Jeder möchte sich von Zeit zu Zeit etwas gönnen. Vor allem Süßigkeiten und Knabbereien sind beliebte Belohnungen. Leider lässt nach dem Verzehr von solchen Nahrungsmitteln das schlechte Gewissen nicht lange auf sich warten. Denn für viele zählen sie zu sogenannten „ungesunden“ Lebensmitteln. Doch eine Entwarnung: Der totale Verzicht ist nicht notwendig. Ein Bericht von Jana Würtenberger.

Der höchste Genuss CC BY-SA 3.0 Simon A. Eugster

Der höchste Genuss
CC BY-SA 3.0 Simon A. Eugster

Der amerikanische Schriftsteller Richard Paul Evans sagte einst: „Schokolade ist Gottes Entschuldigung für Brokkoli.“ Er war wohl derselben Ansicht wie Millionen anderer Menschen auch – Schokolade schmeckt, Brokkoli nicht. Die heutige Gesellschaft leidet vermehrt unter Übergewicht und sogar Fettleibigkeit. Doch diese Krankheiten, die sogar lebensgefährlich werden können, kommen nicht von ungefähr. Wer kauft beim Bäcker nicht gerne mal ein süßes Stückchen anstatt eines Vollkornbrötchens und wer sagt schon zu einem Stück Schokolade nein, um eine Möhre zu essen? Die Frage stellt sich also: Warum greifen Menschen bei Süßigkeiten, Fastfood und Co. eher zu als bei Gemüse? Warum schmeckt das „Ungesunde“ besser als das „Gesunde“?

Der Mythos „Ungesund“

Freilich: Was denn nun eigentlich gesunde Nahrung ist, ist alles andere als klar. Jeden Tag hört man von einer anderen Studie: Einmal heißt es, es sei gesünder, auf Kohlenhydrate beim Abendessen zu verzichten. Dann wieder liest man, man solle morgens bloß keine Milchprodukte zu sich nehmen. Die Annahmen, man solle auf Zucker verzichten und Fett sei „böse“, sind weit verbreitet. Doch ist es wirklich so einfach, gesund zu leben?

Die Ernährungstherapeutin Hiltrud Scheffler ist ausgebildete Diätassistentin und arbeitet für das Ernährungstherapiezentrum in Tübingen. Sie entschärft diese Behauptungen. Ihr zufolge sollte man sowieso nicht von „ungesunder“ oder“ gesunder“ Ernährung sprechen, denn diese Unterscheidung gibt es nicht wirklich. Lebensmittel an sich können nicht als ungesund bezeichnet werden, denn durch Vorschriften wird die Herstellung streng geregelt. Laut Scheffler kommt es nur darauf an in welchen Mengen bestimmte Nahrungsmittel konsumiert werden. Die Ausgewogenheit der Ernährung macht sie erst „gesund“.

Die gute Nachricht ist, dass auch die süßen Dinge des Lebens wie Schokolade nicht pauschal als „ungesund“ bezeichnet werden dürfen. So lange der Konsum von Torten und Co. in Maßen geschieht und die restliche Ernährung ausgewogen ist, darf man laut der Ernährungstherapeutin gerne mal „sündigen“.

Die Lebensmittelpyramide zeigt wie man sich ausgewogen ernährt CC BY-SA 3.0 DE

Die Lebensmittelpyramide zeigt wie man sich ausgewogen ernährt
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Bevor man Nahrungsmittel als „gesund“ oder „ungesund“ abstempelt, sollte man also den Bedarf anschauen, den der Körper hat, und sich zum Beispiel an einer sogenannten Ernährungspyramide orientieren. Solche Ernährungspyramiden zeigen die verschiedenen Kategorien, in die man Lebensmittel einordnen kann. Darunter sind zum Beispiel: Getränke, Gemüse, Getreideprodukte und auch Süßigkeiten.

Die Verteilung der Kategorien in der Pyramide zeigt an, in welchen Mengen die Produkte verzehrt werden sollten. So befindet sich ganz unten im breitesten Teil der Pyramide die Kategorie Getränke, da dies eine der wichtigsten ist und Wasser auch in hohen Mengen konsumiert werden sollte. Fette und Süßigkeiten bilden im Gegensatz dazu die Spitze der Pyramide. Die Bedeutung der Aufteilung scheint klar: Diese Kategorie sollte nur zu einem geringen Anteil und bedacht im Speiseplan vorhanden sein.

Schuldige für das Verlangen nach Süßem

Eine große Vorliebe der Menschen ist es, die Schuld bei allem anderen außer sich selbst zu suchen. Doch bei der Ernährung ist das eher problematisch. Denn können wir nicht alle selber entscheiden, was wir konsumieren und wie viel davon? Gibt es einen Schuldigen, den man strafen kann, dass „Ungesundes“ so verlockend ist?

Beim Thema Ernährung muss der Mensch leider die Schuld vor allem bei sich selber suchen. Es gibt jedoch sehr viele unterschiedliche Gründe, warum man in manchen Situationen lieber zur Schokolade als zur Karotte greift.

Vor allem bei Jugendlichen gibt es psychologische Ursachen für unkontrolliertes Essverhalten. Oft sind die Eltern berufstätig, und die Kinder werden häufiger allein gelassen. Dann konsumieren sie Süßigkeiten, um ihre Einsamkeit zu kompensieren. Die Wirkung von Süßem tritt sofort ein und hilft Kindern, aber auch Erwachsenen, die unter Einsamkeit oder Stress leiden, sich zu beruhigen. Nachdem man ein Stück Schokolade zu sich genommen hat, fühlt man sich befriedigt und glücklicher als zuvor.

Ein anderer psychologischer Grund für das Verlangen nach Süßem ist paradoxerweise der bewusste Verzicht darauf. Denn der ständige Gedanke an die „verbotene“ Nahrung verstärkt den Drang und die Lust darauf.

Bei der Suche nach „Schuldigen“ für die Vorliebe für Süß sollte man aber auch an die Vorfahren der Menschheit denken. Denn man kann die Lust auf „Ungesundes“ auch evolutionsbedingt begründen.

Die Geschmacksknospen sind da - der Mensch braucht Süßes CC BY 2.0 Valeria P

Die Geschmacksknospen sind da-der Mensch braucht Süßes
CC BY 2.0 Valeria P

Unsere Vorfahren wussten genau: Wenn etwas süß schmeckt, ist es nicht giftig. Vermutlich ist die Vorliebe für Süß sogar genetisch bedingt. Für Ernährungstherapeutin Scheffler ist die Tatsache, dass wir alle Geschmacksknospen für Süß, Sauer und Salzig besitzen, ein Hinweis darauf, dass man den Konsum von Süßem nicht nur will, sondern sogar braucht.

Ein weiterer Grund für den übermäßigen Konsum von Lebensmitteln, die nicht in den Ernährungsplan von Gesundheitsfanatikern passen, ist gesellschaftlich bedingt. Unausgewogene Ernährung scheint ein Gesellschaftsproblem zu sein, mit dem sich schon viele Experten beschäftigt haben. Eines der Probleme ist, dass die „schlechten“ Lebensmittel ständig verfügbar sind. Bei frischen Waren muss man auf die Jahreszeit achten und beispielsweise auf Erdbeeren im Winter verzichten. Kekse und Chips sind immer da und immer „frisch“. Das Ablaufdatum lässt sich kaum überschreiten, und ein Stück Torte existiert sowieso nicht besonders lange, wenn es einmal gekauft wurde. Diese ständige Verfügbarkeit erhöht den Konsum.

Ein anderer Faktor ist die allgegenwärtige Werbung. Die Firmen, die am meisten und oft auch am auffälligsten werben, vertreiben leider meist Fertigprodukte, Fastfood, Softgetränke und Süßigkeiten. Ein Beispiel ist McDonalds. Es wurde in mehreren Tests und Studien erwiesen, dass der Konsum von Fastfood nicht die gesündeste Art ist, sich zu ernähren, und obwohl diese Tatsache vielen Menschen bewusst ist, werden die meisten doch durch Werbung dazu verleitet.

Gefährdung durch Lust auf „Ungesundes“

Für die Allgemeinheit hat die Vorliebe für Süß oder Fast Food im Großen und Ganzen keine negativen Auswirkungen. Für den Einzelnen kann sie zu einem immensen Problem werden. Wenn man seinen Bedarf an Zucker ständig überschreitet und die Ernährung auch sonst alles andere als ausgewogen ist, kann das fatale Folgen für die körperliche und die seelische Gesundheit haben. Dann macht Schokolade nicht mehr glücklich, sondern krank. Denn Krankheiten wie Diabetes Typ 2, welcher durch falsche Ernährung (vor allem zu viel Zucker) begünstigt wird, Fettleber und Krankheiten wie Bluthochdruck, Gicht, Arthrose, sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden alle durch Übergewicht begünstigt und sind lebensbedrohliche Folgen falscher Ernährung.

All diese Krankheiten schaden nicht nur der körperlichen Fitness, sie separieren einen auch in der Gesellschaft. Denn oft ist man lebenslang auf Medikamente angewiesen, ist so unzufrieden mit sich selbst, dass man nur noch selten das Haus verlässt, und vor allem im Kindsalter wird man von anderen gemobbt oder sogar gemieden. Um es zu dramatisieren: Der übermäßige Konsum von Zucker und Fett kann nicht nur zu verschiedenen, womöglich behandelbaren, Krankheiten führen, sondern im schlimmsten Fall zum Tod.

Hilfe für „Ungesunde“

Auch wenn eine falsche Ernährung dramatische Folgen nach sich ziehen kann, ist der komplette Verzicht auf die Lebensmittel, die wir so lieben, welchen aber ein schlechter Ruf anhaftet, kein Muss. Denn wie die Ernährungsberaterin versichert, ist es die Ausgewogenheit der Ernährung, die zählt und die auch kleine „Ausrutscher“ erlaubt.

Ein wirkliches Problem entsteht erst, wenn Kinder sich komplett weigern, Obst und Gemüse zu essen. Dahinter kann in seltenen Fällen eine Nahrungsmittelunverträglichkeit stehen. Da solche Unverträglichkeiten nicht heilbar sind, muss der Patient seinen Bedarf durch andere Lebensmittel ausgleichen. So kann es etwa bei Glutenunverträglichkeit zu Vitaminmangel oder bei der Laktoseintoleranz zu Kalziummangel kommen, und diese Mängel müssen kompensiert werden.

Jedoch gibt es auch Menschen, die sich auf Grund von Banalitäten weigern, Gemüse oder andere gesündere Lebensmittel zu sich zu nehmen und stattdessen zu Chips und Schokolade greifen. Oft ist die Begründung einfach: „Ich mag eben kein Gemüse, das ist zu gesund, das schmeckt fad“.

Und auch frühkindliche Erfahrungen können damit zusammenhängen: Wenn zum Beispiel ein Kind immer dazu gezwungen wurde, sein Gemüse aufzuessen, weigert es sich womöglich irgendwann, überhaupt Gemüse zu sich zu nehmen. Auch wenn Eltern ihren Kindern gar kein Gemüse geben, kann es passieren, dass sie später meinen, kein Gemüse zu mögen – dabei sind sie es einfach nicht gewohnt. Doch durch bestimmte Geschmacksübungen ist es laut Hiltrud Scheffler möglich, „Gesundes“ besser schmecken zu lassen und die Auffassung, dass nur „Ungesundes“ schmeckt, zu verändern.

Gemüse schmeckt und muss sein CC0 1.0

Gemüse schmeckt und muss sein
CC0 1.0 Cheolhwi Park

Diese Übungen können so aussehen das der Patient zum Beispiel ein Gemüse wie Brokkoli mit all seinen Sinnen erfahren soll. Zuerst wird das Gemüse blind ertastet, danach mit den Augen genau betrachtet und durch das Fortfahren mit den weiteren Sinnen, wie hören und schmecken , wird das zuvor verschmähte Gemüse mit jedem Detail neu erfasst. So soll das was man scheinbar nicht mag besser kennen gelernt werden. Doch der Patient muss sich ohne Vorurteile auf die Übungen einlassen, um dann den Brokkoli mit neuen Augen und einem hoffentlich neuen Geschmackssinn erleben zu können.

 

Headerbild: CC BY-NC-SA 2.0 Joana Petrova

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