Nicht zufällig sind Kekse knusprig Foto: CC-BY-NC-SA 2.0

Nicht zufällig sind Kekse knusprig.
Foto: CC-BY-NC-SA 2.0 Oltonn

Er darf bei keinem Kaffeekränzchen fehlen: der Butterkeks. Beim Anbeißen knackt das Gebäck wie frisch aus dem Ofen. Hinter dem Geräusch steckt nicht der Zufall, sondern aufwändige Forschung. Professor Gerhard Krump von der Technischen Hochschule Deggendorf ist Psychoakustiker. Er befasst sich damit, wie den Produkten in unserem Alltag der perfekte Klang zu entlocken ist. Im Interview mit Studentenfutter erklärt er, warum Geräusche für den Menschen so wichtig sind, was Unternehmen für den perfekten Sound ihres Produkts tun und warum wir in Zukunft wahrscheinlich auch nachts den Rasen mähen können.

Studentenfutter: Herr Krump, sagen Sie,  gibt es eigentlich das perfekte Geräusch?

Nein, das perfekte Geräusch gibt es nicht. Wir sind sehr stark geprägt von dem, was wir in unserer gewohnten Umgebung hören.  Wir haben zum Beispiel mal Untersuchungen gemacht zur Wahrnehmung von Pferdegalopp. Bei der Vertonung von Filmen werden trabende Hufe durch aneinanderschlagende Kokosnüsse dargestellt. Das Geräusch wird also künstlich erzeugt. Dieses Geräusch haben wir  in einem Experiment verglichen mit einer echten Aufnahme von galoppierenden Pferden. Und es war tatsächlich so, dass ein nachgemachtes Galoppieren bei den Probanden als natürlichstes Geräusch wahrgenommen wurde. Die Zuschauer haben das natürliche Pferdegaloppgeräusch, das man vielleicht nicht so oft hört, gar nicht als optimal erkannt. Das war schon ein erstaunliches Ergebnis.

Gerhard Krump
Professor Dr.-Ing. Gerhard Krump ist studierter Elektrotechniker. Nach seiner Promotion auf dem Gebiet der Psychoakustik arbeitete er zunächst bei Nokia am Sound von Lautsprechern für die Automobilindustrie, anschließend forschte er für das Zuliefererunternehmen Harman/Becker. Seit 2003 hat er eine Professur für audiovisuelle Medien und Akustik an der Technischen Hochschule Deggendorf inne.
Professor Gerhard Krump feilt am . Foto: privat

Prof. Gerhard Krump forscht am perfekten Sound in der Konsumwelt. Foto: privat

Wieso sind Geräusche für den Menschen überhaupt so wichtig?

Weil das Ohr ein Achtungsorgan ist. Das bedeutet, dass es nie verschlossen wird und permanent nach allen Richtungen aktiv ist. Außerdem ist die akustische Kommunikation das Haupttransportmittel für Emotionen. Ein Beispiel ist da der Film: Hier unterlegt man bestimmte Musik, wenn eine Szene spannend wird. Auch wenn wir miteinander sprechen, erkennen wir die Stimmung unseres Gegenübers schon durch den Tonfall, ohne dass man sich gegenseitig sieht. Die Konsumwelt hat sich das längst zunutze gemacht.

Warum sind Geräusche in der Konsumwelt wichtig?

Weil über sie die Wertigkeit eines Produktes vermittelt wird. Kekse werden extra so hergestellt, dass der Biss in das Gebäck ein Zeichen von Knusprigkeit und damit von Frische vermittelt. Außerdem ist die Funktionalität von Rasierapparat, Rasenmäher, Fön oder Auto ja mittlerweile gegeben. Die Produkte erfüllen zuverlässig ihren Zweck und haben ähnliche Leistungen. Jetzt geht es darum, wie Produkte sich unterscheiden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Das geht über das optische Design, aber eben auch über die akustische Gestaltung. Wichtig ist vor allem, dass die Produkte leise sind. Denn wir wollen in unserem technisierten Alltag nicht zu laute Geräusche haben. Schließlich möchten wir unsere Umwelt ja nicht mit Lärm belasten. Nicht umsonst gehört Lärmschädigung zu den häufigsten Krankheiten überhaupt – vor allem im Beruf. Ein Fön, der also leiser ist und nicht so unangenehm klingt, wird vermutlich häufiger gekauft als ein lauter, scharf klingender Fön.

Und was tun Unternehmen konkret, um die Geräusche ihrer Produkte zu beeinflussen?

Da werden teilweise sehr aufwändige akustische Untersuchungen durchgeführt. Man überlegt, wie kann ich ein Produkt leiser gestalten? Ein Auto besitzt beispielsweise bis zu sechzig Geräuschquellen. Deshalb hört man auch, dass die Fahrzeuge heute zunehmend komfortabler klingen. Auf mechanischer und auf technischer Seite versucht man, bestimmte Geräuschziele zu erreichen. Um nochmals auf den Fön als Beispiel zurückzukommen: Selbst wenn der leise ist, aber sehr hochfrequente Anteile besitzt, wird er scharf klingen. Das wird dann als unangenehm empfunden. Deshalb muss man ihm diese hohen Frequenzen wegnehmen, was natürlich nicht so einfach ist. Man muss untersuchen, wodurch die ungewünschten Frequenzen verursacht werden, zum Beispiel durch scharfe Kanten, die Luftwirbel erzeugen.  Wenn die Kanten dann abgerundet werden, können die hohen Frequenzen verringert und damit die akustische Qualität durchaus verbessert werden.

Psychoakustik - was ist das eigentlich?
Morgens im Bad:  der Fön lärmt, um die Haare irgendwie doch noch zu einer annehmbaren Frisur zu bändigen. Doch wie laut ist ein Fön eigentlich? Auf dem Gehäuse steht ein Wert: beispielsweise 85 Dezibel – eine komplexe physikalische Einheit, die jedoch nichts darüber aussagt, wie einzelne Menschen den Fönlärm wahrnehmen. Einige nervt das Surren, andere stört das Geräusch vielleicht nur ein wenig. Die Psychoakustik befasst sich mit diesem Problem, denn sie findet heraus, wie einzelne Menschen Geräusche empfinden. Dazu werden Experimente aber auch Messungen durchgeführt, um zum Beispiel den perfekten Fönsound für Jedermann zu entwickeln.

Hörbeispiel: So klingt ein lauter, scharfer Fön:

Hörbeispiel: So klingt ein leiser Fön, dessen Akustik bearbeitet wurde:

 

Haare föhnen - das geht auch leise Bild: Lukas Föhr

Haare föhnen – das geht auch leise. Foto: Lukas Föhr

Welche Rolle spielen Sie als Psychoakustiker in diesem Prozess?

Wir Psychoakustiker untersuchen, wie das Gehör verschiedene Eigenschaften von Geräuschen wahrnimmt, beispielsweise die Lautstärke, die wir in der Akustik Lautheit nennen.  Inzwischen gibt es Messgeräte, die die Signalverarbeitung des Gehörs nachbilden und mit Zahl und Einheit Empfindungen wie die wahrgenommene Lautstärke darstellen. Dies geschieht also nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ. Das ist eine ganz hervorragende Sache, denn wir können damit unsere Empfindungen eindeutig beschreiben und auch miteinander vergleichen. Wenn man sich beispielsweise einen neuen Laptop kauft, dann kann man in Testzeitschriften nachlesen, wie hoch die Lautheit des Geräts in „sone“ (lat. sonare = klingen, Einheit der Lautheit) ist. Mit Hörversuchen möchten wir zusätzlich herausfinden, wie angenehm ein Geräusch ist. Das ist ein bisschen komplizierter, weil hier viele Empfindungen wie beispielsweise Rauigkeit oder Schärfe gleichzeitig eine Rolle spielen. Man nimmt hierzu verschiedene Versionen eines Produktgeräuschs auf und in Versuchen findet man heraus, welches Geräusch am besten akzeptiert wird.

In welchen Branchen ist ein Akustik-Design denn besonders wichtig? Und warum?

Heutzutage findet man Akustik-Design eigentlich in allen Branchen. Das beginnt in der Lebensmittelindustrie. Für das Öffnen von Bierflaschen werden zum Beispiel mit großem Aufwand Kronkorken entwickelt, die besonders gut zischen. Gängige Produkte, bei denen Akustik-Design angewandt wird, sind vor allem Nutzgeräte wie Waschmaschinen, Rasierapparat, Fön oder auch Staubsauger. Der darf nicht zu leise sein, sondern muss tieffrequent vor sich hin schnurren, um dem Nutzer zu vermitteln, dass das Gerät Kraft besitzt und natürlich auch ordnungsgemäß arbeitet. Ein sehr beliebtes Untersuchungsobjekt ist auch die Akustik von Fahrzeugen, weil es sehr viele optimierbare Klangquellen aufweist, beispielsweise Motor- und Auspuffgeräusche, aber auch Innengeräusche wie Scheibenwischer, Blinker oder Fensterheber. Und wenn ich einen Schalter im Auto betätige, dann muss der ein akustisches Feedback geben, dass er gedrückt wurde, nämlich durch ein zartes, tieffrequentes „Klack“. Das ist dann ein Zeichen von Qualität.

Welche Trends haben wir in Zukunft noch zu erwarten?

Es wird mit Sicherheit eine Reihe von Weiterentwicklungen und Verbesserungen geben, insbesondere in Form von leiseren Produkten. Denn es gibt immer noch sehr viele Produkte, die einfach zu laut sind. Da könnte man jetzt zum Beispiel an Rasenmäher denken, deren Verbrennungsmotoren zu viel Lärm produzieren. Beim Rasenmähen gibt es Vorschriften, wann sie betrieben werden dürfen – eben wegen der Lautstärke. Hätten Sie einen leiseren Mäher, dann dürften Sie den eigentlich rund um die Uhr benutzen. Es gibt also noch wesentliche akustische Verbesserungspotenziale.

Gibt es etwas, was Sie so gar nicht hören können?

Ja, wenn ein neues Produkt lauter wird als sein Vorgänger. Ich habe mir kürzlich eine Motorsäge gekauft. Auch ohne aufwändigen Vergleichstest habe ich sofort bemerkt, dass sie lauter und im Klang aggressiver ist als das 25 Jahre ältere Vorgängermodell mit derselben Leistung. Und das hat mich schon gewaltig gestört. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich diese Säge sicher nicht gekauft. Aber vielleicht höre ich in der Hinsicht auch etwas genauer hin.

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