Als der Mensch die Kultur erfand Drucken
Geschrieben von: Julia Escher   

Der Mensch als die „Krone der Schöpfung“ wurde schon von Charles Darwin entthront. Und seit Jane Goodalls Expeditionen ins Land der Schimpansen haben Forschungen immer wieder gezeigt: Primaten sind viel intelligenter, als wir lange angenommen haben. Sie benutzen Werkzeug, planen voraus, haben Traditionen und Dialekte. Doch es liegen Welten zwischen der Art wie wir und wie Menschenaffen leben. Die Suche nach dem kleinen Unterschied, der einen großen zur Folge hat.

„Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, / behaart und mit böser Visage...“, so beginnt das Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“ von Erich Kästner. Heute sitzen wir bequem in Häusern mit Zentralheizung, surfen auf unserem iPhone im Internet, um unser Facebook-Profil zu aktualisieren oder den passenden Partner zu finden, jetten mal eben mit dem Flieger nach New York zum Shoppen, und haben auch sonst allerlei entwickelt, das uns von der „primitiven“ Welt unserer Vorfahren unterscheidet.

Doch in den letzten Jahrzehnten sind Zweifel daran aufgekommen, ob wir wirklich so viel intelligenter sind als andere Primaten. Denn große Menschenaffen, also Bonobo, Schimpanse, Gorilla und Orang-Utan, leisten Erstaunliches: Schimpansen und Orang-Utans benutzen einfaches Werkzeug und stellen sogar ihr eigenes her, Schimpansen führen Kriegszüge gegen andere Gruppen und kooperieren bei der Jagd. Bisweilen können Menschenaffen sogar nachvollziehen, welche Absichten andere haben. Aber – sie können dies alles nur in einem begrenzten Maß. Der Mensch ist ihnen eine Nasenlänge voraus, und das reicht, um das Rennen um die kulturelle Evolution zu gewinnen.

Wer kooperiert, ist klar im Vorteil

Wie alle Lebewesen entwickelten auch die Vorfahren von Mensch und Affe ihre „Rolle im Ökosystem“. Die Individuen, die zusammenarbeiteten, und sich beispielsweise bei der Nahrungsbeschaffung gegenseitig halfen, überlebten und pflanzten sich besser fort.

Das Leben in der sozialen Gruppe war von Vorteil bei der Nahrungsbeschaffung und der Abwehr von Räubern, so die These von Prof. Peter Kappeler von der Universität Göttingen. Das förderte zwangsläufig soziale Fähigkeiten. Auch auf die biologische Entwicklung unserer Vorfahren wirkte sich das Leben in der Gruppe aus. Denn die Nachkommen, die schon mit genetischen Voraussetzungen zur Welt kamen, welche für ein Leben in der Gruppe günstig waren, pflanzten sich besser fort und vererbten ihre kognitiven Fähigkeiten weiter. Der Mensch wurde zum „sozialen Tier“.

Doch auch andere Primaten kooperieren, wie der Evolutionsbiologe Prof. Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig in einem Interview mit 3Sat zu berichten weiß. So gehen Schimpansen beispielsweise gemeinsam auf die Jagd. Ein Schimpanse jagt das Opfer durch die Baumkronen, ein anderer folgt auf dem Boden, und ein dritter versucht, dem Opfer den Weg abzuschneiden. Dabei weiß jeder Affe, wo die anderen Jäger gerade sind, und reagiert auf sie. Inwieweit Menschenaffen in der Lage sind, zu wissen, was der andere warum tut und worauf er seine Aufmerksamkeit richtet, bedarf allerdings noch weiterer Forschungen. Einige Wissenschaftler sind der Meinung, dass Primaten diese Fähigkeit nicht oder nur sehr eingeschränkt besitzen.

Wir können die Gedanken anderer lesen – fast

Gemeinsame Aufmerksamkeit beim Menschen

Zwei Personen richten ihre gemeinsame Aufmerksamkeit auf ein Objekt und auf den anderen.

Bild: Julia Escher

Geklärt ist jedenfalls, dass wir Menschen dazu in der Lage sind. Wir richten nicht nur unsere gemeinsame Aufmerksamkeit auf etwas, sondern wir wissen darüber hinaus auch noch, dass der andere seine Aufmerksamkeit auf dieselbe Sache richtet, erklärt Tomasello in seinem Buch „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens“. Zusätzlich wissen wir, dass der andere seine Aufmerksamkeit auf uns richtet, und er wiederum weiß, dass wir unsere auf die Sache und auf ihn richten.

Menschen sind sich bewusst, dass die Aufmerksamkeit eines anderen auf ihnen selbst liegen kann. Wir überlegen uns, ob wir bei einem offiziellen Anlass Jeans tragen können, oder ob das in den Augen anderer vielleicht nicht angemessen wäre. Wir wissen also, und versuchen einzuschätzen, was andere denken. Durch diese „Theory of mind“ eröffnen sich neue Möglichkeiten für gemeinsames Handeln und Kommunikation.

Man denke an zwei Menschen, einen Mann und eine Frau, die zusammen Fotos anschauen. Sie erkennen, in einem gewissem Rahmen, was der andere gerade denkt. Zeigt die Frau beispielsweise mit dem Finger auf ein Foto, so versteht der Mann, dass sie ihn auf eine bestimmte Sache aufmerksam machen will. Sie fordert ihn dazu auf, seinen Blick auf etwas zu lenken, auf das sie ihre Aufmerksamkeit gerichtet hat.

Keine 'Theory of mind' bei Primaten

Der Bonobo 'Joey' kann die Zeigegeste der Mitarbeiterin des Max-Planck-Instituts in Leipzig nicht deuten.

Bild: Josefine Kalbitz / MPIeva

Andere Primaten beherrschen diese Art der Kommunikation nicht. Ihnen sagt eine Zeigegeste nichts, denn es scheint ihnen nicht in den Sinn zu kommen, dass der andere die Aufmerksamkeit auf ein Objekt teilt, und gleichzeitig auch auf ihn richtet.

Das Wissen um die gemeinsame Aufmerksamkeit ist eine wesentliche Grundvoraussetzung zur Entwicklung von Kultur. Denn nur dann ist diese Art der Kommunikation, ob durch Zeigen oder durch Sprache, möglich. Tomasello vermutet, dass die Zeigegeste der ursprüngliche und konkrete Beginn von Kommunikation ist.

Die Kommunikation hob die Weitergabe von Wissen nun auf eine neue Entwicklungsstufe. Durch sie lassen sich Entdeckungen auch aktiv an andere weitergeben. Kein anderes Tier außer dem Menschen lehrt andere freiwillig und unter eigener Zeitaufwendung. Menschen motivieren den Nachahmer sogar zusätzlich, insbesondere Erwachsene ermuntern Kinder zur Imitation.

Kleine Kopiermaschinen

Kinder ihrerseits imitieren bereitwillig, was Erwachsene ihnen vormachen. Sie imitieren sogar Handlungen, die zwar vorgemacht wurden, zum Erreichen eines Ziels aber gar nicht notwendig sind, wie Experimente gezeigt haben. Diese Tatsache war auch für Forscher eine Überraschung, denn Primaten scheinen hier den Trick zu durchschauen. Sie sind keine Sklaven der Imitation. Überflüssige Handlungen, die nicht dazu beitragen, ein Ziel zu erreichen, lassen sie weg. Sie haben also ein Verständnis für Ursache und Wirkung. Warum aber imitieren dann Kinder Handlungen, die eigentlich unnötig sind, wenn Affen dies verstehen?

Dr. Claudio Tennie untersucht am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie das Lernverhalten bei Kindern und Menschenaffen. Er erklärt, dass Kinder sich auf etwas anderes konzentrieren als Primaten. In erster Linie achten sie auf die Person, die die Handlung ausführt. Denn schließlich gibt ihnen diese auch jede Menge Anleitung. Kinder lernen also „sozial“. Dabei spielt die Fähigkeit zur detailgetreuen Imitation eine wichtige Rolle.

Tennie stellt fest: „Es gibt offensichtlich im ganzen Tierreich kein Tier, das so gut und detailgetreu kopieren kann wie der Mensch.“ Es mag paradox klingen, aber der Mensch hat einen größeren Hang zum Nachäffen als Affen. Kinder lassen sich bereitwillig Dinge zeigen, um sie anschließend nachzuahmen. Sie sind sozusagen kleine „Kopiermaschinen.“

Auch andere Primaten ahmen andere nach – aber ausschlaggebend für ihre Art der Nachahmung sind Ursache und Wirkung. „Wenn Menschenaffen etwas voneinander lernen, dann benutzen sie einen komplett anderen Mechanismus“, vermutet Tennie. Seine Versuche zeigen: Primaten lernen ‚emulativ’. „Beobachten Primaten beispielsweise einen anderen beim Nüsseknacken, so erkennen sie nur, dass diese runden Dinger irgendwie knackbar sind, und etwas Leckeres enthalten. Sie erkennen auch, dass sich ein Stein dafür benutzen lässt. Aber die Art und Weise, wie der andere die Nüsse knackt, können oder wollen sie sich nicht so gut abschauen“, schildert der Biologe das Lern-Verhalten von Primaten.

Findet ein Affe anschließend heraus, wie er selbst eine Nuss knacken kann – was für gewöhnlich sehr lange dauert –, so wird er vielleicht selbst ein Modell für andere. In allen diesen Fällen jedoch gilt: „Jeder Affe muss das Rad neu erfinden.“ Denn Affen lernen im Wesentlichen „individuell“, wobei sie sich von bereits bestehenden Erfindungen inspirieren lassen.

Kultur oder Tradition?

An der Kulturfrage allerdings scheiden sich die Geister der Wissenschaftler. Die einen argumentieren, dass es Kultur auch bei Menschenaffen gibt, die anderen, zu denen auch Tomasello und Tennie gehören, wollen lieber von Traditionen sprechen, da offenbar unterschiedliche Lernmechanismen von Menschen und Affen verwendet werden. „Verschiedene Schimpansengruppen entwickelten zwar augenscheinlich unterschiedliche Techniken der Nahrungssuche: Eine Gruppe dippt Ameisen mit kurzen Stöcken auf, eine andere benutzt dafür lange Stöcke. Verschiedene Gruppen knacken Nüsse mit steinernen oder hölzernen Hämmern. Diese Traditionen können von langer Dauer sein, Nussknacken bei Schimpansen geht teilweise auf mehrere tausend Jahre zurück“, erläutert Tennie.

Doch offenbar findet keine Selektion von besseren oder schlechteren Techniken statt. „Menschenaffen scheinen blind dafür, ob eine Methode sich besser eignet als eine andere“, so der Biologe. Bessere Techniken bleiben dabei zwangsläufig auf der Strecke. „Selbst wenn ein besonders schlauer Affe eine bessere Technik erfindet, werden ihn die anderen nicht deshalb nachahmen“, so Tennie. Damit sei die Verlustrate von Erfindungen zu hoch, als dass eine Kultur sich weiterentwickeln könnte.

Aber was ist dann die Erklärung für die offensichtlichen Unterschiede zwischen Affenpopulationen? Tennie vermutet, dass - anders als beim Menschen, der zwar gut imitiert, dafür aber auf sich allein gestellt weniger erfinderisch ist - jeder Affe alle diese Techniken spontan selbst entwickeln könnte. Jeder Schimpanse kann lange oder kurze Stöcke benutzen, einen Holz- oder einen Steinhammer. Die Variante, die ein Affe sieht, inspiriert ihn nur zur Nachahmung, und so breitet sich eine Technik innerhalb einer Affenpopulation aus. Tennie zufolge bestätigen erste Versuche seine Hypothese.

Mit dem „Wagenheber-Effekt“ zur kulturellen Evolution

Der Mensch hat seine Erfindung des Rades nicht nur weitergegeben. Er hat sie verbessert. Und wieder weitergegeben und verbessert. Neben der „Theory of mind“, dem Erkennen, worauf der andere seine Aufmerksamkeit richtet, ist die Weitergabe von Wissen durch Imitation der zweite Schlüssel zur Entwicklung von Kultur. Denn durch genaue Imitation, verbunden mit Lehren, werden Erfindungen viel schneller und besser weitergegeben. Es geht weniger Wissen verloren, und das Wissen erreicht eine Stufe, die von keinem Individuum „ex nihilo“, aus dem Nichts heraus, hätte entwickelt werden können.

„Kultur muss mit einer hohen Wahrscheinlichkeit intakt weitergetragen werden, sonst verliert sie sich über die Zeit“, erklärt Tennie. Vom weitergegebenen Wissen profitieren dann durch erneute Imitation alle. „Die gesamte Gruppe wird somit auf eine höhere Kulturstufe gehoben“. Diesen Mechanismus bezeichnen Experten als den „Wagenheber-Effekt“. „Und irgendwann haben wir dann eine elektrische Nussknack-Maschine, die 30.000 Nüsse in der Minute knackt“, veranschaulicht Tennie den Mechanismus. Das macht uns so schnell kein Affe nach.

Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen

In der Entwicklung von Kultur sind wir aber auch abhängig von anderen. „Kulturfähigkeit basiert auf einer sozialen Komponente. Kein Mensch kann alleine eine Kultur erfinden“, ist sich Tennie sicher. Dazu beschreibt er ein Gedankenexperiment: „Wenn man einen einzelnen Menschen als Baby auf einer einsamen Insel aussetzen und es irgendwie schaffen würde, diesen Menschen am Leben zu erhalten, dann würde dieser Mensch keine Kultur entwickeln. Er würde sich wahrscheinlich eher wie ein Affe verhalten.“ Im Interview mit 3Sat veranschaulicht Tomasello diese These: „Alleine würde so ein Mensch keine Sprache, kein Algebra erfinden. Welche durchschnittlichen mathematischen Fähigkeiten hätte jemand, der keine arabischen Ziffern hat, den niemals irgendjemand Mathematik gelehrt hat, und der nicht einmal Wörter für Zahlen hat, mit denen er zählen könnte? Was würde er schon ganz allein erfinden?“

Man denke an den berühmt gewordenen Fall des Kaspar Hauser, der in Isolation und ohne Kontakt zu anderen Menschen aufwuchs, und dessen kognitive und soziale Fähigkeiten Zeit seines Lebens, auch als er schon nicht mehr in Isolation lebte, extrem eingeschränkt blieben.

Wir mögen moderne Technologien entwickelt haben, um die Welt fliegen und ein iPhone benutzen – aber wir sind auch nur Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen. Denn in unserer Kultur sind wir abhängig von dem, was andere vor uns entdeckt haben. Ohne das Wissen und die Erfindungen, die andere in den Jahrtausenden vor uns entwickelt haben, und auf die wir aufbauen können, würden unsere Leistungen nicht so herausragend erscheinen.

Die kognitiven Fähigkeiten, die bei uns anders entwickelt sind als bei anderen Primaten, hatten also auf lange Sicht eine enorme Wirkung zur Folge. Wir leben heute in einer so hochentwickelten Kultur, dass wir manchmal fast das Gefühl haben, wir selbst seien noch gar nicht richtig an sie angepasst.