Das Fangspiel mit der Zeit

Wie wir Zeit erleben, ist konfus: So scheinen die Zeiger der Uhr zu kriechen, wenn wir auf den Bus warten. Und zu rennen, wenn wir einen schönen Abend mit Freunden verbringen. Was steckt hinter diesem Wahrnehmungsphänomen?
CC0 (https://pxhere.com/de/photo/745292)

07.30 Uhr an einem Montagmorgen, der Bus ist zu spät. Genervt schaue ich im Sekundentakt auf mein Handy, nur um festzustellen, dass immer noch keine Minute vergangen ist. Die Zeit steht. Später, als ich zum Hörsaal hetze, drehen sich die Zeiger meiner Armbanduhr im Zeitraffermodus. Warum?

Wodurch wird unser Zeitempfinden beeinflusst?

Physikalische Zeit und persönliches Zeitempfinden gehen nicht Hand in Hand, sondern können teils erheblich voneinander abweichen. Das subjektive Zeitempfinden ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und wird durch mehrere Faktoren beeinflusst. Wir besitzen allerdings kein Organ, welches die Zeitwahrnehmung steuert; äußere Erlebnisse geben den Takt unserer inneren Uhr vor. Deshalb sind die Aufmerksamkeit und die Anzahl sowie Intensität von Erinnerungen die stärksten positiven Einflussfaktoren auf unser Zeiterleben. Emotionen und körperliche Belastung wirken sich ebenfalls auf unsere Zeitwahrnehmung aus.

Konzentrieren wir uns direkt auf die Zeiger der Uhr, vergeht die Zeit langsamer. In Retroperspektive jedoch wirkt sie auf uns als schnell verstrichen, weil in diesem Zeitraum nichts passiert ist – beziehungsweise nicht sehr viel. Sind wir hingegen intensiv mit anderen Dingen beschäftigt, zum Beispiel wenn wir unsere Lieblingszeitschrift lesen, vergeht sie deutlich schneller. Blicken wir aber auf eine erfüllte Zeit zurück, erscheint sie uns im Nachhinein als langsam vergangen. Das bedeutet, je mehr neue Dinge wir in einem bestimmten Zeitabschnitt erleben, desto langsamer erscheint uns die Zeit verstrichen zu sein, wenn wir darauf zurückblicken. 

Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit – in der Regel hat jeder Mensch dieses Gefühl. Dieses Empfinden rührt mitunter daher, dass die Anzahl der neuen Eindrücke mit dem Alter abnimmt. Alles, was bereits Routine ist, wird selten noch bewusst wahrgenommen. So kommt es, dass tiefgreifendere Erinnerungen weniger werden, je routinierter wir sind.

Des Weiteren sind wir gedanklich meist mit der Zukunft beschäftigt, weshalb wir die Gegenwart unbewusster erleben. In dem Augenblick jedoch, in dem wir uns selbst und unsere gegenwärtige Situation realisieren, vergeht für uns die Zeit langsamer. Es kommt zu einer sogenannten Zeitdehnung.

Gemütszustände haben ebenfalls Auswirkungen auf unser Zeitgefühl. Nervosität und Aufregung zum Beispiel lassen die Zeit schneller vergehen. Für Menschen, die unter Depressionen leiden, verstreicht die Zeit hingegen langsamer. Leistungsdruck und damit einhergehender Stress stehen in Verknüpfung mit einer Ausrichtung der Gedanken auf die Zukunft und einem somit beschleunigten Zeiterleben. 

Den Zeitdieben auf der Spur

Doch was können wir tun, wenn wir das Gefühl haben, uns würde die Zeit zwischen den Händen zerrinnen? Marc Wittmann ist Wissenschaftler am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene der Universität Freiburg und Autor mehrerer Bücher zum Thema Zeitempfinden, unter anderem „Gefühlte Zeit“ und „Wenn die Zeit stehen bleibt“. Da immerwährende Wiederholungen die Unachtsamkeit fördern, gibt er die Empfehlung, hin und wieder eine Routinehandlung zu beenden und seine Komfortzone zu verlassen – und somit neue Erfahrungen zu gewinnen. Wir sollten uns fragen, welchen Sinn unsere Handlungen haben, erklärt Wittmann, und ob wir nicht etwas daran verändern sollten. 

Marc Wittmann geht außerdem davon aus, dass der Umgang mit Smartphones unsere Zeitwahrnehmung beeinflusst. Mittels unserer Handys sind wir in der Lage, uns fortwährend von uns selbst abzulenken. Dadurch begeben wir uns in die Gefahr, Zeit nicht mehr wahrnehmen zu können. Denn bei der Nutzung von Smartphone oder Laptop wird unser episodisches Gedächtnis nicht angesprochen, welches zuständig ist für die Verarbeitung von Gefühlen und Erlebnissen in der realen Welt. Die Sinne werden nicht stimuliert, keine Emotionen geweckt.

Seine Aufmerksamkeit trainieren kann man mit verschiedenen, regelmäßig durchgeführten Übungen. Vor allem Meditation kann einem dabei helfen, zur Ruhe zu kommen und sich für einen Moment nur auf sich selbst zu fokussieren. Stressreduktion, Stärkung der Aufmerksamkeit, Leben im Augenblick ohne Ablenkungen, das Durchbrechen von routinehaften Handlungen, gezielt geschaffene Abwechslung und neue, sowohl sinnlich als auch emotional intensive Erlebnisse fördern die bewusste Zeitwahrnehmung. Und schenken uns, zumindest gefühlt, mehr Lebenszeit