Engagier dich, wenn du klug genug bist!

In Deutschland gibt es ein großes staatliches Stipendienwesen. Das kommt vor allem den privilegierten Studierenden zugute. Und das ist nicht gerecht.
Im Hörsaal sind nicht alle gleich. Bild: CC-BY-SA Trexer / Wikimedia Commons

Was macht man mit Studierenden, die reiche Eltern haben und klug sind? Der deutsche Staat antwortet darauf: Noch mehr Geld und noch mehr Bildung. Das lässt sich die Gesellschaft jedes Jahr rund 200 Millionen Euro kosten.

Das Bildungsministerium gibt das Geld. Dreizehn Stiftungen geben das Geld weiter an ihre Stipendiaten. Diese Stiftungen sind die parteinahen Stiftungen der großen Parteien, Stiftungen der größten Religionen in Deutschland, eine Stiftung der Gewerkschaften und eine der Arbeitgeber. Und die größte, die Studienstiftung des deutschen Volkes, die sich als weltanschaulich unabhängige bezeichnet. Die Stiftungen sollen also die gesellschaftlichen Strömungen abbilden. Die

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Logo: Studienstiftung des deutschen Volkes

Stipendiaten bekommen jeden Monat 300 Euro, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten. Außerdem können sie sich für ein Lebenshaltungsstipendium bewerben. Der Betrag entspricht dem, was sie an Bafög bekommen würden. Zurückzahlen müssen sie das jedoch nicht. Maximal können sie also auf 897 Euro kommen.

Das ist sozial nicht gerecht, weil die Stipendiaten häufig aus bildungsnahen Elternhäusern kommen. Von den Stipendiaten der Studienstiftung bekommen 40 Prozent noch ein Lebenshaltungsstipendium. 60 Prozent also lassen das gar nicht erst berechnen, obwohl sie das Geld geschenkt bekommen, oder haben zu reiche Eltern, um Bafög zu bekommen. Von denen, die dann doch was bekommen, bekommt nur etwa ein Drittel den Höchstsatz. Zum Vergleich: Unter den gewöhnlichen Bafög-Empfängern erhalten 50 Prozent den Höchstsatz. Die Zahlen lassen sich nur bedingt vergleichen, weil sich Studenten natürlich viel eher um Geld bewerben, wenn sie das nicht zurückzahlen müssen. Trotzdem ist das ein Indiz dafür, dass die Stipendiaten ohnehin schon wohlhabender sind als der Rest der Studierenden. Die Sozialerhebung zeigt außerdem: Die Eltern der Stipendiaten haben häufiger studiert als der durchschnittliche Student.

Die Studienstiftung versucht gegenzusteuern. Sie hat ihr Auswahlverfahren untersuchen lassen. Sie ermöglicht seit einigen Jahren eine Selbstbewerbung. Davor konnte man nur auf Vorschlag seines Schulleiters oder eines Professors aufgenommen werden. Der Migrantenanteil steigt seit einigen Jahren. Und sie sagt selbst, dass sie die Kommissionen, die die Stipendiaten auswählen, dafür sensibilisieren will.

Vielleicht ist das Finanzielle aber nicht mal das Hauptproblem. Denn was macht das mit den Stipendiaten? Sie beginnen zu glauben, dass sie etwas Besonderes sind, entwickeln ein Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der Erfolgreichen. Sie müssen nicht, wie so viele ihrer Mitstudenten nebenher arbeiten. Sie haben deshalb mehr Zeit und werden besonders dazu ermuntert, sich zu engagieren. Damit haben aber vor allem die Studenten, denen das Leben gelingt, Zeit sich umzuschauen, sich weiterzubilden, ihr Umfeld zu gestalten. Nicht die Benachteiligten bringen sich ein und entwickeln Lösungen für die Probleme, die sie sehen und die sie betreffen. Sondern die Geförderten machen Hochschulpolitik, gründen Initiativen und bauen Netzwerke auf.

So produziert die Begabtenförderung eine Gesellschaft, die die “Begabten” gestalten und nicht die Benachteiligten oder Betroffenen. Habe nur dann den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen, wenn du klug genug bist.

Gustav Theile

Gustav studiert im Bachelor Wirtschaft, Politik, Literatur und Koeranistik in Tübingen. Irgendwann wird er damit mal fertig sein. Er engagiert sich für mehr Vielfalt in den Wirtschaftswissenschaften in Tübingen und international. Im Studentenfutter befasst er sich mit dem Stipendienwesen in Deutschland und fragt sich, warum die gefördert werden, die sowieso schon privilegiert sind.