Das wirtschaftliche Denken nimmt in der Patientenversorgung einen immer größeren Stellenwert ein. Das Vertrauen zwischen Arzt und Patient bleibt auf der Strecke. Zeit zur Umkehr, meint Sebastian Sennock, Medizinstudent. – Ein Kommentar.

Die einen wollen es, die anderen verkaufen es. Was nun geschieht, ist klar: Man kommt zusammen, man verhandelt, man dealt, man unterschreibt einen Vertrag. Eine typische Win-Win-Situation, oder? Die Nachfrage nach allem, was mit Gesundheit zu tun hat, ist riesig. Medizin wird zur Dienstleistung. Immer stärker orientiert sich die Patientenversorgung an wirtschaftlichen Prinzipien. Menschliche Maßstäbe treten immer weiter in den Hintergrund.

Die Arztpraxis 2.0 heißt Gesundheitszentrum. Um sich hervorzutun, wird den zahlenden Patienten, ob wirksam oder nicht, etliches angeboten: Der gesamte Wellness-Wahnsinn ist verfügbar. In den letzten Jahren drängen immer mehr private Anbieter in den Gesundheitssektor. Nicht etwa weil Patientenversorgung eine schöne Sache wäre oder weil der medizinische Bedarf besteht. Sie wollen Geld verdienen!

Der Arzt ist nicht mehr bedingungsloser Helfer und Vertrauensperson. Er ist Gesundheitsdienstleister. Was zunächst aussieht wie umfassende Betreuung, eine Steigerung der Effektivität und tolle neue Angebote, ist in Wahrheit Zeichen eines tiefgreifenden Wertewandels.

Wenn Untersuchungsmethoden neu in die ärztliche Gebührenordnung zur Abrechnung aufgenommen werden, lässt sich oft beobachten, dass sie in der Folge viel häufiger durchgeführt werden. Bild: Sebastian Sennock

Ursache ist das ewige Dilemma der Medizin

Die ganze Bandbreite des medizinisch Möglichen kann nicht für die Gesamtheit der Bevölkerung verfügbar gemacht werden. Das wäre schlichtweg zu teuer. Diese Tatsache ist unpopulär, äußert sich aber drängend in den stetig steigenden Gesundheitsausgaben. Die Frage lautet also: Wer bekommt welche Behandlung?

Die Gesundheitspolitik setzt immer mehr auf einen einfachen Ausweg: Der Markt soll sich selbst regulieren. Die dringend nötige Kosten-Nutzen-Abwägung in der Behandlung wird überinterpretiert als Lösung aller Probleme. Ärzte und Krankenhäuser sollen konkurrieren, um das Kostenniveau zu senken – natürlich bei Erhaltung aller Qualität. Die Ärzteschaft wird in einen Interessenkonflikt gedrängt. Auf der einen Seite ihr Verdienst, auf der anderen Seite das Wohl des Patienten.

Es gibt Ärzte, die versuchen, an einem wertebasierten Berufsverständnis festzuhalten. Aber sie werden durch die Gesundheitspolitik konsequent benachteiligt. Es ist schwer, sich gegen einen zunehmenden Wirtschaftlichkeitswahn zu behaupten.

Verträge ersetzen Verantwortung

Die neuen Maßstäbe ärztlichen Handelns sind „Return of Investment“ und eine gute Bilanz des Gesundheitszentrums. Therapien werden nicht mehr nur nach Wirksamkeit bewertet, man denkt längst auch an die Nachfrage und den zu erwartenden Profit. Zuwendung, Hingabe oder Anteilnahme als Kernanliegen der ärztlichen Arbeit sind „out“. Alle Aspekte der Arzt-Patienten-Beziehung sind vertraglich geregelt. Die Verantwortung des Arztes erstreckt sich nur noch auf die Erfüllung des Behandlungsvertrages. Darüber hinaus hat der Patient keine Ansprüche.

Patientengespräche werden nur noch zur Kundenbindung geführt, ein ehrliches „sich Einfühlen“ in die Situation des Patienten lässt sich sowieso nicht abrechnen. Noch bevor der Patient das Sprechzimmer verlassen hat, ist er als Person vergessen. Nur das Häkchen auf der Liste bleibt. Der nächste bitte …

Der Arztberuf stammt von Barbieren und Badern ab, die als wanderndes Volk auf Jahrmärkten ihre Dienste anboten. Die Patienten kamen, handelten einen Preis aus und wurden behandelt. Manchmal wirkte die Behandlung, manchmal starben die Patienten qualvoll nach unheilvollen Operationen. Die Ärzte waren in jedem Fall schon über alle Berge. Im Gepäck den Behandlungsvertrag und ihren Lohn… Bild: James Gillray 1757-1815 (Gemälde) [Public domain], via Wikimedia Commons

Patienten sind jetzt Kunden

Auch der Patient tritt jetzt anders auf. Schon bevor er zum Arzt geht, hat er alles im Internet nachgelesen, sich schlau gemacht. Krankheit, so wurde ihm erklärt, ist vergleichbar mit einem Schaden am Auto. Man geht in die Werkstatt, lässt es reparieren und alles ist wieder gut. Was aber, wenn die Werkstatt Totalschaden diagnostiziert? Dann ist alles zu spät. Denn nur solange die Analogie zur Werkstatt greift und eine Reparatur möglich ist, funktioniert dieses Menschen- und Gesundheitsbild.

Aber wenn eine Heilung nicht möglich ist und die wahren Qualitäten der ärztlichen Versorgung greifen müssen, sind diese wohlmöglich kaum noch zu finden. Auch wenn wir uns das nicht immer bewusst machen, eine vollständige Reparatur gibt es nie. Sichtbares bleibt zwar nur nach schwerwiegenden Unfällen, aber selbst nach kleinen Lackschäden wird das Leben nie wieder ganz so sein wie vorher.

Die vordergründige Freiheit, die entsteht, wenn man einem Arzt als mündiger Kunde begegnet, ist bestechend. Aber wird diese Augenhöhe jemals erreicht? Kann man wirklich glauben, ein Blick ins Internet ersetze 12 Semester Studium und zusätzliche lange Jahre Berufserfahrung? Mit der Freiheit kommt die Pflicht, sich für oder gegen eine Behandlung zu entscheiden. Obwohl er die Expertise nicht hat, wird die Verantwortung immer mehr auf den Patienten übertragen. Der Arzt ist nur noch Anbieter. Für das Richtig oder Falsch ist der Patient verantwortlich.

Verhandeln statt Vertrauen

Es knirscht und knackt in der Arzt-Patienten-Beziehung. Längst hat sich Angst, Misstrauen und Unehrlichkeit in den eigentlich partnerschaftlichen Rahmen eingeschlichen. Einerseits sind Ärzte zögerlich, teure Behandlungen oder Medikamente zu rezeptieren, die ihr Quartalsbudget gefährden. Andererseits ist es für manche Patienten zu einer Art Sport geworden, diese Behandlungen zu ergattern. Patienten und Ärzte stehen nicht mehr Seite an Seite im Kampf gegen die Erkrankungen, sondern sie begegnen sich als Verhandlungsgegner.

Diejenigen Patienten, die nicht selbstbewusst auftreten – Schwerkranke, Alte, verunsicherte Eltern kleiner Kinder – drohen unterzugehen. Dabei ist gerade hier eine vertrauensvolle Beziehung zum Arzt so wichtig. Es wird gerne übersehen, dass der typische Patient in seiner Situation nicht verhandlungssicher und gut informiert ist.

Einmal ehrlich

Auch wenn es altmodisch klingt: Es gibt eine Berufsehre und eine Berufsethik. Ärzte sind zuerst ihren Patienten verpflichtet. Wenn wirtschaftliche Sichtweisen diese Wertebasis ersetzen, entstehen schnell Widersprüche. Ökonomisches Denken ist wichtig, um die wirtschaftlichen Aspekte des Gesundheitssystems zu kontrollieren. Aber wirtschaftliches Denken darf nicht zum Selbstzweck werden. In der Wirtschaft ist es gang und gäbe zu verhandeln, zu konkurrieren, sich zu übervorteilen. Wollen wir diese Zustände wirklich auch im Gesundheitssystem?

Wollen wir angesichts einer Krebsdiagnose mit einem Dienstleister Behandlungsoptionen verhandeln? Oder wollen wir Ärzte, die uns stützen und mit denen wir uns gemeinsam einer Krankheit stellen können? Denken wir vor einer Notfalloperation an Verträge oder an Vertrauen? Vertrauen müssen wir am Ende immer. Was wir brauchen, sind Ärzte, die diese Verantwortung übernehmen.

Teure Gesundheit

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