Satire: Die bezaubernde Ernsthaftigkeit des Humors

Warum gefallen uns Satireartikel so sehr, dass wir sie tausendfach auf Facebook teilen? Ist es der bloße Genuss des Wortwitzes oder steckt mehr dahinter? Markus Vogt, Satiriker und Mitglied der Partei „die PARTEI“, verrät uns im Interview, was ihn antreibt und worin er die Reize der Satire sieht.
(Bild: Markus Vogt)
Ein weißes Kanninchen sitzt wohl eher nicht unter dem Zylinder von Markus Vogt. Witz und Ernsthaftigkeit sind darunter aber durchaus zu finden. Bild: Markus Vogt

Studentenfutter: Was und wen möchtest du mit deiner Satire erreichen?

Markus Vogt: Wenn es ein Ziel gibt, dann besteht es darin, über manche politische Themen aufzurütteln und eine andere politische Kommunikation zu schaffen. Ich habe es dabei nicht auf eine spezielle Zielgruppe abgesehen. Es ist schon gut, wenn nur diejenigen erreicht werden, die selbst in der Partei „die PARTEI“ sind. Wenn man noch mehr Leute erreicht, ist es natürlich noch besser. Selbst wenn eine Rede von einem der Grünen, der SPD oder der Linken inhaltlich gut ist, hat man danach oft das Gefühl, das war jetzt eigentlich stinklangweilig. Wenn jemand von der Partei „die PARTEI“ eine Rede hält, dann ist es viel lustiger und begeisternder, auch wenn derjenige manchmal vielleicht sogar das Gleiche sagt.

Studentenfutter: Wie lange gibt es Häns Dämpf eigentlich schon und unter welchen Umständen ist der Charakter entstanden?

Markus Vogt: Eigentlich hat es damit angefangen, dass ich eine Grunge-Band hatte. Da war dann aber irgendwann die Luft raus, etwa zu Beginn meines Studiums 2006. Deshalb habe ich überlegt, etwas ganz Eigenes zu machen. Das waren zunächst ein paar einzelne Auftritte, danach hatte ich mit Häns Dämpf meine eigene Band. Häns Dämpf war also zuerst ein musikalisches Projekt. Nach dem Studium, als es mit der Häns-Dämpf-Bänd nicht so richtig weiterging, habe ich Pause gemacht und die „Häns-Dämpf-Sache“ ist in die Politik „hineingewankt“.

Markus Vogt
Bild: Markus Vogt

Studentenfutter: Manchmal hat man den Eindruck, Satire klagt nur Missstände an, liefert aber keine konkreten Lösungsansätze. Wie siehst du das?

Markus Vogt: Das ist auch so. Aber das ist meiner Meinung nach nichts Schlimmes. Satire ist erst mal destruktiv. Wobei man eigentlich in der ganzen Politik destruktiv arbeitet, und wenn wir von Der Partei noch destruktiver arbeiten, dann verschlechtert das erstmal nichts.

Studentenfutter: Was meinst du mit der Aussage, in der ganzen Politik arbeite man destruktiv?

Markus Vogt: Man macht sich öffentlich gegenseitig fertig, und dann überlegt man sich im Hinterzimmer, wie man den Schaden wieder zusammenflickt. Manchmal macht man sich sogar gegenseitig fertig, obwohl man eigentlich gar keinen Dissens hat. Gerade zu Zeit der großen Koalition ist das oft so. Man versucht öffentlich irgendwelche Unterschiede herzustellen, die es aber in Wirklichkeit gar nicht mehr gibt, wie zum Beispiel zwischen der SPD und der CDU.

Bild: Markus Vogt
Bild: Markus Vogt

Politiker, Musiker, Philosoph, Moderator, Gedankenverkäufer, Lexikonverfasser und Satiriker. 30 Jahre alt. Der Tübinger Markus Vogt alias Häns Dämpf hat viele Facetten. Er studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Heute ist er im Tübinger Stadtrat und stellvertretender Landesvorsitzender der Partei die PARTEI Baden-Württemberg. Vor seiner politischen Karriere war er vor allem als Musiker unter dem Namen Häns Dämpf für Songs wie Wulle wulle Schinkenspeck” und sein Album „Endlich Mainstream“ bekannt. Schon während seiner Schulzeit war er Gitarrist in einer Grunge-Band – eine Musikrichtung zwischen Punkrock und Heavy Metal, deren wohl bekanntester Vertreter Kurt Cobain von Nirvana darstellt. Nebenbei bietet er philosophische Überlegungen in seinem Gedankenshop an und betreibt ein Onlinelexikon der Philosophie.

Studentenfutter: Laut  US-Studien sind Zuschauer von Satiresendungen besser über Themen wie beispielsweise die Finanzierung der US-Wahlkampfkampagnen informiert als Zuschauer der normalen Nachrichten. Meinst du, so etwas trifft auf deutsche Zuschauer auch zu?

Markus Vogt: In Amerika kenn ich mich nicht so gut aus, aber in Deutschland ist es schon so. Ich mache es manchmal auch selbst so: Wenn ich nicht genug Zeit habe, die Nachrichten zu gucken, dann schau ich mir die „Heute-Show“ an und bin dadurch auch ziemlich gut informiert. Oder „Die Anstalt“, die guck ich zwar nicht so oft, aber Menschen können sich durch solche Shows auch informieren. Das wirft natürlich auch ein Schlaglicht auf die normalen Medien. Ich hätte nichts dagegen, wenn die „Heute Show“ beispielsweise jeden Tag kommen würde. Die Einschaltquoten wären, denke ich, gut und die Menschen könnten sich dann noch besser informieren. Und genau das ist der Punkt! Demokratie funktioniert nicht so gut, wenn die Menschen weggucken, sondern wenn sie hingucken! Und wenn man etwas macht, sei‘s etwas Provokatives oder auch etwas Lustiges, dann bekommt man eine gewisse Aufmerksamkeit und man kommt mit den Menschen ins Gespräch. Satire schafft also eine neue politische Kommunikation.

Studentenfutter: Satiremagazine wie Der Postillon sind gerade in sozialen Netzwerken wie Facebook in letzter Zeit unglaublich beliebt. Woher, glaubst du, kommt dieser Erfolg?

Markus Vogt: Ja, Der Postillon soll jetzt tatsächlich eine Reichweite wie die Bildzeitung haben. Das ist schon erstaunlich. In Bezug auf die Medienkritik glaube ich allerdings nicht, dass die Standardmedien so viel schlechter geworden sind in den letzten Jahren. Eher kann es vielleicht sein, dass die Arbeit, die da gemacht wird, zwar weiterhin gut ist, die Leute aber einfach vom Schreibstil her etwas anderes erwarten. Die in die rechte Richtung gehende Medienkritik mit „Lügenpresse“ und solchen Begriffen mag ich jedenfalls nicht. Manchmal sind die Medien vielleicht ein bisschen schnell. Gerade Onlinenachrichtenseiten müssen natürlich eine hohe Klickrate erreichen, wodurch auf die Schnelle manchmal etwas oberflächlich gerät. Aber grundsätzlich glaube ich nicht, dass da Leute sitzen, die grundsätzlich falsch recherchieren – im Gegenteil, sie sind hilfreich.

Studentenfutter: Ist es eigentlich anstrengend, Häns Dämpf zu sein?

Markus Vogt: Ich würde gar nicht sagen, dass es zwischen Häns Dämpf und Markus Vogt so einen großen Unterschied gibt. Im Stadtrat zum Beispiel stelle ich Fragen zu allem, was mich interessiert. Nur manchmal haben diese Fragen dann auch einen satirischen Touch. Es geht bei der Satire auch gar nicht darum, dass man immer aus allem irgendetwas Lustiges macht, das ist gar nicht so wichtig. Sondern es geht darum, dass man aggressiv reingrätscht, wenn etwas wirklich wichtig ist. Da muss man dann wirklich auch aggressiv Satire machen, aber das muss man nicht immer. Man kann auch ganz normale Fragen stellen. Und man sollte Satire nicht damit verwechseln, dass man pauschal alles ironisiert, darum geht’s gar nicht.

Studentenfutter: Man hört ja immer viel von der Politikverdrossenheit. Gibt es die überhaupt und kann Satire dagegen helfen?

Markus Vogt: Ich empfinde dieses Politikverdrossenheitsargument als populistisch. Wenn Leute von Politikverdrossenheit sprechen, dann ist das schon eine politische Aussage und damit sind sie eigentlich schon wieder nicht politikverdrossen. Die Menschen sind vielleicht unzufrieden mit den Parteien, die sie gerade wählen, aber nicht allgemein politikverdrossen. Ich glaube aber schon, dass Die Partei „die PARTEI“ etwas gegen Politikverdrossenheit tun kann. Wir treten jetzt beispielsweise immer bei Bürgermeisterwahlen an, bei denen sonst niemand antritt, um den Leuten eine Alternative oder zumindest mal einen Konkurrenzkampf zum amtierenden Bürgermeister zu bieten. Ich würde natürlich jedem, der generell politikverdrossen ist, empfehlen, in „die PARTEI“ einzutreten. Da bin ich natürlich sehr parteiisch. Das Beste, um etwas gegen Politikverdrossenheit zu tun, ist jedenfalls, irgendwo beizutreten – nicht nur in Parteien, sondern auch in soziale Organisationen. Dann kann man nämlich etwas verändern. So wie man, wenn man unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen ist, ja auch in eine Gewerkschaft eintritt. Das Gleiche würde ich den Politikverdrossenen empfehlen.

 

Miriam Plappert

Miriam Plappert studiert Biologie. Für ihre Bachelorarbeit trainierte sie schwach elektrische Fische und erforschte, welche elektrischen Frequenzen sie wahrnehmen können. Bei Studentenfutter nutzte sie die Gelegenheit, mal andere Themen zu futtern, und beschäftigte sich ausführlich mit der Satire.