Die neunte Seite des Dresdener Kodex der Edition Förstemann von 1880. Zum Vergrößern anklicken.

Der Maya-Kalender endet, und überall auf der Welt sehen Esoteriker den Untergang herannahen. Doch woher kommt dieser Glaube an die Apokalypse? Was lässt sich im „Maya-Jahr“ 2012 von den Maya berichten? Und woher wissen wir eigentlich so viel von ihnen? Die Antwort findet sich überraschenderweise in Dresden. – Ein Hintergrundbericht.

Als Vladimir Puchkov am Montag dem 26. November zur Arbeit fuhr, ahnte er nicht, was für eine Woche vor ihm liegen würde. Der russische Katastrophenschutzminister konnte sich vor Anrufen besorgter Bürger kaum retten. Übers ganze Land brach eine regelrechte Panikwelle herein. Vielen Geschäften fehlte nach intensiven Hamsterkäufen schlicht die Ware, um weitere Kunden zu versorgen. Besonders die Notfall-Ausrüstungen mit Wodka, Instant-Nudeln und Kondomen waren rasch ausverkauft.

Der Grund für die landesweite Hysterie ist simpel: Der Maya-Kalender endet am 21. Dezember 2012 – und die Berichterstattung der großen russischen Medien, allen voran des staatlichen Fernsehsenders „Russia Today“, peitscht die Angst vorm kommendem Ende der Welt unermüdlich ins öffentliche Bewusstsein.

Puchkov hat daher gehandelt und eine eigene Weltuntergangs-Hotline eingerichtet. Besorgte Bürger werden nun professionell betreut, das Fachpersonal des Ministeriums hat er aufgestockt. Aber nicht nur in Russland spielen Land und Leute verrückt.

Auch in Amerika verbreitet sich die Angst vorm Weltuntergang wie ein Lauffeuer. Seit den späten 1990er-Jahren tauchten immer mehr Stimmen auf, die den 21. Dezember 2012 zu einem Tag mit geradezu epochaler Bedeutung erklären. Angetrieben von John Major Jenkins, einem Autor und unabhängigem Forscher aus dem Dunstkreis der New-Age-Bewegung, wurde der Maya-Kalender zu einem großen Thema, ja, es bildete sich eine ganze Pseudo-Wissenschaft heraus: Die „2012ology“ befasst sich speziell mit den angeblichen Anzeichen antiker Kulturen für ein kommendes Weltenende. Die von dieser Gruppe vorgebrachten Theorien sagen für das Jahr 2012 eine Veränderung unserer Galaxie oder sogar des ganzen Universums heraus, die entweder ein neues Zeitalter einleiten oder die Erde zerstören wird. Die Publikationen der Untergangs-Propheten verkaufen sich wie geschnitten Brot.

Einer solch verlockenden Käuferschicht konnte natürlich auch Hollywood nicht wiederstehen. Schon im Jahr 2006 produzierte Mel Gibson den ersten großen Blockbuster über die Maya: „Apocalypto“. Nur drei Jahre später erschien Roland Emmerichs Meisterwerk „2012“. Das Weltuntergangsszenario ist bis heute einer der 50 weltweit erfolgreichsten Filme.

Vom weltweiten Hype profitiert auch das Kerngebiet der Maya in Zentralamerika. Rodolfo Lopez Negrete, Staatssekretär im mexikanischen Tourismusministerium, rechnet mit doppelt so hohen Einnahmen wie im vergangenen Jahr: „Insbesondere im Herbst und im Winter erwarten wir einen regelrechten Ansturm.“ Dieser wird von den Hotels mit Sonderangeboten unterstützt. So bot etwa duPlooy’s Jungle Lodge, ein kleines Hotel in der Nähe der antiken Maya-Stadt Tikal, eine „Apocalypto“- Reise an. Eine Fünf-Tagestour vom 17. bis zum 22. Dezember durch das Land der Maya mit Besichtigungsreisen zu allen größeren Ausgrabungsstätten und den Drehorten von Gibsons Film. Der besondere Clou: Das Hotel übernimmt die Kosten der Übernachtung für die fünfte Nacht. „Falls Sie glauben, dass die Welt am 22. Dezember noch existiert, machen Sie ein Schnäppchen. Falls nicht, müssen sie immerhin nichts für den Zweiundzwanzigsten bezahlen“, so kommentiert duPlooy’s das Angebot. Innerhalb weniger Wochen war die Lodge ausverkauft.

Wir befinden uns im Jahr 2012 nach Christus. Die ganze Welt spielt verrückt … Die ganze Welt? Nein! Eine von unbeugsamen Wissenschaftlern besetzte Bibliothek in Sachsen bleibt erstaunlich gelassen. In der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) sieht man dem drohenden Ende ungerührt ins Auge, denn hier liegt der Schlüssel zu den Maya, ihrer Kultur und dem Mythos, der ihren Kalender umgibt. „Ich glaube nicht an einen bevorstehenden Weltuntergang“, sagt Bibliotheksdirektor Thomas Bürger, der eines der seltenen Maya-Schriftzeugnisse hütet. Doch welche Geheimnisse lassen sich den alten Schriften und den archäologischen Spuren der Maya heute noch entlocken?

Die Kultur der Maya

Spuren der Maya finden sich bis ins 3. vorchristliche Jahrtausend zurück. Sie siedelten seit dieser Zeit in Gebieten, die von Mexiko über Guatemala und Belize bis nach Honduras reichten. Ihre kulturelle Blüte begann um das Jahr 200 nach Christus und endete mit einem Massenexodus aus den Ballungsgebieten etwa im 10. Jahrhundert, der vermutlich wegen jahrzehntelanger Dürren einsetzte.

Auch nach diesem Niedergang blieben die Maya in der Region. Sie überstanden die spanischen Eroberungen des Hernán Cortés ebenso wie die mexikanische Revolution. Noch heute leben etwa 6,1 Millionen Maya in Zentralamerika.

Das Siedlungsgebiet der Maya um das 10. Jahrhundert nach Christus. Zum Vergrößern anklicken. Originalkarte: Jon Harald Søby CC BY-SA 3.0

Allerdings besaßen sie zu keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte nur eine einzige politische oder kulturelle Führung. Das Kernland der Maya bestand vielmehr aus hunderten verschiedenen Einzelstädten und Städtebünden, die miteinander um die Vorherrschaft über die reichsten Gebiete kämpften. Zu den wenigen verbindenden Elementen der Maya-Kultur gehörten die große Wertschätzung der Astronomie und der Religion.

Die religiösen Vorstellungen unterschieden sich von Region zu Region. Lediglich die Vorstellung von einem Weltenbaum, dem Wacah Chan, bildete die gemeinsame Basis des Glaubens. Seine Äste ragten bis in den Himmel und seine Wurzeln bis ins Totenreich. Die Menschen lebten im zentralen Bereich des Baumes, und ihre Seelen konnten entlang der Verbindungslinie des Stammes ins jeweilige jenseitige Reich wandern. Auch die Vorbestimmung des Schicksals durch die Götter war ein wichtiger Bestandteil des Maya-Glaubens. Bei allen wichtigen Vorhaben, wie etwa der Aussaat, mussten sie in aufwändigen Prozessionen, oft verbunden mit rituellen Opfern, um Zustimmung gebeten werden. Der für die derzeitige mediale Ausschlachtung der Maya-Kultur interessanteste Aspekt ist aber ihr mathematisches und astronomisches Wissen.

Das Wissen der Maya

Schon der Blick auf die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Stufenpyramide in Chichén Itzá, einem der größten Zentren der Maya zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert nach Christus, lässt erahnen, über welche logistischen und mathematischen Fähigkeiten sie verfügt haben müssen. Selbst ein so mathematisch komplexes Problem wie dem Nichts einen Wert zuzuweisen, lösten sie – durch die Einführung der Zahl Null. Zum Vergleich: Die Zahl Null setzte sich in Europa erst mit Beginn der französischen Revolution, also ein knappes Jahrtausend später, endgültig durch.

Ebenso wie die Mathematik war auch die Astronomie ein wesentlicher Bestandteil ihrer Kultur. Die Maya verfügten über ein sehr konkretes Wissen um die Laufbahn der Planeten, der Sonne und des Mondes. Dieses nutzten sie, um ihre heiligen Rituale zeitlich mit bedeutenden astronomischen Ereignissen abzustimmen. Vom Sonnenjahr ausgehend, entwickelten sie einen 365-Tage-Kalender, den sogenannten Haab-Kalender. Aber es ist nicht dieser Kalender, der als Anlass für die Spekulationen von der kommenden Apokalypse dient. Viel entscheidender für alle Weltuntergangszenarien ist der zweite Maya-Kalender, die „lange Zählung“, denn deren Ende steht unmittelbar bevor.

Lange Zählung

Der Weg führt nach Deutschland

Doch woher stammt dieser große Wissensfundus über die Maya überhaupt? Sind die tapferen Archäologen, die wie Indiana Jones mit Hut und Peitsche die mittelamerikanischen Ebenen und Wälder nach den verlorenen Schätzen der Hochkultur durchsuchten, irgendwo in der Wildnis auf ein Übersetzungsbuch gestoßen, das die kryptischen Maya-Zeichen entschlüsseln half? Haben die einheimischen Führer den Abenteurern ihre frisch dem Vergessen entrungenen Fundstücke direkt vorlesen können?

Wäre das Leben ein Spielfilm, wäre es wohl so gewesen, aber die Realität sieht anders aus. Die Schriftkultur der Maya, die ohnehin aufgrund des feuchten Klimas und der damit verbundenen geringeren Haltbarkeit von Schriftstücken schwach ausgeprägt war, wurde von den spanischen Conquistadores während ihren Eroberungszügen beinahe komplett ausgelöscht. Die flächendeckende Einführung des Lateins als Schriftsprache, sowie die vom Franziskanerorden vollzogenen Bücherverbrennungen ließen das Wissen um die Maya-Schrift rasch vergehen.

So standen die Archäologen, nachdem sie ihre ersten großen Entdeckungen Mitte des 19. Jahrhunderts gemacht hatten, vor einem Problem. Die äußerst reichhaltigen Fundstücke waren nicht zu übersetzen, eine ganze Welt des Wissens lag fest verschlossen vor den Forschern. Doch es gibt einen Schlüssel zu dieser Welt: Er liegt in Dresden.

Der Codex Dresdensis

Thomas Bürger ist ein älterer Herr, das Haar und der Schnäuzer schon leicht ergraut. Sollte man sich einen Berufshistoriker und Bibliothekar vorstellen, so würde er ziemlich gut in dieses Bild passen. Seit nun mehr neun Jahren ist er Generaldirektor der SLUB und bis ins kleinste Detail mit ihren Werken vertraut. Natürlich kennt er auch einen der größten Schätze, den die SLUB beherbergt: „Der Codex Dresdensis ist einer von nur noch drei erhaltenen Maya-Codices weltweit und der einzige, der frei zu besichtigen ist“, berichtet Bürger.

Im 14. oder 15. Jahrhundert entstanden, ist der Dresdener Kodex vermutlich eine Abschrift von älteren Maya-Texten. Er ist zweiseitig auf 39 Feigenbaumblättern geschrieben, die mit einer Vielzahl von Schriftzeichen und Bildern versehen sind. Inhaltlich befasst sich der Kodex mit jedem zentralen Aspekt der Maya-Kultur. Er beschreibt Götter wie die Mondgöttin Ix Chel und gibt zeremonielle Anweisungen für die korrekte Durchführung ihrer rituellen Verehrung. Darüber hinaus warnt der Kodex vor Flut- und Dürrekatastrophen,  die er mit dem Ende von Kalenderzyklen in Verbindung setzt.

Die Geschichte, wie das Schriftstück die Zeit überdauert hat, wirkt abenteuerlich. Vermutlich im 16. Jahrhundert von einem Konquistador nach Spanien gebracht, verliert sich die Spur des Kodex auf dem Schwarzmarkt, bis er plötzlich im Jahr 1739 in Wien auftaucht. Dort erwirbt ihn der Dresdener Bibliothekar und Hofkaplan Johann Christian Götze und bringt ihn an seinen heutigen Platz. Die letzte große Hürde, die die fragile Schrift überstehen musste, waren die Luftangriffe auf Dresden im Jahr 1945. Tatsächlich wurde die Bibliothek von einigen Bomben getroffen, und die Löscharbeiten spülten eine große Menge Wasser in den Keller, in dem sich der Kodex befand. Glücklicherweise war die Handschrift zwischen zwei langen Glasstreifen abgelegt worden, die sie bis heute umgeben. Einen zusätzlichen Schutz vorm Löschwasser bot die eisernen Vitrine, in der die Blättern lagerten. Nur so konnte verhindert werden, dass sich die Blätter im Wasser auflösten.

Aber eine intensive Erforschung des Maya-Kodex hatte schon viel früher begonnen. Alexander von Humboldt, der 1791 das erste Mal einen Blick auf den Kodex warf, war hellauf begeistert, und auch andere große Persönlichkeiten dieser Zeit, wie etwa Napoleon, statteten der Dresdner Bibliothek gerne einen Besuch ab. Der Durchbruch in der wissenschaftlichen Forschung wurde freilich erst später erzielt. „Erst die intensive Erforschung des Kodex durch Bibliotheksdirektor Ernst Wilhelm Förstemann und seinen Freund den Berliner Juristen Paul Schellhas hat den Kalendercode geknackt“, erläutert Bürger. In ihren Arbeiten entschlüsselten sie erstmals viele der vorher kryptischen Maya-Runen. So konnten die in Vergessenheit geratene Schriftsprache der Maya in Teilen rekonstruiert und mehr als 30 ihrer Gottheiten identifiziert werden. Darüber hinaus entdeckten Förstemann und Schellhas das Kalendersystem sowie die „lange Zählung“.

Besonders erfreut ist Bürger darüber, dass auch viele Maya den Weg nach Dresden finden. „Es ist erstaunlich, wie viele der Inhalte den Maya bis heute bekannt sind. Die meisten sind sehr erfreut und auch erstaunt, ein Artefakt ihrer Kultur so weit entfernt von ihrer Heimat zu sehen“, berichtet Bürger. Seit Rigoberta Menchú, eine Friedensaktivistin aus Guatemala, im Jahr 1992 als erste Maya den Friedensnobelpreis erhielt, entdeckten die Maya Stück für Stück ihre Kultur wieder. Dabei sei der Maya-Kalender aus Dresden sehr gefragt: Reproduktionen davon werden mittlerweile auch in Schulklassen studiert, damit die heiligen Riten nicht in Vergessenheit geraten.

Aber natürlich tummeln sich auch viele Esoteriker um den Dresdener Kodex. Auf sie angesprochen,  reagiert Bürger amüsiert: „Die Kreativität der Menschen ist grenzenlos.“ Er selbst sieht keinen Hinweis auf ein bevorstehendes Weltende im Maya-Erbe. Die Flutprophezeiungen, die sich im Dresdner Kodex finden lassen, sind für ihn lediglich der Beweis eines ständig wiederkehrenden Menschheitsthemas, der Angst vor der nicht bezwingbaren Natur.

Aber natürlich hat sich auch die SLUB zum 21. Dezember etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Sie hat die Dresdner Sinfoniker eingeladen, ein „Konzert zum Ende der Zeit“ zu veranstalten. Die Karten sind längst ausverkauft.

Für Bürger persönlich hat der 21. Dezember keine Bedeutung: „Ich habe meinen Winterurlaub schon geplant und würde jedem dasselbe raten.“

Die wichtigsten Ereignisse der Maya und ihrer Erforschung. Grafik: Alexander Hinssen. Zum Vergrößern anklicken.

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