So mancher glaubt, Frauen seien als Wirtschaftsführer zu wenig geeignet − einfach zu „weiblich“, etwa in der Art, wie sie sprechen. Doch bereits derzeit − ohne Quote − kommen Frauen schneller voran, als sich solche Einschätzungen ändern − mit Quote aber wohl im angemessenen Tempo. Ein Kommentar von Georg Herrmann.

Frauen haben sich im realen Wirtschaftsleben ganz nach oben auf die Chefposten vorgearbeitet, etwa Christine Lagarde (IWF- Chefin), Virginia Rometty (IBM), Meg Whitman (HP), Martina Koederitz (IBM Deutschland), Ellen Kullman (Du Pont), Maria das Graças Silva Foster (Petrobas), Indra Nooyi (Pepsi Cola), Julia Jäkel (Gruner + Jahr), Marissa Mayer (Yahoo), Elke König (BaFin), Claudia Buch (Wirtschaftsweise), Rita Forst (Entwicklung Opel) und jüngst Mary Barra (General Motors), Janet Yellen (FED/US- Notenbank)  sowie Susan Wojcicki (Youtube).

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Amazonenkampf, Detail aus dem Fries des Mausoleums von Halikarnassos (einem der sieben Weltwunder der Antike), heute im Britischen Museum, London
Photo: © Marie-Lan Nguyen/Wikimedia Commons/CC-BY 2.5

Diese Frauen haben es geschafft, obwohl sie dazu in unserer traditionell männerdominierten Wirtschaftskultur meist deutlich intensiver gefordert waren als Männer.  Ähnliches gilt auch für andere Bereiche, etwa Lehrtätigkeiten, Medizin oder Musikleben, wo Frauen inzwischen sogar dominieren. Ganz abgesehen davon, dass sie mehr Schulabschlüsse erreichen und bessere Notendurchschnitte beim Abitur und teils auch bei Hochschulexamen.

Zweifel sind also erlaubt, ob die bisherige männliche Dominanz im Wirtschaftsleben tatsächlich, wie häufig kolportiert, auf höhere Eignung zurückgeht.  Gibt es außer im Sport überhaupt wesentliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen?  Welche Maßnahmen sollten für die Zukunft ergriffen werden?  Brisante Fragen von neuem Interesse und höherem Gewicht, wie die wieder aufgeflammte Diskussion um Frauenquoten in der Wirtschaft zeigt. Kann Wissenschaft etwas beitragen zur Versachlichung der Frage nach  möglichen Unterschieden zwischen Mann und Frau?

Geht es um Rollen? Oder um Biologie?

Zwei Teilfragen sind zu unterscheiden: A.)  Sind im alltäglichen Umgang von Menschen miteinander  Unterschiede feststellbar? B.)  Gibt es grundsätzliche, vom Alltagsleben unabhängige Unterschiede?

Bei A.) geht es um gesellschaftsgeprägte Unterschiede, also etwa um das Thema von gleicher Bezahlung bei gleicher Arbeit, um die Rollen von Frau und Mann bei der Kindererziehung und um viele andere Themen. Sie müssen mit wissenschaftlicher Methodik unter verschiedensten Perspektiven erforscht werden, und das geschieht auch bereits seit Langem. Allerdings gibt es auch populär klingende Aktivitäten, die aber vor allem Klischees bedienen, etwa Bücher vom Typus  „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“. Hier wird Wissenschaft um der besseren Vermarktung willen zwar gern ins Spiel gebracht, einwandfreie Methodik kommt aber selten zum Zuge.

Bei Frage B.) geht es um mögliche Geschlechterunterschiede, die nicht primär aus gesellschaftlichem Umfeld stammen. Ob es solche angeborenen Unterschiede gibt, darauf gibt es noch keine vollständige Antwort. Ein vorläufiger Fingerzeig mag aber im Teilthema „Sprechstil“ zu sehen sein.

Eine eigene Sprachwelt der Frauen?

Die Frage, ob Frauen anders sprechen als Männer, gewann mit dem Aufkommen von feministischer Forschung in den 1970er Jahren wissenschaftliches Interesse, und die ersten Ergebnisse schienen auf vorhandene Unterschiede hinzudeuten. Manche Feministin war erfreut, weil die Ergebnisse auf eine ureigene Identität der Frauen in der Sprachwelt hindeuteten. Andere waren zornig, weil die Forschenden anscheinend eine männliche Dominanz im Sprechstil festgestellt hatten, die sie auf kulturelle Prägungen in einer männerorientierten Gesellschaft zurückführten.

Es waren vor allem Frauen, die ab den 1990er Jahren Zweifel an den frühen Befunden äußerten. Im Jahr 2008 fasste Ruth Ayaß zusammen, die frühen Forschungen seien oft methodisch unzulänglich, inhaltlich unkorrekt  und teils von einer voreingenommenen Interpretationshaltung bestimmt gewesen. Bei methodisch korrektem, wissenschaftlichem Vorgehen war – anders als allgemein vermutet −  ein Unterschied im Sprechstil zwischen Frauen und Männern bisher also nicht feststellbar! Sollte es ihn dennoch geben, kann er demnach nicht sehr ausgeprägt sein.

Es ist zu ergänzen, dass bei den empirischen Untersuchungen alle Zuordnungen zu einem geschlechtsspezifischen Sprechstil immer über den „Sex“, also das biologische Geschlecht, der sprechenden Person erfolgten  −  was einleuchtend klingt. Was jedoch nicht korrekt ist – wie es auch nicht erlaubt ist, aus dem Körpergewicht einer Person auf deren „Sex“ zu schließen. Männer sind statistisch zwar schwerer als Frauen, bei einem zufällig ausgewählten Paar kann jedoch durchaus die Frau die schwerere Person sein. Analog ist aus einem ermittelten dominanten, harten Gesprächsstil einer Person nicht ableitbar, diese sei ein Mann; denn (nur allzu!) oft pflegen Frauen einen dominanteren Sprechstil als so mancher Mann.

Damit stecken wir in dem wissenschaftlichen Dilemma, dass unklar ist, was weiblichen und was männlichen Sprechstil ausmacht. Anders als biologisches Geschlecht, das über Chromosomen definiert ist, muss „Sprech-Geschlecht“ daher zunächst auf Basis von statistischen, empirischen Ergebnissen definiert werden. Dann erst wäre ermittelbar, ob der Sprechstil einer Person „weiblich“ oder „männlich“ ist. Es ist zu erwarten, dass ein biologischer Mann im Sprechstil „weiblich“ sein kann und umgekehrt  −  durchaus konform mit der häufigen Alltagserfahrung von Personen, deren Sprechstil klischeehaft nicht zu ihrem „Sex“ zu passen scheint.

So komplex der Weg zur Definition von geschlechtstypischen Sprechstilen auch sein mag: Er könnte wissenschaftlich gelingen. Aber warum sollten Forschende den sehr hohen Aufwand treiben? Würde sich nämlich bestätigen, dass es so gut wie keine Unterschiede gibt, wäre dies wissenschaftlich kein Aufreger mehr. Und dem Mainstream sind deutliche  „Geschlechterunterschiede“ ohnehin lieber. Er geht nämlich von deren realer Existenz aus, schon weil sie als Thema im alltäglichen Smalltalk eine ähnlich wichtige Rolle spielen wie das Wetter – ablesbar auch an den Verkaufserfolgen der einschlägigen Bücher.

Karrieren behindernde Pseudo-Unterschiede sollten fallen

Rein wissenschaftlich gesehen, kann konstatiert werden, dass beim Sprechstil ein wesentlicher Unterschied zwischen Frauen und Männern bisher nicht feststellbar war. Welche Folgerungen ergeben sich daraus für die Haltung zur Frauenquote? Die Antwort einzig aus Sicht der Sprechstilforschung wäre ein etwas eingeschränktes  „Vorwärts!“ für die Quote, sodass Frauen, weniger bedrängt von überkommenen Strukturen und Verhaltensmustern,  im Wirtschaftsleben weiter vordringen können − in angemessenem Tempo.

Vielleicht wären Männer im Eigeninteresse sogar ganz gut beraten, sich mit Quoten  recht nah bei 50 Prozent für beide Geschlechter anzufreunden. Dann bliebe ihnen in 50 Jahren vielleicht wenigstens noch dieser Anteil erhalten!

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