Als am 11. März 2011 ein Erdbeben in Japan den Untergrund erschütterte, rechnete noch niemand damit, dass dies eine der größten nuklearen Katastrophen der Geschichte nach sich ziehen würde. Fukushima hat bis heute Nachwirkungen auf Menschen, Tiere und Pflanzen. Und der Teufel steckt im Detail – zum Beispiel der Nahrung. Doch das ist alles weit weg und betrifft uns nicht … Oder doch? Eine Recherche von Alexander Link.

„Abwarten und Tee trinken“, das war wahrscheinlich zunächst ein häufiger Gedanke bei den Deutschen, als sich vor knapp drei Jahren die Ereignisse in Japan und vor allem Fukushima überschlugen. Doch der importierte japanische Tee war bereits wenig später kontaminiert. Im Mai ist in Japan Teeernte. Nachdem sich in zwei Reaktorblöcken des Atomkraftwerks eine Explosion und in weiteren zwei massive Störfälle ereignet hatten, traten radioaktive Partikel  in die Luft aus. Später wurde Meerwasser zur Kühlung der Reaktorblöcke eingesetzt, und das Meer vor Fukushima wurde radioaktiv verseucht. Das Resultat: eine Belastung von Flora und Fauna vor allem mit radioativem Iod und zwei unterschiedlichen Caesium-Isotopen. Natürlich wirkte sich dies wenig später auch auf Nahrungsmittel aus.

Mike, der radioaktive Fisch

Besonders hohe Aktivitätswerte wurden dabei insbesondere in Fisch, dem angesprochenen Grünen Tee und in Sojaprodukten festgestellt. Im April 2011 wurde bei einer Stichprobe an der Küste vor Fukushima ein Fisch mit 12.500 Becquerel pro Kilogramm (Bq/Kg) Caesium gefangen – das überschritt schon weit die damals bestehenden Grenzwerte. „Ein bekannter Grenzwert, der bis dahin immer herangezogen wurde, war der Grenzwert, der nach Tschernobyl eingeführt wurde – der lag bei 600 Bq/kg für Lebensmittel“,  merkt Günter Kanisch vom Thünen-Institut für Fischereiökologie in Hamburg an.

Doch der hoch verstrahlte Meeresbewohner schien ein Extremfall zu sein – zumal es große Unterschiede in der radioaktiven Belastung je nach Fischart gibt. Eine einfache Erklärung hat Kanisch auch hierfür parat: „Fischarten sind dann höher belastet, wenn sie in Bodennähe leben und sich auf dem mit Caesium belasteten Sediment bewegen.“ Vor einem Jahr fingen Fischer vor dem Hafen des AKW Fukushima dann wieder einen hoch verstrahlten Fisch in einer Stichprobe. Dieser sprengte dermaßen die Strahlenwertgrenze, dass er sogar einen eigenen Namen bekam. „Mike the Murasoi“ hatte einen Strahlenwert von 254.000 Bq/Kilo – das ist 2540 Mal so hoch wie der zurzeit erlaubte Grenzwert.

 Japanischer Fisch fehlt auf deutschem Tisch

Für uns Mitteleuropäer ist das jedoch eher ungefährlich. Denn zu den hochbelasteten Meerestieren zählen etwa Rochen oder Plattfische, die entweder nicht als Speisefische gefangen oder aber nicht in die EU exportiert werden. Schon eher auf dem Speiseplan der Mitteleuropäer steht beispielsweise der Alaska-Pollack. Obwohl eigentlich ein dorschartiger Fisch, ist er hierzulande den meisten als „Seelachs“ bekannt. Der beliebte Speisefisch lebt im Nordpazifik, in dem sich radioaktiv belastetes Wasser ebenfalls ausbreiten konnte. Dies wiesen unter anderem Forscher des Kieler GEOMAR nach. Doch die Kontamination des Meerwassers war offenbar nie so hoch, dass eine wirkliche „Gefahr im Fisch“ entstehen konnte, der hierzulande viel konsumiert wird. „Ab 2012 wurden die Messungen in den USA und Kanada eingestellt, vermutlich weil die bis dahin gemessenen Caesium-Werte unauffällig waren“, entwarnt Kanisch.

Verstrahlter Meeresbewohner: Japanischer Rochen
Foto: CC-BY-SA-2.0 Makoto Nakashima

Von Fisch, der innerhalb der EU und damit auch Deutschland auf dem Markt und den Tellern der Konsumenten landet, geht wohl keine große Gefahr aus. Dafür werden andere Lebensmittel aus Japan eingeführt, die radioaktive Gefahren bergen könnten. Auf der Internetseite des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit kann man sehen, welche Produkte aus Japan importiert werden und wie hoch die Strahlenbelastungen der letzten Stichproben dort waren.

Doch auch diese Daten geben Entwarnung. „Es werden grundsätzlich nur sehr wenige Lebensmittel aus Japan importiert“, erklärt Andreas Tief, stellvertretender Pressesprecher des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. „Wir haben keine einzige bekannte Probe, die eine hohe Strahlenbelastung aufweist.“

Deutsche Pilze teilweise gefährlicher

Stimmt das so? Nach Fukushima reagierte die Europäische Union schnell und senkte die Grenzwerte für Caesium 134 und 137 in Lebensmitteln drastisch ab  – orientiert an den strengen japanischen Werten. Seit April 2012 liegen diese für Caesium 134 (Halbwertszeit 2 Jahre) und 137 (Halbwertszeit sogar 30 Jahre) bei 50 Becquerel pro Kilogramm für Kleinkindernahrung und Milchprodukte, 100 für sonstige Lebensmittel  und 10 für Mineralwasser und nicht aufgegossenen Tee.

Am höchsten waren die absoluten Radioaktivitätswerte auch tatsächlich im genannten Tee:  Ende  2011 wurden 70,8 Bq/Kg Caesium 134 und 92,5 Bq/Kg Caesium 137 gemessen. Das ist jedoch weit unter den 500 Becquerel pro Liter, die für aufgebrühten Tee als Grenzwert gelten. Problematisch würde es nur werden, wenn man regelmäßig große Mengen Grünen Tee aus Japan unaufgebrüht verzehren würde – kein kulinarischer Hochgenuss. Dennoch sammelt sich Radioaktivität im Körper, und zu viel japanischer Tee ist daher nicht unbedingt empfehlenswert.

Gefolgt wird der Tee von Sojasauce, Seetang und Löwenzahnwurzelkonzentrat. Doch auch hier ist die Dosis verschwindend gering. Die biologisch wirksame Strahlendosis wird in Sievert gemessen. Ein Beispiel: Der durchschnittliche Deutsche erhält über ein Kalenderjahr 2,4 Milli-Sievert (mSv) durch natürliche radioaktive Nuklide. Empfohlen ist jedoch eigentlich eine Belastung von nicht mehr als 1 mSv pro Jahr – in einigen Berufsgruppen (z.B. bei Piloten, die viel Höhenstrahlung ausgesetzt sind) ist dies jedoch schwer einzuhalten. Im Sommer 2013 wurden in Teeblättern aus Japan 8 Becquerel pro Liter aufgebrühtem Tee festgestellt, welches der höchste ermittelte Wert in den Importstichproben war. Selbst wenn man jeden Tag des Jahres einen Liter dieses Tees getrunken hätte, wäre man nicht über eine Strahlenbelastung von 0,000004 mSv pro Jahr gekommen. Selbst Deutsche Pilze haben teilweise heute noch eine höhere Strahlenbelastung – infolge des Reaktorunglücks von Tschernobyl im Jahr 1986.

Arbeiter vor zerstörtem Reaktor in Fukushima

Arbeiter vor zerstörtem Reaktor in Fukushima
Foto: CC BY-NC-ND 2.0 IAEA imagebank

Harte Kontrollen und Messungen – essen wir in Sicherheit?

Der Grund für die nie signifikant hohen Belastungswerte in Lebensmittelen ist wahrscheinlich auch in den strengen Exportkontrollen in Japan sowie den ebenso harten Einfuhrkontrollen in der EU zu finden.

Andreas Tief vom BVL erklärt das Prozedere: „Es wurde festgelegt, dass die Lebensmittel nur über bestimmte Eingangsstellen in das europäische Gebiet gelangen. Ein Teil dieser Ware wird dann in Deutschland oder anderen europäischen Eingangsstellen noch einmal beprobt.“ Die Grenzwerte, die dabei nicht überschritten werden dürfen, legt die EU fest. „Die eigentliche Überwachung erfolgt dann in Verantwortung der Lebensmittelüberwachungsbehörden in den einzelnen Mitgliedsstaaten“ , ergänzt Tief.

Diese Arbeitsteilung scheint bisher gut funktioniert zu haben. Was sicherlich auch an den bereits sehr scharfen Kontrollen in Japan selbst liegen mag. Günther Kanisch lobt bei diesem Unterfangen seine Kollegen in Asien: „Das machen die Japaner schon sehr stringent – mit über 30.000 Messungen an maritimen Organismen.“

Panik unangebracht, Aufmerksamkeit nicht

So muss man sich wahrscheinlich wirklich zurzeit keine Sorgen machen, sollte das eine oder andere japanische Produkt auf deutschen Tellern und in deutschen Tassen landen. Sich von Pazifikfisch, Tee, Sojasauce und Ähnlichem übermäßig zu ernähren, ist wohl ebenso wenig ratsam. Beruhigend klingen die Worte von Andreas Tief aus dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: „Bei diesen ganzen Ergebnissen – auch für Deutschland – ist nie etwas auffällig geworden.“

Jedoch sollte man wachsam bleiben und auch die zukünftige Entwicklung abwarten. Der verrottende Sarkophag in Tschernobyl mahnt: Man sollte sich nach einer solchen Katastrophe nie in Sicherheit wiegen.

Headerbild: CC BY-SA 2.0 WikimediaIsrael Patrol110

Getagged mit
 

Kommentare sind geschlossen