zwei Seiten einer Münze
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Jede Münze hat zwei Seiten – diese alte Weisheit hat auch in der Finanzwelt ihre Gültigkeit. Oder? Seit 2009 ist die Eurozone von einer Krise betroffen. Doch neben all den Verlierern in dieser Zeit, die man fast täglich in den Nachrichten sehen kann, muss es auch Gewinner geben, wenn man das Bild der zwei Seiten einer Münze im Auge behält. Wer sind die heimlichen Gewinner? Eine Spurensuche.

Das Jahr 2009 gilt offiziell als das Jahr, in dem die Eurokrise begann. Doch man muss in der Geschichte weiter zurückgehen, um die Ursachen dieser Krise zu finden. Verschiedene Ausgangsfaktoren führten zu den heutigen Problemen: Die Deregulierung der Banken sorgte bis Mitte der 2000er-Jahre für immer riskantere Geschäfte. Doch eine funktionierende staatliche Aufsicht der weltweit aktiven Banken existierte nicht mehr – weder in Deutschland noch Europa. Für die gewaltigen Verluste in Folge der Weltbankenkrise seit 2007 kamen die europäischen Staaten jedoch auf, was zu ihrer sprunghaft steigenden Verschuldung führte. Gewinne wurden privatisiert, die Verluste hingegen sozialisiert, wie Christof Lützel, Pressesprecher der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (kurz GLS Bank), bestätigt.

In Deutschland beispielsweise stieg deswegen die Verschuldung des Bundes von etwa 1,5 Milliarden Euro 2008 auf über 2 Milliarden im Jahr 2010. Deshalb wird die Euro-Krise auch Staatsschuldenkrise der Euroländer genannt – die Staaten verschuldeten sich, um für die Verbindlichkeiten der Banken aufzukommen. Diese hatten sich in großem Maße verspekuliert und Gesetze zur Rücklagenbildung umgangen, sodass der Staat im Fall von Zahlungsschwierigkeiten einspringen musste. Insbesondere in Spanien und Irland stieg die Neuverschuldung sprunghaft, als die dortige Immobilienblase platzte. Die hohen Renditeaussichten hatten zuvor jahrelang Investoren zum übermäßigen Neubau von Gebäuden verleitet – am tatsächlichen Bedarf vorbei. Durch den plötzlichen Wertverlust konnten sie ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen, und Banken gerieten in Schieflage.

Ein Sonderfall ist Griechenland, dessen Wirtschaftsberichte jahrelang mit Hilfe von großen Banken wie Goldman Sachs geschönt worden waren, wie 2009 publik wurde. Der Skandal ließ das Vertrauen in den Euro zusammenbrechen. Griechenland hatte nachweislich viele Jahre Statistiken gefälscht: Die Staatsneuverschuldung betrug 2009 nicht mehr, wie zuvor offiziell angegeben, 6 Prozent, sondern 12 Prozent. Damit wurden die Stabilitätskriterien für den Euro noch gravierender verfehlt als angenommen. Ein ineffektives Steuersystem und Korruption verhinderten dort einen ausgeglichenen Staatshaushalt. Ähnliches beobachten wir heute in Zypern.

Doch wer profitiert von der Krise? Während zumindest die kurzfristigen Verlierer der Krise täglich in den Medien zu sehen sind, sind die Gewinner oft nicht so offen zu erkennen. Im Folgenden sollen zumindest exemplarisch einige von ihnen genannt werden.

Deutschland – ein heimlicher Gewinner?

So abwegig es klingen mag, und entgegen anders lautenden Erklärungen deutscher Politiker gehört Deutschland kurzfristig offensichtlich zu den Gewinnern der Euro-Krise. Immer mehr Anleger investieren ihr Geld in als sicher geltende deutsche Staatsanleihen. Dadurch zahlt Deutschland für seine Schulden immer geringere Zinsen. Im Jahr 2012 bekam der deutsche Staat bei 21 der 70 Auktionen für seine Staatsanleihen sogar eine Prämie, statt Zinsen zu bezahlen. Deutschland lieh sich also Geld und bekam dafür noch zusätzliches geschenkt. Geldgeber reißen sich offensichtlich darum, Deutschland Geld leihen zu dürfen. Auch deutsche Unternehmen profitieren von billigerem Kapital im Vergleich zu anderen Ländern der Euro-Zone und wachsen durch Exporte. Deshalb steigen in Deutschland die Steuereinnahmen.

Mittel- bis langfristig muss die Lage anders betrachtet werden. Deutschland hat große Summen neuer Schulden aufgenommen, um durch den Eurorettungsschirm bei den Banken Schlimmeres zu vermeiden. Über das Zahlungsverkehrssystem TARGET2 werden im Euroraum Überweisungen durch die nationalen Notenbanken über Landesgrenzen hinweg getätigt. Jedoch können sich bei dauerhaftem Kapitalfluss aus einem Land in ein anderes Überschüsse und Verbindlichkeiten anhäufen, ohne dass ein Ausgleichsmechanismus existiert.

Ein Beispiel: Eine griechische Firma bestellt aus Deutschland Maschinen für eine Million Euro. Der Überweisungsauftrag geht von der griechischen Bank der Firma zur griechischen Zentralbank und von dort weiter zur deutschen Bundesbank. Das Geld wird in Deutschland zum Kreditinstitut des Maschinenherstellers weitergeleitet und von diesem ausgezahlt. Danach schuldet die griechische Zentralbank der deutschen Bundesbank eine Million Euro, deren Überweisung im System jedoch nicht vorgesehen ist. In einem ausgeglichenen Wirtschaftsraum würden demgegenüber andere Waren aus Griechenland nach Deutschland geliefert, sodass sich die Forderungen der beiden Zentralbanken untereinander ausgleichen. Wenn jedoch aus Deutschland keine Überweisungen in gleicher Höhe nach Griechenland stattfinden, werden diese Verbindlichkeiten nicht ausgeglichen. Und bei weiteren Überweisungen aus Griechenland nach Deutschland steigen die Forderungen auf deutscher Seite gegenüber der griechischen Zentralbank weiter an. Eine Zentralbank gibt also einer anderen Zentralbank den Auftrag, Geld auszuzahlen, ohne es zu erstatten. Dies ist der Fall, weil das System auf ausgeglichene Kapitalströmen in beide Richtungen ausgelegt ist, was jedoch nicht der Realität entspricht.

Deutsche Exporte in die Eurozone sind momentan also unter anderem durch diese versteckten Kredite der deutschen Bundesbank gedeckt, die bei Zahlungsschwierigkeiten der Zielländer in Zukunft auf Deutschland zurückfallen könnten. In Zukunft müssen also einerseits die hohen Schulden Deutschlands zurückgezahlt werden, andererseits können weitere Zahlungsausfälle bevorstehen. Das Handlungsmaß zukünftiger Regierungen ist stark eingeschränkt.

Banken und Investoren – Weitermachen wie zuvor

Ein Rettungsschirm?
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Obwohl die Euro-Krise ursprünglich eine Krise der Finanzmärkte ist, profitieren vor allem große Banken davon. Die vorläufige Bewahrung Griechenlands und anderer Staaten vor dem finanziellen Kollaps und dadurch dem eigentlich notwendigen Schuldenschnitt nützt weniger den dort lebenden Menschen als vielmehr den auswärtigen Banken, die sonst um die Rückzahlungen ihrer Kredite bangen müssten. Nach der Arte-Dokumentation „Die Spur des Geldes“, ausgestrahlt am 26. Februar 2013, sind es vor allem deutsche, britische und französische Finanzkonzerne, zu denen das Geld der Eurorettung und die Einnahmen durch Sparmaßnamen in den Krisenländern fließen.

Eine Deckelung der Zahlungen wie in Island – wo nach dem Zusammenbruch der großen Banken jedem Anleger vom Staat das verlorene Anlagevermögen nur bis zu einer bestimmten Grenze abgesichert wurde – findet in den Eurostaaten nur bedingt statt, sodass der Staat bei Zahlungsausfall prinzipiell auch für große Einzelverbindlichkeiten an andere Banken aufkommt.  Seit Beginn der Krise sind große Banken auch immer stärker auf Unterstützung durch die EZB angewiesen, seit sie den Geschäftszahlen der Konkurrenz nicht mehr trauen. Lützel weist darauf hin: „Im Interbankenmarkt fehlt das Vertrauen. Die Banken leihen sich ihr Geld nur noch bei der Europäischen Zentralbank. Man kann von einer Vertrauenskrise sprechen.“ Über die EZB kommen die Banken jedoch einfach an neues Geld.

Eine stärkere Regulierung der Banken ist zwar geplant und wurde seitens der Politik bei der Rettung der Banken auch versprochen. Sie lässt jedoch noch auf sich warten. Nach den neuen Richtlinien Basel III, die ursprünglich seit Anfang 2013 gelten sollten, aber nun auf 2014 verschoben wurden, müssen Banken eine höhere Eigenkapitalquote vorweisen. Das bedeutet nach Lützel, dass eine Bank für jeden verliehenen Euro statt 8 Cent in Zukunft mindestens 12 Cent als Sicherheit vorhalten muss. Auch sollten Schlupflöcher geschlossen werden, die es früher ermöglichten, faule Kredite als angebliche Sicherheit zu verwenden. Ob das wirklich geschieht, bleibt abzuwarten.

Die Finanzbranche wirtschaftet insgesamt ähnlich weiter wie vor der Krise und die Gefahr neuer Blasen ist nicht nur möglich, sondern laut Lützel auch wahrscheinlich. Die neuen Börsenhöchststände dieser Tage bei gleichzeitig stagnierender bis schrumpfender Wirtschaft unterstützen diese Befürchtung. Das Wachstum des Finanzmarktes ist erneut nicht durch die reale Wirtschaft gedeckt. Banken profitieren auch dabei, zumal sie zu Notzeiten kostengünstig fusionieren und so ihre Marktmacht erweitern konnten. Auch Investoren und Spekulanten konnten immer wieder hohe Zinsen für Kredite der in Schwierigkeiten steckenden Länder verlangen und diese mit Gewinn wieder veräußern.

Andere Unternehmen – ein gemischtes Bild

Die Auswirkungen der Krise auf Unternehmen außerhalb des Finanzsektors sind unterschiedlich ausgeprägt. Während anfangs die plötzliche generelle Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe viele Firmen nach Eigenaussagen in Schwierigkeiten brachte, entspannt sich mittlerweile die Lage wieder. Insbesondere große deutsche Unternehmen finden leicht einen Kreditgeber und können dadurch ihre Marktposition ausbauen – vor allem auch in von der Krise stärker betroffenen Ländern.

Volkswagen konnte so beispielsweise seinen Marktanteil in Westeuropa von 20 Prozent vor der Krise auf fast 25 Prozent im September 2012 ausbauen – Null-Prozent-Finanzierung macht es möglich. Konkurrenten aus stark betroffenen Ländern wie Fiat aus Italien verlangen von ihren Käufern hingegen zur Zeit 6 Prozent Zinsen, wie das Wall Street Journal aufdeckte. Als Ganzes befindet sich der Automobilmarkt seit Längerem im Abwärtstrend – in einem schrumpfenden Markt übernehmen deutsche Firmen also größere Anteile.

Wie sieht es bei den kleineren Firmen aus? Diverse Medien haben über Kleinunternehmer berichtet, die aufgrund strengerer Kreditvergaberichtlinien von der Versorgung mit frischem Kapital abgeschnitten sind. Ob aber wirklich von einer „Kreditklemme“ für kleinere Firmen gesprochen werden kann, ist umstritten. Christof Lützel, Pressesprecher der GLS Bank, kann dies nicht bestätigen: „Bei vielen Banken herrscht weiterhin eine rege Kreditvergabe.“

Bürger – die Schere zwischen Arm und Reich

Anfangs wurden zur Überwindung der Finanzkrise vor allem konjunkturbelebende Sofortmaßnahmen ergriffen. Infolgedessen stieg die Verschuldung vieler Staaten sprunghaft an. Nun gilt als Ideal der Politiker in Europa, allen voran Angela Merkel, die Austerität. Die Folgen dieser neuen Sparsamkeit werden hauptsächlich von den Bürgern getragen, da sich Einsparungen vor allem im Gesundheits-, Bildungs-, Sozial- und Kulturbereich erreichen lassen – staatliche Leistungen werden gekürzt. Bei gleichzeitiger Erhöhung von Verbrauchssteuern und steigender Arbeitslosigkeit können also nur die allerwenigsten der Bürger Europas zu den Profiteuren zählen.

Während in Deutschland die Lage noch stabil ist, sieht man vor allem im südlichen Europa die Folgen der jetzigen Politik. Insbesondere dort ist hohe Jugendarbeitslosigkeit ein doppeltes Problem: Einerseits findet diese junge Generation keine Arbeit, andererseits soll sie später einmal die Kredite zurückzahlen, die nun zur Stabilisierung des Finanzmarktes aufgenommen werden.

Dabei ist auch der aktuelle Armutsbericht der Bundesregierung ein kleines Abbild für die Gesamtentwicklung in der EU: Er zeigt eine immer stärkere Spreizung zwischen Arm und Reich. Die Reichen profitieren also europaweit und versuchen, ihre Besitztümer vor Zugriffen der Staaten in Sicherheit zu bringen. Dabei ist ein Kapitalabfluss aus Südeuropa zu verzeichnen, da viele Menschen dort Angst haben, ihr Geld zu verlieren. Besonders Reiche schauen sich nach sicheren Anlagemöglichkeiten um. Beliebt sind unter anderem Wohnungen und Häuser in Deutschland, das als besonders krisenfest gilt. Es gibt also auch kleinere Gewinner wie die Immobilienmakler in Deutschland.  Zusammengefasst kann man sagen, dass kurzfristig der deutsche Staat, große Firmen und vor allem große Banken von der Euro-Krise profitieren. Langfristig werden vermutlich nur noch große Banken, Versicherungen und Hedge-Fonds profitieren, wenn nicht neue, effektivere Maßnahmen die Gewinne und Verluste gleichmäßiger verteilen.

Ansonsten ist auch das Bild der Münze unangebracht: Die zwei Seiten sind momentan sehr unterschiedlich groß – mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern.

  • Zum Weiterlesen:
    Hans-Werner Sinn: Casino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist. Berlin 2009.
    Hans-Werner Sinn: Die Target-Falle. Gefahren für unser Geld und unsere Kinder. München: 2012.
    Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus. Frankfurt a. M. 2011.
    Europäische Zentralbank, Eckdaten der Finanzkrise: http://www.ecb.int/ecb/html/crisis.de.html
  • Titelbild: CC BY-SA 3.0 Epizentrum
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