… und wie sie wirklich sind. Niels Ott hat sie sich näher angeschaut.

Prototyp des verrückten Wissenschaftlers: Der Chemiker.
CC BY-NC 2.0 practicalowl

Reichlich erwachsene, ja fast schon ältere Männer sind sie, tragen entweder Glatzen oder wirre Mähnen. Sie haben einen Kleidungsstil, der sich vor allem durch Abwesenheit manifestiert. Mutterseelenallein kauern sie in Kellern mit Gitterfenstern, vor ihnen aberwitzige Apparaturen und Gefäße, in denen es blubbert und zischt. Seltsames tüfteln sie aus, was dazu geeignet sein mag, die Welt in einen wundervollen Ort zu verwandeln oder ein für alle Mal zu vernichten. Auf alle Fälle haben sie gehörig einen an der Waffel.

So oder so ähnlich sehen Schweizer Kinder die Wissenschaftler und ihr Arbeitsumfeld, möchte man einer Veröffentlichung von Michela Luraschi und ihren Kollegen von der Universität der italienischen Schweiz in Lugano Vertrauen schenken. Doch kaum sieht man eine Uni einmal von innen, schon ergibt sich ein ganz anderes Bild. Hält man es wie der Autor dieser Zeilen sogar bis zum Dasein als niederer Doktorand dort aus, so ist man der vollständigen Wahrheit schon gefährlich nahe gekommen: Die sind gar nicht so. Die sind noch viel krasser.

Da hätten wir zum Beispiel die Zerstreute. Der Arbeitsplatz der Zerstreuten ist auf Anhieb zu erkennen. Fächerübergreifend ist die Zerstreute eine Archäologin. Die Hausarbeit vom vorletzten Semester? Eine kleine Ausgrabung am Schreibtisch bringt Licht ins Dunkel, und dunkel ist es fürwahr, denn das Licht anzumachen wird gerne mal vergessen. So sieht man schon nicht so genau, was sich in den mindestens vier Kaffeetassen bereits alles tummelt. Wie übergroße Hautschuppen wachsen die Post-it-Aufkleber um den Bildschirm am Platz der Zerstreuten, ohne jemals Beachtung zu finden. Das akademische Biosphärenreservat dehnt sich aus über Festplatten und Labore bis hin zu Wohnzimmern und Küchen. Bei all dem erbringt die Zerstreute ungeheure gedankliche und fachliche Leistungen. Außenstehende neigen sogar dazu, im Chaos ein so komplexes System zu vermuten, dass es sich dem Laien schlicht nicht erschließt – falls es denn vorhanden ist. Wie das Seelenleben der Zerstreuten funktioniert, ist bisher noch nicht genau bekannt. Sicher scheint nur, dass die Zerstreute sehr viel Kraft braucht, um ihre Genialität in strukturierte Statistiken und nachvollziehbare Aussagen zu gießen.

Die Mittagssonne knallt gerade vom Wüstenfirmament, in der Ferne sehen wir – nein, keine Fata Morgana – sondern einen Geländewagen, eingeschmiert mit Fett gegen den schmirgelnden Sandsturm, parkend. Daneben kniet mit der Schaufel der Offene. Mehr als alle seiner Kollegen ist der Offene auf der Suche. Und die Idee, getrocknete Knöchelchen längst ausgestorbener Kleinstechsen aus dem Saharasand zu sieben, die klang jetzt mal so schlecht nicht, so spontan betrachtet. Die ganze Westsahara zu sieben, dafür hat das Budget leider nicht gereicht, aber man muss schon offen sein für kreative Lösungen. Da muss eine Stichprobe her, zumindest eine Vorstudie muss doch drin sein! Bis die Finanzierung steht, macht der Offene eben mal Abenteuerurlaub, privat finanziert. Ein Tipp für Nachahmer: Was die freundlichen Wegelagerer mit ihren chinesischen Nachbauten russischer Automatikwaffen einem abnehmen wollen, entweder widerstandslos hergeben oder als Eigentum der Bundesrepublik Deutschland deklarieren. Am besten vor der Abfahrt auf alles Essenzielle den Bundeskuckuck kleben. Der Offene macht es vor: Hat er einmal Blut an einer Sache geleckt, so lässt er sich von derlei niederen Details nicht mehr abhalten. Den Kleinkram im Labor kann man sowieso den Studenten überlassen, dann sehen die auch gleich, wie es läuft. Doch Vorsicht: Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

Die korrekte Anwendung von Sicherheitsbrillen ist für Wissenschaftler vorgeschrieben.
CC BY-NC-ND 2.0 Craig Kohtz

Bei dieser Wüstenhitze würde ein anderer ganz kirre. Ist die Klimaanlage im Büro im Sommer defekt, so trocknet ihm der Hals aus. Im Winter ereilt ihn dank der trockenen Heizungsluft schnell der Lungenkatarrh. Der Ängstliche arbeitet am liebsten im Home Office. Tendenziell ist er in den Geisteswissenschaften beheimatet, denn unsichtbaren Gefahren wie Bakterien, Viren, Strahlen oder gar den geheimnisumwobenen Nanopartikeln möchte er nicht zu nahe kommen. Das mag ja schon alles spannendes Zeug sein, aber der Ängstliche hat sich längst genau überlegt, auf wie viele verschiedene Arten man dadurch einen verfrühten Tod riskieren würde. Im unsicheren Karrierebetrieb der Wissenschaft ist der Ängstliche einer der produktivsten und erfolgreichsten Köpfe, allerdings nur in den Augen seiner Neider, er selbst wird vor allem durch Versagensängste emporgetrieben. Die Möglichkeiten des Versagens sind grenzenlos: Jemand könnte im Tutorium kichern. Bei der nächsten Sitzung seines Hauptseminars könnte er etwas zwischen den Zähnen haben. Beim Zuhören im Oberseminar könnte ihn die allgegenwärtige Übermüdung unaufmerksam sein lassen. Die lange, beschwerliche Reise zu einem Kongress könnte mit einem Flugzeugabsturz enden. Und natürlich erst beim Verfassen einer Doktorarbeit oder gar Habilitationsschrift: Da sind allein die unausweichlichen Tippfehler der sichere Tod. Je höher er die akademische Leiter erklimmt, desto größer wird die Angst – noch ist es unklar, ob mit dem Erreichen des rettenden eigenen Lehrstuhls endlich Ruhe einkehrt. Sicher ist nur: Unter Professoren sucht man die Ängstlichen meist vergebens.

Dem Ängstlichen diametral entgegen steht die Egozentrische. Die hat diesen amateurhaften Versuch einer Glosse erst mal grob gescannt, bis genau zu diesem Abschnitt hier, in dem es um sie selbst geht. Und der ist erst recht enttäuschend! Denn die Egozentrische hat schon längst für ihr Fachgebiet – das sie natürlich selbst ersonnen hat – einen Namen erfunden, den nur sie selbst richtig aussprechen kann, und der taucht hier leider nirgends auf. In ihrer Arbeitsgruppe hat sie die Hosen an und die Peitsche stets griffbereit. Ihre neueste Veröffentlichung trägt den Titel „Increasing scientific output in master students using pain-based incentives“. Das mit den Master-Studenten war dabei eigentlich nur eine Notlösung: Eigentlich hätten die Doktoranden als Probanden herhalten müssen, doch als diese sich selbst Schmerz zufügen sollten, weigerten sie sich vehement, die Egozentrikerin als Arbeitsgruppenleiterin mit auf die Autorenliste der Veröffentlichung zu packen.

Wie hinterhältig intelligent diese promovierenden Biester doch sein können, die haben doch genau da gebohrt, wo es der Egozentrikerin wehtut: Das Schlimmste ist, wenn ihr Name nicht genannt wird. Neulich hat die Egozentrikerin eine neue Großpackung Taschentücher gekauft, natürlich die aus kratzigem Recyclingpapier. Der Verbrauch wird bald deutlich steigen, denn nun fließen die Tränen in der Sprechstunde etwas häufiger. Den zukünftigen Doktoranden muss eindeutig früher gezeigt werden, wer hier im Laden den Prof. Dr. vor dem Namen und den Namen auf den Arbeiten stehen hat.

Wissenschaftler: Bedrohliche Menschen mit bedrohlichen Gerätschaften?
CC BY-NC 2.0 J. Paxon Reyes

„Haben Sie schon gelesen, XYZ bringt jetzt ein neues Elektroauto auf den Markt, da steckt Technologie von unserer Hochschule mit drin, und wir haben ja jetzt dieses neue Exzellenzcluster, leider ohne meinen Fachbereich – der Rektor, Sie wissen schon, nicht so einfach. Guten Kaffee haben die hier, finden Sie nicht, und erst die Himbeertorte, also ich sage Ihnen, als ich noch Student war, stellen Sie sich mich mal mit langen Haaren vor, damals wurde ja noch gekifft, also da war die Cafete hier ein Trauerspiel. Übrigens hab ich gestern gelesen, das war in so einem populärwissenschaftlichen Magazin, naja, Sie wissen schon, so ein Artikel von diesen Typen, die was mit Medien machen, weil sie zu doof für den Rest sind, also gekauft habe ich das natürlich nicht, das habe ich schön im Laden gelassen, so eine intellektuell flach gehaltene Bahnhofsbuchhandlung war das auf dem Weg von der Tagung, … ermh, wo war ich? Ach so, also jedenfalls stand dort, die Studenten würden jetzt ja auch immer jünger, da hat jemand eine Studie gemacht, da brauch ich doch keine Studie, das seh‘ ich jeden Tag! Was studieren Sie eigentlich, lassen Sie mich raten, bestimmt Soziologie, so der Brille nach. Sie sagen ja gar nichts, was ist los, ist Ihnen nicht gut?“

Wer sich jetzt beim Lesen schon völlig überrumpelt fühlt, der hat im echten Leben leider nur wenig Chancen, sollte er auf den Extrovertierten treffen. Hat man ihn gar als Betreuer einer Studien- oder Abschlussarbeit, dann kann man sicher sein, dass die eigenen Probleme gar keine sind. Die kommen in der Sprechstunde des Extrovertierten gar nicht vor. Nur seine eigenen.

Ja, so sind sie, die Wissenschaftler, die auch noch Dozenten sind. Und Betreuer und Berater und Benoter. Denn jede Note ist auch Typsache. Und zwar nicht nur die des Typs, der da vorne am Pult zittert oder zetert, sondern auch die des Studenten oder der Studentin. Ducken Sie sich, wenn vorn einer muckt? Oder mucken Sie erst recht, wenn sich vorne einer duckt? Haben Sie schon mal in geselliger Runde eine verrückte Idee gehabt und die Anwesenden damit vollgetextet, bis Sie sich nicht mehr sicher waren, ob diese in einem Alkohol- oder doch gar in einem Akademiker-Koma lagen? Die Wahrheit über die Wissenschaftler ist nicht das einzig Krasse. Die Wahrheit geht noch weiter: In jedem von uns steckt schon ein kleiner Wissenschaftler, seit die Mutter damals kurz weggeschaut hat und wir endlich von Hand ausprobieren konnten, warum es verboten ist, die Herdplatte anzufassen.

Wissenschaftler sind an sich Typen wie du und ich, sie wissen es oft nur nicht. Die oben skizzierten Figuren sind nichts anderes als der Versuch einer kreativen Zusammenfassung des Fünf-Faktoren-Inventars – mit diesem beschreiben Psychologen die fünf universellen und grundlegenden Eigenschaften einer Persönlichkeit. Gemein wie sie dabei sind, machen sie auch vor der Persönlichkeit des gemeinen Lesers keinen Halt. Wir sind eben alle ein bisschen so. Nur manche eben noch viel krasser.

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