“Du wirst auf der Welt keine Spuren hinterlassen.”

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„Du wirst auf der Welt keine Spuren hinterlassen.“ Dieser Satz ist Susanne besonders in Erinnerung geblieben. Er bezieht sich auf ihre Entscheidung, kinderlos zu bleiben.   

 „Wenn der Richtige kommt, wird sich deine Meinung ändern.“

„Du weißt nicht, was du verpasst.“

„Wer soll sich im Alter um dich kümmern?“

Inzwischen kann Susanne* (55) über solche Floskeln lachen. Sie ist wie jede fünfte Frau in Deutschland kinderlos geblieben – und entgegen vieler Erwartungen glücklich mit dieser Entscheidung. Trotzdem war es nicht immer einfach, die ewig Kinderlose zu sein. Für die Mehrzahl der Bevölkerung gehört es zum Ideal eines erfüllten Lebens, eine Familie mit Kindern zu gründen. Wer aus dieser Rolle fällt, sich allgemeingültigen Erwartungen entzieht, wird häufig diskriminiert.   

Je älter Susanne wurde, desto häufiger begannen Verwandte besorgt nachzufragen, ob sie denn nicht langsam mal „anfangen wolle“. Meist sei sie dieser Frage ausgewichen, erinnert sie sich. Obwohl der richtige Mann dagewesen ist, hat sich der Kinderwunsch nie eingestellt. Im Gegenteil – während ihre Freundinnen nach und nach Familien gründeten, manifestierte sich Susannes Wunsch, kinderlos zu bleiben. Einer Erhebung des Instituts für Demoskopie in Allensbach aus dem Jahr 2017 zufolge entscheiden sich lediglich acht Prozent der Bevölkerung bewusst dagegen, Eltern zu werden. Trotzdem bleiben 20 Prozent der Paare in Deutschland kinderlos, viele davon unfreiwillig. Susanne jedoch gehört zur Minderheit der freiwillig Kinderlosen. Dort, wo ungewollt kinderlose Paare auf Mitleid stoßen, trifft Susanne auf Unverständnis und Wut. „Oft habe ich zu hören bekommen, dass sich so viele Leute Kinder wünschen, aber keine bekommen können. Die Tatsache, dass ich keines will, obwohl ich eines bekommen kann, hat immer für Diskussionen gesorgt.“

Es gibt diverse soziale, ökonomische und emotionale Gründe, welche die Familienplanung beeinflussen. Umfragen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigen, dass die meisten der geplant Kinderlosen aus finanziellen oder karrieretechnischen Gründen ohne Nachwuchs bleiben wollen. Frauen fürchten sich vor allem davor, alleinerziehend zu sein und in finanzielle Notlagen zu geraten. Susanne unterstreicht ihren ganz persönlichen Grund mit einem Achselzucken: „Mir fehlt einfach der Mutterinstinkt. Das ist alles“. Sätze wie: „Wenn das Kind da ist, kommt der Mutterinstinkt von allein“, hält Susanne für gefährlich. Dass jede Frau automatisch Mutter werden sollte, allein aufgrund ihrer biologischen Fähigkeit, sich fortzupflanzen –  dieser allgemeinen Maxime schließt Sie sich nicht an.

Ob sie denn Kinder nicht mag? Diese Frage verneint sie energisch. Für sie stellt das Kinderkriegen nur eben keinen sinnstiftenden Aspekt im Leben dar. Und obwohl sie nicht vermisst, was sie nicht kennt, muss sie sich doch ständig rechtfertigen. Vor erbosten Müttern und Männern, die ihr die Rolle der Frau in der Gesellschaft erklären wollen. Ihre Rechtfertigung löst in ihren Mitmenschen vor allem eines aus: moralische Empörung.

Zu diesem Schluss kamen 2016 auch die Forscher der Indianapolis University, die genau diesen Mechanismus in einer Studie untersuchten. Den Teilnehmern zeigten sie Fotos von verschiedenen Paaren; dazu erzählten sie Geschichten aus deren Leben. Dann baten sie die Probanden, ihre Einschätzung zur Zukunft der Paare abzugeben. Die Geschichten unterschieden sich nur dadurch, dass manche Paare sich Kinder wünschten und andere nicht. Paare ohne Kinderwunsch schätzten die Probanden eher als unzufrieden ein. Zusätzlich zeigte die Auswertung, dass sie eben jene zukünftige Kinderlosigkeit als Grund für die vermutete Unzufriedenheit nannten. So schrieb ein Proband, dass die Paare selbst schuld wären an ihren miserablen Leben, da sie ohne Kinder ohnehin keinen Lebenssinn hätten.

Ist das Kinderkriegen also ein moralischer Imperativ? Weitere Studien zu Genderstereotypen unterstützen diese Hypothese. Frauen, die keinen Kinderwunsch verspüren, wurden von vielen Probanden besonders negativ wahrgenommen, gar als dysfunktional in ihrer weiblichen Rolle empfunden.

Persönlich invasive Fragen hat Susanne oft erlebt. Dabei habe sie sich gefühlt, als seien ihre Entscheidungen Gegenstand einer öffentlichen Debatte geworden. „Jeder hat nach Lust und Laune meine Sexualität und meinen Körper kommentiert.“ Dieses öffentliche Interesse reflektiert die vorherrschenden Genderzuschreibungen: Frauen sollen warm und emotional sein und somit auch ein natürliches Interesse an der Mutterschaft haben. Die gängige Sozialisierung von Mädchen bestärkt sie schon früh in dieser Rolle. Immer fein Lächeln und nett sein, niemals dominant oder gar aggressiv. Verstärkt wird dieses Verhalten dadurch, dass Heranwachsende Bezugspersonen und Rollenvorbilder beobachten und von ihnen lernen. Die meisten Menschen erleben die eigenen Eltern in deren Elternrolle – und lernen so, dass Elternschaft etwas Typisches, zu Erwartendes ist.  Wenn diese strengen Normen gebrochen werden, kommt es zu einer gesellschaftlichen Gegenreaktion.

In der Backlash-Theorie wird argumentiert, dass Menschen, die ihre sozialen und kulturellen Rollenzuschreibungen bewusst verletzen, von der Gesellschaft sanktioniert werden. Gesellschaftlich ist die Sanktionierung gerechtfertigt, da der Empfänger selbst verantwortlich ist für seine Bestrafung. Basierend auf der Logik der retributive justice, der ausgleichenden Gerechtigkeit, wird bewusstes Fehlverhalten moralisch härter verurteilt, wenn es feste Strukturen infrage stellt. Das Interesse an Kindern gilt vor allem für Frauen als soziale Verordnung. Es ist also anzunehmen, dass kinderlose Frauen aufgrund der genderspezifischen Zuordnungen mehr Diskriminierung ausgesetzt sind als kinderlose Männer. Trotzdem gilt der moralische Imperativ des Kinderwollens für beide Geschlechter. Seit Jahrzehnten hat er sich kaum verändert.

Die Ergebnisse der Studie überraschen Susanne nicht. Ihr ganzes Erwachsenenleben lang musste sie sich für eine Entscheidung rechtfertigen, die eigentlich nur sie allein betraf. Inzwischen muss sich Susanne seltener erklären. Ihre biologische Uhr ist abgelaufen. Endlich. „Ab Mitte 40 haben alle aufgegeben, mich weiterhin überzeugen zu wollen. Bis dahin muss man das wohl aushalten“. Frauen, die fühlen wie sie, wünscht sie Durchhaltevermögen und ein schlagfertiges Mundwerk. Und ja, sie wird keine Spuren hinterlassen. „Ach, als ob das unbedingt nötig wäre,“ entgegnet sie humorvoll. „So wichtig bin ich dann auch wieder nicht.“

 

Elisa Münch

Elisa Münch studiert im 7. Semester Ethnologie und Politikwissenschaft. Ihre Interessen reichen von Kultur und Gesellschaft bis hin zum Weltraum und den Dinosauriern. Frauenthemen liegen ihr jedoch besonders am Herzen. Nach ihrem Studium möchte sie ein Volontariat bei einer Tageszeitung oder beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk machen. Das Seminar "Wissenschaftsjournalismus" hat ihr bereits einen wichtigen Eindruck in die journalistische Arbeit ermöglicht.