Neun Punkte für Insekten

Quelle: Pixabay (https://pixabay.com/de/östlichen-holzbiene-augen-makro-2129882/)

Immer mehr Insektenarten schwinden – und mit ihnen die Biodiversität. Der Rückgang der weltweit artenreichsten Tiergruppe wird für die Menschheit weitreichende Folgen haben. Wissenschaftler aus ganz Europa haben nun einen Plan entwickelt, der die Ursachen und Folgen des Insektensterbens einschränken soll.

Sonntagnachmittag im spätsommerlichen Garten, die Vögel zwitschern, der Tisch ist gedeckt und der Duft von frischem Apfelkuchen liegt in der Luft. Wenige Augenblicke später sind schon die ersten Besucher da: Eine Wespe summt penetrant um das Kuchenstück, die ersten Ameisen haben den Zucker gerochen und warten nur darauf, dass ein paar Krümel herunterfallen. Ein paar Meter entfernt lässt sich ein Schmetterling nieder, lautlos und schön anzusehen. Im Gegensatz dazu finden wir die aufdringliche Wespe ziemlich ätzend.

Viele Menschen sehen Insekten als nervtötend und überflüssig an, doch in Wirklichkeit haben wir Bienen, Schmetterlingen und den mehreren Millionen weiteren Arten dieser Tierklasse eine Menge zu verdanken. Durch ihre Bestäubungsleistungen erhalten wir beispielsweise den Großteil und die Vielfalt unserer Nahrungsmittel. Doch nun verschwinden die Insekten Stück für Stück. Wie massiv der Rückgang ist, war über viele Jahre nur wenigen Menschen bewusst. Manche hielten das Problem des Insektensterbens lange für eine Erfindung von Öko-Spinnern. Andere waren skeptisch, wie viele Arten und welche überhaupt betroffen sein sollen oder ob der Rückgang denn überhaupt bewiesen ist. Doch eine Ende 2017 in der internationalen Online-Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichte Studie dokumentiert einen massiven Rückgang der durchschnittlichen Fluginsektenbiomasse um über 75 Prozent in nur 27 Jahren. Dies deutet laut den an der Studie beteiligten Wissenschaftlern darauf hin, dass nicht nur die ursprünglich gefährdeten Arten von dem Rückgang betroffen sind, sondern die Gesamtheit aller Insekten.

Über den Hauptgrund für den dramatischen Rückgang der Insekten wird seitdem viel diskutiert. Sind die Monokulturen das schlimmste Übel – einheitliche Maisfelder statt Blumenwiesen? Sind es Unkrautvernichtungsmittel? Oder ist es die Lichtverschmutzung? Eines ist sicher: Es besteht akuter Handlungsbedarf. Entomologen, also Insektenforscher, warnen vor unabsehbaren Folgen – ökologischen genauso wie ökonomischen –, sollte es nicht endlich zu Änderungen kommen.

Konkrete Lösungsvorschläge

Der Entomologe Lars Krogmann vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart ist überzeugt, dass Insekten für uns viel wichtiger sind, als wir uns das meist vorstellen: „Die meisten Menschen denken zuerst nur an die Honigbiene. Sie ist das bekannteste Insekt von dem wir wissen, dass es Pflanzen bestäubt, deren Früchte wir essen.“ Doch das ganze Ökosystem, von dem wir leben, sei über eine lange Zeit maßgeblich von Insekten beeinflusst worden, erklärt Krogmann. „Wir können deren verschiedenste wichtige Funktionen genau definieren.“ Denn nicht nur für unsere Nahrungsversorgung sind Insekten wichtig. Sie selbst sind Nahrung für Vögel, Amphibien, Säugetiere und andere Tiergruppen. Fallen die Insekten weg, sind diese direkt bedroht. Auch die Tatsache, dass wir gesunde Böden haben, ist in Teilen den Insekten zu verdanken – denn viele Arten helfen, organische Substanzen abzubauen. „Wenn viele Insekten fehlen würden, dann hätte das unkontrollierte Auswirkungen“, gibt Krogmann zu bedenken. „Die Biodiversität würde stark zurückgehen. Und wir könnten unsere Nahrungsversorgung nicht mehr sicherstellen.“

Wissenschaftler aus ganz Europa haben nun gemeinsam Lösungsansätze für die Politik erarbeitet. Auf dem ersten Internationalen Insektenschutzsymposium, das im Oktober 2018 in Stuttgart stattfand, trugen sie diese in einem Neun-Punkte-Plan gegen das Insektensterben zusammen; Lars Krogmann ist einer der Wissenschaftler, die mit am Entwurf des Plans beteiligt waren.
Die neun Punkte beinhalten die Einschränkung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft, die Extensivierung der Landwirtschaft, die Erhöhung der Artenvielfalt des Grünlands und die Pflege von Naturschutzgebieten; sie fordern mehr Natur im öffentlichen Raum, eine Reduzierung der Lichtverschmutzung, Forschungs- und Bildungsoffensiven und schlussendlich die Förderung von Wildbestäubern und der Öffentlichkeitsarbeit. Mit diesen Maßnahmen, davon sind die Wissenschaftler überzeugt, lassen sich die Ursachen des Insektensterbens effektiv bekämpfen, sofern wir Menschen gemeinsam und umgehend handeln.

Welche Rolle spielt die Landwirtschaft?

Der wichtigste Punkt auf der Liste ist laut Krogmann die Extensivierung der Landwirtschaft. „Es geht darum, den Landwirten eine Umstellung auf ökologische Bewirtschaftung zu erleichtern. Dafür müssen wir die Spielregeln ändern.“ Damit meine er keinen Aktionsplan gegen die Landwirte, betont Krogmann, sondern gegen die Art, wie wir europaweit Landwirtschaft betreiben. Die heutige Situation ist maßgeblich durch die Intensivierung der Landwirtschaft entstanden. Seit einigen Jahrzehnten geht das Grünland stark zurück und vor allem dessen Vielfalt. Wo früher viele Wildpflanzen standen, wird heute zu viel und zu früh gemäht. Daher ist ebenfalls wichtig, dass insektenfreundlichere Mähmethoden entwickelt werden.

Auch der Einsatz von Pestiziden sollte dringend eingeschränkt werden. Das Totalherbizid Glyphosat etwa vernichtet mit dem Unkraut auch die Grundlage für Artenreichtum und den Lebensraum vieler Insekten. Die Wisssenschaftler fordern außerdem, Neonicotiniode im Freiland vollständig zu verbieten. Diese Art von Pestiziden wirkt auf das zentrale Nervensystem der Insekten und blockiert dort die Reizweiterleitung. Das hat unter anderem zur Folge, dass die Partnerfindung nicht mehr funktioniert und dass Insektenweibchen vergessen, wo sie ihre Eier abgelegt haben. Schon geringste Mengen der Pestizide, erklärt Krogmann, sorgten dafür, dass die Insekten für die Fortpflanzung ausfallen. „Ob die Insekten tot sind oder sich nicht mehr vermehren können – der Einfluss auf die Bestände ist gleich“.

Die Politik und das Insektensterben

Laut dem Entomologen sei das große Problem, dass Landwirtschaft in der Politik keine zentrale Rolle spiele. Wenn überhaupt, dann ginge es darum, die Landwirtschaft zu intensivieren und den Profit zu erhöhen. Die Richtung, welche die Politik vorgibt, sei genau die falsche – wenn Subventionen in die richtige Richtung gesteuert würden, lägen beispielsweise die Preise für Bio-Produkte nicht so hoch.

Es gab schon erste Reaktionen aus der Politik. Der Plan wurde Bundesumweltministerin Svenja Schulze überreicht. Sie hat sich über die Unterstützung gefreut, berichtet Krogmann. Sie selbst hat ein „Aktionsprogramm Insektenschutz“ vorgestellt, das in vielen Punkten mit dem Plan der Wissenschaftler übereinstimmt. Auch Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, hat positiv auf die Initiative reagiert. Sie verweist allerdings auf den weiteren Forschungsbedarf und erachtet ein langfristiges Insekten-Monitoring als notwendig. Lars Krogmann ist anderer Meinung: „Jetzt ist der Zeitpunkt, zu handeln. Wenn wir erst ein paar Jahre abwarten, ob das Insektensterben sich so weiterentwickelt – das ist, als ob man ein brennendes Haus betrachtet und überlegt, ob man wirklich löschen muss oder lieber schaut, wie sich der Brand in den nächsten Stunden weiterentwickelt.“ In so einem Fall würde niemand diskutieren, ist sich der Entomologe sicher; vielmehr würde jeder alles ihm Mögliche tun. „Und genau so“, mahnt Krogmann, „müssen wir jetzt als Gesellschaft handeln!“

Was kann ich tun?

Dazu kann jeder einen Teil beitragen: Privatpersonen rät der Insektenforscher, auf den eigenen ökologischen Fußabdruck zu achten und Botschafter für das Thema Insektenschutz zu werden. Auch wer Bioprodukte kauft, weniger Fleisch konsumiert oder sogar insektenfreundliche Blumen auf dem Balkon pflanzt, kann eine große Wirkung erzielen – mit letzterer Maßnahme vor allem eine psychologische. Wichtig ist, bei möglichst vielen Menschen überhaupt ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen.

Und wenn wir bedenken, was wir den Insekten alles an schönem Obst, sauberen Böden und Vielfalt in der Natur zu verdanken haben – vielleicht ist die Wespe auf dem Apfelkuchen ja doch gar nicht so schlimm. Unsere kleinen Helfer sollten wir nicht mehr als schädlich betrachten. Sondern als wichtige Nützlinge, die auch ein Stück vom Kuchen verdient haben.

Diana Fiedler

Vom Schreiben war Diana Fiedler schon immer begeistert. Zuerst hat sie für eine Schülerzeitung und nach dem Abitur für ein Stadtmagazin geschrieben, jetzt konnte sie erste Einblicke in den Wissenschaftsjournalismus bekommen. Sie studiert Geographie und ist seit kurzem bei Treffen der Initiative “Bunte Wiese“ der Uni Tübingen dabei, die sich für mehr Artenvielfalt auf öffentlichen Grünflächen einsetzt.