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Warum helfen wir einander?

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von Milena Bartholain

Altruistische Menschen haben es nicht leicht – ihre Hilfsbereitschaft wird oft ausgenutzt. Im Kampf um das Überleben ist Nächstenliebe ein schwerwiegender Nachteil. Und doch hören die Menschen nicht auf, einander zu helfen, sei es in der Familie oder bei humanitären Interventionen. Wie konnte sich Kooperation in der Evolution durchsetzen?

Riffe liegen still und friedlich in den Ozeanen? Von wegen: Ein großer leuchtend gepunkteter Zackenbarsch schwimmt vor dem Riff auf und ab und reißt ruckartig das Maul auf, um mit dem Sog kleine Fische in sein Maul zu ziehen. In Panik flüchten die Fische ins Riff, um nur wenige Augenblicke später wieder herauszuschießen. Gedächtnis wie ein Fisch? Nein, sie haben keine Wahl: Im Riff lauert eine Riesenmuräne, die ihrerseits auf Beutefang ist. Zackenbarsch und Riesenmuräne spielen sich augenscheinlich den Fischschwarm zu – Zusammenarbeit im Tierreich?!

Ein Mann signalisiert einer Frau, dass er sie auffangen wird.
Foto von cupcakes2 auf flickr: CC BY 3.0

„Unter Kooperation versteht man eine Handlung, die einem anderen Organismus einen Vorteil bietet. Vorteil bedeutet zunächst einmal, dass das Individuum, dem geholfen wird, größere Überlebens- und Fortpflanzungschancen hat“, erklärt Michal Kucera, Professor für Mikropaläontologie an der Universität Tübingen. „Aber wie verstehen wir Vorteil? Altruistisches Verhalten kann uns schließlich selbst zugutekommen.“ Der Paläontologe sitzt in einem Raum voller Bücher über Plankton und andere Tiefseesedimente hoch oben im Geowissenschaftlichen Institut.

Sein Forschungsgebiet sind Mikrofossilien am Meeresgrund, an denen man so einiges über Evolution erfahren kann: „Die marinen Sedimente sinken im Wasser hinab zum Grund und lagern sich in Schichten ab. Das liest sich wie ein Buch über Evolutionsgeschichte!“

Schmarotzer im Überlebenskampf

Kooperation in der Natur? Wie soll das mit der Evolutionstheorie zusammengehen, der zufolge jeder um sein eigenes Überleben kämpft? Kooperation erscheint als ein ziemlich unerklärliches Verhalten. „Denn die klassische Evolutionstheorie beruht ja auf zwei zentralen Prinzipien“, erklärt Kucera, „der zufälligen Mutation von Genen und der natürlichen Selektion. Natürliche Selektion heißt, dass Merkmale ihrem Träger Vorteile im Überlebenskampf und bei der Fortpflanzung bringen und sich so über Generationen hinweg in der Population verbreiten. Die Merkmale verändern sich dabei durch ungerichtete Mutationen der Gene. Ungerichtet sagt man, weil die Gene nicht mit der Absicht mutieren, ihrem Träger zu helfen, Mutationen können auch schaden.“

Aber wieso genau haben es kooperative Individuen im Überlebenskampf schwer? Die Frage ist berechtigt, denn wenn alle kooperieren würden, wäre das gar nicht der Fall: Dann würden alle davon profitieren. Aber es gibt Schmarotzer, die von der Hilfe der anderen profitieren wollen, ohne selbst ihren Anteil zu leisten. Dadurch können sie mehr Nachkommen zeugen und das Schmarotzer-Gen in der Population verbreiten. Die natürliche Selektion führt also zu einem Anstieg der Egoisten, Altruisten müssten also aussterben.

Nicht dass sie in der Überzahl wären, aber dennoch: Es gibt Menschen, die anderen helfen, manchmal unter Gefährdung des eigenen Lebens. Ein bekanntes Beispiel lieferte der US- Amerikaner Wesley Autrey, der 2007 mit einer spektakulären Rettung wochenlang in den Medien war. Vor der herannahenden U-Bahn war er einem Unbekannten auf die Gleise hinterhergesprungen, um ihn herauszuziehen, während seine beiden kleinen Töchter auf dem Bahnsteig standen. Da die U-Bahn aber nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte, zog Autrey den Mann und sich zwischen die Gleise und ließ den Zug über sich hinwegrollen. Beide kamen unbeschadet davon.

War Autreys Verhalten eine Heldentat und damit evolutionäres Fehlverhalten? Kooperation, die mit der Selektion vereinbar ist, müsste dem helfenden Individuum so große Vorteile bringen, dass sich Kooperation als Verhalten durchsetzt. Und genau davon ist Kucera überzeugt: „Kooperation ist immer auch im Interesse des Kooperierenden. Wahren, reinen Altruismus gibt es nicht in der Natur. Das gilt auch für Menschen.“ Stimmt das? Welche Motive könnten hinter Autreys Großmut stecken, die ihm selbst Vorteile bringen? Sieht Autreys Rettungsaktion nicht nach blütenweißem Altruismus aus? 

In jedem Altruisten steckt ein Egoist

Wäre Wesley Autrey seinen Töchtern hinterhergesprungen, käme uns sein Verhalten nicht sonderlich absurd vor. Den Vorteil, den er davon hätte, ist deutlich. „Ich werde in den Fluss springen, um zwei Brüder oder acht Cousins zu retten“ erklärte der Genetiker J.B.S. Haldane den Mechanismus, der hier aktiv ist:

die Verwandtenselektion. Aus der Perspektive eines einzelnen Gens kann altruistisches Verhalten über die genetische Verwandtschaft des Helfenden und des Empfängers erklärt werden. Autreys Töchter haben die Hälfte ihres Erbgutes von ihrem Vater, der aus genetischer Sicht das Interesse hat, seine Gene in der Population zu verbreiten. Das tut er, indem er selbst Nachkommen zeugt und indem diese wieder Nachkommen zeugen: Seine Enkel werden schließlich wieder ein Viertel seines Erbgutes tragen. Wenn Autrey seinen Töchtern nachspringt, dann, damit seine Gene sich weiterverbreiten können. Soviel Egoismus steckt hinter der Elternliebe.

Was machen wir aber mit der Riesenmuräne und dem Zackenbarsch? Und was mit dem 20-jährigen Christoph Hollopeter, den Autrey gerettet, aber noch nie vorher gesehen hat? Von Verwandtschaft kann dort ja keine Rede sein. Wie erklären wir Kooperation zwischen genetisch nicht verwandten Individuen?

Nehmen wir uns erst einmal den leichteren Fall der Riesenmuräne vor. Was uns dazu als Erstes einfällt, ist: Sie haben beide etwas davon. Sowohl Riesenmuräne als auch Zackenbarsch jagen besser zusammen als allein. Das bedeutet, salopp gesagt: Sie wären schön blöd, wenn sie es nicht täten. „Wenn zwei Tiere unterschiedlicher Art sich helfen, sodass es für beide Partner vorteilhaft ist, spricht man von Symbiosen“, klärt Michal Kucera auf.

Ganz so leicht ist es mit den Symbiosen aber nicht. Das wird deutlich, wenn wir folgende Ausgangslage durchspielen: Eine Riesenmuräne und ein Zackenbarsch haben Hunger. Jeder Fisch kann dem anderen den Fischschwarm zuspielen oder nicht. Beide würden davon profitieren. Nun kann aber der eine darauf spekulieren, sich helfen zu lassen, ohne selbst zu helfen. Der andere wiederum lässt sich nicht linken und sagt sich: Bevor ich mich ausnützen lasse, helfe ich lieber erst gar nicht. Wenn jeder nur an sein Risiko denkt, verraten zu werden, hilft keiner. Dagegen steht die Beobachtung: Sie kooperieren ja doch. Warum?

„Wie du mir, so ich dir“

Die Antwort lautet: Weil sie sich wiedertreffen. Wenn die gleichen zwei Fische immer wieder in diese Entscheidungssituation kommen, entsteht die Möglichkeit, auf das Handeln des anderen zu reagieren. Meistens ergibt sich dann das Handlungsmuster: „Wie du mir, so ich dir“. Diese Strategie beginnt immer im ersten Schritt mit Kooperation, und in allen nachfolgenden Schritten zeigt man dieselbe Reaktion wie der Interaktionspartner. Das heißt,  man schickt den Fischschwarm zurück, wenn er es tut, und lässt es bleiben, wenn er es nicht tut. Kucera schlussfolgert: „Symbiosen treten nur auf, wenn wir eine Konstanz in der Beziehung zwischen zwei Individuen annehmen können.“

Aber welchen Vorteil kann Wesley Autrey aus seiner Rettungsaktion für Christoph Hollopeter ziehen? Eigentlich keinen, will man meinen. Denn, dass Hollopeter sich revanchieren kann, ist mehr als unwahrscheinlich. Allerdings hat der Fall hohe Wellen geschlagen, Autrey wurde als Held gefeiert, als einer, der für andere sein Leben riskiert. Kurz und gut: Autrey erfreut sich eines guten Rufes. Jemand, der dafür bekannt ist, dass er anderen hilft, dem wird auch vermehrt geholfen. Reputation ist das Motiv, das Autrey zu seinem waghalsigen Sprung angetrieben haben könnte.

Reputation benötigt aber Mundpropaganda. Sie tritt nur in Populationen auf, in der die Individuen über höchste kognitive Fähigkeiten verfügen. Sprich, Reputation ist Menschenwerk. Die erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass Autrey in Zukunft auch geholfen wird, ist der indirekte Vorteil, der ihm dabei zukommt.

Kämpfen wir für die Gemeinschaft mit?

Ist alles gesagt, weil wir das Rätsel um die Riesenmuräne und von Autreys Sprung klären konnten? Viele Forscher würden das bejahen, aber einige meinen, dass bestimmte Formen der Kooperation eine grundsätzliche Annahme der klassischen Evolutionstheorie radikal in Frage stellen. Bis jetzt haben wir nur über Individuen gesprochen, denen direkt oder indirekt ein Vorteil zukommt, weil sie anderen helfen. Aber wie sieht es mit Gruppen aus? Könnten Individuen nicht auch kooperieren, weil es der Gruppe, der sie angehören, nutzt?

Die sogenannte Gruppenselektion ist in der Forschergemeinde der Evolutionsbiologen ein rotes Tuch, ein Reizwort, das auf Tagungen zu viel Polemik führen kann, wie Nico Michiels, Professor für Evolutionsökologie der Tiere an der Universität Tübingen, berichtet. Michiels arbeitet in einem grauen Hochhaus auf der Morgenstelle, dem naturwissenschaftlichen Campus der Uni Tübingen. Sein Team beschäftigt sich mit einer besonderen Form der Kooperation: der Sexualität. „Mein Team beschäftigt sich zum Beispiel damit, warum es zwei Geschlechter gibt und warum nicht nur Zwitter, die sich selbst befruchten können.“ Die Sexualität stellt die Forscher vor viele knifflige Fragen.

Worum handelt es sich denn genau bei der Gruppenselektion? Michiels erklärt: „Die Theorie der Gruppenselektion nimmt an, dass es Verhaltensweisen in einer Population gibt, die individuell gesehen nicht rational sind. Das heißt, die individuelle Fitness wird nicht maximal gesteigert, weil das der Gruppe schaden würde. Nach dem Motto: Der einzelne nimmt sich zurück, aus Rücksicht auf die anderen.“

Hirsche zum Beispiel sollen über Verhaltensweisen verfügen, die die Populationsdichte regulieren, damit es keine Überausbeutung der arterhaltenden Ressourcen gibt. In diesem Fall bedeutet das, dass der Wald nicht in dem Maße abgegrast wird, dass die Population ausstirbt. Kucera meint dazu jedoch: „Stellen Sie sich eine Spinne vor, die über eine Wiese läuft. Die Spinne ist nur an ihrem eigenen Überleben interessiert, nicht an dem ihrer Art oder auch nur irgendeiner anderen Spinne, die mit ihr da herumläuft.“ Klingt eigentlich logisch – worauf stützen sich also die Verfechter der Gruppenselektion?

Exzessives Balzen kann zum Aussterben führen 

Dazu muss man eine Ebene höher gehen. Bei der Selektion zwischen Arten und nicht innerhalb einer Art ist Gruppenselektion nämlich unstrittig. „In der Forschung wird viel zu wenig Aufmerksamkeit darauf verwandt, zu erklären, warum bestimmte Arten aussterben“, meint Michiels. „Wenn man sich den Prozess des Aussterbens aber ansieht, kann man feststellen, dass die Selektion zwischen Arten extrem selbstsüchtiges Verhalten unterbindet.“ Am Beispiel der Hirsche zeigt sich, dass unauffälligere Arten mit einem weniger selbstsüchtigen Balzverhalten besser überleben.

Hirschgeweihe werden über Generationen immer größer. Es handelt sich dabei um sogenannte Ornamente: sehr auffällige Merkmale, die die Attraktivität der Männchen steigern sollen. Und wirklich, die Männchen mit den größten Geweihen locken am meisten Weibchen an, erzeugen relativ zu ihren Konkurrenten am meisten Nachwuchs und verteilen am effektivsten ihre Gene in der Population. „Diese Geweihe stellen aber eigentlich eine Verschwendung an Ressourcen dar“, beschreibt Nico Michiels das Dilemma. „ Ein Hirsch mit einem großen Geweih kann zwar relativ zu seinen Konkurrenten mehr Nachkommen zeugen, im Vergleich aber zu der vorhergehenden Generationen weniger, da mehr Energie ins Anlocken als ins Reproduzieren gesteckt wird. Deswegen sinkt die Populationsgröße, bis die Gemeinschaft ausstirbt.“

Einige Evolutionstheoretiker meinen, dass man dieses Modell auf Prozesse innerhalb von Arten übertragen kann. Dass das möglich ist, bestreiten aber die Kritiker der Gruppenselektion. Denn dazu müsste man annehmen, dass man es innerhalb von Arten auch mit Gruppen zu tun hat und nicht nur mit Individuen. „Populationen sind strukturiert. Es ist einfach falsch, anzunehmen, jedes Individuum würde mit jedem anderen gleich viel interagieren“, verteidigt Michiels das Konzept. „Populationen teilen sich in Untergruppen, die aus verschiedenen Gründen zusammengehören: sei es, weil sie die gleiche Nahrung brauchen, sei es, weil sie das gleiche Gebiet bewohnen.“

Und wie sich rücksichtsvollere Arten gegenüber anderen Arten durchsetzen, so sollen sich innerhalb einer Art Gruppen aus kooperativen Individuen gegenüber Gruppen aus Egoisten durchsetzen, bis sie ihr kooperatives Gen in der ganzen Population verteilt haben. Das würde bedeuten, dass die Selektion innerhalb von Gruppen zwar die Egoisten unterstützt, die Selektion auf Gruppenebene aber die Kooperativen. Wenn Kooperation als Verhalten einer Art auftritt, bedeutet das demnach, dass sich kooperierende Gruppen auf der Ebene der Gruppenselektion durchsetzen konnten. Wenn wir also nicht in einer Gesellschaft aus Autreys leben, dann liegt das daran, dass es keine menschlichen Untergruppen gibt, in denen ausnahmslos kooperiert wird.

Ein Tierreich aus Egoisten? Ein Tierreich aus Kooperativen? Weder noch, oder besser, beides zugleich. Kooperation ist integraler Bestandteil im Überlebenskampf, da sie dem Kooperierenden immense Vorteile bietet. Trotzdem besteht hier ein grundsätzliches Dilemma, weil die Altruisten Gefahr laufen, ausgenützt zu werden. Dem weiß die Natur aber beizukommen: Verwandtenselektion, Symbiosen, Reputation und Gruppenselektion liefern plausible Erklärungen für die Durchsetzungsfähigkeit der Kooperation. Kooperative Egoisten oder egoistische Kooperative – man suche es sich aus, je nachdem, welchen Blick man sich auf die Natur bewahren will.