Technologiefirmen und Forschungsgruppen auf der ganzen Welt arbeiten zurzeit fieberhaft daran, uns durch die Brille, beziehungsweise durch den kleinen Computer am Rahmen der Brille, eine erweiterte Wahrnehmung der Realität zu ermöglichen. Die Datenbrillen spielen Informationen aller Art direkt ins Sichtfeld ihres Trägers ein.

Sie verrückt und drückt beim abendlichen Blick in die Bettlektüre, sie sammelt die Regentropfen im Sichtfeld und vernebelt einem völlig die Sicht, sobald man im Winter von draußen wieder ins Warme schlüpft. Die Rede ist von der Brille. Wenn sie ein paar coole Tricks auf Lager o der nützliche Funktionen hätte, wie wir es aus Science-Fiction Filmen kennen, würde das Gestell auf der Nase ein bisschen attraktiver.

Brille der Zukunft_Robert Thielicke mit google glass_flickr

Freut sich über Technik-Neuheiten: Robert Thielicke mit der Google Glass
Foto: CC-BY 2.0 Marcus Dewanger

Das bis dato wohl prominenteste Exemplar der Entertainment-Brillen ist die Google Glass vom gleichnamigen US-amerikanischen Unternehmen Google Inc. Die futuristisch anmutende Brille funktioniert via Sprachsteuerung mit festgelegten Befehlen. Die Worte „Okay Glass“ wecken sie auf. Außerdem kann sich der Nutzer über ein integriertes Touchpad durch verschiedene Menüs klicken. Im Augenblick werden ein paar tausend dieser Datenbrillen von einem ausgewählten Personenkreis getestet, im Frühjahr oder Sommer 2014 soll die Google Glass in den USA auf den Markt kommen.

Auch andere Firmen sind drauf und dran Brillen mit Entertainment-Charakter zu vermarkten. Die Datenbrille von Microsoft soll den Träger bei Sportveranstaltungen oder auf Konzerten mit Texteinblendungen informieren. Die Datenbrille AirScouter der Firma Brother ist bereits erhältlich. Der japanische Druckerhersteller produziert in Serie und verkauft ein Exemplar für rund 2000 Euro – momentan vor allem an die Industrie. Die meisten dieser tragbaren Interaktionssysteme verbinden sich via Bluetooth oder WLAN mit dem Smartphone.

Eine Brille mit solchen Funktionen in seinen Alltag zu integrieren, das kann sich der Journalist und Chefredakteur der Technology Review Robert Thielicke im Moment noch nicht vorstellen. Aber er bemerkt den erstaunlichen Schritt in Richtung der Vereinigung von Mensch und Maschine. Und wenn das Können der Datenbrillen dann in wenigen Jahren in schicke Sonnenbrillen integriert ist, so dass man keinen Unterschied mehr sieht, dann prognostiziert Thielicke, „werden solche intelligenten Brillen dazu gehören wie die Uhr oder die Hose, die man trägt“.

Thielicke durfte als einer der ersten deutschen Journalisten im April 2013 auf der NEXT-Konferenz in Berlin ein Exemplar der Google Glass aufsetzen. Sein erster Eindruck, auch von der Bedienung ist positiv: Die Brille sei leicht und irgendwann vergesse man, dass man sie überhaupt auf der Nase habe. „Lediglich das Display ist nicht so scharf oder detailliert, wie man erwartet hätte“, berichtet er.

Das Interesse an den Augen ablesen

Auch deutsche Forscher befassen sich mit der Entwicklung solcher „fantastischen“ Brillen. Das Team an der Technischen Fakultät der Universität Bielefeld unter der Leitung von Dr. Thies Pfeiffer ist der Meinung, dass die Herangehensweise über Sprachsteuerung zu ungenau sei. „Da bleibt einfach zu viel Interpretationsspielraum. Unsere Sprache ist sehr flexibel und bei den Befehlen fehlt der Kontext“, so Pfeiffer.

Deshalb stellt man sich in Bielefeld der Frage, wie genau ein Mensch schaut, wenn er etwas sucht beziehungsweise gefunden hat. „Schon bevor ein Mensch eine Handlung vollzieht, betrachtet er den involvierten Gegenstand“, erklärt Pfeiffer. Dabei machen sich die Forscher sogenanntes Eyetracking zu Nutzen: Im Brillenrahmen ist eine Kamera integriert, die erfasst auf was die Pupillen des Trägers im Moment gerichtet sind. Ob sie tatsächlich gerade etwas fixieren oder ob der Blick nur springt.

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Thies Pfeiffer hat die Vision einer Datenbrille. Foto: privat

Man stelle sich ein Supermarktregal mit über 50 Sorten Müsli vor. Davor steht ein Kunde mit seinem Wagen, in der einen Hand den Einkaufszettel, an der anderen ein kleines Kind oder eine Gehhilfe. Die Brille kann ihm helfen das günstigste Müsli zu finden, in dem keine Nüsse enthalten sind, ohne dass er jede einzelne Packung in die Hand nehmen und die Nährwerttabelle entziffern muss. So die Vision von Pfeiffer: „Dabei wollen wir mit der Brille schneller sein, als das Smartphone“.

Nicht nur der Endverbraucher profitiert davon, wenn die Brille erfasst, was er sucht, wie er nach einer ersten Orientierungsphase vor dem Regal sortiert und dann seine Entscheidungen fällt. Auch für die Wirtschaft könnte es interessant sein, mit Hilfe der Pupillenbewegung zu verstehen, wie Entscheidungsprozesse beim Kunden ablaufen und welche Hilfen er braucht um das ideale Müsli passend für seinen individuellen Geschmack und Geldbeutel zu finden. Doch dieses Szenario ist bis jetzt außerhalb des Labors nur schwer vorstellbar.

In der Industrie, beispielsweise in der Logistik wäre der Einsatz von intelligenten Datenbrillen durchaus schon 2014 denkbar und auch nützlich. Für Arbeitende in einer Lagerhalle mit Regalen, die bis unter die Decke voller einzelner Produkte sind, könnten die Brillen zu einer effizienteren Arbeitsweise mit zwei freien Händen beitragen: Wenn die Brille Barcodes erkennt, das Personal auf kurzen, mit anderen Arbeitsschritten kombinierbaren Wegen navigiert und sich bei Fehlern in der Bereitstellung einer Lieferung bemerkbar macht.

Ungeahnte Möglichkeiten mit ungeahnten Risiken

Die Entertainment-Brillen bringen auch neue kontroverse Diskussion mit sich: Wie sehr lenkt die Brille ihren Träger beim Rad oder Auto fahren von seiner realen Umwelt ab? Wo sie doch genau in diesen Situationen von Nutzen sein könnte, um den Weg zu navigieren oder Schilder zu übersetzen – und das, ohne die Hände vom Lenkrad nehmen zu müssen. Datenschützer sehen auch ein Risiko darin, dass man den Leuten nicht mehr ansehe, wenn sie ein Foto oder ein Video aufnehmen. Spannend bleibt deshalb auch zu beobachten, welche Applikationen und Programme es speziell für die fantastischen Brillen geben wird.

Bis es tatsächlich so weit ist, dass sich der Otto Normalverbraucher von einer Datenbrille durch die Stadt lotsen lässt, intelligente Brillen uns im Alltag begegnen wie Bluetooth-Headsets oder sie den Blick auf das Smartphone völlig ersetzen könnten, dauert es wohl nur noch wenige Jahre.

 

Headerbild: CC-BY-NC Cheryl Lawson

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