Das Internet verändert weiterhin die Welt und macht auch vor der Wissenschaftskultur nicht halt. Wo sich früher Fachverlage mit wissenschaftlichen Zeitschriften eine goldene Nase verdienten, blasen heute Open-Access-Initiativen zum Angriff. Open Access ist nicht mehr aufzuhalten, meint Niels Ott.

Vom Regal auf die Festplatte geschoben: Open Access
macht Print­ausgaben zur Ausnahme
CC BY 2.0 Yuya Tamai

Wissenschaft wird zumeist von der Allgemeinheit finanziert. Mit dem Geld aus den öffentlichen Töpfen führen Forscher aber nicht nur Experimente durch oder reisen auf Forschungsschiffen umher: Einen guten Teil ihrer bezahlten Arbeitszeit verbringen Wissenschaftler damit, ihre Erkenntnisse zu Wissen werden zu lassen, sie penibel in Fachartikeln zu dokumentieren, damit andere Wissenschaftler diese lesen und überprüfen oder in der universitären Lehre einsetzen können. Veröffentlichungen sind somit ein essenzieller Teil des Wissenschaftsbetriebs.

Doch die Geschichte hat einen Haken: Da sitzen nun also unsere Wissenschaftler an ihren von unseren Steuern bezahlten Arbeitsplätzen und schreiben Artikel. Die reichen sie bei Fachzeitschriften großer Verlage ein. Diese geben sie zur Begutachtung und Qualitätssicherung an andere Wissenschaftler, die ebenfalls an solchen Arbeitsplätzen sitzen, und am Ende werden diese Fachzeitschriften von Universitätsbibliotheken für teures Geld gekauft, damit sie wieder anderen Wissenschaftlern, Studierenden und der Öffentlichkeit überhaupt zugänglich sind. Bei vielen Fachzeitschriften machen heutzutage die Autoren sogar das Layout selbst.

Wieso bezahlen wir eigentlich doppelt, einmal für die Wissenschaftler und dann noch mal für den Einkauf der Ergebnisse dieser Wissenschaftler? Nun, zunächst bezahlen wir dafür, dass bei so einem Verlag jemand die Arbeiten annimmt und auf die Gutachter verteilt. Vielleicht auch dafür, dass diese Zeitschriften gedruckt werden, könnte man meinen. Doch zumindest in den Naturwissenschaften sind elektronische Online-Versionen der Zeitschriften mittlerweile der Standard, die Druckkosten entfallen. Es bleibt also nur noch ein einziger guter Grund für eine Fachzeitschrift: Der gute Name, das Renommee. Große Zeitschriften haben Namen wie „Nature“ oder „Cell“. Wer als wissenschaftlicher Autor mit einem Artikel bei ihnen unterkommt, der hat es zu etwas gebracht.

Doch das ist am Ende auch nur der Kultur des jeweiligen Fachs geschuldet. In der relativ jungen Disziplin der Computerlinguistik wurde die bei MIT Press erscheinende renommierte Zeitschrift mit dem schlichten Titel „Computational Linguistics“ im Jahr 2009 zur Open-Access-Zeitschrift. Herausgegeben wird sie von der Association for Computational Linguistics, einer gemeinnützigen Organisation; wäre sie in Deutschland beheimatet, würde man sie als Verein bezeichnen. Die Peer-Review, also die gegenseitige Begutachtung und damit die wissenschaftliche Qualitätssicherung, findet dabei statt wie gehabt.

Die Computerlinguisten machen es also vor: Ohne Druckkosten, mit der sowieso bezahlten Arbeit der Wissenschaftler, publizieren sie digital und online für das Fachpublikum und am Ende für die ganze Welt – direkt und kostenlos abrufbares Wissen entsteht. Studenten, Journalisten, interessierte Bürger, aber auch Forscher in weniger finanzkräftigen Ländern werden nicht mehr vom Lesen abgehalten, weil einzelne Artikel über 30 US-Dollar kosten. Wohlgemerkt: Es geht hier um Wissenschaft, nicht um eine Kostenlos-Kultur in der Kunst oder eine Kulturflatrate, bei der die Gefahr besteht, dass Künstler am Ende in die Röhre gucken. Es geht darum, den Forschungs- und Lehrbetrieb nicht aufzuhalten und nicht für etwas zu bezahlen, das die Allgemeinheit sowieso schon bezahlt hat.

Die Fachverlage mögen das wenig erquicklich finden, droht ihnen doch der Verlust eines lukrativen Geschäfts. Doch Open Access wird kommen, denn am Ende sitzen die Wissenschaftler am längeren Hebel: Sobald sie den Mut finden, mit ihren Traditionen zu brechen und auf den Namen der Zeitschriften als wohlklingendes Etikett zu verzichten, können sie es auch alleine. Im Jahr 2012 haben nach einem Aufruf des britischen Mathematikers Timothy Gowers weltweit über 8000 Forscher den wissenschaftlichen Großverlag Elsevier einfach boykottiert. Hunderte von Forschungseinrichtungen und Universitäten weltweit haben bereits die sogenannte Berliner Erklärung vom Oktober 2003 unterzeichnet und sich damit verpflichtet, auf Open Access umzusteigen – jede Woche kommen ein paar neue hinzu.

Die Verlage müssen sich neu erfinden und eine neue Rolle finden, bevor sie von ihren Lieferanten überholt werden. In den Naturwissenschaften, in denen Zeitschriften-Artikel die primäre Publikationsform sind, wird es jetzt schon knapp für die Verlage. In den Geisteswissenschaften wird die Tradition des gedruckten Buches noch hochgehalten – doch auch ganze Bücher wandern in Sekundenschnelle durch das Netz und können heute schon von Buchdruckautomaten vor Ort binnen Minuten „greifbar“ gemacht werden.

Open Access wird kommen. Die Wissenschaft wird sich schneller daran gewöhnen, als es den Verlagen lieb ist. Und zukünftige Ausgaben von Studentenfutter werden dann noch vielfältiger werden können, da das fehlende Budget für den Artikelkauf nicht mehr ins Gewicht fallen wird.

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Eine Antwort auf Alles sofort und für umme: Open Access ist nicht mehr aufzuhalten

  1. Hans sagt:

    Die Elsevier, die.