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Achtung, Gesichts-TÜV bei Bewerbungen

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von Annemarie Gronover

Können Psycho-Physiognomiker tatsächlich Informationen über Charakter und Talente aus dem Gesicht lesen? Welche Macht wird ihnen von Personalleitern in Unternehmen gegeben? Und was ist wissenschaftlich dran an der Kunst, aus dem Gesicht zu lesen?

Verkäuferseminar. Dreizehn junge Männer füllen Fragebögen aus. Die Seminarleiterin fährt fort: „Während Sie geschrieben haben, habe ich Ihre Gesichter studiert. Ich kann über rund 300 Gesichtsmerkmale Ihre Stärken und Talente definieren. Und Ihre Optimierungsbereiche.“ Kurzes Schweigen, dann prescht ein muskulöser, braungebrannter Mann mit kantigem Kinn und blond gefärbten Stoppelhaaren vor: „Sagen Sie mal, was ich kann!“ – „Ihr Kinn sagt, dass Sie leistungsorientiert sind. Ihre lange schmale Nase bedeutet, Sie ziehen Projekte durch.“

Fiktion, Vision oder Realität? Tatsächlich kann man diese und ähnliche Szenen vermehrt in Unternehmen beobachten. Zum Beispiel gehören zu den Kunden des „Instituts für ‚Erlernbare Menschenkenntnis‘“ im rheinischen Lohmar, das die Methode der visuellen Menschenkenntnis anwendet, die ALTANA Pharma GmbH in Konstanz, der Apothekerverband Nordrhein in Düsseldorf, die Yamaha GmbH in Neuss und auch die Hochschule Pforzheim. Sie bot 2008 bei ihrem Alumni-Treffen einen Workshop „Gesichter lesen“ an.

Psycho-Physiognomiker lesen Aspiranten, Auszubildenden, Mitarbeitern und Führungskräften aus dem Gesicht. Wenn sich ihre Annahmen in der Praxis bewahrheiten, welchen Sinn hat dann lebenslanges Lernen? Wozu brauchen wir Fortbildungen? Und wie verträgt sich die mitteleuropäische Gesichterlehre mit der globalen Arbeitswelt?

Das Gesicht – ein Karriereprofil?!

In der Regel bewerben Stellensuchende sich schriftlich bei Unternehmen, um ihre Fachkompetenz und Soft Skills nachher bei einem Bewerbungsgespräch unter Beweis stellen zu können. Aber wer garantiert heute, dass Vertreter der Personalabteilung nicht versuchen, einem die Talente aus dem Gesicht zu lesen? Und wie funktioniert das? Psycho-Physiognomie bezeichnet das Wissen von Seele und Körper. Nach definierten Arealen wird eine Beziehung zwischen dem Äußeren, dem Charakter und den Talenten der Bewerber hergestellt. Anhand von rund 300 Gesichtsmerkmalen erkennt man Stärken, Begabungen und Optimierungsbereiche. Die Zahlen der Gesichtsmerkmale variieren je nach Ausbildungsrichtungen der verschiedenen Akademien. Gemeinsamer Hintergrund ist jedoch die Lehre des schmallippigen Züricher Pfarrers und Philosophen Johann Caspar Lavater.

Für Aristoteles stehen kleine Ohren bei Menschen wie beim Affen für Trägheit und Sucht nach Diebstahl.
Foto aus: The Physiognomist

„Pathognomik“ oder Wissenschaft?

Dieser veröffentlichte zwischen 1775 und 1778 sein vierbändiges Werk „Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“.
Mit Winkelmaß und Maßband bemühte er sich, einen Zusammenhang zwischen Kopfform, Proportionen der Gesichtszüge und dem menschlichen Wesen herzustellen. Eine simple Erkenntnis war, dass der Mund Willensstärke symbolisiere. Feste Lippen gleich fester Charakter.
Er erntete den Spott des Schriftsteller,

Mathematikers und Physikers Georg Christoph Lichtenberg. Der sprach von „Pathognomik“. Das Bestreben nach einer systematischen oder gar wissenschaftlichen Verknüpfung zwischen Gesicht und Persönlichkeit findet seine Wurzeln in der bereits vor über 2000 Jahren praktizierten chinesischen Medizin. Bereits damals glaubten Menschen, Erkenntnisse über sich und andere durch das Studium von Gesichtszügen zu gewinnen. Große Denker wie Sokrates und Aristoteles konnten dieser Idee etwas abgewinnen. Letzterer zog Analogien zwischen Mensch und Tier. Ein Bulldoggengesicht ließ demnach auf Beharrlichkeit schließen. Geistesgrößen wie Alexander von Humboldt und Johann Wolfgang von Goethe sympathisierten ebenfalls mit dieser uralten (Pseudo-)Wissenschaft.

Der Dekorations- und Porträtmaler Carl Huter (1861-1912) entwickelte seine Lehre der Psychophysiognomik aus der Physiognomik und Phrenologie. Der Arzt Franz Josef Gall hatte zu Anfang des 19. Jahrhunderts die pseudowissenschaftliche Lehre der Phrenologie, der Schädelkunde, begründet. Sie geht von einem Zusammenhang zwischen Schädelform und Talenten aus. Später wurde seine Lehre zum Beweis der Korrelation von Schädelform und krimineller Energie missbraucht. Carl Huter griff Galls Ansatz mit auf. Zudem unterschied Huter grundsätzlich drei Menschentypen, die er die drei „primären Naturelle“ nannte: das Ernährungs-Naturell, das Bewegungs-Naturell und das Empfindungs-Naturell. Nach Huter hat jedes Naturell ein typisches Aussehen und ein primäres seelisches Bedürfnis, das nach Verwirklichung strebt. In jedem Menschen sind alle drei Naturelle mit Grundinformationen angelegt, aus denen sich Mischformen entwickeln können. Huters Lehre bildet heute mitunter die Grundlage für alle modernen Psycho-Physiognomiker, die die Zusammenhänge von Gesicht und Charakter, Form und Seele analysieren.

Unternehmen setzen auf die Gesichtsdiagnose

Physiognomische Kenntnisse werden von Unternehmen wie zum Beispiel der Kölner TÜV Rheinland Group neben anderen Methoden nicht nur zur Personalauswahl, sondern auch zur Potenzialentwicklung der Mitarbeiter eingesetzt. Das Unternehmen „Heiden Associates“ mit Sitzen in Berlin und Wiesbaden unterstützt Firmen bei der Personalsuche, -analyse und -auswahl. Hierzu setzt es TÜV-zertifizierte Berater für physiognomische Analysen ein. Auf der Homepage wirbt Heiden Associates mit dem Slogan „Wir machen aus Softfacts Hardfacts“. Weiter steht dort: „Durch den Einsatz wissenschaftlich valider Verfahren können wir den Analyse- und Auswahlprozess sowohl im Einzelassessment als auch in der Teamanalyse qualitativ steigern. Mit dem Ziel, Talente richtig einzusetzen!“. Das Spektrum umfasst anerkannte Methoden aus der Psychologie wie zum Beispiel „Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP)“. Allerdings auch die umstrittene Psycho-Physiognomik. Deren Trefferquote soll laut Thomas Heiden, Unternehmens- und Personalberater, Partner der Heiden & Simon und Personalberatung sowie TÜV-zertifizierter Psycho-Physiognom, bei 85 Prozent liegen.

Immer mehr Großkonzerne lassen Geschäftsführer, Personalleiter und die Personalabteilung in Physiognomie ausbilden. Man möchte Fehlbesetzungen vermeiden und eine gezielte Personalauswahl treffen. In der Personalentwicklung spielt die Gesichts- und Körperanalyse eine wachsende Rolle, wenn es um Bedürfnisse und Fähigkeiten von Mitarbeitern und Führungskräften geht.

Vor allem das „Schneemann-System“ wirbt massiv. Der gelernte Fahrzeuglackierer Dirk Schneemann gründete sein Unternehmen „Discover People“ in Köln mit dem Ziel, fundierte Menschenkenntnis zu vermitteln. Aspiranten lernen, dass eine ausgeprägte Nasenspitze auf weltliche Genüsse schließen lässt und ein kantiges Kinn für die Fähigkeit steht, sich durchzubeißen.

Die Nase ist unter Psycho-Physiognomikern das Paradebeispiel. Ein Mensch ist umso konsequenter, je prägnanter seine Nase ist. Hakennasen haben einen guten Geschäftssinn und gelten als ehrgeizig. Wer Gedanken vertieft, hat eine eingesetzte Nasenwurzel und arbeitet lieber im Team. Dagegen sagt ein hoher Nasensteg etwas über eine rasche Übersicht der Dinge. Diese Nasengruppe arbeitet eher selbständig.

Seriös klingen Zentren, die im Titel Begriffe wie Persönlichkeits- und Potenzialentwicklung führen. So wirbt zum Beispiel das Carl-Huter-Institut in Zürich mit folgenden Seminarthemen: „Talente und Begabungen feststellen und benennen“, „Berufs- und Studienwahl besprechen und treffen“ sowie „Über die Laufbahn nachdenken und sie gestalten“. Diese Seminare wenden sich  gezielt an Jugendliche und Studenten. Für alle anderen Interessierten gibt es Angebote wie „Menschenkenntnis live“ oder „Menschen erklärt“. Alle Kurse basieren auf der psychophysiognomischen Grundlage. Die Homepage wirbt für den interessierten Laien mit einem Quiz, in dem man drei Männergesichtern die passende Beschreibung zuordnen soll.

Die Sicht der Psychologie

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Menschen Gemütslagen anhand der Körpersprache und Mimik in Bruchteilen von Sekunden erkennen. Wir sind fähig einzuordnen, ob uns jemand freundlich oder ablehnend gegenüber steht. Die Einschätzung beruht auf dem Verhalten des anderen und auf unserem Erfahrungsschatz, jedoch nicht auf messbaren oder gar kategorisierbaren Gesichtsmerkmalen.

Eine 2008 erschienene psychologische Studie der italienischen Wissenschaftler Paola Bressan und Guendalina Zucchi von der Universität Padua zeigt, dass das eigene Gesicht beziehungsweise Aussehen das Referenzsystem im Umgang mit Mitmenschen ist. Je mehr jemand dem eigenen Standard ähnelt, desto eher ist man geneigt, ihm zu helfen. Dagegen unterliegt Attraktivität zwei Gesichtspunkten, wie die amerikanischen Psychologen Robert Franklin und Reginald Adams von der Pennsylvania University Park ebenfalls 2009 in einem Test mit hundert Studentinnen nachweisen konnten. Frauen beurteilen Gesichter fremder Männer einerseits nach der sexuellen Anziehungskraft, einem markanten Kinn oder hervorstehenden Wangenknochen und anderseits nach dem gesamten ästhetischen Eindruck.

Wenn Stirn, Nase, Ohren und die Lippen Informationen über persönliche Eigenschaften vermitteln sollen, dann drängt sich vor allem in Deutschland die emotional und politisch hoch aufgeladene Frage nach der ethischen Grenze der Bewertung von Menschen anhand von Gesichtsmerkmalen auf. Nationalsozialisten nutzten die Phrenologie und Physiognomik für ihre Rassenlehre und ordneten bestimmten Körpermerkmalen nicht nur bestimmte Charaktereigenschaften zu, sondern Kategorien wie lebenswert und lebensunwert.

Die Physiognomie beruht auf Annahmen, die bisher wissenschaftlich keine Bestätigung gefunden hat. Fritz Ostendorf aus dem Fachbereich Psychologie an der Universität Bielefeld und Peter Borkenau aus der Abteilung für differenzielle Psychologie an der Universität Halle, nutzen zum Beispiel für Persönlichkeitsanalysen das „Fünf-Faktoren-Modell“ (englisch: „Big Five“). Dieses definiert fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit, die ausreichen, Unterschiede zwischen Menschen umfassend zu beschreiben. Die Einschätzung des Gegenübers oder eines Fremden beruht daher nicht auf dem optischen Eindruck. Empirisch sei es nicht belegbar, dass Persönlichkeitsmerkmale anhand des Gesichts ablesbar seien.

Ein Experiment zur „Verbrechervisage“

Der renommierte, mittlerweile emeritierte Kriminologe Hans-Dieter Schwindt von der Universität Osnabrück führte ein aufschlussreiches Projekt durch. Schwindt ist bekannt für seine praxisorientierte Ausbildung der Studierenden. 2001 lud er in seine Vorlesung zur Kriminologie unbescholtene Bürger, verurteilte Straftäter und Gesetzeshüter ein. Er stellte sie nebeneinander, und die angehenden Juristen mussten raten, wem sie welches Verbrechen zutrauen. Die jungen Hoffnungsträger unterlagen vielen Fehleinschätzungen: Der Dieb war ein Saubermann, ein Polizeipräsident ein Knastbruder, der normale Bürger ein Straftäter.

Das Ergebnis war eindeutig. Die typische „Verbrechervisage“ gibt es nicht. Die im 19. Jahrhundert entwickelte Theorie des Kriminologen Cesare Lombroso, nach der eine typische Verbrechervisage sich durch eine fliehende Stirn, asymmetrische Gesichtszüge und hervorstehende Augenwülste verrät, ist mittlerweile wissenschaftlich widerlegt.

Gesichterlesen als Humbug?

Unternehmenskulturen leben von der persönlichen und fachlichen Entwicklung ihrer Mitarbeiter. In der Praxis spielt der historische und politische Hintergrund der Psycho-Physiognomik kaum eine Rolle. Ziel ist aus Sicht der Anwender, den Menschen schneller hinsichtlich seines Verhaltens und seiner Förderungsbereiche zu erkennen. Die Effizienz der Kunst, aus dem Gesicht zu lesen, scheint aus praktischer Sicht bestechend. Elke Meier, Bankangestellte in gehobener Position erklärt: „Als Trainerin und Coach liegt mir daran, den Mensch ganzheitlich zu sehen. Mittels der Psycho-Physiognomie erhalte ich eine schnellere, bessere und vollständigere Einschätzung. Allein das Gesicht zu betrachten, ist allerdings gefährlich. Hier tut sich Schubladendenken auf. Da kann einer Projekte durchziehen wie er will, wenn er mit seinen Kollegen nicht auskommt, dann muss ich da ansetzen. Nasenform hin oder her!“

Sabrina Wohl, seit über zwei Jahrzehnten erfahrener Managementcoach und Trainerin, betont: „In meiner Ausbildung zur Psycho-Physiognomikerin kam der Frage der Ethik ein hoher Stellenwert zu. Im Zentrum steht der ganze Mensch mit seinen Veränderungen. Wir werden dicker, dünner, älter, bekommen Falten. Da kann man nicht mal kurz eine Gesichtsanalyse machen und sagen, das ist es. Es geht nicht um Verurteilung, sondern eher darum, zu fördern, auch Schwächen zu überwinden.“

Ostendorf hält die Anwendung von weitgehend invaliden Methoden zur Diagnostik, Klassifikation und Auswahl von Personen für irrational und gefährlich. Er fragt lakonisch: „Was ist mit körperlich behinderten Genies, wie zum Beispiel dem Physiker Steven Hawking?“ Ostendorf sieht „keine bedeutsamen, systematischen empirischen Zusammenhänge“ zwischen Gesichtsmerkmalen und psychologischen Eigenschaften von Personen, in dem Sinne, dass eine kleine, kindliche Nase auf einen naiven Menschen hindeutet oder ein kantiges Kinn auf eine dominantere Person. Sein Fazit: „Psychologische Diagnostik auf der Grundlage der Physiognomie zu betreiben, ist daher ziemlicher Humbug.“

Wir alle verfügen über Erfahrungswissen, unsere Mitmenschen täglich anhand der Mimik und Gestik einzuschätzen. Die Leistung der Psycho-Physiognomie liegt in ihrer Systematisierung und der Anleitung zum professionellen Gebrauch. Unternehmen, die dieses Angebot annehmen, greifen vielleicht nach einem Strohhalm, um immer komplexere Herausforderungen wie interkulturelles und globales Unternehmertum aufgrund einer breiten Basis von vielseitig begabten Mitarbeitern erfolgreich zu realisieren.

Wer sich allerdings nur auf das Gesicht verlässt, sollte sich näher mit dem Schicksal von Michael Jackson befassen. Die durch plastische Chirurgie mehrmals veränderte Nase und die wechselnde Hautfarbe des erfolgreichsten Entertainers aller Zeiten unterliegen vielen Deutungen. Die Komplexität seiner Begabungen und Schwächen können sie dennoch kaum fassen.