Futterdiebstahl? Nimmermehr!

Raben können die Perspektive ihrer Artgenossen einnehmen. Dies haben Biologen der Universität Wien gemeinsam mit einem Philosophen aus Houston, Texas herausgefunden. Die Wissenschaftler bewiesen damit zum ersten Mal, dass ein Tier zu einer „Theory of Mind“ fähig ist. So bezeichnen Psychologen die Fähigkeit, Bewusstseinsvorgänge und Gefühle anderer Artgenossen nachzuvollziehen.

Ein Raben-Duett. Weiß der eine, was der andere hört? (CC BY 2.0 Ron Mead)
Ein Raben-Duett. Weiß der eine, was der andere hört? Bild: CC BY 2.0 Ron Mead

Dass einige Tierarten, etwa Affen oder Rabenvögel, die Möglichkeit haben, sich in andere Tiere ihrer Art hineinzuversetzen, war schon länger bekannt. Jedoch hatten die Tiere in bisherigen Versuchen die Gelegenheit, ihre Artgenossen zu beobachten. Dass sie dabei auch auf Kopf- oder Augenbewegungen achteten und aufgrund dieser Hinweise ihre Entscheidungen trafen, war nicht auszuschließen. Das Team um den Wiener Kognitionsbiologen Thomas Bugnyar konnte nun zeigen, dass es sich bei der Fähigkeit tatsächlich um die „Theory of Mind“ handelt.

In ihrem Versuch nutzten sie die Neigung der Raben, Futter vor dominanten Artgenossen zu verstecken. In einem ersten Schritt platzierten sie Raben in zwei aneinandergrenzenden Räumen. Die Raben versteckten das Futter nur dann gut, wenn ein Rabe in einem benachbarten Raum deutlich hör- und sichtbar war. Im zweiten Schritt installierten sie ein Guckloch zwischen den Räumen, welches den Raben deutlich gezeigt wurde. Nun versteckten die Raben das Futter nur dann, wenn das Guckloch geöffnet und der benachbarte Vogel weiterhin zu hören war. Die Anwesenheit des Artgenossen wurde jedoch nur durch eine Tonspur simuliert. „Da die Raben in diesem Fall keine Artgenossen sehen können, sie aber trotzdem reagieren, als ob sie gesehen werden, kann ihr Verhalten nur über ein Verständnis der Sichtweise der anderen erklärt werden“, erklärt Thomas Bugnyar. Eine Einschränkung machen die Wissenschaftler: Bei der Versuchsreihe machte es keinen Unterschied, ob das Guckloch so angebracht war, dass ein Beobachter hindurchsehen konnte, oder nicht. Dies legt nahe, dass es sich bei der „Theory of Mind“ der Raben um eine limitierte Version handelt.

Die Studie ist ein wichtiger Beitrag zum Verständnis des Bewusstseins bei Tieren. Weitere Studien mit einem ähnlichen Versuchsaufbau sollen nun die Grenzen dieser Fähigkeit bei Raben und anderen Tieren feststellen.

Adrian von Jagow

Adrian hat gerade seinen Bachelor in Volkswirtschaftslehre abgeschlossen. Neben seinem Nebenfach und Steckenpferd Sinologie interessiert ihn vor allem das nachhaltige und ethische Wirtschaften. Dass davon so viel in Tübingen praktiziert wird, hat den Hamburger fasziniert – und dazu bewogen nachzuforschen, warum das so ist.