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Knock-out aus dem Glas

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von Stefanie Schmieder

„Junge Frau in der Disko mit K.O.-Tropfen betäubt“, solche Meldungen liest man gelegentlich in der Zeitung. Doch wie häufig kommt so etwas vor? Und: Kann es auch in einer beschaulichen Uni-Stadt wie Tübingen passieren?

Für Elena begann der Abend wie viele andere Samstagabende zuvor auch: Duschen, anziehen, schminken und dann mit ein paar Freundinnen „vorglühen“, bevor es in den Club zum Tanzen ging. Zwei Gläser Sekt bei der Freundin, ein Bier und eine Cola im Club. „Mehr nicht“, sagt Elena und fügt hinzu: „Ich weiß ziemlich genau, wie viel ich trinken kann.“ In dieser Nacht aber wurde ihr übel wie nie, sie musste an die frische Luft. „Ich habe sofort bemerkt, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Plötzlich hatte ich das Gefühl zu schweben, irgendwie in Trance zu sein, da bin ich rausgegangen“, erklärt Elena. Draußen stürzte sie mit dem Gesicht voraus auf den Parkplatz. An vieles aus dieser Nacht erinnert sie sich nicht mehr, aber das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein, ihres eigenen Körpers nicht mehr Herr, das vergesse sie nicht mehr, berichtet die Studentin. Ihre Freundinnen seien ihr gefolgt und hätten den Freund gerufen, der sie dann nach Hause brachte.

Elena hat den Verdacht, dass ihr jemand etwas ins Glas getan hat – sogenannte K.O.-Drogen, vor denen von Zeit zu Zeit gewarnt wird. Denn nicht bei allen geht die Verabreichung dieser Drogen so glimpflich aus wie bei Elena. Immer wieder melden sich Frauen und Mädchen beim „Notruf für vergewaltigte Frauen Köln“. Sie sind in fremden Betten, an fremden Orten mit dem unbestimmten Gefühl erwacht, möglicherweise vergewaltigt worden zu sein – meist jedoch ohne genaue Erinnerung an Tat oder Täter. Um Opfern eine direkte Anlaufstelle und Informationsplattform zu bieten, entstand aus einem Arbeitskreis unterschiedlichster Fachbereiche 2008 in Köln die Initiative „K.o.cktail – unsichtbare Drogen im Glas“. Sie widmet sich den Opfern, versucht aufzuklären und dem Thema mehr Gewicht zu verschaffen. Die Initiative kümmert sich pro Jahr um rund 20 Frauen, Mädchen und Männer unterschiedlichsten Alters, die Hilfe suchen.

Ein potenziell gefährliches Glas Wasser.
Foto von Jaques, Wikipedia: CC BY-SA 3.0

Tief im Glas

Bei K.O.-Drogen, K.O.-Tropfen, englisch „date rape drugs“, handelt es sich um unterschiedliche Substanzen, wobei oft Schlaf- und Betäubungsmittel wie Barbiturate und Benzodiazepine eingesetzt werden. Am häufigsten wird das Benzodiazepin Flunitrazepam, auch „Floonie“, „Roofie“ oder „Roofie-rape“ genannt, mit K.O.-Drogen in Verbindung gebracht. Vermehrt finden sich aber auch Partydrogen wie GHB (Gamma-Hydroxi-Buttersäure, auch als „Liquid Ecstasy“ bekannt) und das stofflich verwandte GBL (Gamma-Butyrolacton) sowie Kokain und Ketamin. Während Barbiturate und Benzodiazepine verschreibungspflichtige Substanzen sind, sind vor allem GHB und GBL laut Weltdrogenbericht der UN viel zu leicht erhältlich. GBL wird in der Industrie häufig als Lösungsmittel zur Herstellung unterschiedlicher Chemikalien verwendet und fällt daher nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Kontrolliert wird die Abgabe lediglich durch die Vertreiber, in einem freiwilligen Monitoring.

Neben ihrer euphorisierenden Wirkung besitzen all diese Substanzen die charakteristische Eigenschaft, das Opfer bei höherer Dosierung willens-und bewusstlos zu machen und einen vorübergehenden Gedächtnisverlust, eine Amnesie, hervorzurufen. Wenn mehrere Substanzen kombiniert geschluckt werden, oder auch in Verbindung mit Alkohol können K.O.-Drogen tödlich sein. Die Beibringung solcher Drogen ist rechtlich gesehen schwere Körperverletzung. Dem Täter drohen Gefängnisstrafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren, je nach Schwere der Tat.

Obwohl K.O.-Drogen und die damit verbundenen Verbrechen nicht nur in der Presse, sondern auch im Weltdrogenbericht 2010 der UN und der europäischen EMCDDA (european monitoring centre for drugs and drug addiction) als eines der größten Drogenprobleme beschrieben werden, wird das Thema in der Fachliteratur sehr kontrovers diskutiert. Verlässliche Zahlen zur Verwendung von K.O.-Drogen bei sexualisierter Gewalt gibt es nicht. Zwar gewinnt das Thema zunehmend an Präsenz, aber das British Journal of Criminology veröffentlichte 2009 einen Artikel, der den Gebrauch von K.O.-Drogen in Zusammenhang mit Vergewaltigung als sehr seltenes Ereignis, als „urban legend“ (etwa: „Großstadt-Mythos“) darstellt. Auch weitere europäische und amerikanische Studien weisen darauf hin, dass zwar das Bewusstsein für K.O.-Drogen und deren Gefahrenpotenzial in der Bevölkerung steigt, bei vermeintlichen Opfern jedoch in weniger als einem Prozent der Fälle tatsächlich K.O.-Drogen nachgewiesen werden konnte. Sie schätzen Alkohol als wesentlich gefährlicher ein.

Ein möglicher Grund ist die kurze Zeitspanne, in der viele K.O.-Drogen in Blut oder Urin nachweisbar sind. Für Liquid Ecstasy beträgt diese nur sechs bis zehn Stunden. Kaum genug Zeit, eindeutige Beweise zu sichern. Dieser Meinung ist auch Irmgard Kopetzky vom Notruf in Köln. Nicht nur Frauen, sondern vor allem männlichen Opfern falle es oft sehr schwer, sich bei einer Organisation zu melden. „Der Gang zur Polizei kostet viel Überwindung.“ Eine deutliche Verbesserung sieht sie in der anonymen Beweissicherung, die es seit einiger Zeit im Kölner Raum gibt. Dabei kann in rechtsmedizinischen Instituten die Sicherung von Blut oder Urin bei Verdacht auf K.O.-Drogen kostenlos durchgeführt werden. Im Normalfall ist dies sonst nur nach einer Anzeige möglich. Dies sichere den Opfern mehr Zeit und Raum für eine Entscheidung, meint Kopetzky. „Leider gibt es diese Möglichkeit sonst noch fast nirgends in Deutschland.“

Roofie rapes in Tübingen?

Von K.O.-Drogen gehört haben viele, aber K.O.-Drogen als ein Problem im beschaulichen Tübingen? Für die meisten Tübinger Studenten klingt das relativ weit hergeholt. „K.O.-Tropfen hier? Kann ich mir nicht vorstellen!“ Und: „Nein, also in Tübingen fühle ich mich eigentlich ganz sicher“, das sind gängige Antworten vieler Studenten auf diese Frage. Aber nicht nur Studenten, grundsätzlich scheinen sich die Tübinger kaum vor Verbrechen zu fürchten. Bei einer Bürgerbefragung gaben rund 90 Prozent der Befragten an, sich in Tübingen selbst nach Einbruch der Dunkelheit noch sicher zu fühlen. Die Kriminalstatistik gibt ihnen Recht. 2009 war der Landkreis Tübingen derjenige mit der geringsten Kriminalitätsbelastung. Drogenkonsum und Delikte in diesem Zusammenhang sind rückläufig, ebenso sexualisierte Gewalt. Im Jahresbericht zur Rauschgiftkriminalität tauchen die unterschiedlichen K.O.-Drogen gar nicht namentlich auf.

Trotzdem finden die Aktivistinnen von NOFRA, der Tübinger Frauenberatungsstelle, dass das Thema nicht verharmlost werden darf. Immer wieder gibt es auch im Kreis Tübingen Meldungen zu diesem Thema. 2009 wurde in Tübingen ein 30-Jähriger verurteilt, der bei mehreren Gelegenheiten versucht hatte, Opfer mit Hilfe von K.O.-Drogen gefügig zu machen, einmal in der Disko „Top Ten“. 2009 warnte die Polizei zudem ausdrücklich vor K.O.-Drogen während der Fastnachtszeit. 2010 tauchten sie tatsächlich auf der Rottenburger Fastnacht auf. Die Tübinger Notärztin Lisa Federle bestätigt, dass sie schon mehrere Fälle gesehen hat, bei denen der Verdacht von K.O.-Drogen nicht von der Hand zu weisen war.

Insgesamt meldeten sich bei der Tübinger Polizei in den vergangenen vier Jahren 20 Personen wegen eines solchen Verdachts, darunter ein Mann. Die Zahl lässt sich nicht leugnen. „Es konnte allerdings nur in einem Fall direkt nachgewiesen werden, dass es sich um die Beibringung von K.O.-Drogen handle“, meint Josef Hönes, Kriminalhauptkommisar bei der Tübinger Polizei. „Aber gerade bei diesem Thema ist die Dunkelziffer nur schwer zu schätzen. Viele Substanzen können nur sehr, sehr kurze Zeit nachgewiesen werden. Deshalb so schnell wie möglich zur Polizei“.

Und viele Vergehen werden erst gar nicht angezeigt. Es ist daher sehr wichtig, auch professionelle Kräfte wie Sanitäter oder Klinikpersonal sehr gut zu informieren. „Sie stellen die Schnittstelle zwischen Opfer und der Polizei dar“, sagt Monika Pietschmann-Eschle von der Kriminalprävention der Polizei Tübingen. Davon ist auch Irmgard Kopetzky vom Notruf Köln überzeugt. „Eine gute Aufklärung von Klinikpersonal und Notärzten ist unabdingbar.“ Denn diese müssen sehr rasch handeln, damit K.O.-Drogen im Zusammenhang mit möglichen Verbrechen noch zweifelsfrei nachgewiesen werden können.

Auch bei Elena konnte letztendlich nichts mehr nachgewiesen werden. Warum sie nicht gleich ins Krankenhaus oder zur Polizei gegangen sei? „Nun ja“, meint Elena, „zuerst stand ich natürlich unter Schock, wollte auf alle Fälle erst nach Hause, mich in eine gewohnte und sichere Umgebung bringen lassen. Und eigentlich ist mir ja auch nichts passiert. Ich hatte anfangs natürlich auch Angst, nicht ernst genommen zu werden. Letztlich bin ich nur gegangen, weil ich Angst hatte, mein Gesicht nicht genügend versorgt zu haben.“ Zwar bestätigte der Arzt sie in der Annahme, ihre Symptome seien nicht allein auf ihren Alkoholkonsum zurückzuführen, allerdings konnte er auch er nicht mit Sicherheit sagen, dass und um welche K.O.-Drogen es sich handle.

Ob sie sich seitdem anders verhält beim Weggehen, beunruhigter sei? „Nein, eigentlich nicht. Ich versuche einfach, nicht leichtsinnig zu sein, aber das war ich davor eigentlich auch nicht. Man kann nicht ständig darüber nachdenken, was damals alles hätte passieren können. Wichtig finde ich, dass man nicht nur gemeinsam auf eine Party geht, sondern auch gemeinsam wieder nach Hause. Das versuche ich seitdem immer einzuhalten.“

Fachgespräch in Tübingen geplant
Nicht nur die Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt, NOFRA, in Tübingen sind davon überzeugt, dass das Thema K.O.-Drogen in der Stadt noch nicht präsent genug ist. Gemeinsam mit anderen Tübingern Sozialstellen wie Tima e.V. oder Pfundskerle e.V. wollen sie in den nächsten Monaten ein öffentliches Fachgespräch organisieren, um Tübingen für dieses Thema zu sensibilisieren.

 

Nützliche Adressen:
Arbeitskreis K.O.-Tropfen Köln mit umfassender Website zum Thema: http://www.ko-tropfen-koeln.de/
Tima e.V., Tübinger Initiative für Mädchenarbeit, Tübingen: http://www.tima-ev.de
NoFRA e.V., Frauenberatungsstelle Tübingen:http://www.nofra.de, Telefon: 07071/51888
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