Traum(a) Profisport

Pixabay (https://pixabay.com/de/frau-gesicht-mobbing-stress-scham-2696408/)

Der Profisport hat mit der ursprünglichen Vorstellung von Sport nur noch wenig zu tun. Seit Neuerem schiebt sich vor allem der Aspekt des zu großen Erfolgsdrucks in den Fokus.

Meine Hände krallen sich an den beiden Holmen fest. Dann nach vorne lehnen, die Beine erst durchstrecken und langsam nach vorne abkippen lassen. Schulterstand auf dem Barren. In der Theorie ist mir vollkommen klar, was ich tun muss. Doch dann – die rechte Hand rutscht weg. Abfangen nicht mehr möglich. Der Aufschlag tut nicht weh, der Boden ist ja mit Matten ausgelegt. Aber meine Enttäuschung ist riesig. Durchgefallen, und das in der letzten Übung. Den Sporttest nicht bestanden. Es wird also nichts mit dem Sportstudium. Ich trete enttäuscht gegen eine in der Nähe stehende Trinkflasche. „Aus ist der Traum. Aus und vorbei!“, wiederholt es sich in meinem Kopf, immer und immer wieder.

Druck steigt mit wachsender Popularität

Der Sport bietet viele erhebende Momente, aber in manchen Momenten kann er auch zutiefst enttäuschen. Das gilt auch im Amateursport, wo sich ein Turner ein paar Tage lang über den verpatzten Schulterstand schwarzärgert. Doch dann geht das Leben weiter. Im Profisport stellen sich zwar vergleichbare Situationen ein. Enttäuschungen gehören im Sport nun einmal dazu: ein ungünstiger Handgriff, ein verpatzter Pass, ein Fehlschuss aufs Tor. Die Wellen aber, die ein einziger Fehler schlagen kann, sind unendlich viel höher.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich der Sport immer weiter entwickelt. Profisportler verdienen heute mit ihrem einstigen Hobby Millionen von Euro und ganze Nationen feiern ihre Idole bei Fußball-Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen. Deshalb träumen viele Sportbegeisterte von einer Karriere als Profi. Doch ist man so weit aufgestiegen, steigt der psychologische Druck an, der beispielsweise auf einem Fußballspieler der Nationalauswahl lastet. Denn jetzt geht es um viel mehr: Eine ganze Karriere kann an einer solchen Situation zerschellen. In wichtigen Spielen geht es längst nicht mehr nur ums Prestige und den Wettbewerb.

Für die Vereine geht es meist um hohe Preisgelder und tausende Fans erwarten stets Höchstleistungen von einem Athleten. Auch der Druck, in einem Berufsleben von kaum 15 Jahren das Maximum aus dem eigenen Körper heraus zu holen und sich dabei möglichst nicht karrieregefährend zu verletzen, kann zur Last werden. Immer häufiger kommt es vor, dass Sportler mit Aussagen wie jener von Sebastian Deisler auf sich aufmerksam machen, einem ehemaligen Spieler der FC Bayern München: „Am Ende war ich leer, ich war alt, ich war müde“, sagte er in einem Interview mit dem Tagesspiegel. „Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben, mehr ging nicht.“ Acht Monate zuvor hatte seine Karriere als Profifußballer wegen einer Depression mit gerade einmal 27 Jahren geendet.

Verletzter Fußballspieler
Quelle: https://pixabay.com/de/boo-swindon-town-fu%C3%9Fball-schmerz-2399974/

Auch Skispringer Sven Hannawald zog sich 2004 aufgrund einer Depression aus dem aktiven Sport zurück. Er hat zwar mittlweile einen Weg zurück gefunden und ist als Experte bei TV-Sendern tätig. Doch seine eigene Depression öffentlich zu machen, erfordert eine Menge Mut, und viele Sportler trauen sich das nicht zu. Sebastian Deisler und Sven Hannawald sind diesbezüglich Positivbeispiele. Sie haben die nötige Kraft aufbringen können. Diesen Weg wählen jedoch vermutlich nur wenige.

Depressionen werden nicht erkannt

Bei manchen Sportlern kommt wiederum jede Hilfe zu spät, etwa bei Robert Enke. Erst als sich der frühere Torhüter von Hannover 96 und der deutschen Nationalmannschaft im November 2009 das Leben nahm, begann die Depression im Profisport das Interesse der breiten Öffentlichkeit zu wecken. Offenbar handelt es sich um ein Problem, das viel weiter verbreitet sein dürfte, als jene wenigen öffentlich gewordenen Beispiele. Trotz der großen Anteilnahme um den verstorbenen Robert Enke bleibt es für die meisten Menschen schwer zu fassen, wie die meist so unnahbar wirkenden Profisportler, die scheinbar ein perfektes Leben führen, überhaupt an einer Depression erkranken können.

Dabei ist das nicht sonderlich abwegig: Laut dem Informationsportal MedLexi.de können Depressionen durch Misserfolg und Stress entstehen. Im Profisport kommen noch Verletzungen und übersteigerte Erwartungen hinzu. Dabei ist es egal, ob diese nun von außen herangetragen werden oder ob der Sportler die Erwartungen an sich selbst gestellt hat. Alle vier Komponenten kommen im Profisport zusammen und können eine Depression auslösen. Selbst im Fall sportlicher Erfolge besteht die ständige Gefahr, dass sich der Athlet schwer verletzt und deshalb seine Karriere beenden muss. Der soziale Abstieg ist dann nicht mehr weit entfernt.

Im Mannschaftssport kann immerhin das Gemeinschaftsgefühl helfen: wie beim FC Bayern, der sich nach dem verlorenen Europapokalfinale 2012 wieder aufrappeln konnte und schon ein Jahr später den Titel gewann. Doch in diesem Fall war ein ganzes Team daran beteiligt, das felsenfest zusammenhielt.

Ein einzelner Sportler kann so etwas nicht immer verkraften. Selbst im Amateursport ist der Erfolgsdruck der Profis in manchen Situationen spürbar. Meine persönliche Niederlage hat mir damals zwar wehgetan, mit ein wenig Abstand aber kann ich heute recht entspannt darauf zurückblicken. Mittlerweile studiere in ein anderes Fach, das mir sicher genauso viel Spaß bereitet.

Matthias Zehnder

Matthias Zehnder studiert an der Uni Tübingen im B.A. Germanistik und Geschichte. Er interessiert sich für Wissenschafts - und Sportjournalismus. Nach seinem Studium möchte er ein Volontariat bei einer Rundfunkanstalt absolvieren und einen Fitnesstrainerlehrgang machen. In seiner Freizeit macht er gerne Musik und treibt Sport.