Zum ersten Mal seit gut 700 Jahren tritt ein Papst zurück. Alle Welt spekuliert über einen möglichen Nachfolger und über die Zukunft der Kirche. Doch fernab der vielen Wünsche stellt sich die Frage, wie ein realistisches Zukunftsszenario aussehen könnte. Ein Essay von Jean-Claude Wildanger.

Die schlechte Nachricht vorweg: In Mitteleuropa scheint eine Renaissance des Katholizismus unwahrscheinlich. Zu sehr hat sich die Gesellschaft vom Christentum entfernt. Das erfahren die meisten christlichen Denominationen. Egal ob protestantisch oder katholisch, es fehlt der Gesellschaft das Gespür für das Religiöse.

Da ist es sehr konsequent, dass jetzt über einen Papst aus Afrika oder Amerika spekuliert wird. Es zeigt, dass die Kirche ihr Haus bestellt hat. Als Christus zu seinen Jüngern sagte: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Matthäus 28, 19), werden die wenigsten erahnt haben, dass die Mehrheit der zukünftigen Jünger einmal in Teilen der Welt leben würde, von denen sie noch nie gehört hatten. Die Christianisierung großer Teile der Welt ist der Kirche also geglückt.

Für die Kirche ist es natürlich tragisch, dass weite Teile Europas ihr den Rücken kehren. Aber diejenigen, die bleiben, bleiben aus Überzeugung. Das ist ein wesentlicher Wandel in der Kirche, der Wandel von der Staats- und Volkskirche, wo die Kirchenmitgliedschaft eben dazugehört hat, zu einer Kirche der Gläubigen, welche aus Überzeugung dabei sind. So muss man die Kirchenaustrittswelle auch als eine Beseitigung von Karteileichen sehen.

Das gilt leider auch für viele, die sich durchaus als gläubige Katholiken betrachten, aber von ihrer Kirche etwas fordern, was mit dem Glauben nicht zu vereinbaren ist. Wer von der Kirche eine Abschaffung des Zölibats, eine Einführung des Priestertums für Frauen und eine zentrale Fixierung auf soziale Themen fordert, der ist nicht mehr katholisch.

Die Kirche ist kein Staat. Es besteht heute, glücklicherweise, keine Zwangsmitgliedschaft mehr. Die Kirche ist eine Glaubensgemeinschaft, also eine Gemeinschaft von Menschen, die diesen Glauben teilen. Und deshalb wird sich die Kirche nicht anpassen. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat das getan und ist zwar gesellschaftlich akzeptiert, aber ebenfalls in einem Zerfallsprozess. Die katholische Kirche wird keinem schlechten Beispiel folgen. Und wenn sie dann keine europäische Kirche mehr ist, sondern noch mehr eine Weltkirche, dann ist das so.

Prozession des Schwarzen Nazareners

Prozession des Schwarzen Nazareners in Manila 2011
CC BY 2.0 denvie balidoy

Deswegen ist es auch gar nicht so wichtig, aus welchem Teil der Welt der nächste Papst stammt. Irgendwann wird es einen amerikanischen und früher oder später auch einen afrikanischen geben. Ein Ordenspriester aus Kenia hat mir gesagt, es komme nicht auf die Herkunft des nächsten Papstes an, sondern darauf, dass er sich vom heiligen Geist führen lässt.Der nächste Papst wird die Kirche nicht an den Zeitgeist anpassen, welcher heute in Zentraleuropa herrscht. Und auch in 50 Jahren wird dies kein Papst tun. Denn die Kirche versteht sich als von Gott eingesetzt.  Daher kann sie nur das tun, was Gott ihr aufgetragen hat, nämlich die Verkündung des Glaubens, der Dienst an den Seelen. Ihre Botschaft ist spirituell. Ansonsten wäre sie entbehrlich.

Vor der Speisung kam stets die Verkündigung des Glaubens
Bild: Public Domain

Aber wenn die Kirche ihr Gewicht noch weiter nach Übersee verlagert, wie wird sie dann dort wirken? Sie wird dort zweifellos sehr vital sein. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Monica Toft sagt voraus, dass das 21. Jahrhundert Gott gehören wird. Auch für die USA und Kanada sieht sie eine erneute Hinwendung zu einer christlichen Spiritualität. Sie begründet das damit, dass der materialistische Lebensstil, der heute in der westlichen Welt vorherrscht, nachweislich vielen Menschen das Gefühl gibt, innerlich leer zu sein. Der Gedanke, sich in Kariere und Lifestyle selbst zu verwirklichen, kreiert seltsamerweise immer neue Trends und schafft damit einen zwanghaften Drang, immer mit der neuesten Mode zu gehen. Statt Vielfalt und Individualität entsteht  meistens eine Einheitsmode. Alle tragen Jeans, alle kaufen das neuste i-Phone. Und genau in dieser Situation spricht der scheidende Papst von spiritueller Erneuerung und von einer Abkehr von Konsum und Egoismus. Für die meisten Deutschen gilt er damit als weltfremd und als Spielverderber.

Ein weiterer Vorteil für die Kirche ist, dass die Feindschaften zu anderen Religionen und Konfessionen allmählich abgebaut sind. Die deutsche Fixierung auf die Ökumene mit den Lutheranern versperrt den Blick dafür, dass der Papst mittlerweile auch von vielen konservativen Protestanten geachtet wird und dass das Verhältnis zu den orthodoxen Christen, immerhin rund 250 Millionen Menschen, so gut ist wie noch nie. Diese Ökumene besteht nicht aus äußeren Zeichen, sondern aus gegenseitigem Respekt vor der jeweils anderen Tradition. Auch das Verhältnis zu den Juden hat sich in den letzten Jahren sehr verbessert. Das Oberrabbinat in Jerusalem spricht stets sehr freundschaftlich über den Papst. Und auch zu vielen muslimischen Gelehrten pflegt die Kirche mittlerweile Kontakt.

Und es hat auch einen Vorteil, dass die Missbrauchsfälle jetzt ans Tageslicht gekommen sind, und nicht weiter im Verborgenen bleiben. Denn jetzt werden sie aufgeklärt, und die Kirche kann sich diesbezüglich reinigen und erneuern. Hier sind vor allem die USA ein gutes Beispiel, wie die Kirche durch konsequente Aufklärung ihre Glaubwürdigkeit sogar noch stärken konnte. In Deutschland wird diese jedoch oft nicht wahrgenommen, da Schlagzeilen ja nie ein vollständiges Bild abgeben können.

Insgesamt muss die Kirche also nicht mit Sorge in die Zukunft schauen. In Afrika ist der katholische Glaube sehr lebendig, in den USA wächst der katholische Bevölkerungsanteil, und so schlecht, wie oft gesagt wird, steht es um die Kirche in Lateinamerika auch nicht. Die protestantischen Sekten, welche vor allem in Brasilien sehr aktiv sind, haben weder in Mexiko noch in Kolumbien oder in Argentinien wirklich Erfolg, und ob sie ihre Mitglieder dauerhaft an sich binden können, ist fraglich. Es sieht also so aus, dass Europa, im Bezug auf die Religion, einen starken Trend nicht mitbekommt. Wir Europäer sind es gewohnt, die Welt so zu sehen, wie wir sie sehen wollen, und nicht so, wie sie ist. Säkularisierung ist nur bei uns ein Trend. Es spricht nichts dafür, dass er auf den Rest der Welt übergreift. Es spricht aber auch nichts dafür, dass Europa umkehrt.

Jeder Blick in die Zukunft ist spekulativ. Aber wenn man die Hinweise deuten will, so drängt sich der Schluss auf: In 50 Jahren ist die katholische Kirche groß, vital, motiviert und wahrscheinlich auch die einzige interkulturelle Institution dieser Größenordnung, welche lebendig ist und weiter wachsen wird.

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