Ist vegane Ernährung “artgerecht” ?

Kaum ein anderer Ernährungstrend ist so umstritten wie der Veganismus. „Ja zum Tierschutz“, sagen die Befürworter¸. „Nein zu Mangelerscheinungen“ die Gegner. Doch was sagen Experten dazu? Ernährungswissenschaftler Hans Konrad Biesalski und Evolutionsforscher Josef Reichholf nehmen Stellung.
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Gemüse oder Fleisch? Hier scheiden sich die Geister. Bilder: CC0 / Pixabay

Vegane Ernährung liegt im Trend. Kein Fleisch, keine Milch, keine Eier und auch nichts, was aus einem dieser Produkte hergestellt wird. Besonders in großen Städten tendieren immer mehr Menschen dazu, sich fleischlos oder gänzlich ohne tierische Produkte zu ernähren. Einige gehen sogar noch weiter und üben nicht nur bei der Nahrung Verzicht, sondern achten auch darauf, dass in ihrer Kleidung kein Tierfell, Leder oder ähnliches enthalten ist.

Obwohl der Trend zum Veganismus von Ernährungsexperten als fragwürdig eingeschätzt wird, wächst die Zahl der Anhänger weiter. Laut dem IfD Allensbach bezeichnen sich 2015 rund 850.000 Deutsche als Veganer, was einen Bevölkerungsanteil von 1,2 Prozent ausmacht. Gemeinsam mit den Vegetariern, bringen sie es immerhin auf einen Anteil von neun Prozent. International belegt Deutschland damit Platz drei der Länder, mit dem höchsten Anteil an Veganern und Vegetariern nach Indien und Taiwan. Als Gründe für die „tierlose“ Ernährung nennen laut einer Forsa-Umfrage 34 Prozent der 378 befragten Menschen, dass ihnen die Produkte einfach nicht schmecken, ebenso viele argumentieren aber mit der qualvollen Tierhaltung, die sie durch ihre Ernährung nicht weiter unterstützen wollen.

Massentierhaltung bei Hühnern – alles andere als artgerecht. Bild: CC-BY-SA GULLI.ver / Wikimedia Commons

Zwar werden für Eier und Milch keine Tiere getötet, doch auch Legehennen und Milchkühe leben oftmals unter Bedingungen, die alles andere als artgerecht sind. Auf kleinsten Flächen zusammengepfercht, können die Hühner nicht ihren arttypischen Beschäftigungen wie dem Scharren nachkommen, picken sich gegenseitig die Federn aus und verkümmern nach und nach. Und auch Kühe müssen mitunter regelrechte Qualen hinnehmen, damit sie genügend Milch geben: Kleine Ställe, künstliche Befruchtungen und die Wegnahme des Kalbs direkt nach der Geburt – unter diesen Umständen leben die Kühe maximal fünf Jahre, bis die ausgezehrten Tiere schließlich geschlachtet werden müssen.

Um diese Ausbeutung der Tiere nicht weiter zu unterstützen und ein Zeichen dagegen zu setzen, verzichten die Veganer lieber gänzlich auf tierische Produkte, mitunter ohne dabei über mögliche Folgen für die eigene Gesundheit nachzudenken. Doch entspricht dieser Ernährungstrend überhaupt der Natur des Menschen? Oder schadet sich der Mensch beim Versuch, den Tieren etwas Gutes zu tun, am Ende selbst?

Evolution ohne Fleischkonsum? Undenkbar.

Bereits in frühen Phasen seiner Evolution begann der Mensch, zusätzlich zur pflanzlichen Kost, auch Fleisch und tierische Produkte zu verzehren. Für die menschliche Weiterentwicklung war diese Ernährungsform gleich in mehrfacher Hinsicht ausschlaggebend: Zum Einen sicherte das breite Spektrum an Nahrungsmitteln das Überleben an den verschiedensten Orten, zum Anderen begünstigten die Proteine in der tierischen Kost die Entwicklung des menschlichen Gehirns, weiß Evolutionsforscher und Buchautor Josef H. Reichholf. Aber wie hätte sich der Mensch entwickelt, wenn er schon in Urzeiten auf „Tierisches“ verzichtet hätte? „Ziemlich sicher gar nicht“, betont Reichholf. „Die natürliche pflanzliche Nahrung gibt nicht genügend Proteine her, die für die Bildung des großen Gehirns notwendig sind. Wir sehen das ja bei den existierenden großen Primaten, zum Beispiel beim Orang Utan, der sich ausschließlich pflanzlich ernährt. Er ist seit Millionen von Jahren, in denen die Menschwerdung stattgefunden hat, Orang-Utan geblieben und hat sich nicht wesentlich verändert“, erklärt der Evolutionsforscher.

Schon der Aufbau des menschlichen Gebisses und des Verdauungstraktes spricht dafür, dass der Mensch ein Omnivore, also ein Allesfresser ist. Im Unterschied zu Carnivoren, also Fleischfressern und Herbivoren, den reinen Pflanzenfressern, besitzt das menschliche Gebiss sowohl scharfkantige Schneide- und Eckzähne, zum Zerteilen und Zerreißen von Fleisch, als auch abgeflachte Backenzähne, die zum Zermahlen von pflanzlicher Nahrung dienen.

Auch der Verdauungstrakt des Menschen besitzt typische Merkmale der Fleisch- und der Pflanzenesser. Er stellt sozusagen einen Mittelweg zwischen dem sehr langen Darm der Herbivoren und dem – in Relation zu der Körperlänge – kurzen Verdauungstrakt der Carnivoren dar. Auch hinsichtlich der Verwertung von Nährstoffen ist der Mensch auf eine omnivore Ernährung ausgelegt, da die Aufnahme von rein pflanzlichen Nährstoffen sehr viel komplexere Verdauungsstrukturen erfordern würde, als der Mensch sie besitzt. Zudem bietet eine omnivore Ernährung eine größere Vielfalt an Nährstoffen, die die Entwicklung des Menschen vorantrieben.

Ein wichtiger Nährstoff, der nur in tierischen Produkten enthalten ist, ist das Vitamin B12, welches für die Blutbildung und etliche Prozesse im zentralen Nervensystem benötigt wird. Ohne Nahrungsergänzungsmittel können Veganer schnell einen Mangel an diesem Nährstoff bekommen. Dabei kann gerade fehlendes Vitamin B12 gravierende Wirkungen haben: „Bei einer dauerhaften Unterversorgung mit Vitamin B12 kann es zu neurologischen Veränderungen, mit Einschränkungen der kognitiven, wie physischen Fähigkeiten kommen“, meint Prof. Hans Konrad Biesalski, Leiter des ernährungswissenschaftlichen Instituts Hohenheim.

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Ersetzen Tabletten eine ausgewogene Ernährung? Bild: CC0 / Pixabay

Insbesondere für schwangere Frauen und Kinder seien viele Nährstoffe aus tierischen Produkten wichtig für eine gesunde Entwicklung, erklärt Josef Reichholf.: „Auch bei einer ausgewogenen, veganen Ernährung gibt es für junge Frauen Schwierigkeiten überhaupt fruchtbar zu werden, und bei Kindern, sich gut zu entwickeln. Es bleibt – in der Schwangerschaft und Kindheit – nur relativ wenig Zeit, den Körper mit regelrechten Proteinstößen für das Wachstum zu versorgen und das ist kaum möglich mit rein pflanzlichen Proteinen, da unser Verdauungstrakt anders arbeitet, als beispielsweise bei Pferden oder Rindern.“ Das eigentliche Problem bestehe insbesondere darin, dass Frauen es nicht merkten, wenn zu Beginn einer Schwangerschaft etwas schief ginge, weil der Abgang eines befruchteten Eis oder kleinen Embryos kaum merkbar sei, erläutert er. „Wenn der Körper nur ein bisschen unter der Schwelle ist, die als Kondition notwendig ist für eine Schwangerschaft, dann signalisiert er, ohne dass die betreffende Frau es merkt „es geht nicht“ und dann kommt es zum Abbruch. Das ist eine schwerwiegende Problematik, die gerade bei den Schwangerschaften eine große Rolle spielt“, meint der Evolutionsforscher.

“Veganismus wird weiter Nischendasein führen”

Doch nicht nur Vitamin B12, sondern auch Zink, Eisen, Folsäure und die Vitamine A und D können dem Körper bei veganer Ernährung auf Dauer ausgehen. Zwar gibt es mittlerweile genügend Nahrungsergänzungsmittel, die speziell auf die Bedürfnisse von Vegetariern und Veganern zugeschnitten sind und deren Vitamine identisch mit den in der Natur vorkommenden sind, dennoch sieht Hans Konrad Biesalski die vegane Ernährungsform kritisch: „Kurzfristig ist eine vegane Ernährung ohne Ergänzungsmittel kein Problem, mittel, – und langfristig aber schon.“ Und obwohl die Bioverfügbarkeit von Nährstoffen in Nahrungsergänzungsmitteln zum Teil sogar besser ist, als aus natürlichen Lebensmitteln, spricht er sich gegen die Helferchen aus den Supermarktregalen aus: „Es heißt ja Nahrung ergänzen und nicht ersetzen.“

In den Medien ist oftmals zu lesen, dass Veganer weniger an sogenannten „Volkskrankheiten“ wie Bluthochdruck oder Diabetes leiden. Laut Biesalski ist das aber eher auf den insgesamt gesünderen Lebensstil von Veganern zurückzuführen, die in vielen Fällen beispielsweise auch keinen Alkohol konsumieren, als auf deren Verzicht auf tierische Produkte. Für den Ernährungswissenschaftler ist eine ausgewogene Mischkost die gesündeste Form der Ernährung. „Auch eine klug gewählte vegetarische Ernährung mit ausreichend tierischen Produkten und wenn es in den Plan passt, auch Fisch, kann durchaus gesund sein und auch in der Schwangerschaft eingehalten werden. Problem ist meist Folsäure und Eisen, dies sollte geprüft werden.“

Doch wie können Tierschützer ein Zeichen gegen die Ausbeutung von Tieren setzen, wenn nicht durch den kompletten Verzicht auf tierische Produkte? Als Alternative sieht Biesalski eine ausgewogene vegetarische Ernährung und Produkte aus artgerechter Tierhaltung – auch wenn diese etwas teurer sind. „Man darf auch nicht jedem Veganer-Versprechen glauben, es ist eben auch ein Geschäftsmodell“, meint der Leiter des ernährungswissenschaftlichen Instituts in Hohenheim. Evolutionsforscher Reichholf sieht den Veganismus auch in Zukunft eher als marginalen Trend. „Es wird weiter ein Nischendasein führen, weil die menschliche Neigung zu Fleisch sehr groß ist. Das bezeugen die neuen Entwicklungen in Kulturen, in denen aus religiösen Gründen, oder weil man es sich nicht leisten konnte, wenig Fleisch gegessen wurde. In Indien oder China wird gegenwärtig immer mehr Fleisch gegessen“, erklärt er.

Milch-Jogurt-Früchte
Eine gesunde Mischung: Milchprodukte und Gemüse. Bild: Public Domain / Wikimedia Commons

Obwohl beide Wissenschaftler sich einig sind, dass die Gesellschaft von dem extrem hohen Fleischkonsum wegkommen muss, sehen sie Veganismus keinesfalls als „artgerechte“ Form der Ernährung: „Es ist eine Ernährungsform, von der wir nicht alles bekommen, was wir brauchen“, “, argumentiert Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski. „Auf Dauer ist Veganismus extrem ungesund, das sieht man in Entwicklungsländern, in denen die Menschen gezwungen sind, sich vegan zu ernähren: Besonders die Frauen und Kinder dort sind schwer mangelernährt.“, ergänzt er. Sogar als einen Rückschritt bezeichnet der Ernährungswissenschaftler das vegane Modell: „Wir hatten noch nie eine so gute Möglichkeit, uns ausgewogen und dauerhaft gesund zu ernähren. Warum sollten wir also auf Ernährungsformen zurückgreifen, die langfristig krank machen können?!“, fragt er sich. Und auch Reichholf sieht den Veganismus kritisch, auch wenn er die Verwendung des Begriffs „artgerecht“ in unserer heutigen Welt als schwierig empfindet – zu sehr hat der Mensch sich von der Natur entfernt: „Im Hinblick auf den Verdauungstrakt ist Fleischkonsum in Maßen artgerechter als vegane Ernährung, weil rein pflanzliche Ernährung kompliziertere Strukturen im Darm erfordert“.
So nachvollziehbar und edel der Gedanke einer veganen Ernährung auch sein mag – laut den Experten tut sich der Mensch damit keinesfalls nur Gutes. Bewusster Konsum von Fleisch und tierischen Produkten, anstatt Verzicht: Zum Wohle der tierischen und der menschlichen Gesundheit.

Bianca Jennifer Rousek

Bianca Rousek ist 22 Jahre alt und studierte Soziologie an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Nachdem sie bereits längere Zeit als freie Mitarbeiterin bei einer Tageszeitung tätig war, gab ihr das Seminar eine Möglichkeit, eine andere Seite des Journalismus kennenzulernen. In ihrer Freizeit verbringt Bianca viel Zeit in ihrem Akkordeon-Verein, dem sie schon seit ihrer Kindheit angehört. Eine besondere Vorliebe hegt sie außerdem für Hunde.

2 thoughts on “Ist vegane Ernährung “artgerecht” ?

  1. Ich freue mich, dass dieses interessante Thema aufgegriffen wurde. Allerdings ist der Artikel ziemlich einseitig – was wohl vor allem durch die Auswahl der beiden Interviewpartner zustande kommt. Sowohl die deutsche Gesellschaft für Ernährung als auch ihr amerikanisches Pendant, die FDA, haben ihre Empfehlungen mittlerweile dahingehend geändert, dass sie eine ausgewogene vegetarische und auch vegane Ernähung für alle Lebensphasen inklusive Schwangerschaft und Stillzeit für geeignet erklären. Auch viele Ärzte und Ernährungswissenschaftler vertreten diese Ansicht. Als Experten für die Thematik kann ich beispielsweise Claus Leitzmann empfehlen, einen emeritierten Professor der Universität Gießen.

    1. Hallo Maren,
      naja ich weiß nicht, was du mit einseitig meinst – einseitig wäre es gewesen, wenn ich einen Metzger und einen Fleischliebhaber befragt hätte. Aber es waren zwei völlig neutrale Personen, die ich unabhängig voneinander, mehr oder weniger durch Zufall ausgewählt habe und die sich sehr gut mit der Materie auskennen, weil es ihr täglich Brot ist.
      Grüße,
      Bianca Rousek

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