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Hochleistungscomputer Hirn – es ermöglicht uns Spitzenleistungen.
Foto: CC-BY-SA 2.0 Saad Faruque

Wir alle bewundern sie, denn sie leben einen Traum: Ob Nobelpreisträger, Star-Pianist oder Primaballerina –sie haben die Spitze ihrer Profession erreicht. Doch was unterscheidet sie von anderen, was macht sie so besonders? Ist es schlichtweg Talent oder steckt mehr dahinter? Dieser Bericht von Viktoria Polyvas ist dem Geheimnis der Erfolgreichen auf der Spur.

Er ist mit Abstand der begehrteste Preis der Wissenschaft. Er verspricht dem Geehrten neben Geld vor allem Prestige: der Nobelpreis. Doch was muss man mitbringen, um ihn zu gewinnen?

Die Statistik besagt, dass man gute Chancen hat, wenn man folgende Eigenschaften besitzt:

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Heiß begehrt – der Nobelpreis.
Wer herausfinden will, welche Eigenschaften in seiner eigene Disziplin begehrte Attribute sind, kann es hier herausfinde.
Foto: CC BY-NC 2.0 Adam Baker

Alter: 61 Jahre
Geschlecht: Männlich
Geburtsdatum: Frühling
Nationalität: Amerikaner
Universität: Harvard
Verheiratet: Ja
Brillenträger: Nein
Bartträger: Nein

Doch mal abgesehen von der Sehstärke, was macht einen Menschen aus, der als Koryphäe auf seinem Fachgebiet gilt? Und was können wir von ihm oder ihr lernen?

Genie durch Übung
Ohne Fleiß kein Preis

Ohne Fleiß kein Preis: Lernen macht selten Spaß, dennoch ist es für Erfolg entscheidender als ein hoher IQ.
Foto: CC0 1.0 Lewis Hine

Die erste gute Nachricht für Ehrgeizige: Intelligenz ist nicht so wichtig wie oft geglaubt. „Studien zeigen, dass man bereits ab einem IQ von 90 sehr gute Leistungen erbringen kann“, sagt Albert Ziegler, Professor am Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. „Die meisten Experten im akademischen Bereich haben einen IQ von etwa 120.“

Viel wichtiger ist effektives Lernen. Denn um Meister seines Fachs zu werden, benötigt man vor allem eines: ein großes Wissen. Sich dieses anzueignen, macht allerdings selten Spaß und fordert vom Lernenden Fleiß und ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Dabei geht es jedoch nicht um stupides Auswendiglernen oder das Lesen möglichst vieler Lehrbücher. Vielmehr geht es darum, hoch konzentriert und hoch organisiert zu lernen.

Dieser Lernprozess wird als „deliberate practice“, zu deutsch „bewusstes Üben“, bezeichnet. Das wichtigste Ziel dieser Methode ist es, sich stetig zu verbessern. Der amerikanische Autor Geoff Colvin veranschaulicht das Prinzip an einem Beispiel: Ein „normaler“ Klavierspieler versucht, seinen erreichten Standard zu halten, während ein herausragender Musiker nach Perfektion strebt und intensiv an den winzigsten Fehlern arbeitet, um immer noch ein wenig besser zu werden.

Bei „deliberate practice“ geht es darum, stets über seinen Wissensstand hinaus zu lernen, um das Wissen ständig zu erweitern. Dabei ist die Wiederholung des Gelernten natürlich trotzdem ein wichtiger Teil des Prozesses. Experten nennen die magische Zahl von 10.000 Übungsstunden, die man benötigt, um eine Disziplin zu meistern.

Entscheidend ist das Feedback

Eine sehr wichtige Rolle spielt in der „deliberate practice“ das Feedback, beispielsweise durch einen Mentor oder durch Gleichgesinnte. Daher sind Lerngruppen für Studenten eine gute Möglichkeit, um sich auszutauschen und durch Impulse von außen ihre Leistung zu steigern.

Doch auch ohne die Unterstützung von Mentoren kann man es weit bringen, wenn man sehr passioniert ist und sich sehr gute Lernstrategien aneignet, so Professor Ziegler. Dabei spielt die Motivation eine große Rolle. Dieses große Wort ist ein sehr komplexes System, das von vielen Faktoren beeinflusst wird, wie etwa dem Wunsch, besser zu sein als andere, oder aber Respekt und Anerkennung zu bekommen. Erfolgreiche Lerner haben sich ein ausgeklügeltes Motivationssystem aufgebaut, das hauptsächlich unterbewusst abläuft. Sie setzen sich Lernziele, die relativ schnell erreichbar, aber dennoch herausfordernd und bestätigend sind.

Ein interessanter Aspekt der Wissensaneignung, der aktuell von Professor Ziegler erforscht wird, ist, dass viele Handlungen „gezombiet“ werden. Damit wird die konstante Beschäftigung mit dem Fachgebiet bezeichnet, die während alltäglicher Routinen abläuft, etwa während der U-Bahn-Fahrt oder dem Frühstück. Mit der Zeit wird der Experte sozusagen eins mit seiner Domäne.

Erfolg ist kein Sprint
Mit der richtigen Einstellung zu Misserfolgen hält man an seinen Zielen fest.

Mit der richtigen Einstellung zu Misserfolgen hält man an seinen Zielen fest.
Foto: CC BY-SA 3.0 Immanuel Giel

Ohne Zweifel kann uns Fleiß sehr weit bringen, aber das Leben kennt keine geraden Wege, und so ist Scheitern unvermeidlich. Im Leben wie auch in der Forschung muss man Durchhaltevermögen besitzen, nicht nur um sich gegen Konkurrenten durchzusetzen, sondern vor allem, um über Fehlschläge hinwegzukommen.

Der Biochemiker James Watson gilt heute als einer der bedeutendsten Molekularbiologen aller Zeiten. Seinen Ruhm verdankt er der Entdeckung der Molekularstruktur der DNA. Doch auch sein Weg war von Niederlagen gepflastert. Seine akademische Karriere begann zunächst mit einem Dämpfer, da das bekannte California Institute of Technology (Caltech) ihn abwies. Davon ließ Watson sich jedoch nicht in seinem Enthusiasmus bremsen und studierte stattdessen an der Universität von Indiana. Durch reinen Zufall hörte er in Italien einen Vortrag des Physikers Maurice Wilkins, der an DNA forschte. Mit Wilkins wollte Watson gern zusammenarbeiten, doch auch der lehnte den ehemaligen Vogelkundler ab. In Cambridge arbeitete Watson an einem Modell der DNA, um ihre Struktur aufzuklären. Als Wilkins das Modell sah, lachte er darüber und sagte, es sei lausig. Watson solle nie wieder Modelle bauen, er sei unfähig. Dennoch gab Watson nicht auf, sondern forschte weiter. Und hatte schließlich Erfolg: Für die Aufklärung der Struktur der DNA erhielt er zusammen mit Francis Crick 1962 den Nobelpreis.

In dieser Fähigkeit, sich gegen Niederlagen und Abweisung aufzulehnen und stetig weiterzumachen, sieht die Psychologin Angela Lee Duckworth von der University of Pennsylvania den Schlüssel zum Erfolg. Sie bezeichnet Durchhaltevermögen als Leidenschaft und Ausdauer für sehr langfristige Ziele. Man müsse bereit sein, sich jeden Tag dazu zu motivieren, hart zu arbeiten, um ein fernes Ziel zu erreichen. Denn der Entwicklungsprozess zu einem Experten ist ein Marathon und kein Sprint.

Doch was ist der Unterschied zwischen Menschen, die trotz Misserfolgen weitermachen und Menschen, die sich allzu leicht geschlagen geben? Albert Ziegler nennt hier die Lernzielorientierung. Dabei geht es nicht um das Erreichen von Zielen, sondern um den Erwerb von Fähigkeiten und um ihre Verbesserung. Geht man mit diesem Verständnis an Herausforderungen heran, etwa die Ausführung einer sportlichen Übung, so sind Korrekturen durch den Trainer keine Fehler, die etwas über die eigene Person aussagen. Vielmehr sind es Informationen, die dem Lernenden wichtige Informationen geben, um sich weiterzuentwickeln. Somit sind Rückschläge keine Rückschläge, sondern eigentlich eine Vorwärtsbewegung im Lernprozess. Diese Wahrnehmung von vermeintlichen Misserfolgen als wertvolle Korrekturen für das eigene Wachstum ist eine wichtige Kraftquelle für das Selbstbewusstsein, um langfristige Ziele verfolgen zu können.

Erfolg – eine Frage des Zufalls?
Die Würfel sind gefallen.

Die Würfel sind gefallen: Oft entscheidet bereits die soziale Herkunft über Erfolg oder Misserfolg.
Foto: CC BY-ND 2.0 topher76

Eines allerdings darf nicht verschwiegen werden: Egal wie viel Wille und Durchhaltevermögen man auch beweisen mag, man braucht auch ein Quäntchen Glück. Wie man es auch nennen mag – Chance, Zufall, Gelegenheit –, das Glück spielt eine größere Rolle, als wir uns selbst zugestehen wollen.

Der Autor und Unternehmensberater Malcolm Gladwell hat sich in seinem Buch „Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht“ mit eben dieser Frage beschäftigt. Dabei zeigt er viele Beispiele auf und entlarvt die allgemein in unserer Gesellschaft geltende Meinung, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Gladwell vertritt die These, dass Talent und Wille sicherlich wichtige Voraussetzungen seien, doch der entscheidende Faktor seien die Umstände, die es einem Menschen ermöglichen, sein Potenzial auszuschöpfen.

Der Software-Entwickler Bill Joy ist einer dieser Menschen, den viele glückliche Zufälle zu einer Ikone des Silicon Valley und außerdem zu einem sehr reichen Mann gemacht haben. Als der junge Bill Joy 1971 sein Studium an der University of Michigan begann, war diese eine der ersten Universitäten mit einem modernen Computer, der von mehreren Benutzern gleichzeitig genutzt werden konnte. Damals wusste Joy noch nicht, was er studieren wollte, doch der Grundstein für seinen Erfolg war bereits gelegt: das Computer-Zentrum. Schnell hatte ihn die Begeisterung für die neuen Geräte gepackt, und er verbrachte jede freie Minute dort. Glücklicher Zufall: Ein Programmierfehler ermöglichte es ihm, den Computer unbegrenzt zu nutzen anstatt sich nur auf das ihm zur Verfügung stehende Zeitkonto zu beschränken.

Bill Joy profitierte also von mehreren glücklichen Zufällen und verstand es, seine Chancen zu nutzen. Aber ein weiterer Glücksfall kam noch hinzu: sein Geburtsjahr. Zum Zeitpunkt der Computer-Revolution von 1975, als mit dem Altair 8800 einer der ersten Heimcomputer auf den Markt kam, war Joy im idealen Alter, um Teil der bevorstehenden Revolution zu werden. Um erfolgreich zu sein, müssen also viele Faktoren zusammenkommen: Bill Joy hatte das große Glück, dass die Zeit reif war und die Gesellschaft seinen persönlichen Einsatz belohnte.

Der Beitrag der Helikopter-Eltern

Vielleicht ist es der amerikanische Traum, „vom Tellerwäscher zum Millionär“ aufsteigen zu können, der uns glauben lässt, dass wir allein durch unsere individuelle Leistung alles erreichen können. Viele wissenschaftliche Ergebnisse zeigen aber, dass viel mehr dazu gehört als eine Person, um große Leistungen zu erbringen: zum Beispiel Menschen, die dem Leistungsträger den Rücken frei halten, indem sie sich um Haushalt und Familie kümmern und das tägliche Leben regeln. Laut Albert Ziegler sind vor allem Eltern ein wichtiger Faktor. Eltern, die ihre Kinder stark fördern, fordern und dabei häufig auch überfordern, werden manchmal abschätzig als Tiger-Mums oder Helikopter-Eltern bezeichnet. Sie haben aber sehr oft einen wesentlichen Anteil am Erfolg ihrer Kinder.

CC BY 2.0 D. Sharon Pruitt

Eltern als Erfolgsfaktor – Förderer oder Forderer?
Foto: CC BY 2.0 D. Sharon Pruitt

Ein weiterer Faktor, der häufig nicht bedacht wird, sind die örtlichen Gegebenheiten: die Nähe zu einer guten Schule oder Universität. Im Fachjargon werden diese Faktoren als „soziales und infrastrukturelles Bildungskapital“ bezeichnet. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Faktor „ökonomisches Bildungskapital“, auch Geld genannt.

Eine der bekanntesten psychologischen Langzeitstudien – die Terman-Studie, die 1921 begann –, wählte aus kalifornischen Schulkindern 1.528 der klügsten aus, also solche mit einem IQ von 140 oder höher. Das Ergebnis: Keines der Kinder gewann einen Nobelpreis oder war über die Landesgrenzen hinaus erfolgreich. Einige scheiterten sogar, sie wurden arbeitslos oder ergriffen Berufe, die weit unter ihren eigentlichen Fähigkeiten lagen. Die einzige Erklärung für das Scheitern: die gesellschaftliche Herkunft. Kinder aus der Ober- und Mittelschicht erreichten höhere Positionen, während ebenso kluge Kinder aus der Unterschicht mit größerer Wahrscheinlichkeit scheiterten.

Die Tatsache, dass auch heute noch soziale Herkunft ein bestimmender Faktor über Erfolg oder Misserfolg ist, bedauert auch der Psychologe Ziegler. Studenten aus bildungsferneren Schichten fällt der Einstieg in das akademische Leben nicht immer leicht. Daher empfiehlt es sich vor allem für sie, sich effektive Lernstrategien anzueignen. Sie sollten aber auch, wenn möglich, ihr Umfeld so gestalten, dass sie von Menschen umgeben sind, die Interesse zeigen und ihre Leistungen wertschätzen. So entsteht eine positive Rückkopplung, die zu noch effektiverem Lernen führt.

Die Beispiele zeigen, dass viele Faktoren über Erfolg und Misserfolg eines Menschen entscheiden: Manche, wie das kontinuierliche Üben, hat man selbst in der Hand, andere geschehen einfach, ohne dass man irgendeinen Einfluss darauf hat. Doch egal, was man sich für seine berufliche Zukunft wünscht, man sollte sich davon nicht das Leben bestimmen lassen. Denn ein Misserfolg ist keine persönliche Niederlage, sondern nur das, was er ist: ein Misserfolg. Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen.

 

Der Neugier-Faktor

Neugier, die Freude daran, hinter die Dinge zu blicken, treibt uns an CC-BY Wikimedia Commons

Neugier, die Freude daran, hinter die Dinge zu blicken, treibt uns an.
Bild: CC-0 Anonym

Viele Nobelpreisträger bezeichnen ihre unstillbare Neugier als eine ihrer wichtigsten Eigenschaften. Was oft mit Kindlichkeit und Spiel gleichgesetzt wird, ist der vielleicht kraftvollste Motor für Fortschritt. Schon Galileo Galilei sagte: „Die Neugier steht immer an erster Stelle eines Problems, das gelöst werden will.“

Doch was genau regt unsere Neugier eigentlich an? Dieser Frage sind Wissenschaftler des California Institute of Technology nachgegangen: Ihr Versuch bestand darin, den Probanden Quizfragen zu stellen wie etwa: „Welches Instrument wurde erfunden, um zu klingen wie die menschliche Stimme?“*. Zusätzlich sollten die Probanden bewerten, wie neugierig sie auf die Antwort sind. Um feststellen zu können, was dabei in ihrem Gehirn vor sich geht, befanden sich die Probanden währenddessen in einem Magnetresonanztomographen (MRT).

Durch diesen Versuch konnten die Forscher herausfinden, welche Fragen die Probanden am neugierigsten machten: Es waren die Fragen, deren Antworten die Probanden nicht sicher wussten, bei denen sie aber eine gewisse Ahnung hatten. Fragen dagegen, deren Antwort sie sicher wussten bzw. die sie überhaupt nicht wussten, interessierten die Probanden kaum.

Das war jedoch nicht das einzige Ergebnis, denn die Forscher konnten nun auch feststellen, welche Zentren in unserem Hirn aktiviert werden, wenn wir neugierig sind. Es sind erwartungsgemäß Bereiche, die für das Lernen und die Gedächtnisbildung zuständig sind. Aber nicht nur das: Auch das Belohnungszentrum wird aktiviert, wenn wir etwas unbedingt wissen wollen.

Damit war der Versuch aber noch nicht beendet, denn die Forscher baten die Probanden nach zwei Wochen zu einem erneuten Test und stellten ihnen dieselben Fragen erneut. Das interessante Ergebnis: Je neugieriger die Probanden beim ersten Test auf eine Antwort gewesen waren, desto besser konnten sie die Frage beantworten. Dies zeigt ganz deutlich, dass unsere Neugier uns dabei hilft, neues Wissen besser abzuspeichern.

Wie wir unsere Neugier dazu nutzen können, um uns selbst etwas beizubringen, hat der indische Bildungswissenschaftler und Informatiker Sugata Mitra untersucht. In einem Projekt, das er „Hole in the Wall“ (Loch in der Wand) nennt, hat er in sehr armen Gebieten in Indien Computer in Wände eingebaut. Die Kinder in diesen Gebieten hatten noch nie zuvor einen Computer gesehen, konnten nicht damit umgehen und konnten zusätzlich wenig oder überhaupt kein Englisch. Der erste Junge, der den Computer ausprobierte, lernte jedoch innerhalb von nur acht Minuten, wie man einen Computer bedient und im Internet hin und her klickt. Sein Wissen behielt er nicht für sich, sondern brachte es anderen Kindern bei. Dieses Projekt zeigt, welchen enormen Einfluss die Neugier auf unser Lernen, aber auch auf unser Lerntempo hat.

 

* Lösung: die Violine

 

Headerbild: CC BY 2.0 Paxson Woelber

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