein gemütlicher Winterabend vor dem Fernseher soll es werden. Auf dem Beistelltisch steht frisch gebrühter Tee mit ein wenig Gebäck. Mitgerissen verfolgt das Paar das Geschehen auf dem Bildschirm, fiebert mit, entwickelt Sympathien für die Protagonistin, leidet mit ihr, wünscht sich den glücklichen Ausgang des Konflikts. Doch am Ende kehrt sich alles zum Unglück, und die Heldin geht unter. Mann und Frau können angesichts dieses Grauens die Tränen nicht mehr zurückhalten und lassen ihnen freien Lauf. Ein nicht seltenes Szenario.

Tatsächlich werden in solchen oder ähnlichen Situationen die meisten Tränen vergossen. Die Menschen weinen vorwiegend, wenn sie sich zu Hause befinden und allein oder höchstens zu zweit sind. Die Hochzeit der Tränen ist täglich von 18 bis 22 Uhr. Denn um diese Zeit begünstigt Müdigkeit den Hang zum Weinen. Außerdem verbringen viele diese Zeit vor dem Fernseher und sehen erschütternde Nachrichten oder anrührende Filme.

Drei Arten von Tränen

Ein Wimpernschlag. Der Fahrtwind hat eine Fliege ins Auge geschleudert. Der geliebte Hamster ist tot. – Drei überaus unterschiedliche Ereignisse. Und doch produziert das menschliche Auge in allen drei Fällen Tränen.

Beim ersten Fall handelt es sich um basale Tränen, die das Auge kontinuierlich bei jedem Wimpernschlag mit einem Tränenfilm benetzen, damit es nicht austrocknet. So wird deutliches Sehen ermöglicht, da die Tränenflüssigkeit wie Politur auf die Linse wirkt.

Beim zweiten Fall handelt es sich um Reflextränen, die als Reaktion auf eine mögliche Beschädigung der Augenoberfläche produziert werden. Diese können ausgelöst werden durch Kälte, schädliche Chemikalien, mechanische Reizung oder auch Gerüche. Prominentestes Beispiel für die Tränenproduktion durch einen Geruch ist wohl das Zwiebelschneiden.

Eine weinende Statue (Bild: Wikipedia Commons)

Die Rätselhaftigkeit der emotionalen Tränen – Seit jeher wirkt sie verlockend auf die Wissenschaft und auch auf die Kunst.

Bild: Wikipedia Commons

Beim dritten Fall schließlich handelt es sich um die emotionalen Tränen. Als solche werden die Tränen bezeichnet, die völlig unabhängig von Irritationen des Auges geweint werden. Sie gehen häufig mit Schluchzen einher sowie mit Veränderungen der Gesichtsmuskulatur und der Stimme. Trotz oder gerade wegen ihrer Vielfalt sind die emotionalen Tränen noch lange nicht endgültig erforscht, sondern wirken fern, unerreichbar und unerklärlich. Dem Menschen bleiben die letzten Geheimnisse vor sich selbst.

Nur dem Menschen eigen

Der Mensch beschäftigt sich mit seinen emotionalen Tränen. Sie sind wohl die auffälligste Form der Emotionsverarbeitung und auch nur dem Menschen alleine eigen, weil Tiere nicht zum emotional bewegten Weinen fähig sind. So zieht sich das Motiv der Tränen quer durch das menschliche Leben. Bei Freude und Trauer, bei Liebe und Hass, bei Erlösung und Schmerz wird geweint. Denn emotionale Tränen können sowohl durch positive als auch durch negative Empfindungen begründet sein.

So wird beispielsweise die Trennung von einem geliebten Menschen häufig traurig beweint, doch das Wiedersehen mit Freudentränen überschüttet. Bei traurigen Ereignissen „ist Weinen nahe liegend, und man wundert sich allenfalls, dass da nicht noch viel mehr geweint wird“, bemerkt Cord Benecke von der Universität Innsbruck in einer Studie, für die er das emotionale Verhalten einiger weiblicher Probanden während persönlicher Interviews ausgewertet hat. In den Tränen der erfreulichen Momente spiegele sich hingegen „das lang ersehnte, das schon lange nicht mehr für möglich gehaltene, auch das vielleicht gar nicht als verdient erlebte Glück.“

Emotionale Tränen stehen dem Menschen psychologisch nahe. Sie begleiten ihn an Knotenpunkten seines Lebens und in ganz alltäglichen Situationen. Sie haben folglich eine ungeheure Macht über die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Dies wird besonders deutlich bei der Betrachtung weinender Säuglinge: Weinen garantiert dem Säugling die Grundversorgung durch die Eltern, da er sich durch das Weinen hilflos und angewiesen auf die Unterstützung anderer zeigt. In den ersten Lebensmonaten zeugt das Weinen von grundlegenden Problemen wie Hunger oder Schmerz, es wird noch nicht manipulativ eingesetzt. Diese Verwendung beginnt erst mit dem zehnten Lebensmonat: Von nun an instrumentalisiert der Mensch die Tränen, um Aufmerksamkeit zu wecken und den Wunsch nach Hilfe zu äußern. Experimente zeigen, dass diese Zeichensprache tatsächlich sehr wirkungsvoll ist: Beobachter bewerten die weinende Person zwar nicht positiv, sie sind aber dennoch zur Hilfe bereit und geduldiger mit ihr. Wenn das Weinen allerdings zu häufig oder gar unaufhörlich auftritt, wie es bei Säuglingen der Fall sein kann, kann es auch gefährlich wirken. Wie eine Befragung Beneckes zeigte, haben etwa 80 Prozent aller Mütter schon hin und wieder die Regung verspürt, ihr dauerhaft weinendes Baby schlagen zu wollen.

Warme Länder, weniger Tränen

Nicht alle Menschen zeigen den gleichen Hang zum Weinen. Zuallererst lassen sich ethnische Unterschiede feststellen. Ad Vingerhoets von der niederländischen Universität Tilburg, der sich schon seit über 20 Jahren mit dem Themenkomplex des emotionalen Weinens beschäftigt, entdeckte nach empirischen Untersuchungen, dass Bewohner warmer Länder allgemein weniger weinen als Menschen in kalter Umgebung. Er erklärt sich dieses Phänomen zum einen mit der höheren emotionalen Expressivität in wärmeren Ländern, die dem Weinen vorbeuge, und zum anderen mit den lauen Abenden, die dort eher in Gemeinschaft als allein und zurückgezogen verbracht würden. Da Menschen abends eher weinen, wenn sie allein sind, fällt diese Komponente in wärmeren Gebieten mit ihrer abendlichen Geselligkeit kleiner aus. Einen Einfluss der Temperatur konnte Vingerhoets selbst in seinem Heimatland beobachten: „Ich habe herausgefunden, dass die Leute in den Niederlanden dazu neigen, im Winter mehr zu weinen als im Sommer.“

Weitere wichtige Faktoren, die das Vorkommen von emotionalen Tränen beeinflussen, sind der Beruf und die soziale Umgebung, in der jemand sich bewegt. Besonders die Ausbildung, das Geschlechterverständnis und der Kontakt zu anderen Menschen spielen eine Rolle: Je gebildeter, offener und beziehungsreicher der Mensch, desto häufiger das Weinen. Beispiele für solche Gruppen sind vor allem Pflegeberufe wie Therapeuten und Krankenschwestern. Ihnen gegenüber stehen zum Beispiel Börsenmakler, Ingenieure und Soldaten – Berufsgruppen, die eher trockenen Auges durchs Leben gehen.

Ärzte sind als besondere Gruppe zu betrachten. Sie werden zwar täglich direkt und überdurchschnittlich viel mit Leid und Tod konfrontiert, weinen aber dennoch sehr selten, wie eine Untersuchung an drei Krankenhäusern in Sydney gezeigt hat. Dieses Paradoxon rührt daher, dass nach außen getragene Emotionen für einen Arzt gleichzeitig auch immer eine Minderung des Ansehens mit sich bringen können. Offenbar wird dieses Problem bei Medizinstudenten: Wenn sie bei der Arbeit ihre Tränen nicht zurückhalten können, werden sie häufig von Kollegen ausgelacht. Außerdem fürchten Ärzte, mit dem Tränenausbruch die Kontrolle zu verlieren und dem Gefühl der Überforderung Raum zu bieten.

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“

Bezeichnend für den geschlechterspezifischen Umgang mit Tränen ist das Sprichwort: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Diese Worte kennt wohl jeder Junge. Bei der ersten Fahrradfahrt ohne Stützräder immer wieder umgefallen, die Knie blutig geschlagen – und doch nicht weinen dürfen. Denn männliches Weinen wird schnell als charakterliche Schwäche, als mangelnde Standfestigkeit und als Gesichtsverlust begriffen. Während bei Frauen die Unzufriedenheit in Konfliktsituationen, bei Verlusten oder der Erfahrung eigener Unzulänglichkeit häufig in Tränen mündet, geben sich Männer diesen Gefühlen nicht hin, sondern handeln stattdessen. Bei Männern sind eher Empathie und persönliche Glücksmomente Auslöser der Tränen.

Erste Unterschiede im Weinverhalten werden ab dem 13. Lebensjahr ersichtlich. Dann beginnt sich abzuzeichnen, dass Frauen häufiger weinen als Männer, nämlich 30- bis 64-mal pro Jahr im Vergleich zu 6- bis 17-mal bei den Männern. Auch in der Dauer des einzelnen Weinvorgangs sind Unterschiede festzustellen, da dieser beim Mann durchschnittlich zwei bis vier Minuten und bei der Frau sechs Minuten anhält. Das ist alles wissenschaftlich untersucht.

Doch Elisabeth Messmer, Augenärztin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, erkennt in einer aktuellen Zusammenfassung des Forschungsstands zu emotionalen Tränen auch einige diesen Beobachtungen entgegengesetzte Bewegungen: So sei einerseits bei Frauen auf hohen beruflichen Posten häufig eine emotionale Abhärtung festzustellen, die ihre Neigung zum Weinen vermindere. Andererseits käme heute sensibleren Männern mit Mut zu Tränen eine gesteigerte gesellschaftliche Sympathie zu, wie weinende Figuren auf der Kinoleinwand oder gerührte Politiker zeigten.

Tränen beweisen Charakterstärke

Natürlich spielen auch ganz individuelle Faktoren eine Rolle: Die Reizschwelle zum Weinen emotionaler Tränen ist für jeden Einzelnen unterschiedlich stark ausgeprägt. Verändert wird sie einerseits durch körperliche Zustände wie Müdigkeit oder Menstruation und Schwangerschaft bei Frauen. Andererseits verstärken aber auch mentale Zustände wie Zorn, Frust und Trauer das Weinverhalten. So spielen also individuelle Erfahrungen, Erlebnisse und Erinnerungen mit, wenn wir einer Situation aus dem vorhandenen, bereits erlebten Repertoire eine entsprechende Emotion zuordnen.

Besonders hängt das Weinverhalten aber auch von charakterlichen Eigenschaften ab: Empathische, extrovertierte Menschen neigen eher zu emotionalen Tränen – besonders, wenn ihre Persönlichkeit gefestigt ist. Denn dann fürchten sie auch keine Bloßstellung. Im Gegensatz zu diesen Menschen stehen die eher distanzierten mit einem hohen Bedürfnis nach Selbstbeherrschung, das ihnen
emotionale Ausbrüche verbietet.

Keine Katharsis, kein Stressabbau

Tränen verwischen die Tinte (Bild: Maximilian Liesner)

Einmal den Ballast abwerfen, sich einmal richtig ausweinen, einmal den Tränen freien Lauf lassen. Doch helfen diese tatsächlich dabei, die Traurigkeit zu bekämpfen?

Bild: Maximilian Liesner, CC-BY-SA

Die wohl verbreitetste These über den Nutzen emotionaler Tränen ist die Katharsis-Theorie. Demnach brächten Tränen eine psychische Reinigung von den leidvollen Gefühlen und befreiten den Menschen aus seinem angestauten emotionalen Ungleichgewicht, indem er sich in einfache Reaktionen fallen lassen könne. Diese Ansicht hat in Sprichwörtern und Redewendungen Einzug in den Alltag gehalten.

Wenn die junge Frau am Abendbrottisch mit hängendem Kopf gedankenverloren an ihrem Brötchen nagt, weil sie sich furchtbar mit ihrem Freund gestritten hat, erinnert sie sich an die Worte, die sie aus Kindertagen von ihrer Mutter kennt: „Ja, genau, Kindchen, wein dir erst mal alles kräftig von der Seele. Danach sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“

Sogar Seminare zum Weinen werden angeboten – mit dem Ziel, den Teilnehmern den Alltag zu erleichtern. „Durch das Weinen kannst Du freier und flexibler werden und das Leben wieder mehr genießen“, heißt es beispielsweise im Beschreibungstext einer solchen Veranstaltung.

Dabei ist nichts dran an der Katharsis-Theorie. Genauere Untersuchungen haben unmissverständlich gezeigt, dass es sich bei dieser Annahme um einen Trugschluss handelt. Depressive Menschen beispielsweise weinen zwar überdurchschnittlich oft, erleichtern sich allerdings dadurch kaum von ihrer psychischen Last. Eine reinigende Wirkung können die Tränen nur entfalten, wenn das Problem, das sie begründet hat, auch tatsächlich gelöst wird. Oder wenn im Gefolge der Tränen Mitmenschen Trost und Beistand spenden, wenn soziale Bindungen gestärkt und Unterstützung angeboten wird. Andernfalls bleibt das Unbehagen trotz des Weinens bestehen. Es kann sich sogar verstärken, wenn solch intime Tränen vor Unbekannten oder im öffentlichen Raum fließen. Um diese Situation zu entschärfen, flüchten sich weinende Menschen häufig ins Lächeln oder Lachen, wie Cord Benecke während seiner Interviews beobachten konnte.

Eine andere weit verbreitete These hat Ad Vingerhoets überprüft: Sie läuft darauf hinaus, dass emotionale Tränen Stresshormone aus dem Körper schwemmen und somit beruhigend wirken. Vingerhoets maß nach, ob emotionale Tränen mehr Stresshormone beinhalten als basale oder Reflextränen. Doch er fand keinerlei Unterschiede in der chemischen Zusammensetzung – und widerlegte die These vom Stressabbau.

Die Forschung über die emotionalen Tränen dringt nur sehr zögerlich zu neuen Erkenntnissen vor, da sie sich sehr schwierig gestaltet. Laut Vingerhoets besteht ein zentrales Problem in der jeweils verwendeten Messgröße der Forschung. Es sei eindeutig zu unterscheiden zwischen der Weinhäufigkeit und der Reizschwelle des Weinens. Letztere ergebe sich einerseits aus dem generellen Charakter einer Person und andererseits aus der schwankenden punktuellen Befindlichkeit, die beispielsweise durch Schlaflosigkeit oder Alkohol beeinflusst würde. Vingerhoets kritisiert, oft würden Versuchsteilnehmern lediglich Situationen genannt, zu denen sie einschätzen sollten, wie wahrscheinlich es sei, dass sie weinten. So würde lediglich die Weinhäufigkeit ermittelt und die Reizschwelle vollkommen außer Acht gelassen. „Das Weinen wird meist nicht durch Situationen wie eine Beerdigung oder eine Trennung ausgelöst, weil diese schlichtweg eher selten sind. Es tritt häufig aus trivialen und alltäglichen Gründen auf.“ Das deute darauf hin, dass der physiologische oder der psychologische Zustand einer Person wichtiger sein könnten als der Anlass.

Forschung dient der Therapie

Ein undurchschaubares Auge (Bild: Maximilian Liesner)

Beim Weinen emotionaler Tränen sind die Menschen sich selbst ein Geheimnis. Irgendwie auch beruhigend. Oder nicht?

Bild: Maximilian Liesner CC-BY-SA

Es stellt sich nun die Frage, ob es nicht vielleicht dem Menschen sogar dient, dass die emotionalen Tränen nicht vollständig theoretisch erklär- und durchschaubar werden. Es bliebe dem Menschen ein Geheimnis vor sich selbst. Schließlich muss doch nicht jede emotionale Regung, die doch eigentlich individuell und persönlichkeitsstiftend ist, unverzüglich theoretisch gedeutet werden! Die Forschung möchte sich mit dieser Ansicht nicht zufriedengeben: „Ich finde die These unsinnig“, widerspricht Elisabeth Messmer. „Es ist meines Erachtens äußerst traurig, dass zum Beispiel über die zentrale Verschaltung von Emotionen so wenig bekannt ist. Wissen über ein Phänomen erleichtert immer das Verstehen, und gerade das ist bei emotionalen Tränen doch sehr wichtig.“ Ad Vingerhoets nennt einen weiteren Punkt: die Therapie psychischer Krankheiten: „Ärztliche Behandlungsmethoden unterscheiden sich deutlich im Einsatz des Weinens. Während einige Ärzte ihren Patienten verbieten, im Verlaufe der Therapie zu weinen, begreifen andere Tränen als wichtiges Signal für den therapeutischen Fortschritt.“ Wer hat nun Recht? Nur exakte Wissenschaft könne hier Klärung bringen.

Für eine allgemeine Schlussfolgerung ist es also wohl zu früh. Denn bisher kann man vieles nur feststellen: Menschen weinen manchmal, um Aufmerksamkeit zu erregen, manchmal aus Mitleid, manchmal aus hormonellen Gründen. Manchmal verbessern die Tränen das emotionale Befinden, manchmal nicht. Einige Zusammenhänge sind schon abgeklärt, viele fehlen noch. Die Wissenschaft widmet sich interessiert der Entdeckung weiterer Phänomene, sodass der Mensch die eigene Emotionalität immer besser kennen lernt. Dadurch verliert er vielleicht ein Geheimnis über sich selbst, doch kann er großen Nutzen aus den neuen Erkenntnissen ziehen. Emotionen in wissenschaftlichen Terminologien zu beschreiben, mag befremdlich anmuten, trägt jedoch dazu bei, psychische Krisen immer besser behandeln zu können.