Am Anfang war das Wort: Wie Sprache Rassismus schafft

Nicht nur die Sprache rechter Aktivisten und Autoren verrät rassistische Einstellungen. Vorurteile und Diskriminierungen stecken auch im Programm der Deutschen Islamkonferenz und in Begriffen wie „Toleranz“.
Ist Pegida das Volk? Die Bewegung bedient sich fragwürdiger Slogans. Bild: CC-BY-SA Kalispera Dell / Wikimedia Commons

„Flüchtling“ ist Wort des Jahres 2015. In diesem Jahr prägte das Thema Flucht ganz Deutschland. Auch Wolfgang Schäuble sprach davon. Er verglich die aktuellen Fluchtbewegungen mit Lawinen. Flüchtlinge wurden also mit unkontrollierbaren Massen gleichgesetzt, die eine Gefahr für die Gesellschaft sind. Schäubles Wortwahl erntete viel Kritik.

Doch warum ist es so wichtig, wie wir unsere Sprache gestalten? Warum müssen wir „unsere Begriffe immer wieder reflektieren“? Dies fordert Dr. Safiye Yıldız vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen. Kann Sprache Rassismus schaffen und aufrechterhalten?

Viele Wissenschaftler, darunter der französische Philosoph Michel Foucault, beschäftigten sich mit der Wirkung von Sprache. Foucault (1926-1984) verwendet den Begriff des „Diskurses“. Ein Diskurs ist vereinfacht das, was in der öffentlichen Diskussion über ein bestimmtes Thema gesagt und geschrieben wird. Ausländer- und Flüchtlingsdiskurse sind Beispiele dafür.

Allerdings wird in Diskursen die Realität nicht so abgebildet, wie sie ist. Diskurse sind „Praktiken“, die die Gegenstände, über die sie sprechen, erst bilden, so Foucault. Eine Schlussfolgerung dieser Annahme ist: Rassen, Ausländer und Nationen existieren nicht von Natur aus, diese Phänomene wurden und werden erst durch den Menschen geschaffen. Foucault sieht einen Zusammenhang zwischen Sprache und Macht: Wer sprechen darf, bestimmt bis zu einem gewissen Grad, wie die Öffentlichkeit denkt. Laut Foucault bleiben Diskurse nicht folgenlos, sondern nehmen in Institutionen und bestimmten Verhaltensmustern Gestalt an.

Safiye Yıldız: „Rassen gibt es nicht, Rassismus wohl“

Theorien wie die von Foucault wendet Safiye Yıldız auf Begriffe wie „Rasse“ und Rassismus an. Sie klärt auf: „Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass es keine rassischen Unterschiede gibt, wenn wir von Menschen reden. Es ist empirisch widerlegt, dass es ‚Rassen‘ gibt.“ Heute sprechen wir dennoch von Rassismus. Dieser basiert aber nicht zwangsläufig auf „Rassen“, sondern auf verschiedenen Eigenschaften, die Menschen zugeschrieben werden und sie so als „anders“ markieren, so Yıldız weiter: „Bei Rassismus handelt es sich um Unterscheidungspraxen. Man kann von kulturellem Rassismus oder von Rassismus anhand der Religion, beispielsweise von Antisemitismus, reden. Eine bestimmte Forschungsrichtung, die Kritische Weißseinsforschung, beschäftigt sich mit einem Rassismus, der zwischen Menschen mit schwarzer und nichtschwarzer Hautfarbe unterscheidet. Somit gibt es nicht einen Rassismus, sondern verschiedene Formen von Rassismus.“

Die Grundlage von Rassismus ist also, dass durch Unterscheidungspraxen eine Trennung zwischen zwei Gruppen geschaffen bzw. konstruiert wird. Ein grundlegendes Werkzeug dafür ist die Sprache als Kommunikationsmedium des Menschen. „Begriffe erzeugen Differenzen“, erklärt Yıldız. So unterschiedliche Denker wie Hippokrates, Thilo Sarrazin und Wolfgang Schäuble schaffen mit ihren Aussagen zwei Gruppen, die hierarchisch geordnet und somit Ausgangspunkt für Rassismus werden. Dabei lässt sich heute beobachten, dass aus einem biologischen oft ein kultureller Rassismus wird – Begriffe wie „New racism“, „kultureller Rassismus“ oder „Rassismus ohne Rassen“ verdeutlichen dies.

Hippokrates: „Das Klima macht die Menschen verschieden“

Der berühmte griechische Arzt Hippokrates, der von 460 bis 370 vor Christus lebte, ging beispielsweise von biologischen und klimatischen Bedingungen aus, die die Menschen hierarchisieren. In seiner Schrift „Über die Umwelt“ behauptet er, dass europäische Menschen durch das wechselhafte Klima in Europa eine günstigere körperliche Gestalt, „geistige Beweglichkeit“, Tapferkeit und Freiheitsliebe erlangt hätten. Im Gegensatz dazu seien Menschen in Asien träge, ängstlich und bereit, sich Despoten zu unterwerfen, was wiederum auf das gleichmäßige asiatische Klima zurückzuführen sei.

Der Volkswirt und ehemalige SPD-Politiker Thilo Sarrazin schreckt in seinem Buch „Europa braucht den Euro nicht“ nicht davor zurück, die unterschiedliche wirtschaftliche Leistung der europäischen Länder ebenfalls auf das Klima zurückzuführen. Es wird deutlich, dass die Klimatheorie von Anfang an dazu diente, gegensätzliche, nicht gleichgestellte Gruppen zu konstruieren. Ebenso wie „freiheitsliebend“ und „bereit zur Unterwerfung“ konnte man in der Antike „Hellenen“ und „Barbaren“ gegenüberstellen. So wurde ein Herrschaftsanspruch der „Hellenen“ über die „Barbaren“ legitimiert. „Diese Unterscheidung hat zur Folge, dass eine Gruppe privilegiert wird, mehr Ressourcen zuerkannt bekommt, als die Gruppe, die als die ‚anderen‘ definiert wird“, drückt es Yıldız aus.

Für Rassismus ist es nicht ausreichend, dass zwei Gruppen bzw. Rassen konstruiert werden. Die Gruppe, die als die andere definiert wird, muss mit negativen Eigenschaften versehen werden. Nichts anderes passierte im Vorfeld des Kolonialismus. Zwischen den „zivilisierten Weißen“ und den „schwarzen Barbaren“ wurde eine Grenze gezogen, verbunden mit der angeblichen Mission europäischer Mächte, diese Menschen zu zivilisieren.

Thilo Sarrazin: „Muslimische Einwanderer sind weniger intelligent“

Dieses Muster ist fortwährend zu beobachten, auch beim neuen, kulturellen Rassismus. Thilo Sarrazin kategorisiert und hierarchisiert Menschen ebenso. In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ sind es vor allem muslimische MigrantInnen, denen er bestimmte Eigenschaften zuschreibt: niedrigerer IQ, schlechtes Sozialverhalten, höhere Kriminalitätsrate, vermehrter Empfang von Transferleistungen und eine unbedeutende gesellschaftliche Rolle. „Eine große Anzahl an Arabern und Türken hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel.“

Durch die Betonung von – meist empirisch nicht belegten – Eigenschaften konstruiert Sarrazin eine Gruppe, der er die produktive Elite der deutschen AkademikerInnen gegenüberstellt. Muslimische MigrantInnen, die Sarrazin fälschlicherweise als weitgehend homogene Gruppe versteht, stellen aus seiner Sicht eine Gefahr dar. Sie weisen ihm zufolge einen niedrigeren IQ, aber eine höhere Geburtenrate als die „Elite“ auf. Dadurch würden sie die Intelligenz der gesamtdeutschen Gesellschaft gefährden, folgert Sarrazin.

In seinen Aussagen ist neben den Feindbildern auch eine verbale Aggression gegenüber der beschriebenen Gruppe zu erkennen: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ Es bleibt unklar, wie die verweigerte „Anerkennung“ aussehen würde, aber den Aussagen folgen klare Forderungen: Einwanderung bremsen und die sozialen Sicherungssysteme zu Lasten der MigrantInnen und zugunsten der „Elite“ umgestalten. Es soll Anreize für Akademikerinnen geben, Kinder zu gebären – eine klar rassistische Haltung, die Vorteile für eine angeblich überlegene Gruppe schaffen soll.

Es ist auch nicht zu übersehen, dass er Probleme wie schlechtere Bildungsabschlüsse unter MigrantInnen auf biologische und kulturelle Gründe zurückführt statt auf fehlende soziale Gerechtigkeit. Soziale Probleme werden „ethnisiert“. „Die Sarrazin-Debatte ist ein Beispiel dafür, wie sich heutzutage kulturrassistische Tendenzen ausbreiten“, kommentiert Yıldız.

Wolfgang Schäuble: „Die Probleme lösen“

Rassistische Haltungen sind allerdings oft auch versteckt. Seit 2006 gibt es die Deutsche Islamkonferenz (DIK). Sie hat nach eigenen Angaben das Ziel, den Dialog zwischen MuslimInnen und Vertretern des Staates und die Integration der MuslimInnen in Deutschland zu verbessern. Die zentralen Felder, mit denen sich einzelne Arbeitsgruppen der DIK intensiver beschäftigen, sind: Verbesserung der institutionellen Kooperation und Integration, Förderung von Geschlechtergerechtigkeit und Abwehr von Extremismus, Radikalisierung und sozialer Polarisation.

Anlässlich der Gründung der DIK sagte der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble: „Um Perspektiven für die gemeinsame Zukunft zu schaffen, müssen wir versuchen, die Probleme zu lösen, die das Zusammenleben mit Muslimen in unserem Land belasten: Religionsunterricht in Koranschulen und an staatlichen Schulen, Kopftuch, Imam-Ausbildung, die Rolle der Frauen und Mädchen, das Schächten – um nur ein paar Stichworte zu nennen.“ Es ist offensichtlich, dass die Präsenz der Muslime hauptsächlich mit Problemen verknüpft wird.

Die Existenz der DIK lässt bei genauerem Hinsehen Parallelen zum „Orientalismus“ erkennen. Der Literaturtheoretiker Edward Said (1935-2003) behauptet in seinem Buch „Orientalismus“, die europäische Orientalistik bzw. Islamwissenschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts habe ein Bild des Orients geschaffen, das stark vereinfacht war und den „triebgesteuerten Orient“ als Gegenpol zum „aufgeklärten Westen“ darstellte.

Tatsächlich ist ein noch heute sehr häufig reproduziertes Bild das der muslimischen Frau als Opfer. Impliziert wird, dass patriarchale Muslime und der patriarchale Islam ein Gegenpol zur deutschen Wirklichkeit sind, die frei von solchen Problemen sei. Entsprechend wird der Arbeitsbereich der DIK, der sich mit Geschlechterrollen beschäftigt, mit folgenden Wörtern beschrieben: „Geschlechtergerechtigkeit als gemeinsamen Wert leben“. Die Annahme ist: Der Wert existiere bei „Deutschen“ bereits, müsse aber von Muslimen noch angenommen werden.

Weitere Eigenschaften, die hierzulande lebenden MuslimInnen oft zugeschrieben werden, sind: Vor allem junge muslimische Männer seien Antisemiten und MuslimInnen seien allgemein nicht in der Lage, die Trennung von Staat und Religion zu akzeptieren. „Vieles beruht nicht auf realen Verhältnissen, sondern es sind politisch geführte Diskurse, die diese Menschen abwerten und Rassismus schüren“, sagt Yıldız.

Johann Wolfgang Goethe: „Der Orient ist kein Gegenbild zum Westen”

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Ein Zeichen gegen den Rassismus – beim australischen Harmony Day sprechen junge Menschen miteinander und nicht übereinander. Bild: CC BY DIAC images / Wikimedia Commons

Die zentrale Aussage ist dabei: Phänomene wie „Patriarchalismus“ gibt es nur als Gegensätze zur deutschen bzw. westlichen Kultur. Aber Patriarchalismus ist nicht auf eine bestimmte Kultur reduzierbar und existiert in allen Gesellschaften. Auch der Orient kann nicht als Gegenbild zum Westen gezeichnet werden, das erkannte schon Goethe. „Die Kulturen waren nie rein. Es gab immer gegenseitige Einflüsse. Von Goethe stammt der ‚West-östliche Diwan‘. Das Werk ist beispielhaft dafür, dass Menschen immer voneinander gelernt haben“, sagt Yıldız.

Öffentliche Aussagen über Muslime, die kategorisieren und hierarchisieren, finden in der DIK dennoch ihr Pendant. Selbst eine Plattform, die auf der Basis von Toleranz den Dialog zwischen Bevölkerungsgruppen fördern soll, kann also rassistisch sein. Die DIK akzeptiert Muslime zwar, markiert sie aber als „anders“ und unterlegen, will sie umformen. Dies wird als Teil der Integration gesehen, was zu der Frage führt: Wo verläuft die Grenze zwischen „Integration“ und dem Anspruch, eine Gruppe zu zivilisieren? Scheinbar neutrale Begriffe wie „Integration“ können eine problematische Dimension haben. Auch der Begriff der Toleranz ist nicht neutral, denn Toleranz erfordert, dass eine Gruppe für sich beansprucht, die stärkere, überlegene zu sein. Toleranz heißt in den Worten des Philosophen Jacques Derrida (1930-2004): „Ich lasse dich leben, du bist nicht unerträglich, ich lasse dir einen Platz bei mir, aber vergiss nicht, ich bin bei mir zu Hause“.

Die Folgen rassistischer Sprache

Was sind die Konsequenzen, wenn Gruppen von Menschen mit negativen Eigenschaften versehen oder Flüchtlinge mit Lawinen verglichen werden? Yıldız spricht über mögliche Folgen rassistischer Sprache: „Wenn eine Gefahr gedeutet wird, entsteht Angst und Abwehr. Abwehr mit der Konsequenz, dass Menschen vor Ort Diskriminierung erleben. Menschen werden beschuldigt und als Sündenböcke gesehen. Es wird behauptet, dass diese Menschen unsere Arbeitsplätze wegnehmen.“ Dass dies noch viel gravierendere Folgen haben kann, zeigen beispielsweise die Anschläge auf Flüchtlingsheime, die sich in letzter Zeit vermehrt haben. „Rassismus ist ein gesellschaftspolitisches Phänomen, was man auch an den Pegida-Demos oder den NSU-Morden erkennt.“

Rassistische Diskurse haben fühlbare Auswirkungen auf die Betroffenen. Deshalb müssen sich vor allem Bildungsanbieter damit beschäftigen, was Teil des Tätigkeitsfelds von Safiye Yıldız ist. Die vorurteilsbewusste und rassismuskritische Bildung spielt in Deutschland allerdings noch immer eine geringe Rolle. Yıldız und ihre KollegInnen wollen das ändern. „Rassismus berührt Felder der Sozialen Arbeit, der Bildung und Pädagogik“, sagt sie. „Deshalb haben sich beispielsweise Netzwerke wie die ‚Rassismuskritische Migrationspädagogik‘ etabliert.“

Probleme ansprechen, ohne zu kategorisieren

Doch wie kann man über Probleme sprechen, die Gruppen von MigrantInnen tatsächlich haben? Ist es überhaupt möglich, von Menschen zu sprechen, ohne diese zu kategorisieren? Schließlich müssen Menschen dabei beschrieben werden. „Oft findet eine Homogenisierung statt, wenn wir von Migranten sprechen. Man spricht von den Türken, den Arabern, den Muslimen. Aber die gibt es nicht. Es gibt innerhalb dieser Gruppen sehr viele Unterschiede, sei es aufgrund ihrer sozialen Schicht oder ihrer Bildung“, wendet Yıldız ein.

Ebenso wenig gibt es die Deutschen. „In Deutschland wurde eine Zeit lang von Leitkultur geredet. Man redet von Kultur, aber definiert nicht, was Kultur ist. Bei näherem Hinsehen sieht man, dass diese Kultur grundsätzlich heterogen ist. Die bayrische Kultur wird nicht wie die berlinerische Kultur sein“, sagt die Wissenschaftlerin. Neben der Anerkennung dieser Diversität ist es auch wichtig, soziale Probleme als solche zu sehen und nicht auf biologische oder kulturelle Aspekte zurückzuführen.

Auf die Frage, ob wir eine sensiblere Sprache brauchen, antwortet Safiye Yıldız: „Jedenfalls müssen wir Begriffe und ihre Wirkung auf die Menschen, die als die ‚Anderen‘ markiert werden, reflektieren. Wir müssen Begriffe immer wieder in Frage stellen. Und uns fragen, warum so intensiv über die ‚Kultur‘ der ‚Anderen‘, aber weniger offen über Rassismus gesprochen wird.“

Lale Diklitas

Lale Diklitas ist 20 Jahre alt und studiert Islamwissenschaft und Politikwissenschaft in Tübingen. Sie lernt leidenschaftlich gern Fremdsprachen und hat vor allem eine Schwäche für nahöstliche Sprachen. Ihre ersten Schreibversuche unternahm sie bei „Studentenfutter“. Sie will ihren Blick für das weniger Offensichtliche schärfen und beschäftigte sich deshalb unter anderem mit der Frage, wie Sprache – zum Beispiel in Medien und Politik – Rassismus schaffen kann.