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Als Napoleon die Kehrwoche erfand

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von Martina Kütterer

Der Schwabe ist stolz auf seine kulturellen Kinder. Was wären Linsen ohne Spätzle? Gern klopft er sich dabei auf die Schulter. Doch was wären Spätzle ohne Italiener? Nicht alles ist typisch schwäbisch: Die uns so vertrauten Sitten und Bräuche haben oft längst vergessene Väter. Von Stiefkindern in der schwäbischen Kultur – ein Vaterschaftstest.Hinter alten, massiven Klostermauern, in dunklen, ruhigen Gemächern erfanden Mönche so einiges. Eine Legende erzählt, wie im tiefsten Schwabenland zu Zeiten der Reformation ein Mönch aus einer Sünde eine Sitte machte. Der Ordensbruder des Maulbronner Zisterzienserklosters hatte mitten in der Fastenzeit Lust auf Fleisch. Und obwohl der Verzehr von Fleisch strengstens verboten war, konnte er nicht widerstehen. Der Mönch tüftelte an einer Tarnung. Er zerhackte das Fleisch, mischte es mit Spinat und Kräutern, umwickelte die Masse mit Nudelteig – und geboren war die Maultasche. Bis heute ist der Schwabe stolz auf sein kulinarisches Kind und nennt es liebevoll „Herrgottsb`scheißerle“.

Allerdings ranken sich weitere Erzählungen um die schwäbische Spezialität. Sie scheint nicht so schwäbisch zu sein wie es der Schwabe gerne hätte. Böse Zungen behaupten, es handele sich nur um ein Stiefkind …

Jacques-Louis David Public domain, via Wikimedia Commons

Napoleon. Foto von Jaques, Jacques-Louis David (Public Domain) via Wikimedia Commons

„Wir können alles außer Hochdeutsch“, das sagen sie gern, die Schwaben. Schwaben sind stolz auf ihre Herkunft, ihren Erfindergeist, auf Linsen mit Spätzle. Dabei gibt es diesen Nationalstolz und damit das Denken in den Kategorien „Eigenes“ und „Fremdes“ erst seit dem 19. Jahrhundert. Migration gibt es dagegen schon immer. Nicht erst im 20. Jahrhundert kamen Arbeiter und Abenteuerlustige ins Land zwischen Rhein, Neckar und Bodensee. „Schon immer bewegten sich Menschen über Grenzen und Grenzen über Menschen“, schreibt der Migrationshistoriker Klaus Bade.

Auch „Gastarbeiter“ gab es bereits vor 1950

Während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) schrumpfte die Bevölkerung Württembergs von 400.000 auf 50.000. Felder verrotteten, die Pest wütete unter den Hungernden und ganze Dörfer starben aus. In das wie leer gefegte Land kamen Fremde und wurden württembergische Untertanen.

Auch „Gastarbeiter“ gab es vor 1950: Der Arbeiterbedarf für den Eisenbahnbau im 18. Jahrhundert wurde mit Italienern gedeckt. Auf schwäbischen Bauernhöfen arbeiteten bis zum Ersten Weltkrieg sogenannte Schwabenkinder, für eine Saison gekauft auf Kindermärkten in Oberschwaben, Friedrichshafen und Ravensburg. Die Arbeit der Kinder in der Fremde brachte armen italienischen Bergbaufamilien einen kleinen Zusatzverdienst.

Auch viele Deutsche suchten ihr Glück anderswo. Besonders die reiselustigen, weltinteressierten Württemberger und Badener verstreute es in alle Himmelsrichtungen, häufig nach Nordamerika, Ost- und Südosteuropa im 18. und 19. Jahrhundert. Karlsruhe, Heidelberg, Stuttgart oder Heilbronn – diese vertrauten Städtenamen gab es bald auch in der fremden Ferne.

Bernhard Tschofen, Dozent des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen, sagt über die Migrationsbewegungen: „Es ist wichtig zu wissen, dass Baden und Württemberg historisch eher Auswanderungsländer als Einwanderungsländer sind. Einwanderer gab es, allerdings selten in geregelten Schüben.“

Motive zum Auswandern gab es schon immer: Arbeit, Liebe, Freiheit. Und natürlich unbändige Abenteuerlust. Dabei trugen Reisende nicht nur die Hoffnung auf ein besseres Leben im Koffer in die weite Welt, auch Sitten und Bräuche wanderten mit.

Als der Schwabe zum Schwaben wurde

Schwäbisch – was ist das überhaupt? So etwas wie ein schwäbischer Stolz konnte erst im 19. Jahrhundert entstehen. Denn erst da setzte sich der Begriff „schwäbisch“, wie wir ihn heute kennen, durch, erst da bezeichnete man sich als Schwabe. Zuvor hatte Württemberg aus vielen kleinen Staaten bestanden. „Historisch bezeichnet der Begriff nicht nur Schwaben wie heute, sondern die schwäbische Herrschaft. Damit deckte der Begriff ursprünglich auch Baden ab“, erklärt Tschofen.

Und erst mit dem Entstehen der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert wurde Migration zu einem Problem in kultureller Hinsicht. Davor hatte es einen regen Austausch über die Alpen gegeben, besonders über die höfische und klösterliche Kultur. „Die Beziehungen über die Alpen hinweg waren seit dem frühen Mittelalter sehr wichtige Beziehungen. Und in deren Gefolge ist das eine oder andere mitgekommen“, weiß der Professor für Empirische Kulturwissenschaft.

Zum Beispiel steht bei einer Reihe der ältesten Fastnachtsmaskentypen fest: Der Narrenschmuck kam mit italienischen Komödianten im 16. Jahrhundert über die Alpen. Zu dieser Zeit erblühte die internationale Orientierung an deutschen Höfen. Dort tummelten sich zahlreiche fremde Künstler und Theatergruppen aus Frankreich, England und Italien. Ludwigsburg bei Stuttgart galt als „Versaille im Kleinen“ – mit einer italienischen Oper und vielen Opernstars. Das Geschehen zu Hofe setzte Trends in der Bevölkerung. Die Gesichtsverkleidung der italienischen Komödianten beeinflusste die Fastnachtsmasken der Städte, später auch der Dörfer.

Die Kehrwoche: eine Napoleonische Erfindung?

Der neueste Schrei kam nicht nur aus Italien. Besonders bei der Mode war Frankreich schon immer Trendsetter. Freizügige, laszive Damenwäsche, verruchte Salons kamen über die Landesgrenze – und die schönsten deutschen Märchen. Als protestantische Hugenottenfamilien in Frankreich verfolgt wurden und Ende des 17. Jahrhunderts nach Deutschland flohen, brachten sie geheimnisvolle Geschichten aus der Heimat mit. Davon profitierten die Gebrüder Grimm. Auf der Suche nach Volksmärchen trafen sie im Weserland auf Hugenotten, die ihnen sagenhafte Märchen von einem gestiefelten Kater und Rotkäppchen erzählten. „Die Gebrüder Grimm haben die Märchen von Hugenotten aufgegriffen und umgeschrieben“, so Tschofen über den Ursprung der Grimm‘schen Märchen.

Vermutlich hat sogar der Putzfimmel der Schwaben seinen Ursprung in Frankreich. Als Napoleon regierte, erließ er viele Bestimmungen zur Reinhaltung der Straßen und Häuser. In diese Zeit der napoleonischen Vereinheitlichung lässt sich eine bis heute anhaltende Tradition einordnen: die Einführung der schwäbischen Kehrwoche. Diese Vermutung kehren Schwaben gern unter den Teppich.

Kulinarische Vorzeige-Migranten: Trollinger und Müller-Thurgau

Eine Geschichte, die Schwaben wohl besonders ungern hören, ist die des Trollinger-Weines. „Wenn man sich den genau ansieht, kommt man bald darauf, dass sich dahinter Tirolinger verbirgt“, so Tschofen über das schwäbische Getränk. In Tirol gibt es dieselbe Rebe seit der frühen Neuzeit. „Der Südtiroler Grauvernatsch schmeckt dem Trollinger sehr ähnlich“, erklärt Tschofen. Doch damit nicht genug: Die Reise geht weiter zum Balkan. In der Zeit nach den Türkenkriegen, während der Verteidigung des Abendlandes, ist vieles in unsere Gegend gekommen. So haben Vanillekipferl ihren Ursprung in der orientalischen Bäckerei. Die Rebsorte „Trollinger“ kam damals vom Balkan über Tirol nach Württemberg.

Ein weiterer Vorzeige-Wein-Migrant: der Müller-Thurgau. Die Reben wurden auf einem Schiff von der Schweiz über den Bodensee gebracht, weil Schweizer gehört hatten, dass es auf deutscher Seite erfolgreiche Weinzüchtungen gab. Der Müller-Thurgau kam nach Hagenau am Bodensee, wo noch heute ein Denkmal daran erinnert. „Die Weinbaugeschichte ist eine Migrationsgeschichte“, so Tschofen. Und: Sie ist belegbar. „Die Verwandtschaft der Reben kann man nachweisen.“

Da hört der Schwabe gerne weg. Dabei entdeckte man die eigene Kultur erst mit dem Entstehen der Nationalstaaten und erst mit der Selbstbezeichnung als Schwabe konnte der Schwabe eigene, kulturelle Besonderheiten festmachen. „Davor würde niemand von einer schwäbischen Kultur sprechen“, so Tschofen. „Erst damit verstärkten sich die Prozesse, die das Andere zum Fremden machten.“

Das ist auch die Zeit, in der man Spätzle Spätzle und Maultaschen Maultaschen taufte. Ein Blick in die Quellen des frühen 19. Jahrhunderts zeigt: Hier kommen Maultaschen und Co. einfach noch nicht vor. Und wenn, dann noch nicht mit dieser Bezeichnung. „Sie waren kein Identitätsmerkmal der Schwaben. Flächendeckend gab es Maultaschen und Spätzle erst viel später“, so Tschofen.

Woher kommen nun die schwäbischen Maultaschen?

Und hier wird es interessant: Wenn kulinarische Besonderheiten erst später als solche erkannt wurden, wie lässt sich dann ihr Ursprung ausmachen? War es wirklich der hungrige Mönch, der die Maultaschen erfand? Oder vielleicht doch der Italiener, der seine Ravioli nach Schwaben brachte? Die Vorstellung des „Hergottsbescheißerle“, aber auch die Vorstellung der wandernden Ravioli sind wohl beide eher unwahrscheinlich, denn Ravioli gab es damals auch noch nicht – zumindest nicht mit dieser Bezeichnung.

Von Sprachwissenschaftlern konnte jedoch nachgewiesen werden: Das Wort „Spätzle“ kommt aus dem Italienischen und bedeutet „Geschabtes“. Ist die Maultasche auch so ein Stiefkind? Ist jenes Kind, das der Schwabe liebevoll hegte und pflegte, die kleine Schwester der großen Ravioli? Doch der Vater könnte auch Russe oder Chinese sein. Bereits in der Frühen Neuzeit bezeugen russische Piroggen, gefüllte Teigtaschen, die engen Heiratsverbindungen zwischen Württemberg und dem Zarenhof. Eine gewisse Ähnlichkeit besteht ebenfalls zu chinesischen Won-Tan-Taschen, die vielleicht schon Marco Polo mitbrachte. So etwas wie „Spätzle“ gibt es in vielen Kulturen. „Gemahlenes Getreide mit Wasser anzurühren und ins kochende Wasser zu geben, war eine einfache Art, satt zu werden“, erklärt Tschofen.

Der leibliche Vater kann wohl nie ermittelt werden. Wo auch immer die Verwandten leben, der Schwabe hat sich gut um sein kulinarisches Kind gekümmert. Vielleicht zu gut. Denn vergessen wurde der Vater, vergessen wurde wie so oft: Migration und kulturellen Austausch gab es schon immer. Und wird es immer geben.