Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück: Komplexere Theorien sind notwendig, um die Mechanismen unseres Gedächtnisses zu erklären. CC-BY-SA Magnus Manske

Erinnerungen löschen, wiederherstellen, modifizieren – all dies schien das Enzym Proteinkinase-M-zeta  (PKMζ ) zu erlauben, seit Todd Sacktor vom SUNY Downstate Medical Center in New York City 2007 glaubhaft demonstrierte, dass die Inhalte des Langzeitgedächtnisses nicht statisch sind, sondern empfindlich von der kontinuierlichen Produktion dieses „Gedächtnis“-Enzyms abhängen. Er schaffte es, Ratten die über Monate erworbenen Erinnerungen an schlechte Gerüche komplett vergessen zu lassen. Wegen dieser enorm einflussreichen Rolle von PKMζ waren Neurowissenschaftler bisher der Ansicht, dass das Enzym unabdingbar mit allen Gedächtnisleistungen verknüpft sein müsste. Unbeleuchtet blieb hierbei jedoch die genauere Rolle des Peptids ZIP, das in Sacktors Experimenten durch Injektion in den Hippocampus der Tiere zur Regelung der Enzymlevel eingesetzt wurde.

Zwei unabhängige Forscherteams forderten deshalb kürzlich die einflussreiche Enzymtheorie heraus. Das Team von Richard Huganir von der Johns Hopkins University in Baltimore, Maryland und Robert Messing und seine Kollegen an der University of California in San Francisco versuchten nicht mehr bereits geformte Erinnerungen zu beeinflussen, sondern löschten einfach das für die Produktion von PKMζ verantwortliche Gen direkt aus dem Erbgut ihrer Versuchsmäuse. Die genetisch veränderten Tiere entwickelten trotzdem Erinnerungen für Ängste, Objekte, Orte und Bewegungsabläufe  – und ihre Synapsen schienen von dem völligen Fehlen des Enzyms nicht im Geringsten beeinflusst zu sein. Erstaunlicherweise stellte sich aber heraus, dass ihre Erinnerungen immer noch verschwanden, wenn die Forscher das Enzym-unterdrückende ZIP injizierten. Eine etablierte Theorie in den Neurowissenschaften muss somit neu aufgerollt werden, und Überlegungen über das komplexere Zusammenspiel verschiedener „Gedächtnis“-Enzyme bei der Gedächtniserhaltung  werden Forschern noch weiter zu denken geben.

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