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Illuminati & Co. – Warum sind Mysterythriller so erfolgreich?

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von Silvia Hildebrandt

Jahrhundertealtes Geheimwissen, Verschwörungen, Religion und Übersinnliches sind die klassischen Zutaten moderner Mysterythriller. Dieses Genre hat sich in den Bestsellerlisten langfristig etabliert. Jetzt wird das Geheimnis des durchschlagenden Erfolgs enthüllt.

Raimund Maier glaubt nicht an Gott und liest keine Romane. Dafür habe er keine Zeit, sagt der 52-jährige Stadtgärtner, und außerdem seien Romane nur etwas „für die da oben“: Studenten oder Lehrer, die nicht hart arbeiten müssen.

Aber seit einigen Tagen liegt eine zerfledderte Ausgabe des neuen Dan Brown, „Das verlorene Symbol“, auf seinem Schreibtisch. Ein Mysterythriller. „Nein, kein Roman!“, empört sich Maier, und sogleich leuchten seine Augen auf. „Was da drin steht, das ist unglaublich! Wussten Sie schon, dass man in einem abgeschlossenen Vakuum das Gewicht einer entfliegenden Seele messen kann? Ja, es ist wahr! Das steht alles da drin.“ Er weist mit dem Finger auf den Titeleinband.

Nicht nur Raimund Maier, der seinen wirklichen Namen nicht nennen will, sondern Millionen von Nicht-Lesern erreichen Dan Browns Mysterythriller. Warum das so ist, liegt nicht allein an den reißerischen Themen.

Ein alter Hut: Verschwörungstheorien und Mysteryromane

Literatur mit geheimnisvollen Inhalten erweckte schon immer großes Interesse. Der Literaturwissenschaftler Volker Dörr von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat als „Vorfahren“ des Mysterythrillers den deutschen „Geheimbundroman“ des 18. Jahrhunderts ausgemacht. Charakteristisch dabei ist, dass eine Geheimgesellschaft das Handlungsgeschehen bestimmt und den Protagonisten durch Manipulation und Mystifizierung lenkt. Wichtig im aufklärerisch geprägten Deutschland war, dass übernatürlich erscheinende Ereignisse rational erklärt werden. Darin spiegelten sich auch Hoffnungen, die mit der Französischen Revolution verbunden waren.

Friedrich Schillers „Der Geisterseher“ von 1786 galt dabei als erster Roman, der das typische Schema dieser neuen Gattung aufwies. Hier gerät das beschauliche Leben eines Prinzen durch einen ominösen Armenier, der das Schicksal genau zu kennen glaubt, die Geisterbeschwörung eines Magiers und die Geheimgesellschaft „Bucentauro“ langsam, aber sicher aus den Fugen. Schließlich erscheint der katholische Glaube als einziger Ausweg des Prinzen aus dem Sündenpfuhl des Lebens. Im Laufe der Jahre haben sich auch andere Autoren dieses Musters angenommen, unter anderem Johann Wolfgang Goethe mit seinem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, in dem eine mysteriöse Turmgesellschaft den schwärmerischen Theaterliebhaber Wilhelm auf den rechten Weg des arbeitenden Bürgers zurückführt.


Das Goethe-und-Schiller-Denkmal in Weimar.
Foto von FjMe, Wikipedia: Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0)

Der Geheimbundroman blieb aber nicht in den Höhen der klassischen Literatur. Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster beschreibt einen gesteigerten Lesekonsum der Gesellschaft um 1800: „Das gedruckte Wort wurde zur Massenware. Die schiere Zahl der jährlich erscheinenden Titel stieg, und die Auflagen wurden höher.“ Es fand ein rasanter Anstieg schnell geschriebener und schnell gelesener Trivialliteratur statt, die die Lesewut auch weniger gebildeter Schichten befriedigen sollte. „Die große Zeit des bürgerlichen Romans brach an. Statt des wiederholten, intensiven Lesens eines einzigen Buches – vorrangig der Bibel – wurden nun viele Bücher rasch hintereinander gelesen und dann ins Regal gestellt“, charakterisiert Barbara Stollberg-Rilinger die Geburtsstunde des Bestsellers und des modernen Leseverhaltens.

Von Edgar Allan Poe über Umberto Eco bis zu Dan Brown erfreut sich das Genre größter Beliebtheit. Besonders in Amerika hielten Verschwörungstheorien, die bis zur Französischen Revolution – dem Anstoß des Geheimbundromans – zurückreichten, das Genre lebendig: Adam Weishaupt, der Gründer des 1785 verbotenen Illuminatenordens, sei nach Amerika ausgewandert und habe dort unter anderem Namen Karriere gemacht – als George Washington. Nicht zuletzt sei dieser Orden für das Weltgeschehen verantwortlich.

Die Auflösung ist wohl weniger spektakulär: Ausgangspunkt der Illuminaten und Freimaurer war eine aufklärerische Vereinigung jenseits der Standesgrenzen, die eine Reform von oben anstrebte, so Stollberg-Rilinger. Die geheimen Ausdrucksformen des Ordens, sein Agieren im Untergrund ließen sogar den Freimaurer Goethe 1781 aufhorchen: „Unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minieret.“ Doch nie haben – zumindest die gemäßigten – Freimaurer die politische Ordnung in Frage gestellt. In ihrer Verfassung von 1723 heißt es sogar: „Ein Mäurer ist ein friedfertiger Untertan der bürgerlichen Gewalt, an dem Ort seines Aufenthalts, und wo er arbeitet; Daher soll er sich wohl in Obacht nehmen, daß er sich in keine Zusammenrottierung, oder Verschwörung, die dem Ruhestand, und der Wohlfahrt desselben Volkes entgegen stehen sollte, einlasse.“

Adam Weishaupt, Gründer des Illuminatenordens

Adam Weishaupt, Gründer des Illuminatenordens.
Foto aus Wikipedia: CC0 1.0 Universal (CC0 1.0)

Den Verschwörungstheoretikern von heute sind solche Fakten egal. Sie sehen es als Volkssport an, jeden noch so kleinsten Hinweis einer Weltbeherrschung durch Geheimgesellschaften aufzuzeigen. Es ist eine Minderheit, die außer in den populären Mysterythrillern auch in Internet-Foren, Zeitschriften, Fernsehdokumentationen und Sachbüchern ihren Stoff findet. Doch das Politische allein mag wohl kaum so sehr zu fesseln, dass aus Lesemuffeln begeisterte Verschwörungstheoretiker werden.

Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

Selbstverständlich ist eine spannende Handlung, gespickt mit überraschenden Wendungen, das A und O, das einen Leser bei Stange hält. Dass diese Spannung aber auch beim Leser ankommt, dazu ist eine gute Schreibe unerlässlich. Der selbst sehr erfolgreiche Thrillerautor Randy Ingermanson hält regelmäßig Seminare ab, in denen er lehrt, worauf es beim Schreiben ankommt. Mysterythriller zeichnen sich nach Ingermanson durch solides, aber wirkungsvolles Schriftstellerhandwerk aus. Klare, kurze Sätze, in denen aber das Mysteriöse versteckt ist. Viel Dialog. Konfliktreiche Szenen enden überwiegend in sogenannten Cliffhangern: Eine Szene bleibt offen, der Konflikt wird nicht gelöst, sondern in die nächste Szene, das nächste Kapitel getragen und erst auf den letzten Seiten aufgelöst, ähnlich wie beim Krimi. Eine Abfolge von schier unlösbaren Konflikten, Dilemmata und mehr oder weniger selbst beeinflussten Entscheidungen treiben die Handlung atemlos voran und reißen den Leser in einen Sog. Man kann nicht anders, als die nächste Szene zu lesen, obwohl es drei Uhr in der Nacht ist und der Wecker schon in zweieinhalb Stunden klingelt.

Einfache Zutaten also. Zu einfach? Auf den Einwand seiner Seminarteilnehmer, dies sei „Schreiben, reduziert zu Malen nach Zahlen“, reagiert Ingermanson gelassen: „Diese Taktik hat sich bei Tausenden Autoren als sehr erfolgreich erwiesen.“

Doch auch verschachtelte, wenig „actionreiche“ Mysteryromane wie Umberto Ecos „Das Foucaultsche Pendel“ waren Riesenerfolge. Entscheidend ist wohl weniger die Machart des Werkes, sondern vielmehr der übersinnliche, mysteriöse Inhalt, der eine tiefe Sehnsucht unserer Gesellschaft wiederzuspiegeln scheint.

Der berühmteste Mysterythrillerautor Dan Brown recherchiert vor allem in populären Sachbüchern. Dadurch entsteht in seinen Romanen die gewünschte Illusion von wissenschaftlichen Fakten. Dem Leser wird das Gefühl vermittelt, er habe Teil an geheimem, elitärem Wissen, haarsträubenden Zusammenhängen, die unglaublich wirken, aber wahr sind. Längst werden seine Thriller in der Öffentlichkeit kaum mehr als Romane wahrgenommen, sondern als Sachbücher, wissenschaftliche Abhandlungen sogar. Die Grenze zwischen fiktiver Literatur und realen Fakten verschwimmt. Das geht so weit, dass sich Religionswissenschaftler und Kunsthistoriker in Fernsehsendungen mit Browns Unterhaltungsromanen auseinandersetzen, gerade so als seien seine Konstrukte wissenschaftliche Theorien, die es zu widerlegen gilt.

Auch Joachim Jessen, Literaturagent und Geschäftsführer der Thomas Schlück GmbH in Garbsen bei Hannover, bestätigt dies. Unterhaltsame Spannung wird aufgebaut und dem Leser gleichzeitig das Gefühl gegeben, etwas „gelernt“ zu haben. „Gerade die Templer, die durch Mysterythriller eine breite öffentliche Popularität genießen, sind immer wieder ein emotionales Thema“, sagt Jessen, dessen Agentur unter anderem die Thrillerautoren Andreas Eschbach und Dan Brown in Deutschland betreut.

Der Erfolg spiegelt sich auch in Zahlen wider. Dan Browns erfolgreichster Mysterythriller „Sakrileg“ rangiert mit einer Verkaufszahl von 57 Millionen auf Platz sechzehn der meistverkauften Bücher, noch vor dem letzten Band der Harry-Potter-Reihe und „Vom Winde verweht.“ Platz eins nimmt freilich die Bibel – der erste Mysterythriller? – unangefochten ein.

Suche nach Antworten

Gerade das Übersinnliche fasziniert einen Nicht-Leser, der sonst nichts von Fiktion hält, an einem Mysteryroman – und das in einer vorwiegend religionsfreien Umwelt. „Vielleicht sind in einer säkularen Gesellschaft wie der unsrigen Mysterythriller das, was früher Heiligenlegenden waren“, versucht dies Andreas Eschbach, Autor von „Das Jesus-Video“, zu erklären. „Beide erzeugen mit Erzählungen vom Übernatürlichen eine Art Grusel, den wir mögen. An Heilige glauben wir nicht mehr, aber bei Vampiren sind wir uns nicht ganz sicher …“

Anders als der traditionelle Geheimbundroman, der nach den Idealen der Aufklärung eine rationale Auflösung des Übersinnlichen anstrebte, liegt für heutige Leser der Reiz eher im Gegenteil. „Nach meiner Ansicht ist die Sehnsucht des Menschen nach einer übergeordneten Macht in unserem westlichen Kulturkreis ausgeprägter, als es unsere nach außen hin so säkularisierte Welt vermuten lässt“, sagt der Autor Jörg Kastner. „Daher auch der große Erfolg von Mysterthrillern, wo die Religion ein häufig genutzter Handlungsmotor ist.“

Mysterythriller bedienen Bedürfnisse, deren Erfüllung Leute wie Raimund Maier in unserer Gesellschaft vermissen: Das Bedürfnis nach „spannender“ Politik, die sensationelle Geschehnisse ins Rollen bringt und nicht nur leise vor sich hin plätschert. Die Suche nach Übersinnlichem, sei es in der Religion, der Mythologie oder bei Außerirdischen. Die Sehnsucht nach etwas Phantastischem in einem nüchternen Alltag – aber nicht so abwegig wie etwa Fantasy, sondern mit der Möglichkeit des Realen. Die Themen und Sehnsuchtsvorstellungen der Mysteryromane sind zeitlos und garantieren Erfolge über die Trends des Buchmarktes hinaus.

Buchtipps

Friedrich Schiller: Der Geisterseher

Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel

Andreas Eschbach: Das Jesus-Video

Jörg Kastner: Der Engelspapst

Dan Brown: Das verlorene Symbol