Die Krankheit Schizophrenie entfremdet die Patienten von anderen Menschen.  Die Diagnose ist meist eindeutig, aber wenn die Einsicht fehlt, ist eine Behandlung schwer. Wie Ärzte dennoch versuchen, zu den gefährdeten Menschen vorzudringen und ihnen zu helfen, erzählt die Reportage von Franziska Wolf.

Ben (Name von der Redaktion geändert) ist Anfang 20. Er ist groß, hat braune, lockige Haare, dunkle Augen, ist gut gekleidet. Mit seinem grauen Cardigan und der beigen Stoffhose sieht er aus wie einer der BWL- oder Jurastudenten, die ich von der Uni kenne.

Aber Ben studiert weder BWL noch Jura noch irgendein anderes Fach. Und unsere Begegnung findet nicht in einem Hochschulgebäude, sondern auf den Fluren der Akutstation der Psychiatrie Stuttgart, der „Geschlossenen“, statt.

Ben ist an paranoider Schizophrenie erkrankt, der häufigsten Krankheitsform des schizophrenen Spektrums. Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung ist schizophren, bei den meisten bricht die Krankheit zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr aus.

Es ist Bens zweiter Aufenthalt auf dieser Station. Er ist freiwillig hier, seine Eltern haben ihn gebracht. Im Gespräch mit dem leitenden Oberarzt Dr. Ulrich Seidl verrät er, dass die Freimaurer wieder zu ihm sprechen, aber auch seine Tante und ein Freund. Er sieht die Logos verschiedener Marken in abgewandelter Form – und deutet sie als Symbole der Freimaurer. Außerdem sendet das Fernsehen persönliche Botschaften an ihn.

Auf die Frage, wie es ihm gehe antwortet er, es gehe ihm sehr gut. Der Aufenthalt auf der Station sei „erleuchtend und reinigend“. Für krank hält er sich nicht mehr, schließlich helfen ihm die Stimmen, sein Leben zu ordnen und geben ihm nicht länger Befehle.

Dr. Ulrich Seidl ist Bens behandelnder Arzt.

Dr. Ulrich Seidl ist Bens behandelnder Arzt.
Foto: Klinikum Stuttgart

Wenn Ben spricht, schaut er dem Arzt und mir abwechselnd tief in die Augen. Sein Blick ist zugleich fixiert und doch trüb, die Lider halb geschlossen. Das verleiht ihm etwas Kontemplatives, er spricht langsam und sehr überlegt. Gleichzeitig strengt ihn das Reden an und er verstrickt sich in Widersprüche: Warum ist er hier, wenn er nicht krank ist? Eine Antwort findet er nicht. Stattdessen erzählt er, dass er sich in letzter Zeit viel mit der Theorie der Archetypen Carl Gustav Jungs beschäftigt habe, dem Begründer der analytischen Psychiatrie.

Bens Wortwahl ist außergewöhnlich für einen Mann seines Alters, und doch wirkt es nicht maskenhaft oder verstellt, wenn er redet, sondern eloquent und intellektuell. Wäre ich ihm in einem anderen Umfeld begegnet und hätte nicht von seiner Diagnose gewusst, dann hätte ich ihn nicht für krank, sondern für sehr interessant gehalten.

Die „Geschlossene“ – eine Welt für sich

Und doch ist er genau das: schwer krank, schizophren. Ben hat kein „gespaltenes Bewusstsein“, keine „zwei Seiten“, ist nicht wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Und trotzdem fühle ich mich zunächst unwohl in seiner Nähe, bin angespannt. Wie wird er sich verhalten? Akzeptiert er mich in seiner Gegenwart?

Durch die Zimmertür hört man andere Patienten der Station schreien, rufen, rennen. Einige von ihnen habe ich kurz gesehen. Als ich zu Beginn die Station betrat, entschuldigte sich einer von ihnen bei mir, dass er mich mittags geschlagen habe. Doch er verwechselte mich mit der Krankenschwester.

Die Patienten sind älter als Ben, fast ausschließlich Männer, weniger gepflegt als er – wohl eher die Sorte Mensch, die man auf der geschlossenen Station einer Psychiatrie vermuten würde. Die Hälfte von ihnen ist ebenfalls schizophren.

Doch zurück zu Ben. Er leidet an Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Ich-Störungen. So äußert sich eine Schizophrenie – als eine Erkrankung des neuronalen Stoffwechsels. Eine Stoffwechselerkrankung. Wie Diabetes oder Gicht. Nur im Gehirn.

Doch die öffentliche Wahrnehmung ist eine andere. Seidl beschreibt es wie folgt: „Keiner kennt die Krankheit, wenn er nicht betroffen ist, aber jeder den Begriff. Dazu hat jeder eine Assoziation. Es ist ähnlich wie mit einer schweren Depression: Die Menschen denken, eine schwere Depression ist wie traurig sein, nur ein bisschen mehr oder ein bisschen länger. Doch man kann sich nicht vorstellen, was in jemandem vorgeht, der einen Wahn hat. Ein Wahn ist etwas zutiefst Unlogisches.“

by quinn.anya (Quinn Dombrowski) http://www.flickr.com/photos/quinnanya/110999642/

Für Außenstehende ist die Krankheit kaum zu verstehen.
Foto: CC BY-SA 2.0 Quinn Dombrowski

Und ein Wahn ist nur ein Symptom der Schizophrenie. Bei Ben ist es die unumstößliche Gewissheit, dass das Fernsehen und die Werbung persönliche, eigens für ihn konzipierte Botschaften senden. Diese Wahnvorstellungen bilden zusammen mit den Halluzinationen – etwa in Form von Stimmenhören, dem Wahrnehmen von Gerüchen oder dem Sehen von

Nicht-Existentem – sowie den Ich-Störungen – dem Gefühl, die Gedanken würden ihm e­­ntzogen werden – die sogenannten Plus- oder Positivsymptome einer Schizophrenie.

Passend dazu existieren Minus- oder Negativsymptome: Leistungs-, Konzentrations- und Merkfähigkeit sind geschwächt, die Sinneswahrnehmung ist gestört und die Betroffenen leiden unter Antriebsarmut, ziehen sich zurück und verhalten sich autistisch.

Kranker Körper – kranker Geist

Ein Grund für die zahllosen Fehleinschätzungen der Krankheit liegt in ihrem umfangreichen Ursache-Wirkungs-Komplex. Einer der wichtigsten Faktoren, die das Ausbrechen einer Schizophrenie bedingen, ist die genetische Vorbelastung. „Man geht davon aus, dass es eine Veranlagung gibt, die irgendwo in unseren Genen sitzt“, so Seidl, „und dann kommen verschiedene Stressfaktoren hinzu.“  Dies können bedeutende lebensgeschichtliche Ereignisse sein, etwa der Tod eines Angehörigen, eine Trennung oder ein traumatisches Erlebnis. Diesen Kausalzusammenhang vermutet er auch bei Ben.

Weil sich bei ihm die Symptome der Schizophrenie das erste Mal im Jugendalter offenbarten, ist er ein typisches Beispiel für viele Erkrankte. Dieser Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsensein – geprägt von Zweifeln, Zukunftsängsten, Veränderungen und neuen Erfahrungen – dient als optimaler Nährboden, auf dem die

Krankheit wachsen und wuchern kann. “Wenn man älter ist, hat man einerseits ein reiferes Gehirn, andererseits aber auch soziale Ressourcen, um die Krankheit zu kompensieren – feste Strukturen, eine Familie, eine Partnerschaft”, so Seidl.

Deshalb fällt die Prognose auch besser aus, je älter der Patient bei seinem ersten psychotischen Schub ist, also beim ersten Auftreten der Beschwerden. Weiterhin kann auch die Einnahme von Drogen und bewusstseinserweiternden Mitteln eine Schizophrenie zum Ausbruch bringen.

Allerdings geht die Forschung davon aus, dass die Erkrankung bei Menschen mit einer erheblichen genetischen Disposition früher oder später immer ausbricht. Hinzu kommen unzählige weitere Faktoren. So erkranken Männer häufiger als Frauen und Stadtbewohner öfter als Menschen vom Land. Ein erhöhtes Risiko zeigte sich auch bei denen, die sich in sprachfremder Umgebung aufhielten sowie bei Kindern, deren Mütter ungewollt schwanger geworden sind oder bei deren Geburt es zu Komplikationen kam. Bei einer Vielzahl von Patienten ließen sich außerdem Anomalien in bestimmten Gehirnregionen feststellen, wie etwa im Hippocampus und in frontalen Hirnregionen.

Oftmals lässt sich jedoch nicht eindeutig feststellen, ob derartige Signifikanten eine Ursache der Erkrankung oder vielmehr eine ihrer Folgen sind. So weisen Menschen ohne feste Beziehung ein erhöhtes Risiko auf, an Schizophrenie zu erkranken. Gleichzeitig ist ein Leben ohne Partner aber auch eine Folge der Krankheit, da solch eine Bindung für die Erkrankten bereits eine zu große alltägliche Form von Stress darstellen kann.

Dem Kind einen Namen geben – die Diagnose überbringen

Unabhängig von den genauen Ursachen und dem jeweiligen krankheitsauslösenden Stressor beginnt eine Schizophrenie in der Regel mit dem Auftreten der Minussymptome. Diese verschlimmern sich so lange, bis ein deutlicher Leistungseinbruch zu verzeichnen ist. Stellen sich dann die ersten Plussymptome ein, bemerken die Betroffenen derartige Veränderungen entweder selbst nicht mehr oder empfinden große Angst. Nicht selten kommen Schizophrene in Begleitung der Polizei aufgrund auffälligen Verhaltens oder Desorientiertheit in die Akutstationen.

Für eine eindeutige Diagnose müssen solche Symptome über einen längeren Zeitraum auftreten. Außerdem werden organische Hirnerkrankungen und andere psychische Krankheiten sowie der Einfluss von Drogenmissbrauch ausgeschlossen. Meist entwickeln die Mediziner jedoch rasch den Verdacht, dass es sich um eine Schizophrenie handelt.

Weil die öffentliche Wahrnehmung jedoch von derart vielen Trugschlüssen und Fehlinformationen in Bezug auf die Krankheit geprägt ist, stellt es für die Ärzte eine besondere Herausforderung dar, den Patienten die Diagnose zu überbringen. Auch der leitende Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Göppingen, Doktor Martin Ruchsow, klagt über die stigmatisierende Wirkung des Begriffs. Gleichzeitig betont er aber das Recht der Patienten, aufgeklärt zu werden.

Deren erste Reaktionen bewegen sich zwischen zwei Extremen: Viele sind erleichtert, dass ihre Probleme auf einer Krankheit mit biologischer Ursache beruhen, die therapierbar ist. Genauso viele nehmen die Diagnose jedoch nicht an. Seidl spricht deshalb meist von einer Psychose statt von einer Schizophrenie, um „nicht mit der Tür ins Haus zu fallen und stattdessen die Patienten mit ins Boot zu bekommen“, sie also für eine Behandlung zu gewinnen.

Medikamente und andere Therapien

Diese Behandlung sieht in der ersten Phase bei allen Schizophrenen gleich aus: Neuroleptika und Beruhigungsmittel sollen die Plussymptome abschwellen lassen, hinzukommen je nach Fall Stimmungsstabilisierer, Hypnotika und Anxiolytika gegen die Angst. Außerdem wird den Patienten Ruhe verordnet, viele haben ein großes Schlafbedürfnis.

Seidl gesteht: „Was wir zurzeit mit den Medikamenten machen, ist relativ schrotschussartig. Erst einmal wissen wir gar nicht, welcher Patient auf welches Medikament wie reagiert. Im Moment ist es Ausprobieren und – Irrtum. Hinzu kommt das Unverständnis der Angehörigen gegenüber dem, was wir hier tun. Dann heißt es ‚Akutstation und geschlossene Türen – da kann doch niemand gesund werden‘.“

Doch ganz so einfach ist es nicht, Ärzte und Medikation zu verurteilen. Während eines schizophrenen Schubs, das heißt: wenn sich Plus- und Minussymptome offenbaren, verändert sich nämlich der Stoffwechsel im Gehirn. Ein Teil der dortigen Nervenzellen wird überaktiv, weshalb andere Bereiche an Aktivität verlieren. Genau hier setzen die Neuroleptika an und versuchen, dieses Ungleichgewicht zu beheben. Sobald die Plussymptome eingedämmt sind, können weitere Behandlungsformen, etwa Psycho- und Ergotherapien, einsetzen. Den Patienten wird eine geregelte Tagesstruktur vermittelt, um sie wieder an einen Alltag zu gewöhnen.

Zerstörerische Bereicherung – Selbstwahrnehmung und Therapie

Manche reflektieren hierbei ihre eigene Situation sehr realistisch und werden infolgedessen depressiv. Schließlich verlaufen Schizophrenien meist chronisch. 80 Prozent aller Menschen, bei denen eine Schizophrenie festgestellt wurde, leiden ein Leben lang unter ihrer Krankheit.

Für Doktor Ruchsow ist „jeder Tag in der Psychose ein verlorener Tag"

Für Psychiater Martin Ruchsow ist “jeder Tag in der Psychose ein verlorener Tag”.
Foto: Franziska Wolf

Andere Patienten hingegen zeigen auch nach Wochen oder Monaten der Behandlung keine Krankheitseinsicht – Statistiken zufolge bis zu 60 Prozent. Dies hängt laut Ruchsow maßgeblich mit dem Wesen der Krankheit zusammen, da durch die Beeinträchtigung der kognitiven Funktionen auch das Einsichtsvermögen geschwächt ist.

Hierin sieht er ein juristisches Problem: Rechtlich gesehen gelten Schizophrene weiterhin als entscheidungsfähige Personen, obwohl ihre Willensbildung aus medizinischer Sicht stark beeinträchtigt ist. Aus diesem Grund kann sich der Beginn der Behandlung immer weiter verschieben, doch für den Mediziner ist „jeder Tag in der Psychose ein verlorener Tag, denn das Gehirn lässt sich immer mehr auf die Psychose ein.“ Patienten ohne Krankheitseinsicht begegnen ihrer Zukunft zwar oft sorgloser, machen jedoch auch weniger Fortschritte in der Therapie.

Auch Ben vermittelt  den Eindruck, als sei er sich nicht im Klaren über seine Situation. Er war schon einmal auf der Stuttgarter Akutstation, konnte diese jedoch bald wieder verlassen und in sein normales Umfeld zurückkehren. Dort nahm er wie viele andere auch seine Medikamente nicht länger und erlitt bald darauf den zweiten Schub seiner Psychose.

Nicht selten fühlen sich Schizophrene von ihrer Krankheit inspiriert, empfinden sie als kreativen Input, weil sie in eine andere Welt eintauchen. Wie gefährlich diese Wahrnehmung sein kann, liegt auf der Hand. Verlieren sich die Patienten in ihren Wahnvorstellungen und gehorchen sie den Stimmen, offenbart sich die enorme Zerstörungskraft der Krankheit. Der Gesundheitsbericht des Statistischen Bundesamtes des Jahres 2014 ergab, dass die Suizidrate Schizophrener bei fünf Prozent liegt, wohingegen die Lehrmeinung von zehn Prozent ausgeht. Dies entspricht der sechs- bis zwölffachen Suizidrate der Allgemeinbevölkerung.

Die Rolle der Angehörigen

Behandlungsformen, die die Patienten unter großen Rehabilitationsdruck setzen, erhöhen die Freitodrate zusätzlich. Trotzdem bleibt die Rückkehr in ein weitgehend normales, eigenständiges Leben das Ziel jeder Behandlung.

Ob diese Rehabilitation glückt hängt letztlich immer auch vom Umfeld des Erkrankten ab. Die Angehörigen können helfen, indem sie Beistand leisten oder prüfen, ob die Medikamente regelmäßig eingenommen werden.

Bens Eltern zeigten sich den Ärzten gegenüber immer sehr informiert und sachkundig. Vielleicht gelingt es ihm, mit ihrer Hilfe einen Weg zu finden, seine Krankheit zu akzeptieren und mit ihr zu leben. Und dann sehe auch ich ihn womöglich einmal wieder. Dann doch in der Uni? Wohl kaum. Denn eine vollständige Heilung ist derzeit noch nahezu ausgeschlossen.

 

Mehr zum Thema Schizophrenie:

Themenheft des Robert-Koch-Instituts über die Krankheit.

 

Headerbild: Von einer schizophrenen Patientin besticktes Tuch, Glore Psychiatric Museum. CC-BY 2.0 cometstarmoon

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