Patzelt und der liebe Bürger

Selbst der berufsmäßige Linkenfresser Jan Fleischhauer meint, Hochschulprofessor Werner J. Patzelt von der Technischen Universität Dresden sei „inzwischen so etwas wie Deutschlands führender Pegida-Versteher“. Wie richtig das ist, zeigt ein Blick in Patzelts Pegida-Studien. Ein Lehrstück, wie schlechte Wissenschaft eine fatale Wirkung entfalten kann.
Hat Verständnis für rechte Wutbürger: Professor Werner J. Patzelt. Hintergrundbild: CC-By-SA Kalispera Dell / Wikimedia Commons, Porträt Patzelt: gemeinfrei Thomas Richter / Wikimedia Commons

Es ist gespenstisch. Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren hat das Ressentiment in Deutschland die Straße erobert. Begonnen hatte diese Entwicklung wohl mit den Anschlägen vom 11. September, in deren Folge sich das Internet in einen einzigen Sumpf von Verschwörungsideologie und Antisemitismus verwandelte.

Eine gute Dekade später dann formierten sich deutsche Experten für Hochhausarchitektur, Verfassungsrecht und den Nahostkonflikt, die ihre Wahrheiten bis dahin in Onlineforen verbreitet hatten, zur politischen Bewegung. „Montagsmahnwachen für den Frieden“ hieß das Elend. Seitdem hatten wir den Friedenswinter, Pegida, EnDgAmE, HoGeSa, WsD und wieder Pegida.

Kennt die völkische Bewegung wie ihre Westentasche: Kathrin Oertel, erst Pegida, jetzt EnDgAmE (Bild: CC-BY.SA Metropolico.org / Flickr)
Kennt die völkische Bewegung wie ihre Westentasche: Kathrin Oertel, erst Pegida, jetzt EnDgAmE. Bild: CC-BY.SA Metropolico.org / Flickr

Bei jeder dieser traurigen Veranstaltungen wiesen sich die Demonstranten als „das Volk“ aus, immer artikulierte sich dabei ihr Hass auf das vermeintlich Andere, und auch die von Apologeten verschiedener Couleur bemühte Strategie zur Kritikabwehr war stets dieselbe: Die Demonstranten seien doch ganz normale Menschen. Einfache Bürger mit verständlichen Sorgen. Sie wüssten ja nicht, was sie tun. Und hätten außerdem irgendwo auch ein wenig Recht. Da müsse man bei der einen oder anderen Entgleisung eben Nachsicht zeigen.

Im konkreten Fall von Pegida ist es vor allem der Hochschulprofessor Werner J. Patzelt von der Technischen Universität Dresden, der so argumentiert. In drei Studien von Januar, April und Mai 2015 über die Bewegung bekräftigt Patzelt ebenso wie in seinen öffentlichen Äußerungen immer wieder, dass ein zwar sinkender, aber doch großer Teil der Demonstranten gutwillige und besorgte Bürger seien. Und damit, das ist durch den Begriff des Bürgers bereits impliziert, definitiv keine Rechtsextremisten.

Die völkische Bewegung nicht verstanden

Fraglich allerdings, woher Patzelt das wissen will. In den betreffenden Studien nämlich werden entscheidende Ideologiefragmente der neuen Rechten schlicht nicht behandelt. Weder wird das Geschlechterverhältnis thematisiert, um das die Völkischen eine famose Ideologie von natürlichen Geschlechterrollen und nationaler Reproduktion stricken, noch die damit verbundene Vorstellung vom Volk als organisch gewachsenem Ganzen, das heißt als moderne Abstammungsgemeinschaft.

Auch der verschwörungsideologische Wahn, der dem Beobachter in Sprechchören gegen die „Lügenpresse“ förmlich entgegenschlägt und der erfahrungsgemäß zuverlässig zum antisemitischen Original zurückfindet, wird einfach ignoriert. Ebenso wenig beachtet wird, dass das Verhältnis der neuen Rechten zu Islam und Demokratie viel ambivalenter ist, als gemeinhin angenommen. Diesen freundlicher gegenüberstehende Pegida-Anhänger können deshalb längst nicht so umstandslos zu harmlosen Bürgern erklärt werden, wie Patzelt das vorschwebt.

Wenigstens Rassismus und Nationalismus werden mit der Aufmerksamkeit bedacht, die sie verdienen, allerdings eben leider – und das liegt auch an Patzelts eigener Haltung zu diesen Themen – völlig unkritisch.

So übernimmt er kurzerhand die fadenscheinige Trennung zwischen echten und falschen Flüchtlingen, die sein Forschungsgegenstand zwecks Kritikabwehr aufmacht, und bläst ins selbe Horn wie dieser: Pegida sei zugute zu halten, dass man dort der Aufnahme wirklicher Kriegsopfer weit weniger abgeneigt sei als der Aufnahme sogenannter Wirtschaftsflüchtlinge.

Tatsächlich aber wird der Vorwurf des Sozialschmarotzertums längst gegen ausnahmslos alle Flüchtlinge erhoben. Die Kategorie des echten Flüchtlings ist eine Schimäre, echte Menschen ihr zuzuordnen fällt den Völkischen im Traum nicht ein. Patzelt als aufmerksamer Beobachter könnte das wissen, zieht aber – wie generell – die für Pegida günstigere Interpretation vor.

Noch zweifelhafter wird es, wenn Patzelt die eigens entwickelten Indikatoren für Rassismus dann doch nicht gelten lassen will: Zwar könnten 43 Prozent der Befragten als Rassisten bezeichnet werden, das würde aber deren Selbstwahrnehmung widersprechen. Und auf die kommt es schließlich an. Nicht.

Dass Patzelt den positiven Bezug auf die eigene Nation für völlig unproblematisch hält, wird klar, wenn er über die redet, die ihn nicht teilen. Im Interview mit dem putintreuen Propagandasender Russia Today, der sich noch jedem der eingangs erwähnten Wutbürgeraufmärschen angebiedert hat, sagte er im Februar 2015: „Die Antideutschen sind eine sehr, sehr merkwürdige Bewegung, die sich nur verstehen lässt aus einer tiefgreifenden Verstörung von Deutschen über ihr eigenes Land und seine eigene Kultur.“ Wir halten fest: Der Nationalismus ist die Norm, seine Negation hingegen pathologische Abweichung.

Dass Patzelt diese Einsicht ausgerechnet vor einem interessierten Fachpublikum von Aluhüten, ordinären Nazis und anderen Wahnsinnigen – Russia Todays vornehmliche Zielgruppe – teilt, verleiht ihr eine Prise Komik. Weniger komisch ist, was Patzelt in seiner Studie von Mai 2015 über den deutschen Nationalismus und diverse mit ihm statistisch verstärkt einhergehende Ekelhaftigkeiten bei Pegida schreibt: „Das alles passt gut zusammen und läuft auch auf keine mit plausiblen Gründen vorwerfbaren Positionen hinaus“ (S. 72). Natürlich nicht.

Nun war eine bestimmte Vorstellung vom Deutschen, die sich in der Idee der Volksgemeinschaft manifestierte, neben dem Antisemitismus aber bekanntlich das zentrale Element nationalsozialistischer Ideologie schlechthin. Hat Patzelt das verdrängt, vergessen, oder seit jeher ignoriert? Wäre es nicht interessant, herauszufinden, ob Pegida-Demonstranten Ähnlichem anhängen?

Bürger ohne Grundgesetz – Faschisten ohne Springerstiefel

Nicht für Patzelt. Er zieht es vor, Fragen zu stellen, deren Antwort er auch hören will. Im Zweifel kann er sich darauf verlassen, dass wenigstens ein Teil der Befragten weiß, welches Antwortverhalten sie als Rechtsextremisten überführte. Und wenn gar nichts mehr hilft, weiß Patzelt sich mittels kreativer Interpretation der Ergebnisse zu helfen: „Für Pegida-Demonstranten scheint die [Anmerkung: von 82,4 Prozent der Befragten voll und ganz bejahte] Aussage, wer Deutschland nicht mag, solle Deutschland eben verlassen, im Übrigen mehr nach einer Selbstverständlichkeit zu klingen […] denn als Ausdruck von Radikalität“ (Maistudie, S. 61). Wie beruhigend.

Ein Hoch auf den nationalen Konsens: Besorgte Deutsche, 1935 (Bild: CC-BY-SA Deutsches Bundesarchiv / Wikimedia Commons)
Ein Hoch auf den nationalen Konsens: Besorgte Deutsche, 1935. Bild: CC-BY-SA Deutsches Bundesarchiv / Wikimedia Commons

Mit einer Herangehensweise, die geeignet scheint, auch unter Anhängern des Islamischen Staats Scharen gemäßigter Reformmuslime auszumachen, bestätigt sich Patzelt also sein unverrückbares Urteil: Ein großer Teil der Pegida-Demonstranten seien keine Rechtsextremisten, sondern normale Bürger. Eben diese Gegenüberstellung aber dient gerade hierzulande stets nur der kollektiven Selbstvergewisserung. Rechtsextremisten sollen als winzige Minderheit Ewiggestriger markiert und aus dem nationalen Wir, dessen entschiedenste Verfechter sie doch sind, ausgegrenzt werden. Erst in der Denunziation des tumben Normnazis fühlen sich die Deutschen vor dem Schatten ihrer Vergangenheit sicher. Das ist der ganze Sinn des im Mülleimer entsorgten Hakenkreuzes auf dem Pegida-Banner.

Aber es gibt keine Rechtsextremisten mehr. Das Bild, das von ihnen gezeichnet wird, erfasst längst nicht einmal mehr die NPD oder die autonomen Nationalisten, Personenkreise also, deren mörderisches Potential auch Patzelt nicht leugnen würde. Der Faschist von heute ist zwar oft, aber eben nicht notwendig männlich, mittelmäßig gebildet oder gewaltbereit. Auch Springerstiefel und Bomberjacke hat er abgelegt. Meistens war er einmal Liberaler und ist erst kürzlich, wie es im völkischen Jargon heißt, „aufgewacht“. Sein Dasein als besorgter Bürger ist folgerichtig nicht, wie oft behauptet, bloße Fassade, sondern ehrlich artikulierte Selbstwahrnehmung. Und auch sein Ziel ist klar: Deutschland soll – historisch bedingter Hemmschwelle zum Trotz – den Weg nehmen, auf dem Polen und Ungarn nur einige Jahre voraus sind.

Was also tun? Patzelts Antwort ist wiederum seinem eigenen Nationalismus geschuldet. Weil jener die aktuelle Polarisierung als Gefahr für, wie er sich auszudrücken beliebt, „unser Land“ sieht, versucht er – freilich unter partieller Parteinahme für die Seite, die ihm näher steht – Versöhnung zu stiften, wo es keine geben kann. Denn nicht um die Aufrechterhaltung des nationalen Friedens ist es zu tun, sondern um die von Verhältnissen, unter denen abweichende Gruppen und Individuen immerhin noch existieren können, unter denen Gesellschaftskritik zu üben immerhin noch möglich ist. Solche Verhältnisse sind wie die Luft zum Atmen. Sie gilt es zu verteidigen: Nicht konstruktiv, einfühlsam, nachsichtig. Sondern mit Zähnen und Klauen.

Jonas Bayer

Jonas Bayer ist 21 Jahre alt und studiert Politikwissenschaft und Philosophie im dritten Semester an der Eberhard Karls Universität Tübingen. So sehr er die Lohnarbeit verabscheut, weiß er unter den gegebenen Umständen doch um ihre Notwendigkeit und hofft daher, einmal von Journalismus leben zu können. Gelegentlich publiziert er auf dem linksradikalen und israelsolidarischen Blog „emanzipation & frieden“.