Frauen- und Männerberufe: Vergessen wir die Genetik nicht

Männer- und Frauendomänen scheinen uns überholt – und bleiben trotzdem erhalten. Mit ihnen auch die Gender Pay Gap. Aber sind wir Menschen wirklich so wandelbar, wie wir es gerne hätten? Ein Kommentar von Ingrid Gatz.
Kindergärtnerin im Jahr 1983. Bild: CC-BY Bundesarchiv / Wikimedia Commons

Frauen arbeiten meistens mit Menschen, Männer mit Dingen. Das sollte eigentlich kein Problem sein, in beiden Bereichen gibt es genügend Jobs. Allerdings verdient man durchschnittlich schlechter im sozialen Bereich – und besser, wenn es um Sachen geht. Für Frauenberufe sind häufig nur geringe Qualifikationen nötig, während für typische Männerdomänen ein drohender Fachkräftemangel prognostiziert wird. Deshalb scheint in Medien und Politik die Idee zu existieren, dass dieser Umstand rein soziologische Ursachen haben sollte, die der Staat leicht durch gesetzliche Maßnahmen wie Quoten oder die Neubelegung von Worten verschieben könnte. Aber ändert sich das Image eines Müllmanns tatsächlich, wenn man ihn als Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft bezeichnet?

Girls' Day (CC-BY Österreichische Außenministerium/Wiki Media Commons)
Girls’ Days lohnen sich statistisch gesehen nicht. Bild: CC-BY Österreichisches Außenministerium / Wikimedia Commons

Dabei gilt dieser Unterschied in den Interessen kultur-, zeit- und altersübergreifend. Nach einer Studie von Simon Baron-Cohen von der Universität Cambridge interessieren sich selbst neugeborene Mädchen mehr für menschliche Gesichter als gleichaltrige Jungen, was bereits deren soziale Ader zeigt. Sogar Rhesus-Affen haben geschlechterspezifisch ähnliche Spielzeugvorlieben wie menschliche Kleinkinder. Und würde jemand wirklich bestreiten, dass es bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, typisch „weibliches“ und „männliches“ Verhalten gibt, was zum Beispiel die Beschützerrolle betrifft?

Wie Hirnforscher heute wissen, sind die Gehirne von Frauen und Männern leicht unterschiedlich aufgebaut, teilweise unterscheiden sie sich auch in der Benutzung der Gehirnareale. Wer im Mutterleib nachweislich mehr Hormone des anderen Geschlechts bekommen hat, zeigt danach mehr Verhaltensweisen von diesem, wie viele Studien belegen. So kümmern sich solche kleinen Jungen später mehr um Puppen. Auch das Fingerlängenverhältnis ist aussagekräftig: Wer als Fötus mehr Testosteron ausgesetzt war, besitzt durchschnittlich einen längeren Ringfinger als Zeigefinger. Und dieser Einfluss des männlichen Hormons fördert unter anderem die mathematischen Fähigkeiten und die Risikofreude.

Wissenschaftler aus Ohio führten Umfragen in über 40 Ländern über die Berufswünsche von Mädchen und Jungen durch. Das Ergebnis war verblüffend: Wo die Gleichberechtigung höher war, gingen die Berufswünsche von Frauen und Männern weiter auseinander, war die klassische Arbeitsaufteilung also eher vorhanden. Das heißt, wo sich Menschen frei nach ihren eigenen Vorlieben entscheiden dürfen, wählen Frauen lieber Frauenberufe und Männer typische Männerjobs. Obwohl es genau in solchen Ländern seit Jahren Institute gibt, die versuchen, das mit staatlicher Unterstützung zu ändern.

Fingerlängenverhältnis (CC0 Public Domain)
Das Längenverhältnis zwischen Zeige- und Ringfinger ist ein Indiz für die Testosteronmenge im Mutterleib. Bild: CC0 Public Domain / Wikimedia Commons

Nun glauben die wenigsten Leute, dass Männer und Frauen wirklich ganz gleich sind. Die Debatte hat sich längst von dem Punkt abgewandt, ob es genetisch angelegte Unterschiede gibt. Die Frage lautet jetzt, wie groß diese sind. Aber manche sehen in der wissenschaftlichen Begründung von diesem Wissen eine Bedrohung für das Individuum. Stattdessen führt der deutsche Staat lieber Frauenquoten für Vorstände ein. Dabei zeigen Studien aus anderen Gebieten wie der Sexualitätsforschung, dass das Wissen um eine genetische Anlage eher zur Akzeptanz von Unterschieden führt.

Der Ansatz, Männer und Frauen für gleich zu erklären, erzielt seit einigen Jahren keine vernünftigen Änderungen mehr bei der Berufswahl. Wäre es nicht sinnvoller, die angeborenen genetischen Unterschiede zu erkennen und in die Anstrengungen zu integrieren? So könnte man darauf hinweisen, dass sich Home Office leichter mit Familie vereinbaren lässt – was bei vielen Berufen „direkt“ am Menschen wie in der Pflege quasi unmöglich ist. Und dass Berufsfelder an der Schnittstelle von Männer- und Frauendomänen immer entscheidender werden. Statt also den Frauenanteil in einem Fach wie Informatik weiterhin durch zahlreiche Förderprogramme erhöhen zu wollen, könnten vermehrt Studiengänge wie Kognitionswissenschaft oder Medieninformatik angeboten werden – in beiden Fächern ist der Bezug zum Menschen klar und der Frauenanteil um ein Vielfaches höher.

Der Mensch ist schließlich ein komplexes Zusammenspiel aus Genetik und Umgebung. Und die Gesellschaft ist nur ein kleiner Teil des Faktors Umwelt.