Pharao Ramses III. soll von seinen eigenen Haremsdamen ermordet worden sein, besagt ein Text, der Historiker schon seit fast zweihundert Jahren beschäftigt. Luise Loges berichtet über neue Erkenntnisse, die diesen „Mord am Nil“ wenigstens teilweise aufgeklärt haben.

Sei es bei Agatha Christie, im „Tatort“ oder bei „Law and Order“: In fast jedem Krimi gibt es am Anfang eine Leiche, vielleicht sogar eine Tatwaffe, später dann können die Ermittler den Täter fassen und vor Gericht bringen. Im Mordfall Ramses III. ist die Reihenfolge aber genau umgekehrt: Die Männer und Frauen, die sich zum Königsmord verschworen haben, sind längst identifiziert und zur Rechenschaft gezogen worden, die Gerichtsprotokolle belegen den Schuldspruch durch ein Richterkollegium. Die forensische Untersuchung des Opfers liegt allerdings erst jetzt vor – fast drei Jahrtausende nach der Tat.

Prozessakten auf Papyrus

Ramses III. ist heutzutage wesentlich weniger bekannt als sein berühmter Namensvetter Ramses II., auch „der Große“ genannt. Dennoch hat auch er Großes geleistet. Zu Beginn seiner Herrschaft wehrte er erfolgreich den Ansturm der sogenannten „Seevölker“ ab, die von Norden nach Ägypten einfielen, und sicherte die Grenzen des Landes. In 32 Jahren Regierungszeit hinterließ er zahlreiche Skulpturen und Inschriften in ganz Ägypten, baute monumentale Tempel und Paläste. Besonders berühmt ist sein reich geschmückter Totentempel in Medinet Habu.

Doch am Ende dieser scheinbar glücklichen Herrschaft steht eine Tragödie: Die eigenen Haremsdamen, angeführt von einer Königin namens Teya, verschworen sich zum Mord an ihrem Gatten und Gebieter. Ihr Motiv: Anstelle des designierten Thronfolgers, einem Sohn des Ramses von seiner zweiten Königin Isis, wollten sie Pentawer, Teyas Sohn, zum Pharao machen. In den Putsch verwickelt waren alle Schichten der Palastangestellten, angefangen mit einem bescheidenen Aufseher der königlichen Speisekammer bis hin zu einem General und einem Kommandanten einer Truppe von Elitesoldaten. Weitere Mitverschwörer waren Haremswachen, Schatzmeister, Mundschenke und sogar zwei bei Hofe beschäftigte Magier. Sie alle wollten offenbar statt des Kronprinzen dessen Halbbruder Pentawer auf dem Thron sehen. Doch die Verschwörung flog auf. Die Rebellen wurden gefasst und verurteilt, jede Erinnerung an den verhinderten Usurpator getilgt.

Tatort: Der königliche Harem
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Die Ägyptologin Susan Redford ist die Expertin für den Mordfall Ramses III. Foto: Susan Redford

Die Einleitung macht klar, dass hier der Mordanschlag auf den regierenden Pharao verhandelt wird. Das ist ein Skandal, denn für die Alten Ägypter war der König ein auf Erden wandelnder Gott, seine Ermordung eine unvorstellbare Blasphemie und eigentlich – laut Staatsdoktrin – gar nicht möglich. Entsprechend vorsichtig ist der Frevel in dem offiziellen Dokument formuliert: Vom „Umstürzen der königlichen Barke“ wird da geschrieben. Der Mord selbst wird nicht im Detail beschrieben, im Gegenteil, es wird sogar angedeutet, Ramses habe selbst die Richter für seinen eigenen Mordprozess ausgewählt. Manche Übersetzer glaubten daher sogar, der Anschlag sei missglückt.

Susan Redford, die seit Jahren an dem Fall forscht, ist anderer Meinung: Sie glaubt, dass der König tatsächlich ermordet wurde, allerdings nicht von den zahlreichen Männern, deren Taten im Text beschrieben werden. Durch die Strapazen, denen das Schriftstück durch Zeit, Schmuggel und sogar mutwillige Zerstörung (zerschnitten hat es wohl seinerzeit ein geschäftstüchtiger Antikendieb, der durch Verkauf an verschiedene Kunden mehr Geld verdienen wollte) ausgesetzt war, hat es einige Lücken, und ausgerechnet die Verhandlungen der Hauptverschwörerin Teya und ihrer Haremsdamen fehlen. Ihre Mitverschwörer sind fast alle – bis auf Pentawer – der Rebellion und der Komplizenschaft mit Teya angeklagt, nicht des Königsmordes selbst. Für Redford liegt es deshalb nahe, dass der Mord selbst im königlichen Harem stattfand und von einer der dort lebenden Damen ausgeführt wurde.

Der Mann mit dem Schal

Jüngere Forschungsergebnisse bestätigen zumindest, dass es einen Königsmord gegeben hat. Lange Zeit hatte kein Forscher feststellen können, was die Todesursache des Pharaos war, denn äußere Verletzungen waren an seiner Mumie nicht zu erkennen, auch nicht auf einem Röntgenbild, das im Jahre 1980 aufgenommen worden war. Wie also konnte der Mord, wenn überhaupt, vonstatten gegangen sein? Die Spekulationen reichten von Vergiftung bis Ertränken: War das „Umstürzen der königlichen Barke“ etwa wörtlich gemeint? Eine „echte Obduktion“ der Königsmumie konnte nicht durchgeführt werden – eine invasive Untersuchung hätte den empfindlichen Leichnam womöglich zerstört.

Als im Jahr 2010 ein internationales Team aus Ägyptologen, Radiologen, und Paläopathologen die im Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellten Mumien im Computertomografen (CT) scannte, war auch Ramses III. dabei. Der Molekularbiologe Carsten Pusch, der von einigen der gescannten Könige Proben für genetische Untersuchungen nahm (siehe auch das Interview:  „Pharaos Klumpfuß und Ötzis Borreliose“), erinnert sich, dass Ramses III. sich von den anderen abhob: „Mir war aufgefallen, dass dieser Mann als einzige der ausgestellten Mumien eine Art Schal trug, eine Halskrause aus Leinen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was es mit der Geschichte von Ramses III. auf sich hat.“ Durch Puschs Hinweis neugierig geworden, warf das Team noch einmal einen genaueren Blick auf den CT-Datensatz des Pharaos, besonders im Bereich des Halses.

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Ein so genanntes Udschat-Auge wie dieses wurde im Hals Pharao Ramses’ III. gefunden.
Foto: Marie-Lan Nguyen, Public Domain

Was sie erwartete, war eine echte Überraschung: Im Hals des Pharaos befand sich ein Fremdkörper, der die Form eines so genannten Udschat-Auges hatte. Diesen kleinen Amuletten aus Halbedelstein wurde im Alten Ägypten heilende Wirkung zugesprochen. Die Idee lag also nahe, dass hier ein Trauma stattgefunden hatte und die Balsamierer das Amulett auf die Wunde gelegt hatten, um diese symbolisch zu heilen. Tatsächlich konnten die Radiologen bei der Auswertung der Bilder feststellen, dass durch die Kehle des Königs ein 7cm langer Schnitt ging.

Dieser Schnitt, so stellte das Team fest, war von hinten ausgeführt worden, und reichte bis auf die Knochen des Halswirbels hinunter. Der König muss binnen kürzester Zeit verblutet sein. Die Frage stellt sich, ob diese brutale Vorgehensweise mit Susan Redfords Theorie vereinbar ist, dass die Haremsdamen den Mord verübten: Kann eine Frau überhaupt die Kraft aufbringen, ein solches Trauma auszulösen? Carsten Pusch meint: „Diesen Schnitt kann jeder ausgeführt haben, der Vertrauen genoss und nah an den König herankam. Dabei könnte man natürlich schon an eine Haremsdame oder ein Familienmitglied denken.“

Ein rätselhafter Unbekannter

Kein moderner Krimi ist vollständig ohne eine DNA-Analyse – auch dieser nicht: Seit Langem gibt eine weitere Mumie im Kairoer Museum Ägyptologen Rätsel auf. Der unbekannte „Mann E“ oder „screaming man“, wie er aufgrund seines verzerrten Gesichtsausdruckes auch schon genannt wurde, stammt aus demselben Fund wie die Mumie Ramses’ III. Beide wurden zusammen mit anderen königlichen Mumien in einem Versteck gefunden, in das sie wohl einst Priester zum Schutze vor Grabräubern verbracht hatten. Obwohl der Unbekannte zusammen mit Angehörigen der Königsfamilie gebettet worden war, sieht seine Mumie wenig königlich aus. Statt in einem Sarkophag hatte man ihn in einem Sack aus Ziegenleder bestattet, seine Haut war rot verfärbt und offenbar hatte er auch keine fachgerechte Mumifizierung bekommen: Man hatte seine inneren Organe nicht entfernt, wie es sonst üblich war, um das Einsetzen der Verwesung zu verhindern. War dies eine Schandbestattung, die posthume Bestrafung eines Schwerverbrechers?

Bei näherer Betrachtung kamen noch mehr grausige Details ans Licht: Der Anus des Toten war stark geweitet, was auf Pfählung hinweisen kann, eine Strafe, die im Alten Ägypten nur die schlimmsten Verbrecher ereilte. Außerdem fand man an seinem Hals Hautfalten, die sich mit einiger Wahrscheinlichkeit als Strangulationsmale deuten lassen. Könnte der Unbekannte, der offenbar zur Familie Ramses III. gehörte, aber in Schande ins Jenseits eingehen sollte, der Königsmörder und verhinderte Usurpator Pentawer sein?

Pentawer, so steht es im Turiner Gerichtspapyrus, wurde als Strafe für sein Verbrechen die Selbsttötung gewährt „Niemand hat ihn angerührt.“ Die Strangulationsmale könnte er aber auch erhalten haben, indem er sich selbst erhängte. Dass seine Leiche noch posthum gepfählt wurde, wäre wohl auch denkbar – etwa als Strafe, die noch in der Unterwelt wirken sollte oder aus Rache des Thronfolgers an seinem Bruder?

Ein DNA-Abgleich zwischen Ramses III. und dem Unbekannten ergab eine Übereinstimmung des Y-Chromosoms, also eine direkte Verwandtschaft in der männlichen Linie. Das hieße nun nicht, relativiert Carsten Pusch, dass diese beiden unbedingt Vater und Sohn sein müssen, jedoch machen diese Daten es noch etwas wahrscheinlicher, dass es sich bei der ungewöhnlichen Mumie um Pentawer handelt. Der Genetiker bedauert nur, dass es keine weibliche Mumie im Museum von Kairo gibt, die als Mutter in Frage käme: Teyas Leichnam ist noch nicht gefunden oder nicht identifiziert worden.

Fall gelöst?
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Der Tübinger Forscher Carsten Pusch gab den Anstoß zur Untersuchung der Mumie Ramses’ III.
Foto: Carsten Pusch

Der Tathergang ist also ermittelt, die Obduktion abgeschlossen und die Drahtzieher und ihre Helfershelfer verurteilt und bestraft. Doch die Hintergründe sind etwas komplizierter. Ramses III. regierte in keiner einfachen Zeit. Das einst so reiche Ägypten war wirtschaftlich geschwächt. Dennoch ließ der König sich immer weitere Prachtbauten errichten. Mehrfach in Ramses’ Regierungszeit legten die Arbeiter in Deir el-Medineh, die das Grab des Pharaos bauen sollten, die Arbeit nieder: Ihre Löhne waren nicht bezahlt worden und ohne Rationen, so sagen es die Dokumente, keine Arbeit. Vielleicht nicht der erste Generalstreik der Geschichte, sicher aber der erste, von dem wir heute wissen.

Der Palast selbst war so gespalten wie das Land. Schon die Tatsache, dass Ramses III. zwei Hauptgemahlinnen hatte, ist sehr ungewöhnlich. Dem Titel nach waren Isis und Teya gleichermaßen Königin von Ägypten. Das Konfliktpotenzial dieser Regelung muss nicht erst erläutert werden, zumal jede der beiden Ramses drei Söhne geboren hatte. Dies erläutert Susan Redford anhand von Ramses’ eigenen Monumenten: Wie viele altägyptische Könige ließ er sich oft im engen Familienkreis auf hieroglyphisch beschrifteten Tempelwänden und anderen Steinmonumenten darstellen. Dadurch können Ägyptologen auch sehen, wer von den Söhnen als Nachfolger vorgesehen war. Ramses’ Wunschkandidat war offenbar Isis’ ältester Sohn, der später auch tatsächlich als Ramses IV. den Thron besteigen sollte. Teyas ältester Sohn Pentawer hatte ein hohes militärisches Amt inne.

Doch offenbar war ihm das nicht genug, er wollte selbst Pharao werden – und seine Mutter damit zur unangefochten mächtigsten Frau Ägyptens machen. Aus irgendeinem Grund wollten aber weder er noch Teya darauf warten, dass der alte König von selbst das Zeitliche segnete und dann den Thron an sich reißen. Warum schien ihnen der gewählte Zeitpunkt für einen Putsch so günstig? Es ist denkbar, dass die Verschwörer die Gunst der Stunde nutzten, als ohnehin schon politische und soziale Unruhe im Land herrschte. Das könnte auch erklären, warum sich so viele Komplizen für die Tat fanden, insbesondere unter den niederen Palastangestellten.

Um eine Rebellion im Namen der unterdrückten Bevölkerung Ägyptens handelt es sich bei dem Anschlag auf den Pharao allerdings wahrscheinlich nicht.

Susan Redford arbeitet derzeit an einer Neuauflage eines Buches, in der sie die neuen Erkenntnisse über den Tod Ramses’ III. mit berücksichtigen will. Vieles wird jedoch wohl auch weiter fraglich bleiben. Die Untersuchungen an Ramses’ Mumie haben zumindest einen Teil des Rätsels gelöst und auch das Schicksal des Usurpators Pentawer kann man zumindest als wahrscheinlich geklärt ansehen. Was aus Teya und ihren Haremsdamen wurde, ist indes vielleicht für immer im Dunkel der Geschichte verloren.

 

Headerbild: Der Totentempel von Ramses III. in Medinet Habu. CC BY-SA Olaf Tausch

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