Am 22. November 2012 fand der dritte CIN-Dialog des Forum Scientiarum und des Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) in Tübingen statt. Friedrich Wilhelm Graf, Professor für evangelische Theologie/Ethik an der Universität München und Wolf Singer, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung Frankfurt/Main trafen sich zu einem Streitgespräch über das Thema Religion im Gehirn. Die Moderation übernahm der Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel.

Singer erklärte zunächst die kognitiven Grundlagen religiösen Erlebens. So sei es eine Grundfunktion menschlicher und teilweise auch tierischer Gehirne, Erklärungen für Ereignisse zu suchen. Das Gehirn als durch die Evolution pragmatisch orientiertes Organ frage nicht nach Wahrheiten, sondern nach Lösungen. Wenn also kausale Ursachen in unserer komplexen Welt nicht greifbar sind, sei die Annahme von transzendenten Wesenheiten als Verursacher nur folgerichtig. Er berichtete von epileptischen Anfällen, die bei den Patienten quasireligiöse Erlebnisse hervorrufen.

Durch die Argumentation von Friedrich Wilhelm Graf zog sich die grundsätzliche Frage, ob die Neurowissenschaften in Form einer Neurotheologie Religion prinzipiell neu erklären können. Die meisten Sachverhalte ließen sich doch ebenso treffend mit den  Geisteswissenschaften beschreiben.

Beantwortet wurde die im Titel der Veranstaltung genannte Frage nach den neuronalen Grundlagen religiöser Erfahrung freilich nicht. Auch ein richtiges Streitgespräch schienen beide Redner zu scheuen. Tatsächlich herrschte in den meisten Punkten differenzierte Einigkeit. Für die Zuschauer im vollbesetzten Audimax der Universität Tübingen blieb aber das Vergnügen, zwei hochkarätigen Wissenschaftlern beim Argumentieren zu folgen.

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